Gehirn & Nerven
Schmerzgedächtnis – wie funktioniert es?
Veröffentlicht am:02.06.2026
5 Minuten Lesedauer
Schmerzen sind nicht nur belastend, sie können auch das Nervensystem verändern – und so ein Schmerzgedächtnis entstehen lassen. Das passiert dabei im Gehirn und so arbeiten Mediziner und Medizinerinnen daran, das Schmerzgedächtnis zu überschreiben.

© iStock / shurkin_son / KI-bearbeitet
Schmerzen können sich mit der Zeit verändern
Schmerzen sind ein ganz normaler Teil des menschlichen Lebens – genauso wie Hunger oder Durst. Sie dienen als Warnsignal, damit Betroffene auf Gefahren achten und sich schützen. Schmerzen entstehen, wenn Reize über spezielle Rezeptoren und Nervenbahnen ans Gehirn weitergeleitet und verarbeitet werden. Wie stark ein Schmerz empfunden wird, hängt nicht nur vom Nervensignal selbst ab, sondern auch davon, wie mit Schmerz in der Familie und der Kultur umgegangen wird. Außerdem spielen Emotionen, das Geschlecht und die Umgebung eine Rolle. Deshalb nimmt jeder Mensch Schmerzen etwas anders wahr.
Schmerzen weisen auf eine akute Gefahrensituation, etwa durch eine Verletzung, hin – dabei handelt es sich um einen akuten Schmerz. Sie können aber auch in eine langanhaltende Form übergehen, Mediziner und Medizinerinnen sprechen dann von chronischen Schmerzen. Chronische Schmerzen bestehen länger als drei Monate, sind dauerhaft oder kommen und gehen. Bei einigen Menschen wird der Schmerz selbst zu einer Erkrankung. Experten und Expertinnen nennen das Algopathie oder chronisches Schmerzsyndrom. Begleiterscheinungen können dabei Muskelschwund, Gelenksteifigkeit, Appetitveränderungen, Schlafstörungen und Kreislaufprobleme umfassen. Manchmal führen chronische Schmerzen zu einer Sensibilisierung und zu einem sogenannten Schmerzgedächtnis.
Passende Artikel zum Thema
Wie funktioniert das Schmerzgedächtnis?
Ein Schmerzgedächtnis entsteht, wenn das Nervensystem durch wiederholte Schmerzen verändert wird. Die Nervenzellen und folglich auch das Gehirn reagieren dann dauerhaft sensibler auf Reize. Das bedeutet: Der Körper „erinnert“ sich gewissermaßen an frühere Schmerzen. Patienten und Patientinnen haben weiterhin Schmerzen, selbst dann, wenn die Ursache für die Beschwerden längst behoben wurde. Forschende vermuten, dass sich chronische Schmerzen entwickeln, weil das Schmerzgedächtnis bestehen bleibt und der Körper nach einer Verletzung nicht in der Lage ist, diese „Schmerzerinnerung“ vollständig im Gehirn zu löschen.
Welche Symptome deuten auf ein Schmerzgedächtnis hin?
Ein mögliches Schmerzgedächtnis zeigt sich, wenn Schmerzen anhaltend oder wiederkehrend auftreten, losgelöst von einer erkennbaren Ursache.
Das kann auf ein Schmerzgedächtnis hinweisen:
- Schmerzempfindlichkeit bei kleinen oder harmlosen Reizen, die früher kaum wehgetan hätten, wie eine leichte Berührung oder Druck
- wiederkehrende Schmerzen an derselben Stelle
- chronische Muskelverspannungen oder Spannungsschmerzen
- Beeinträchtigung von Alltag, Schlaf oder Stimmung als Folge der chronischen Schmerzen
Diese Symptome können auf ein sensibilisiertes Nervensystem und damit auf ein Schmerzgedächtnis hindeuten.
Das Schmerzgedächtnis kann das Wohlbefinden stark beeinträchtigen
Schmerzen wirken weit über die eigentliche Sinneswahrnehmung hinaus. Akute Schmerzen, etwa nach Verletzungen, lösen oft intensive Beschwerden aus, vergehen aber wieder. Chronische Schmerzen beeinträchtigen das Leben hingegen langfristig: Sie führen häufig zu gedrückter Stimmung, verminderter Lebensfreude, Schlafproblemen, Rückzug sowie Vernachlässigung von Aktivitäten und Interessen.
So verändert sich das Gehirn beim Schmerzgedächtnis
Schmerzen hinterlassen Spuren im Nervensystem – das haben Forschende in Studien nachgewiesen. Demnach können wiederholte oder langanhaltende Reize die Erregbarkeit von Nervenzellen erhöhen und die Schmerzempfindlichkeit steigern. Hyperalgesie ist der Fachbegriff für eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Dabei unterscheiden Mediziner und Medizinerinnen eine primäre Hyperalgesie, bei der die im ganzen Körper verteilten Schmerzrezeptoren selbst empfindlicher werden, von einer sekundären Hyperalgesie, die durch Veränderungen im Rückenmark und im Gehirn entsteht. Am Schmerzgedächtnis sind verschiedene Gehirnregionen beteiligt, darunter das Mittelhirn, der Thalamus, limbische Strukturen und die Großhirnrinde. Auch die Nervenzellen mit ihren Bestandteilen, den Dendriten, Axonen und Synapsen, spielen eine Rolle. In den Verzweigungen der Nervenzelle, den Dendriten und Spines, werden Informationen aufgenommen und weitergeleitet. Dabei verändern sich die Verbindungsstellen zwischen den Zellen, die Synapsen. Im Verlauf dieses „Schmerz-Lernprozesses“ stellt der Körper neue Eiweiße her, die die Verbindungsstellen verändern und damit das Schmerzgedächtnis ermöglichen. So können frühere Schmerzen im Nervensystem gespeichert werden. Darüber hinaus gibt es Schaltkreise, die die unterschiedlichen Gehirnareale miteinander verbinden. Diese Schaltkreise beeinflussen, ob Schmerzreize vorübergehend oder chronisch wahrgenommen werden, indem sie Signale verstärken oder abschwächen.

© iStock / Tashi-Delek
Kann man das Schmerzgedächtnis löschen?
Ein Schmerzgedächtnis lässt sich nicht einfach „abschalten“ oder „löschen“. Schließlich entsteht es, weil sich die Nerven und das Gehirn an frühere Beschwerden gewöhnt haben. Noch gibt es kein Medikament, welches das Schmerzgedächtnis löscht – eine klassische medikamentöse Behandlung lindert meist nur akute Schmerzen und bekämpft nicht gezielt die chronischen Beschwerden. Mediziner und Medizinerinnen nutzen daher multimodale Ansätze, die Medikamente, Bewegung, physikalische Therapien und psychologische Unterstützung kombinieren. Ziel ist es, durch neue, positive Reize das Nervensystem umzuprogrammieren – ein Prozess, den Forschende als „Re-Learning“ bezeichnen. So können alte Schmerzmuster abgeschwächt werden, Vermeidungsverhalten und Schonhaltung reduziert und die körperliche Aktivität wieder gesteigert werden. Durch diesen Therapieansatz lassen sich die neuronalen Veränderungen zumindest teilweise zurücksetzen und Schmerzen besser kontrollieren.
Passende Angebote der AOK
Keine Macht dem Schmerz
Mit den richtigen Strategien lassen sich viele Schmerzformen deutlich lindern. Unter dem Motto „Keine Macht dem Schmerz“ unterstützt die AOK Sie dabei, aktiv vorzubeugen und im Ernstfall gut versorgt zu sein.
Gibt es Übungen, um das Schmerzgedächtnis zu löschen?
Wenn Sie an chronischen Schmerzen leiden, kann daran das Schmerzgedächtnis beteiligt sein. Studien zeigen, dass eine Kombination verschiedener Methoden bei chronischen Schmerzen meist am wirksamsten ist, denn jeder Mensch reagiert unterschiedlich. Die richtigen Ansprechpersonen sind Schmerztherapeuten und Schmerztherapeutinnen. Sein Schmerzgedächtnis selbst zu beeinflussen, etwa mit Übungen, funktioniert nicht.
Ziele, die mit einer multimodalen Schmerztherapie verfolgt werden, sind:
- Alltagstätigkeiten wiederaufnehmen
- Arbeitsfähigkeit wiederherstellen und Arbeitsaufnahme fördern
- körperliche Schwächen abbauen
- Bewegungsangst verringern
- Risikoverhalten verändern, etwa Schonverhalten, Durchhalteverhalten
- zu gesundheitssportlicher Aktivität im Alltag hinführen
Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.








