Herz & Kreislauf

Herzinfarkt beim Mann: Frühe Prävention lohnt sich

Veröffentlicht am:29.05.2026

5 Minuten Lesedauer

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, bekannt als Doc Esser, ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und gibt Gesundheitstipps für den Alltag. Diesmal: Warum Männer schon ab 35 einem Herzinfarkt vorbeugen können.

In der Mitte ist ein Foto von Doc Esser mit Schirmmütze und Stethoskop zu sehen. Links und rechts sind gelbe Sprechblasen mit einfachen, einfarbigen Symbolen zu sehen: links ein Herz mit Herzschlaglinie, rechts zwei Hände, die ein Pluszeichen umschließen.

© Manfred Jasmund / AOK

Es gibt diesen Moment im Leben eines Mannes, der ist erstaunlich unspektakulär. Kein Knall, kein Schmerz, kein Zusammenbruch. Er steht morgens auf, fühlt sich eigentlich ganz gut, vielleicht ein bisschen müde, ein bisschen verspannt. Kaffee, Handy, Termine. Der Tag läuft.

Und genau da liegt das Problem. Denn der größte Irrtum vieler Männer zwischen 30 und 50 ist, dass sie glauben, völlig gesund zu sein, da sie keine Krankheitssymptome haben.

Der Körper reagiert früh auf ungesunde Gewohnheiten

Der Körper macht in dieser Lebensphase etwas sehr Cleveres – und gleichzeitig etwas Gefährliches: Er kompensiert.

Ein paar Kilo mehr? Kein Problem.
Schlechter Schlaf? Geht schon.
Stress? Gehört dazu.
Rauchen? Nicht gut, aber ich kann’s einfach nicht lassen.

Und weil alles irgendwie noch funktioniert, entsteht ein Gefühl von Stabilität. Von Kontrolle. Von: „Ich bin doch fit.“ Die Wahrheit ist: Der Herzinfarkt beginnt nicht mit Schmerzen. Er beginnt Jahre vorher – leise. In den Gefäßen.

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser alias Doc Esser

Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und leitet als Oberarzt die Abteilung Pneumologie am Sana-Klinikum Remscheid.

Seit 2016 moderiert er verschiedene Fernseh- und Hörfunkformate sowie Podcasts, in denen er verständlich und unterhaltsam über Gesundheitsthemen informiert und neue Therapiemöglichkeiten hinterfragt. Er ist Autor verschiedener Gesundheitsratgeber und hält regelmäßig Fachvorträge.

Erste Ablagerungen in den Gefäßen ab Mitte 30

Schon ab Mitte 30 beginnen sich die ersten Veränderungen zu zeigen. Kleine Ablagerungen, sogenannte Plaques, setzen sich an den Gefäßwänden fest. Nichts Dramatisches, nichts Spürbares. Aber sie sind da. Und sie wachsen. Langsam. Unauffällig. Konsequent. Das Gemeine daran: Man merkt nichts.

Kein Schmerz.
Keine Warnung.
Keine Einschränkung.

Der Körper hat genug Reserven, um das auszugleichen. Die Gefäße sind flexibel, das Herz leistungsfähig. Und genau deshalb wird das Problem ignoriert.

Denn während außen alles läuft – Job, Familie, Alltag – verändert sich innen das System.

Der Blutdruck steigt leicht an.
Der Blutzucker wird träger reguliert.
Das Bauchfett nimmt zu.

Und mit diesen Veränderungen kommen die stillen Begleiter: Entzündungsprozesse, hormonelle Verschiebungen, eine langsam schlechter werdende Gefäßfunktion.

Erektionsschwierigkeiten sind oft Zeichen für Gefäßprobleme

Ein besonders unterschätztes Warnsignal ist dabei etwas, über das Männer nur ungern sprechen: die Erektionsfähigkeit. Denn eine Erektion ist kein Kraftakt, sondern ein Gefäßphänomen. Die Durchblutung muss funktionieren. Die Arterien müssen sich weitstellen können.

Wenn das nicht mehr zuverlässig klappt, liegt das oft nicht an der Psyche allein – sondern an den Blutgefäßen. Und die sind im Penis kleiner als am Herzen.

Das bedeutet: Was dort nicht mehr richtig funktioniert, funktioniert oft auch an anderer Stelle schon nicht mehr optimal. Oder, medizinisch ausgedrückt: Die Erektionsstörung kann Jahre vor einem Herzinfarkt auftreten.

Prävention: Männer können etwas tun – besser früh als spät

Das soll keine Drohung sein. Verstehen Sie es als Chance! Denn genau in dieser Phase – zwischen 30 und 50 – kann man das System noch beeinflussen.

  • Bewegung verbessert die Gefäßfunktion.
  • Gewichtsreduktion reduziert Entzündungen.
  • Guter Schlaf stabilisiert Hormone.
  • Stressreduktion entlastet das Herz.
  • Rauchverzicht schützt Gefäße und Herz.

Das sind keine Lifestyle-Tipps. Das ist Prävention. Und trotzdem passiert oft das Gegenteil.

Der Job wird intensiver. Die Bewegung weniger. Der Schlaf kürzer. Das Essen schneller.

Und das alles läuft unter einem Label, das viele Männer stolz tragen: „Ich funktioniere.“

Ein Herzinfarkt ist das Resultat langer ungesunder Jahre

Das Problem ist nur: Funktionieren ist nicht gleich gesund sein. Der Körper ist kein Motor, der einfach weiterläuft, solange man ihn benutzt. Er ist ein System. Und Systeme kippen nicht plötzlich. Sie kippen langsam. Der Herzinfarkt mit 60 ist selten ein Ereignis, das mit 59 begonnen hat.

Er ist das Ergebnis von 20 Jahren „geht schon“. 20 Jahre kleine Entscheidungen.
20 Jahre ein bisschen zu wenig Bewegung, ein bisschen zu viel Stress, ein paar Zigaretten, ein bisschen zu wenig Schlaf.

Und genau deshalb ist diese Lebensphase so entscheidend. Nicht, weil etwas akut ist.
Sondern, weil noch nichts verloren ist.

Mit 35 denkt man, man ist noch 25.
Mit 45 merkt der Körper, dass das nicht stimmt.
Und mit 55 zahlt man die Rechnung.

Wie Männer ab 35 herzgesünder leben können

Die gute Nachricht ist: Man kann die Herzgesundheit beeinflussen. Nicht perfekt. Nicht von heute auf morgen. Aber konsequent genug, um den Verlauf zu verändern.

  • ein bisschen mehr Bewegung
  • ein bisschen weniger Bauch
  • ein bisschen mehr Schlaf
  • ein bisschen weniger Stress
  • das Rauchen sein lassen

Denn am Ende entscheidet sich Gesundheit nicht in Extremen. Sondern im Alltag.

Oder, ganz einfach gesagt:

Der Herzinfarkt beginnt mit 35.
Aber genauso beginnt auch die Chance, ihn zu verhindern.

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