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Herz & Kreislauf

Ein Selbsttest aus der Drogerie ersetzt keine medizinische Expertise

Veröffentlicht am:19.08.2026

5 Minuten Lesedauer

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser, bekannt als Doc Esser, ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und gibt Gesundheitstipps für den Alltag. Diesmal: Warum Selbsttests aus der Drogerie mit Vorsicht zu genießen sind.

In der Mitte ist ein Foto von Doc Esser mit Schirmmütze und Stethoskop zu sehen, links und rechts daneben sind zwei gelbe Piktogramme mit einem Selbsttest und Stethoskop zu sehen.

© Manfred Jasmund / AOK

Neulich stand ich in der Drogerie meines Vertrauens – eigentlich wollte ich nur Zahnpasta kaufen. Rausgegangen bin ich mit der Erkenntnis: Ich könnte mich dort mittlerweile komplett durchdiagnostizieren lassen. Allergien, Geschlechtskrankheiten, Darmprobleme, Hautveränderungen, sogar ein Augenscreening mit Künstlicher Intelligenz. Diagnose to go. Medizin im Vorbeigehen. Klingt praktisch, oder?

Ist es aber nur bedingt.

Ein Testergebnis ist nur Teil des großen Ganzen

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Technikfeind. Im Gegenteil. Viele dieser Tests funktionieren technisch erstaunlich gut. Die Künstliche Intelligenz erkennt Hautveränderungen inzwischen teilweise so präzise wie erfahrene Dermatologen. Auch Schnelltests können valide Hinweise liefern – etwa bei Infektionen oder bestimmten Stoffwechselerkrankungen. Das Problem ist nicht die Technik. Das Problem ist das, was danach kommt.

Oder besser gesagt: Was eben nicht kommt.

Denn Medizin besteht nicht aus einem einzelnen Messwert. Medizin ist Einordnung. Kontext. Erfahrung. Und manchmal auch Bauchgefühl. Ein positiver oder negativer Test ist eben kein fertiges Urteil, sondern bestenfalls ein Puzzleteil. Und wer sich selbst diagnostiziert, dem fehlt häufig genau das: ein Gesamtbild.

Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser alias Doc Esser

Dr. Heinz-Wilhelm Esser ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie und leitet als Oberarzt die Abteilung Pneumologie am Sana-Klinikum Remscheid.

Seit 2016 moderiert er verschiedene Fernseh- und Hörfunkformate sowie Podcasts, in denen er verständlich und unterhaltsam über Gesundheitsthemen informiert und neue Therapiemöglichkeiten hinterfragt. Er ist Autor verschiedener Gesundheitsratgeber und hält regelmäßig Fachvorträge.

Selbsttests können auch falsch-positiv oder falsch-negativ sein

Nehmen wir die beliebten Selbsttests für Nahrungsmittelunverträglichkeiten. IgG-Tests etwa, die anzeigen, auf welche Lebensmittel man „reagiert“. Klingt beeindruckend, ist aber medizinisch schlicht Unsinn. Diese Antikörper zeigen keine Unverträglichkeit, sondern eine normale Auseinandersetzung des Körpers mit Nahrung. Anders gesagt: Wer viel misst, misst Mist – zumindest in diesem Fall. Das Ergebnis? Menschen streichen plötzlich halbe Speisepläne aus ihrem Leben, ohne Not, ohne Diagnose, ohne Nutzen.

Oder die Tests auf Zöliakie. Auch hier kann ein Schnelltest Hinweise geben – aber eben auch danebenliegen. Falsch-negative Ergebnisse sind möglich, gerade bei bestimmten Immundefekten. Falsch-positive ebenso. Und was passiert dann? Entweder wird eine Erkrankung übersehen – oder man lebt plötzlich glutenfrei, ohne es zu müssen, und erschwert damit sogar die spätere Diagnostik.

Dermatologie aus der Ferne? – besser nicht!

Ganz ähnlich sieht es bei Haut-Apps und Teledermatologie-Angeboten aus. Natürlich ist es faszinierend, wenn eine App ein Muttermal analysiert und ein Risiko einschätzt. Und ja, solche Systeme können unterstützen. Aber ein Foto ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Kein Tasten, kein Vergleich mit anderen Hautstellen, keine Verlaufskontrolle. Der Berufsverband der Dermatologen warnt völlig zu Recht: Ein erheblicher Teil der Fälle ist für reine Ferndiagnostik gar nicht geeignet. Und trotzdem wird genau das angeboten – häufig aus wirtschaftlichen Gründen.

Augenscreening in der Drogerie: Verunsicherung to go

Noch absurder wird es beim Augenscreening im Drogeriemarkt. Ein kurzer Blick in ein Gerät, ein paar Sekunden später spuckt die KI ein Ergebnis aus. Klingt effizient. Ist aber medizinisch alles andere als Standard. Es fehlen einheitliche Vorgaben, es fehlt die Einbettung in eine fachärztliche Untersuchung – und am Ende landet der Patient mit einem auffälligen Befund doch wieder in der Praxis. Nur dass er vorher verunsichert wurde.

Und genau das ist der Punkt: Diese Angebote versprechen Sicherheit, liefern aber oft Unsicherheit.

Betroffene geben ihre Daten und bleiben ratlos zurück

Denn was macht der Mensch mit einem auffälligen Befund? Er googelt. Er sorgt sich. Oder er ignoriert ihn – beides ist problematisch. Und selbst bei unauffälligen Ergebnissen bleibt ein Restrisiko: Ein negativer Test bedeutet nicht automatisch, dass alles in Ordnung ist. Gerade bei Erkrankungen mit niedriger Prävalenz oder in frühen Stadien sind falsch-negative Ergebnisse keine Seltenheit.

Hinzu kommt ein Aspekt, über den erstaunlich wenig gesprochen wird: Daten. Jeder dieser Tests produziert Gesundheitsdaten. Hochsensible Informationen, die gespeichert, ausgewertet und möglicherweise weiterverwendet werden. Nicht selten stehen hinter den Angeboten Unternehmen, die weniger an Ihrer Gesundheit interessiert sind als an Ihren Daten.

Medizinische Fachleute können Ergebnisse richtig einordnen

Heißt das nun, dass all diese Tests per se schlecht sind? Nein. Aber sie sind Werkzeuge. Und Werkzeuge gehören in die richtigen Hände.

Richtig eingesetzt, können Selbsttests und digitale Diagnostik eine sinnvolle Ergänzung sein – etwa zur Verlaufskontrolle oder als niederschwelliger Zugang in Regionen mit schlechter medizinischer Versorgung. Aber sie ersetzen keine ärztliche Diagnostik. Noch nicht. Und vermutlich auch nicht so schnell.

Die Zukunft liegt – wie so oft – nicht im Entweder-Oder, sondern im Zusammenspiel. Mensch und Maschine. Erfahrung und Algorithmus. Aber solange diese Balance nicht stimmt, gilt ein einfacher Grundsatz:

Misstrauen Sie einfachen Antworten auf komplexe Fragen.

Und wenn Sie schon messen – dann lassen Sie das Ergebnis bitte einordnen. Am besten von jemandem, der nicht nur Zahlen sieht, sondern den ganzen Menschen.

Ihr Doc Esser

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Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser

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