Stoffwechsel
Hormone in den Wechseljahren: „Nehmen Sie Ihre Beschwerden ernst!“
Veröffentlicht am:18.05.2026
5 Minuten Lesedauer
Schlafprobleme, Schweißausbrüche, Stimmungsschwankungen: Viele Frauen erleben die Wechseljahre als Belastung. Gynäkologin Petra Stute erklärt, welche Optionen es gibt, wann eine Hormontherapie sinnvoll ist, wo die Risiken liegen und welche Alternativen es gibt.

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Was sind die häufigsten Wechseljahresbeschwerden?
Frau Professor Stute, unter welchen Beschwerden leiden Frauen in den Wechseljahren am häufigsten?
Vor allem Symptome wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Konzentrationsprobleme machen Frauen häufig zu schaffen. Manche berichten auch über einen „Brain Fog“, also Wortfindungsstörungen oder Vergesslichkeit. Viele erschrecken über diesen „Gehirnnebel“ und fürchten eine beginnende Demenz. Doch diese Beschwerden sind in der Regel an die hormonelle Umstellung gebunden, zeitlich begrenzt auf die Menopause und nehmen nicht kontinuierlich zu, wie es bei einer Demenz der Fall wäre. Mit der richtigen Behandlung lassen sich die Symptome zudem meist gut lindern oder deutlich verbessern.
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Wann wird aus „lästig“ behandlungsbedürftig?
Wenn Frauen sagen: „Ich erkenne mich nicht wieder“ oder „So geht es nicht weiter“. Spätestens wenn Schlafmangel, Erschöpfung oder eine gedrückte Stimmung den Alltag spürbar einschränken, sollten sie mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt darüber sprechen.
Hormontherapie: Wie funktioniert sie?
Wie funktioniert eine Hormontherapie und hat sich diese in den letzten Jahren verändert?
In der Perimenopause, also in den Vorwechseljahren, die bei den meisten Frauen etwa zwischen Mitte 40 und Anfang 50 beginnen, in manchen Fällen aber auch früher einsetzen können, sinkt der Spiegel der weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht, das Beschwerden auslösen kann. Die Hormontherapie kann hier ausgleichen. Typischerweise besteht sie aus einem Östrogen und, wenn die Gebärmutter noch vorhanden ist, aus einem zusätzlichen Gelbkörperhormon (Gestagen) zum Schutz der Gebärmutterschleimhaut. Neu ist vor allem die Anwendung von Östrogenen über die Haut, als Gel, Spray oder Pflaster. Da die Hormone in dieser Darreichungsform keinen relevanten Einfluss auf das individuelle Thromboserisiko haben, werden sie bevorzugt bei vorhandenen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Rauchen oder Übergewicht eingesetzt. Zudem wird heute zunehmend bioidentisches Progesteron als Gestagen in einer kombinierten Hormontherapie verwendet.
Professor Dr. Petra Stute

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Professor Dr. Petra Stute ist stellvertretende Chefärztin und leitende Ärztin der Abteilung Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Bern.
Was genau bedeutet bioidentisch – und ist das besser?
Bioidentische Hormone entsprechen chemisch den körpereigenen und werden meist aus Pflanzenstoffen der Yamswurzel oder der Sojabohne hergestellt. Sie gelten als besser verträglich.
Bietet die Hormontherapie auch einen Schutz vor Osteoporose?
Ja, das ist einer der am besten belegten Zusatznutzen. Verschreiben würde man sie vor allem dann, wenn Wechseljahresbeschwerden und erhöhtes Osteoporoserisiko zusammenkommen oder wenn eine Frau sehr früh in die Menopause kommt. Nicht jede Osteoporose wird aber primär mit einer Hormontherapie behandelt – gerade bei älteren Frauen oder bei spätem Therapiebeginn müssen Nutzen und Alternativen individuell abgewogen werden.
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Was sind die Risiken einer Hormontherapie?
In welchen Fällen ist eine Hormontherapie eher ungeeignet?
Ob eine Hormontherapie infrage kommt, muss immer individuell ärztlich geprüft werden. Klare Gegenanzeigen sind Brustkrebs, andere hormonabhängige Tumore, ungeklärte Blutungen, schwere Lebererkrankungen oder eine persönliche Vorgeschichte mit Thrombosen, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Neben persönlichen Risikofaktoren sind Art und Dauer der Therapie entscheidend. Einzelne Risiken können mit der Dauer ansteigen, insbesondere bei einer kombinierten Östrogen-Gestagen-Therapie. Meine Empfehlung wäre hierzu: so niedrig dosiert wie nötig, so lange wie medizinisch sinnvoll – mit regelmäßiger ärztlicher Überprüfung.
Steigert eine Hormontherapie das Brustkrebsrisiko?
Die Sorge vor Brustkrebs wurde lange durch die Fehlinterpretation der amerikanischen Women’s Health Initiative-Studie, die 2002 veröffentlich wurde, geprägt. Heute wird das Risiko differenzierter betrachtet: Eine internationale Auswertung von 2019 zeigt, dass von 1.000 Frauen zwischen 50 und 54 Jahren innerhalb von fünf Jahren wahrscheinlich 14 eine Brustkrebsdiagnose erhalten. Bei einer kombinierten Hormontherapie mit Östrogen und Gestagen sind es 17 von 1.000, also drei zusätzliche Diagnosen. Bei einer reinen Östrogentherapie, die nur nach der Entfernung der Gebärmutter möglich ist, fällt diese geringe Steigerung weg.

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Welche Alternativen gibt es für Frauen, die keine Hormone nehmen wollen?
Das hängt von den Beschwerden ab. Gegen Hitzewallungen können pflanzliche Mittel wie Traubensilberkerze, Salbei oder Rhabarber helfen, bei Schlafproblemen etwa Baldrian, Hopfen oder Melatonin. Auch eine kognitive Verhaltenstherapie zeigt gute Effekte – insbesondere bei Schlafproblemen und Stress. Oft ist eine Kombination mehrerer Ansätze sinnvoll.
Welchen persönlichen Rat geben Sie Frauen mit belastenden Beschwerden?
Sie müssen da nicht einfach durch. Wenn Hitzewallungen, schlechter Schlaf, Gereiztheit, Stimmungsschwankungen oder Konzentrationsprobleme ihren Alltag belasten, sollten sie sich Unterstützung holen. Hilfreich ist, die Beschwerden zwei bis drei Wochen lang zu notieren: Was tritt wann auf, wie stark ist es, was hilft bereits? Mit diesem Tagebuch lässt sich im Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt viel gezielter klären, was im Vordergrund steht und welche Behandlung die richtige ist – von Bewegung, Stressreduktion und nicht hormonellen Optionen bis hin zu einer Hormontherapie. Wichtig ist, die Beschwerden ernst zu nehmen. Sie sind real, häufig und in vielen Fällen gut behandelbar.
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