Stoffwechsel
Polypharmazie: Den Überblick behalten – trotz vieler Medikamente
Für Menschen, die viele Medikamente nehmen müssen, kann es zum Problem werden, wenn der eine Arzt nicht weiß, was die andere Ärztin tut. Wie ein lückenloser Informationsfluss und eine gute Koordination helfen, Neben- und Wechselwirkungen zu vermeiden.

© iStock / Daisy-Daisy
Inhalte im Überblick
- Was ist Polypharmazie?
- Wann ist Polypharmazie problematisch?
- Was bedeutet angemessene (adäquate) Polypharmazie?
- Was bedeutet unangemessene (inadäquate) Polypharmazie?
- Welche Folgen kann Polypharmazie haben?
- Was sind mögliche Symptome bei inadäquater Polypharmazie?
- Polypharmazie und Lebensalter: Wen betrifft sie besonders häufig?
- Was begünstigt unangemessene Polypharmazie?
- Was schützt vor unangemessener Polypharmazie?
- Wie kann ein Medikationsplan unangemessener Polypharmazie vorbeugen?
- Welche Vorteile bietet der elektronische Medikationsplan (eMP)?
Was ist Polypharmazie?
Polypharmazie bezeichnet die gleichzeitige Einnahme mehrerer Arzneimittel über einen längeren Zeitraum. Synonyme für Polypharmazie sind Polymedikation und Multimedikation. „Mehrere“ und „länger“ sind natürlich keine präzisen Angaben, doch eine einheitliche und exakte Definition von Polypharmazie gibt es nicht.
In der Regel spricht man von Polypharmazie, wenn fünf oder mehr Arzneimittel gleichzeitig eingenommen werden. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwendet diese Definition. Drei Monate und mehr als Einnahmedauer sind ein gängiger zeitlicher Referenzwert.
Bei der Beurteilung von Polypharmazie sind neben ärztlich verschriebenen Medikamenten auch rezeptfreie freiverkäufliche Arzneimittel aus Apotheke oder Drogerie sowie alternativ- und komplementärmedizinische Präparate einzubeziehen, also auch Nahrungsergänzungsmittel, Naturheilmittel und homöopathische Produkte.
Wann ist Polypharmazie problematisch?
Wenn ein bestimmtes Arzneimittel gegen eine Krankheit hilft oder ihre Symptome mildert und für eine Person grundsätzlich unbedenklich ist, wird es in der Regel verschrieben. Bestehen noch weitere gesundheitliche Probleme, kann auch die Einnahme weiterer Arzneimittel sinnvoll sein.
Es ist nicht an sich schlecht, regelmäßig mehrere Medikamente einzunehmen. Ob es sich um vier oder sechs handelt, ist dabei nicht entscheidend. Es geht um mehr als Zahlen. Entscheidend ist, dass die Medikation begründet ist und regelmäßig überprüft wird, ob sie noch zu den Beschwerden und der Erkrankung passt.
Es gibt viele Fälle, in denen Polypharmazie notwendig und vorteilhaft ist. Fachleute unterscheiden zwischen angemessener und unangemessener Polypharmazie.
Was bedeutet angemessene (adäquate) Polypharmazie?
Polypharmazie ist angemessen, wenn möglichst wenige Arzneimittel eingenommen werden, die alle notwendig und wirksam sind. Dabei sollten die einzelnen Wirkstoffe der medikamentösen Therapie so aufeinander abgestimmt sein, dass das Risiko von Neben- und Wechselwirkungen minimiert wird.
Das bedeutet: Der Patient oder die Patientin ist so eingestellt, dass Nebenwirkungen, die durch eingenommene Arzneimittel verursacht wurden, im besten Fall nicht durch die Einnahme weiterer Präparate therapiert werden müssen und somit auch nicht als Krankheitssymptom fehlinterpretiert werden können.
Idealerweise sollten Nebenwirkungen gar nicht vorhanden oder zumindest beherrschbar sein. Die Medikation sollte regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Dabei ist jede eingenommene Substanz, vom Vitaminpräparat bis zur verordneten Arznei, zu berücksichtigen.
Was bedeutet unangemessene (inadäquate) Polypharmazie?
Von unangemessener Polypharmazie spricht man, wenn
- die Einnahme von Arzneimitteln beziehungsweise Präparaten nicht ausreichend begründet ist,
- Arzneimittel nicht wirken
- Arzneimittel eingenommen, aber nicht mehr benötigt werden,
- die Dosierung zu hoch oder zu niedrig ist,
- Arzneimittel und Präparate nicht aufeinander abgestimmt sind,
- ein einzelnes Arzneimittel oder die Kombination mehrerer Präparate erhebliche unerwünschte Neben- oder Wechselwirkungen hervorruft oder ein hohes Risiko dafür birgt,
- Medikamente nicht wie verordnet eingenommen werden (können).
Passende Artikel zum Thema
Welche Folgen kann Polypharmazie haben?
Medikamente haben in der Regel nicht nur eine erwünschte Wirkung, sondern auch mögliche Nebenwirkungen. Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto größer wird das Risiko für unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Wirkstoffen.
Es geht nicht nur um die im Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen des einzelnen Medikaments. Wenn Wirkstoffe nicht aufeinander abgestimmt sind, können auch Beschwerden auftreten, die nicht auf das einzelne, sondern auf die gleichzeitige Einnahme unterschiedlicher Arzneimittel zurückzuführen sind.
Was sind mögliche Symptome bei inadäquater Polypharmazie?
Mögliche Beschwerden im Zusammenhang mit Polypharmazie sind zum Beispiel:
- Müdigkeit
- Appetitlosigkeit
- Schwindel
- Gedächtnisprobleme
- Verwirrtheitszustände
- Zittern (Tremor)
- erhöhtes Sturzrisiko aufgrund eines beeinträchtigten Gleichgewichtssinns
Da diese Beschwerden „unspezifisch“ sind, also auf zahlreiche medizinische Probleme hinweisen können, kann es schwierig sein, sie als Folge von Polypharmazie zu erkennen.
Diese Symptombeispiele bilden nur eine kleine Zahl möglicher Symptome ab. Im Einzelfall können auch völlig andere Symptome auftreten.
Polypharmazie und Lebensalter: Wen betrifft sie besonders häufig?
Die Hauptrisikogruppe bilden Menschen, die an zwei oder mehr chronischen Krankheiten leiden (Multimorbidität). Dabei kann es sich um körperliche wie psychische Erkrankungen handeln. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an mehreren Krankheiten zu leiden, die auch medikamentös behandelt werden.
Aus diesem Grund sind ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen die Bevölkerungsgruppe, die von Polypharmazie am häufigsten betroffen ist. Besonders hoch ist der Anteil unter pflegebedürftigen Menschen, die in Pflegeheimen für Senioren und Seniorinnen leben.
Hinzu kommt, dass Nebenwirkungen von Arzneimitteln bei älteren Menschen aufgrund altersbedingter Stoffwechselveränderungen sowie einer verringerten Fähigkeit des Körpers, Wirkstoffe abzubauen, häufiger auftreten. Polypharmaziekann für ältere Menschen also auch belastender als für jüngere Menschen sein.
Was begünstigt unangemessene Polypharmazie?
Ein wichtiger Faktor für unangemessene Polypharmazie sind mangelnde Informationen. Ärzte und Ärztinnen können nicht passende Arzneimittel verschreiben, wenn ihnen nicht vollständig bekannt ist, welche Medikamente ihre Patienten und Patientinnen sonst noch einnehmen.
Ebenso kann Personal in Apotheken unangebrachte rezeptfreie Arzneimittel empfehlen, wenn wichtige Informationen nicht vorliegen.
Warum ist eine koordinierende Hausarztpraxis so wichtig?
Das Fehlen eines Hausarztes oder einer Hausärztin als zentrale Anlaufstelle, der beziehungsweise die die Gesundheit der Betroffenen als Ganzes im Blick hat, kann zu Informationslücken und mangelnder Kommunikation zwischen den Behandelnden führen.
Fachärzte und -ärztinnen konzentrieren sich auf bestimmte Körpersysteme. Wenn sie nicht über alle Informationen verfügen, können sie Arzneimittel verschreiben, die nicht mit anderen abgestimmt sind. Ohne Koordination durch die Hausarztpraxis besteht zudem die Gefahr der Über- oder auch Unterversorgung mit Arzneimitteln.
Welche medizinischen Fehleinschätzungen können Polypharmazie fördern?
In der Medizin gibt es den Begriff der „Verordnungskaskade”. Das bedeutet, dass Nebenwirkungen eines Medikaments als neue Symptome einer zusätzlichen Erkrankung fehlgedeutet werden.
Dies kann zur Verordnung weiterer Arzneimittel und somit zu unangemessener Polypharmazie führen. Außerdem kann es schwierig sein, den richtigen Zeitpunkt für das Absetzen eines Arzneimittels abzuwägen. So kann es vorkommen, dass Medikamente länger verordnet werden als nötig.

© iStock / andreswd
Was schützt vor unangemessener Polypharmazie?
Dies noch einmal zur Klarstellung: In vielen Fällen, vor allem bei Multimorbidität, ist eine Polypharmazie sinnvoll und Voraussetzung für das Wohlergehen der erkrankten Menschen. Das Ziel besteht also nicht darin, Polypharmazie grundsätzlich entgegenzuwirken.
Das Ziel ist vielmehr, mit möglichst wenigen Arzneimitteln beziehungsweise Präparaten einen Therapieerfolg zu erzielen sowie Neben- und Wechselwirkungen zu verringern. Dazu sind bei der Verordnung mehrerer Arzneimittel alle medizinischen Erkenntnisse sowie individuelle Faktoren und Zusammenhänge wichtig.
Was können Sie selbst tun?
- Sorgen Sie für eine konstante hausärztliche Versorgung.
- Lassen Sie sich einen Medikationsplan erstellen (mehr dazu weiter unten).
- Informieren Sie alle Behandelnden über alles, was Sie regelmäßig einnehmen, inklusive Nahrungsergänzungsmittel, pflanzlicher Präparate und rezeptfreier Präparate.
- Beziehen Sie Ihre Medikamente möglichst in derselben Apotheke.
Was kann Ihr Hausarzt oder Ihre Hausärztin tun?
Wenn Sie dauerhaft mehrere Medikamente einnehmen, ist Ihr Hausarzt beziehungsweise Ihre Hausärztin dazu angehalten, Ihre Medikation regelmäßig und mindestens einmal jährlich zu überprüfen. Eine solche Analyse ist außerplanmäßig dann angezeigt, wenn eine relevante Veränderung eingetreten ist.
Als negatives Ereignis kann dies zum Beispiel ein Unfall sein. Im positiven Fall kann es sich um einen Behandlungserfolg oder eine andere gesundheitliche Verbesserung handeln, die vielleicht eine Reduzierung der Medikation möglich macht.
Wie kann ein Medikationsplan unangemessener Polypharmazie vorbeugen?
Der sogenannte Bundeseinheitliche Medikationsplan (BMP) bündelt alle wichtigen Informationen und erleichtert so die Zusammenarbeit von Ärzten und Ärztinnen, Therapeuten und Therapeutinnen sowie Apothekern und Apothekerinnen. Das kann Fehl- und Übermedikation oft verhindern.
Wer hat Anspruch auf einen BMP?
Gesetzlich Versicherte, denen mindestens drei systemisch (auf den ganzen Körper) wirkende Medikamente verschrieben worden sind, die sie voraussichtlich mindesten vier Wochen einnehmen, haben Anspruch auf einen Medikationsplan.
Die Erstellung und die Aktualisierung dieses Plans obliegen den Ärzten und Ärztinnen, welche die Behandlung und Medikation der Versicherten koordinieren. Das sind in der Regel die Hausärzte beziehungsweise Hausärztinnen.
Welche Informationen enthält der Medikationsplan?
Neben den Stammdaten (Name und Geburtsdatum) verzeichnet der BMP:
- verschreibungspflichtige und rezeptfreie Arzneimittel sowie die enthaltenen Wirkstoffe
- Informationen zur Anwendung: Grund, Häufigkeit und Zeitpunkt der Einnahme sowie Dosierung und Darreichungsform
- Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel, die selbst gekauft wurden
- zusätzliche Informationen, zum Beispiel zu Allergien, Unverträglichkeiten oder der Nierenfunktion
Passende Angebote der AOK
Einfach sicher – ePA für alle
Alles Wichtige zur Ihrer elektronischen Patientenakte (ePA) auf einen Blick.
Welche Vorteile bietet der elektronische Medikationsplan (eMP)?
Der BMP ist ein Papierdokument. Es ist jedoch möglich, den Plan in der elektronischen Patientenakte (ePA) zu speichern. In diesem Fall handelt es sich um den elektronischen Medikationsplan (eMP). Er enthält zusätzlich ein Kommentarfeld, in dem sich die beteiligten Fachleute austauschen können.
Außerdem bleiben alle Medikamente auch nach dem Absetzen gespeichert. So lässt sich auch später noch nachvollziehen, was wann eingenommen wurde.
Der eMP ist auch im Alltag eine Hilfe. Zum Beispiel, wenn Sie rezeptfreie Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel kaufen, da das Apothekenpersonal mögliche Wechselwirkungen identifizieren kann.
Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Bundesministerium für Gesundheit / gesund.bund.de: Der elektronische Medikationsplan (eMP).
Cleveland Clinic (US) (2025): Polyphamrmacy.
Gürsoy, T. (2025): Polypharmazie im Alter. Urologie in der Praxis, 27, 112-121.
Kassenärztliche Bundesvereinigung (2021): Medikationsplan.
Leitliniengruppe Hessen, DEGAM: S3-Leitlinie Multimedikation, Langfassung, AWMF-Registernummer: 053 – 043. 2. Auflage 2021.
Mair, a. et al. / World Health Organization (2019): Medication Safety in Polypharmacy. Technical report.
Varghese, D. / Patel P. (2024): Polypharmacy. StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing.








