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Sich seinen Ängsten stellen: Wie werden Phobien therapiert?

Eine Frau macht eine Psychotherapie, um ihre Angststörung zu behandeln.

© iStock / izusek

Lesezeit: 6 Minuten03.02.2022

Angststörungen wie Phobien können durch eine Psychotherapie behandelt werden. Dabei lernen die Betroffenen, sich den konkreten Auslösern ihrer Angst zu stellen, die Angst zu kontrollieren und ungünstige Gedankenmuster zu verändern.

Inhalte im Überblick

    Was kann Angst im Körper auslösen?

    Es ist wichtig, Angststörungen frühzeitig zu behandeln, da sie den Alltag der Betroffenen stark beeinträchtigen können. Grundsätzlich ist Angst eine natürliche Reaktion auf Gefahr. Sie dient als Schutzmechanismus in Situationen, die zu Verletzungen führen können oder sogar lebensbedrohlich sind. Anders als diese gesunde Angst ist die Furcht bei Angststörungen aber übersteigert oder es gibt keinen rationalen Anlass für diese Reaktion.

    Experten unterscheiden verschiedene Formen der Angststörung:

    • Eine Panikstörung ist gekennzeichnet durch wiederkehrende schwere Angstattacken ohne konkreten Auslöser.
    • Auch bei einer generalisierten Angststörung ist die Angst nicht auf eine bestimmte Situation bezogen. Sie äußert sich aber nicht in Attacken, sondern ist ständiger Begleiter im Alltag. Betroffene machen sich vielfältige Sorgen über künftige Probleme oder schlimme Ereignisse, wobei das Thema variiert.
    • Bei den phobischen Störungen gibt es konkrete Auslöser für die Angst: Führt die Konfrontation mit eigentlich ungefährlichen Objekten (wie zum Beispiel bestimmte Tiere, Spritzen oder Ähnliches) oder Situationen (Fliegen, Höhe) zu heftigen Symptomen, wie Zittern, Herzklopfen oder Schweißausbrüchen, sprechen Experten von einer spezifischen Phobie. Die Furcht davor, im sozialen Kontakt schlecht beurteilt zu werden, wird als soziale Phobie bezeichnet. Manche Menschen haben Angst davor, das Haus zu verlassen oder sich in Menschenmengen aufzuhalten. Dann handelt es sich um eine sogenannte Agoraphobie, die häufig auch mit einer Panikstörung einhergeht.

    In diesem Text erfahren Sie mehr über die Therapie von Ängsten mit konkretem Auslöser.

    Wie entsteht Angst im Körper?

    Informationen aus der Umwelt werden im Gehirn auf zwei verschiedenen Wegen verarbeitet. Dabei spielt der sogenannte Mandelkern (Amygdala) eine entscheidende Rolle. Diese Gehirnstruktur ist unser Angstzentrum und dient als eine Art Alarmanlage, die unbewusst und schnell Situationen und Gefahren einschätzt. Daraufhin werden Angst- und Stressreaktionen ausgelöst und wir können zum Beispiel beim Anblick eines wilden Tieres schnell reagieren. Die Informationen zu äußeren Einflüssen erhält die Amygdala dabei vom Thalamus, einem Teil des Zwischenhirns. Er bildet das sogenannte Tor zum Bewusstsein und ist eine Schaltzentrale für Informationen, die von den einzelnen Sinnesorganen kommen.

    Dann gibt es aber noch die bewusste Einschätzung von Situationen. Der Thalamus gibt seine Informationen auch an die Großhirnrinde (Cortex) und den Hippocampus weiter, in denen eine Analyse der Eindrücke stattfindet. Ist das wilde Tier wirklich gefährlich für uns? Hierbei spielen Erfahrungen aus früheren, ähnlichen Situationen eine Rolle. Ob eine Situation als gefährlich eingeschätzt wird, erfährt dann auch die Amygdala. Doch die Analyse und Weiterleitung dauert ungefähr doppelt so lang wie die unbewusste und erste Reaktion der Amygdala.

    Ist dieses sogenannte Angstsystem gestört, zum Beispiel durch ein Ungleichgewicht von Botenstoffen, durch genetische Faktoren oder auch durch lang anhaltende, stressreiche Belastungen in der Kindheit, kann eine Angststörung entstehen. Der Körper der Betroffenen geht dann ohne Grund oder bei eigentlich ungefährlichen Situationen (zum Beispiel beim Anblick einer harmlosen Spinne) in den Kampf- oder Flucht-Modus: Es kommt zur Ausschüttung von Stresshormonen und zu den typischen körperlichen Reaktionen wie Herzrasen oder beschleunigtem Atem.

    Angsttherapie: Wie kann man Phobien behandeln?

    Phobische Störungen werden vor allem mit Psychotherapie behandelt. Bei einer Agoraphobie oder sozialen Phobie können zusätzlich Medikamente helfen. Bei der Art von Phobie, zu der Spinnen- oder Höhenangst gehören, empfehlen Experten nur eine Psychotherapie, da die Wirksamkeit von Medikamenten für diese Form der Angststörung nicht ausreichend nachgewiesen ist.

    Psychotherapie bei Phobien

    Es gibt verschiedene psychotherapeutische Verfahren, die bei einer Phobie eingesetzt werden können. Als Methode der Wahl gilt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei findet in der Regel auch eine lang anhaltende und starke Konfrontation mit dem angstauslösenden Objekt oder der angstauslösenden Situation statt (Expositions- oder Konfrontationstherapie), die der Therapeut begleitet.

    • Sich der Angst stellen: Eine Konfrontation kann zunächst sehr intensiv und mit starken körperlichen Reaktionen verbunden sein. Mit der Zeit merken die Betroffenen aber, dass die Angst von selbst wieder nachlässt. Durch die neuen Erfahrungen lernen sie, dass sie sich der Angst stellen und sie kontrollieren können. Die Konfrontation kann schrittweise erfolgen. Leidet jemand zum Beispiel unter starker Angst vor Spinnen, beginnt man zunächst damit, sich Spinnen vorzustellen und einen Schritt weiter den Betroffenen Bildern und Filmen von Spinnen zu zeigen. Danach folgt eine räumliche Annäherung zu lebenden Spinnen bis hin zur Berührung. Vor Beginn der Übungen bespricht der Therapeut ausführlich mit dem Patienten, was passieren wird, und bereit ihn vor. Oft kommt man auch mit angeleiteten Konfrontationsübungen vorwärts, die in der Sitzung besprochen und zu Hause selbstständig durchgeführt werden.
    • Gedanken umstrukturieren: Zusätzlich lernen die Patienten in der kognitiven Verhaltenstherapie, hilfreiche Gedanken zu entwickeln. Die gezielten Fragen des Therapeuten helfen ihnen, mit der Zeit herauszufinden, welche Denkmuster der Angst zugrunde liegen und wie diese die Angst verstärken. Generell werden bei Phobien Gefahren überschätzt und eigentlich harmlose Dinge und Situationen in Gedanken als eine extreme Bedrohung (Katastrophisierung) wahrgenommen. Ist das einmal klar, kann man bei Angststörungen wie einer Phobie diese Gedankenmuster uminterpretieren und vermeidende Verhaltensweisen behandeln und korrigieren.

    Online-Interventionen zur Überbrückung von Wartezeiten

    Mittlerweile gibt es auch Online-Programme, die auf Basis von verhaltenstherapeutischen Maßnahmen Patienten mit Phobien helfen können. Mit diesen können zum Beispiel Wartezeiten auf Therapieplätze überbrückt werden oder sie können therapiebegleitend zum Einsatz kommen. Als alleinige Behandlung sind sie allerdings nicht geeignet. Besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt oder auch Therapeuten, ob ein solches Programm für Sie hilfreich sein und in Frage kommen könnte. Er kann Ihnen dann auch ein konkretes Programm empfehlen.

    Eine Frau mit Phobie stellt sich ihrer Angst und ist nervös vor einem Meeting.
    Es ist große Überwindung notwendig, um sich seinen Ängsten zu stellen. Doch mit den neuen Erfahrungen können Betroffene lernen, ihre Angst zu kontrollieren.

    © iStock / fizkes

    Medikamentöse Therapie bei Angststörungen

    Antidepressiva

    Antidepressiva können bei Agoraphobie und bei sozialen Phobien angewendet werden. Anders als der Name vermuten lässt, heißt das aber nicht, dass Angstpatienten immer Depressionen haben müssen. Einige Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva sind nur auch sehr gut bei Angststörungen wirksam – vor allem Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) kommen zum Einsatz.

    Wie bei jedem Medikament werden individuell Nutzen und Risiko sowie persönliche Vorlieben des Betroffenen abgewogen.  Die genannten Wirkstoffe können zu Nebenwirkungen führen, zum Beispiel zu Schlafstörungen oder Unruhe. Durch eine sorgfältige Dosierung und Einstellung durch den behandelnden Arzt ist die medikamentöse Therapie bei einer Angststörung aber in der Regel gut verträglich.

    Weitere Medikamente

    Benzodiazepine sind zwar bei Angststörungen wirksam, da sie angstlindernd wirken. Dennoch werden sie von Experten nicht empfohlen und sollten nur in seltenen, begründeten Ausnahmefällen eingenommen werden, beispielsweise zur Überbrückung in akuten Phasen oder bei sozialer Phobie bei einzelnen wichtigen Situationen, wie bei einem anstehenden Bewerbungsgespräch. Der Grund dafür: Die Wirkstoffe dieser Medikamentengruppe machen sehr schnell abhängig. Deswegen werden sie bei Bedarf auch nur für einen kurzen Zeitraum verschrieben.

    Rückfallprophylaxe

    Für Patienten ist es wichtig zu wissen, dass es etwa zwei Wochen dauert, bis die Wirkung von Antidepressiva einsetzt. Außerdem sollten die Medikamente noch mindestens sechs bis zwölf Monate weiter eingenommen werden, auch wenn sich die Beschwerden bereits gebessert haben. Das mindert die Gefahr, einen Rückfall zu erleiden. Eine zusätzlich zur medikamentösen Behandlung durchgeführte kognitive Verhaltenstherapie kann einem Rückfall zusätzlich vorbeugen.

    Wie lange dauert eine Therapie bei Angststörungen?

    Grundsätzlich ist die Dauer einer Angsttherapie davon abhängig, wie schwer die Angststörung ausgeprägt ist, ob zusätzliche Krankheiten wie etwa eine Depression oder eine Suchterkrankung vorliegen und in welcher Lebenssituation sich der Patient befindet. Mitunter reichen schon ein paar Therapiesitzungen, um eine Angststörung erfolgreich zu behandeln. In anderen Fällen dauert es deutlich länger.

    Viele Patienten mit einer Angststörung gehen oft sehr spät erst zum Arzt – entweder weil sie sich schämen oder weil sie ihre Symptome nicht mit einer psychischen Erkrankung in Verbindung bringen. Generell ist es wichtig, sich frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen. Je früher eine entsprechende Behandlung erfolgt, desto besser sind die Erfolgsaussichten.

    Was kann man selbst gegen Angststörungen tun?

    Betroffene können die professionelle Behandlung durch folgende Tipps unterstützen:

    • Stehen Sie zu Ihrer Krankheit. Machen Sie sich zudem bewusst, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sich professionelle Hilfe zu suchen. Wenn ihr Umfeld Bescheid weiß, können sie Sie gegebenenfalls unterstützen und es kann „die Angst vor der Angst“ mindern.
    • Entspannungstechniken wie Yoga, Progressive Muskelrelaxation oder Autogenes Training können eine Therapie unterstützen. Als alleinige Maßnahme zur Selbstbehandlung sind sie allerdings nicht geeignet.
    • Manchen Menschen hilft auch der Austausch mit anderen Betroffenen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen.
    • Regelmäßiger Ausdauersport, zum Beispiel Laufen, kann eine nützliche Ergänzung zur Therapie sein.
    • Wer vor angstauslösenden Situationen flüchtet, verstärkt seine Ängste. So oft es geht, sollten Sie also versuchen, sich Ihren Ängsten zu stellen – auch wenn es Überwindung kostet. Je häufiger Sie das schaffen, desto eher können Sie die übermäßige Furcht abbauen.

    Sie sind nicht allein – hier finden Sie Unterstützung und Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe:

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