Ernährungsformen

Wie sich unser Körper beim Fasten selbst reinigt

Veröffentlicht am:08.05.2026

4 Minuten Lesedauer

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, bekannt als Doc Esser, ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und gibt Gesundheitstipps für den Alltag. Diesmal: Warum ein längerer Verzicht auf Nahrung unserem Körper guttun kann.

In der Mitte ist ein Foto von Doc Esser mit Schirmmütze und Stethoskop zu sehen. Links und rechts sind gelbe Sprechblasen mit einfachen, einfarbigen Symbolen zu sehen: links eine Uhr mit Ausrufezeichen, rechts eine Hand mit einem Herz.

© Manfred Jasmund / AOK

Wer von Ihnen hat denn schon einmal freiwillig für einige Zeit auf Essen verzichtet? Also nicht, weil der Kühlschrank leer war, nicht, weil der Zug Verspätung hatte. Sondern bewusst.

Und zweite Frage:

Wer schafft es heute noch, vier oder fünf Stunden am Stück ohne „mal eben was snacken“ halbwegs gut gelaunt zu bleiben? Da wird es meistens schon ruhiger im Raum.

Essen gibt es überall und rund um die Uhr

Wir haben nämlich etwas komplett verlernt: Nahrungspausen. Wir leben in einer Zeit, in der Essen immer verfügbar ist – 24 Stunden am Tag. Jede Küche dieser Welt ist nur zwei Klicks entfernt.

Und damit ist für viele Menschen die Vorstellung, dass der Körper hervorragend damit zurechtkommt, auch mal eine Weile nichts zu bekommen, geradezu abwegig geworden. Manche Patientinnen und Patienten sagen mir sogar: „Das kann evolutionär gar nicht sinnvoll sein – sonst hätten wir uns ja nicht weiterentwickelt.“ Dann frage ich gern zurück: Wie genau stellen Sie sich das Leben unserer Vorfahren vor?

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser alias Doc Esser

Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und leitet als Oberarzt die Abteilung Pneumologie am Sana-Klinikum Remscheid.

Seit 2016 moderiert er verschiedene Fernseh- und Hörfunkformate sowie Podcasts, in denen er verständlich und unterhaltsam über Gesundheitsthemen informiert und neue Therapiemöglichkeiten hinterfragt. Er ist Autor verschiedener Gesundheitsratgeber und hält regelmäßig Fachvorträge.

Unsere Vorfahren mussten mit langen Essenspausen klarkommen

Der Neandertaler ist morgens nicht aus der Höhle getreten und hat gesagt: „Ach, schau an – das Mammut liegt schon serviert bereit.“ Der ist gelaufen, weit gelaufen. Oft hungrig. Tage, Wochen, mit minimaler Energiezufuhr.

Seine Ernährung: regional, saisonal, überwiegend pflanzlich – und gelegentlich das Ergebnis eines riskanten Schlagabtauschs zwischen Mensch und Tier, bei dem vorher niemand wusste, wer am Ende wen isst.

Fasten steckt uns in den Genen

Der menschliche Stoffwechsel ist also nicht auf Dauerfütterung gebaut worden, sondern auf Essen und Nicht-Essen. Und genau hier beginnt etwas Faszinierendes. Wenn wir essen, arbeiten unsere Zellen und wenn wir nicht essen, räumen sie auf.

Ich bin ein großer Fan dieser Phase – des Fastens oder schlicht der Nahrungspause. Natürlich nur, wenn keine Gegenanzeigen bestehen: Bei Schwangerschaft und Essstörungen beispielsweise. Auch Minderjährige oder Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen sollten nicht fasten.

Zellmüll in unserem Körper als „Nebenprodukt“ des Lebens

Während der Nahrungspause passiert im Körper etwas sehr Elegantes: Autophagie. – Was ist das denn“, fragen Sie sich?

Man kann sich die Zelle wie ein kleines Produktionsunternehmen vorstellen: In der Mitte sitzt die Geschäftsleitung – der Zellkern – und verteilt Arbeitsaufträge: Proteine bauen, Enzyme herstellen, Stoffwechsel organisieren.

Aber wie in jedem Betrieb entsteht dabei auch Müll. Und dieser Zellmüll darf die Zelle nicht einfach verlassen. Er sammelt sich. Irgendwann ist die Produktion dann zwar noch aktiv – aber nicht mehr effizient.

Ordnung sieht anders aus. Die Zelle altert dadurch schneller und stirbt – das Gegenteil von Zellvitalität.

In den Essenspausen macht der Körper „Großputz“

Und genau hier hilft das Fasten: Der Stoffwechsel fährt herunter – und die Zelle beginnt aufzuräumen. Defekte Bestandteile werden recycelt und sogar wieder zur Energiegewinnung genutzt.

Kein „Detox-Tee“ der Welt kann das. Aber eine Esspause schon. Die kleine, alltagstaugliche Schwester davon ist übrigens das 16:8-Prinzip, auch als Intervallfasten bekannt. 16 Stunden nichts essen, 8 Stunden normal essen.

Das ist keine Diät und kein Verzicht auf Lebensmittel. Nur eine Begrenzung der Zeit, in der gegessen wird. Nach etwa 12 Stunden Essenspause bei Frauen und ungefähr 14 Stunden bei Männern beginnt genau dieses zelluläre Aufräumen.

Fasten lohnt sich – versuchen Sie es doch auch mal

Der Körper bekommt Zeit, wieder Körper zu sein – statt Verdauungsmaschine. Vielleicht müssen wir Gesundheit manchmal gar nicht hinzufügen. Sondern einfach wieder Raum lassen, damit sie passieren kann.

Deshalb mein Vorschlag: Machen Sie doch mal Pausen – Esspausen. Körper und Geist werden es Ihnen erstaunlich schnell danken.

Ich für meinen Teil lasse jetzt erstmal die Küche zu.

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