Muskel-Skelett-System
Das Knie und der schnelle Schnitt – operieren wir zu viel?
Veröffentlicht am:22.07.2026
5 Minuten Lesedauer
Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, bekannt als Doc Esser, ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und gibt Gesundheitstipps für den Alltag. Diesmal: Warum die Knie-OP nicht immer sein muss.

© Manfred Jasmund / AOK
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Neulich saß mir ein Patient gegenüber, Anfang sechzig, sportlich gewesen, inzwischen eher „bewegungsreduziert“. Knie tut weh. Diagnose: Meniskus, vielleicht schon ein bisschen Arthrose. Und dann kam der Satz, den ich in solchen Gesprächen erstaunlich oft höre:
„Herr Doktor, wann operieren wir das denn?“
Nicht: Was kann ich tun?
Nicht: Gibt es Alternativen?
Sondern direkt: Wann ist der OP-Termin?
Und genau da fängt das Problem an.
Viele Knie-OPs sind berechtigt, andere ließen sich vermeiden
Verstehen Sie mich nicht falsch: Knieoperationen haben absolut ihre Berechtigung. Es gibt Situationen, da führt kein Weg daran vorbei. Blockierte Gelenke, schwere Verletzungen, fortgeschrittene Arthrose – alles Fälle, in denen eine Operation sinnvoll und manchmal sogar dringend notwendig ist.
Aber: Wir operieren in Deutschland vermutlich häufiger, als es wirklich nötig wäre.
Und das ist kein Bauchgefühl, sondern lässt sich auch wissenschaftlich untermauern. Mehrere Studien haben gezeigt, dass bei degenerativen Meniskusschäden – also bei Verschleiß und nicht beim akuten Unfall – eine Operation oft nicht besser ist als gezielte Physiotherapie. Teilweise schneiden Patienten mit Training langfristig sogar gleich gut oder besser ab.
Oder anders gesagt:
Man kann ein Knie auch ohne Skalpell verbessern.
Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser alias Doc Esser
Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und leitet als Oberarzt die Abteilung Pneumologie am Sana-Klinikum Remscheid.
Seit 2016 moderiert er verschiedene Fernseh- und Hörfunkformate sowie Podcasts, in denen er verständlich und unterhaltsam über Gesundheitsthemen informiert und neue Therapiemöglichkeiten hinterfragt. Er ist Autor verschiedener Gesundheitsratgeber und hält regelmäßig Fachvorträge.
Häufige Operationen am Knie: Was sind die Gründe?
Jetzt wird es spannend: Warum wird dann trotzdem so häufig operiert?
Die Antwort ist – wie so oft – vielschichtig.
Ein Teil hat mit unserem Gesundheitssystem zu tun. Operationen sind klar strukturiert, planbar und werden entsprechend vergütet. Für Krankenhäuser spielen Fallzahlen eine Rolle – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch für Zertifizierungen und Qualitätssiegel. Wer bestimmte Eingriffe häufig macht, gilt als erfahren. Das ist grundsätzlich sinnvoll, kann aber auch dazu führen, dass man eher operiert, als man vielleicht müsste.
Ein anderer Teil liegt bei uns allen – auch bei den Patienten. Denn Hand aufs Herz: Training ist anstrengend.
Es braucht Zeit, Disziplin und Geduld. Mehrmals pro Woche Übungen machen, Muskeln aufbauen, Bewegungsmuster ändern – das ist nichts, was man „mal eben“ erledigt. Eine Operation dagegen hat etwas Verlockendes: einmal rein, Problem gelöst.
Zumindest in der Theorie.
Besser präventiv trainieren als erst nach der Operation
In der Praxis sieht es oft anders aus. Denn auch nach einer Operation beginnt die eigentliche Arbeit erst: Rehabilitation, Physiotherapie, Training. Und genau das hätte man in vielen Fällen auch vorher schon versuchen können.
Ich habe das selbst im Rahmen eines Doc-Esser-Films recherchiert und mit mehreren Physiotherapeuten gesprochen. Die Rückmeldung war erstaunlich einheitlich:
Die Patienten kommen fast immer nach der Operation – aber so gut wie nie vorher.
Also nicht mit der Frage: „Können wir das vielleicht durch Training verbessern?“
Sondern erst dann, wenn das Knie bereits operiert wurde.
Das ist ungefähr so, als würde man bei einem Auto, bei dem die Reifen einseitig abgefahren sind, weil die Spur nicht richtig eingestellt ist, das ganze Fahrwerk austauschen. Danach ist dann eine Achsvermessung und eben jene Spureinstellung notwendig, die das Problem schon vorher gelöst hätte.
Was lässt sich mit dem Training des Kniegelenks bewirken?
Natürlich ist das vereinfacht dargestellt. Nicht jeder kann oder will intensiv trainieren. Und nicht jede konservative Therapie schlägt an. Aber das Prinzip bleibt:
Wir denken oft zu spät an Alternativen.
Dabei wissen wir, dass gezieltes Training enorm viel bewirken kann:
- Stabilisierung des Gelenks
- Entlastung des Knorpels
- Verbesserung von Beweglichkeit und Schmerz
Und vor allem: Zeitgewinn
Denn selbst wenn eine Operation irgendwann notwendig wird, kann man sie oft hinauszögern – und damit wertvolle Jahre mit einem funktionierenden Gelenk gewinnen.
Vor einer Knie-OP: Klären Sie ab, was Sie selbst tun können
Mein Eindruck ist deshalb: Wir setzen manchmal zu früh auf die schnelle Lösung – und zu spät auf die nachhaltige. Und damit sind wir wieder bei der eigentlichen Frage: Operieren wir zu viel – oder trainieren wir zu wenig? Die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.
Mein Fazit deshalb mit einem kleinen Augenzwinkern: Wenn Ihr Knie Probleme macht, sprechen Sie natürlich mit Ihrem Arzt. Lassen Sie sich untersuchen, klären Sie die Optionen. Aber stellen Sie bitte auch die eine wichtige Frage: „Was kann ich selbst tun, bevor wir operieren?“
Denn manchmal ist der beste Eingriff nicht der mit dem Skalpell, sondern der mit der Trainingsmatte.
Ihr Doc Esser
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