Gehirn & Nerven
Vagusnervstimulation: Was steckt hinter dem Hype?
Veröffentlicht am:04.06.2026
6 Minuten Lesedauer
Die Vagusnervstimulation wird in zahllosen Social-Media-Beiträgen als eine Art Wundermittel angepriesen. Der Psychiater und Forscher Prof. Dr. Thomas Schläpfer erklärt, bei welchen Erkrankungen sie helfen kann und was Heimgeräte bringen.

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Kann der Vagusnerv die Gesundheit beeinflussen?
Wird der Vagusnerv stimuliert, soll der Körper Stress abbauen – so wird es jedenfalls in den sozialen Medien verbreitet. Doch was ist dran an dem Hype um die Vagusnervstimulation und was ist der Vagusnerv überhaupt?
Professor Dr. Thomas Schläpfer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und erforscht die tiefe Hirnstimulation. Im Interview erläutert Schläpfer, wie die Vagusnervstimulation medizinisch funktioniert, bei welchen Erkrankungen sie helfen kann – und warum die Euphorie rund um den Vagusnerv in den sozialen Medien mit Vorsicht zu genießen ist.
Prof. Schläpfer, was macht den Vagusnerv aus medizinischer Sicht so besonders?
Man könnte sagen, dass der Vagusnerv so etwas wie ein direkter Draht ins Gehirn ist und damit ein Weg, auf dem man schonend, gezielte elektrische Signale ins Hirn transportieren kann. Er zieht sich durch den gesamten Körper, und es gibt ihm zweimal: in der rechten und in der linken Körperhälfte. Der Begriff „Vagus“ steht für „wandernd“ – das ist also sehr passend gewählt.
Die unterschiedlichen Abschnitte des Vagusnervs versorgen verschiedene Bereiche im Körper: Die Herzfrequenz wird beispielsweise aus dem Brustkorb heraus reguliert, die Verdauung durch den Teil des Vagusnervs, der im Bauchbereich liegt. Wird der Vagusnerv gezielt stimuliert, hat das unterschiedliche Effekte auf den Körper.
Welche Effekte hat die Vagusnervstimulation konkret?
Am besten ist die Wirkung bei Epilepsie belegt. Denn Epilepsie lässt sich gut messen: Man zählt die Anfälle der Betroffenen. Und die wissenschaftlichen Daten zeigen klar, dass eine Vagusnervstimulation die Frequenz der Anfälle senkt.
In einer Epilepsie-Studie beobachteten Forscherinnen und Forscher außerdem, wie sich die Stimmung der behandelten Patientinnen und Patienten deutlich verbesserte. Das war der Anstoß, die Vagusnervstimulation systematisch bei Depressionen zu erforschen.
Prof. Dr. Thomas Schläpfer

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Prof. Dr. Thomas Schläpfer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie emeritierter Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. Seine Schwerpunkte liegen in der Neuroimaging-Forschung, der klinischen Forschung und modernen Lehrmethoden.
Kann die Vagusnervstimulation bei Depressionen helfen?
Der Vagusnerv hat seinen Ursprung in dem Teil des Hirns, dessen Fehlfunktion an der Entstehung von Depressionen beteiligt ist. Stimuliert man den Nerv, werden Signale rückwärts – also retrograd – in genau dieses Zentrum geleitet und können dort eine antidepressive Wirkung entfalten. Die Datenlage ist einigermaßen gut, aber Depressionen sind ein schwieriges Forschungsfeld.
Mittlerweile wird die Vagusnervstimulation bei Patientinnen und Patienten mit Depression eingesetzt, die auf andere Therapien nicht oder kaum ansprechen, der sogenannten Therapieresistenz. Der Vorteil der Vagusnervstimulation gegenüber Elektroden direkt im Gehirn liegt darin, dass man den Umweg über den Nerv nehmen kann, ohne direkt im Gehirn operieren zu müssen.
OP und Elektroden: Wie wird die Vagusnervstimulation angewendet?
Wie funktioniert die Vagusnervstimulation genau?
Zunächst muss man zwei grundlegend verschiedene Ansätze unterscheiden. Bei der invasiven Stimulation wird der Nerv in einer Operation freigelegt. Er verläuft relativ oberflächlich am Hals, unter einem Muskel, und lässt sich dort gut erreichen. Elektroden werden direkt um den Nerv geschlungen und geben elektrische Impulse ab. Diese Methode ist wissenschaftlich gut belegt, man weiß, was dabei im Gehirn passiert.
Die nicht-invasive Stimulation funktioniert dagegen über die Haut, etwa mit Elektroden in der Ohrmuschel oder mit elektrischen Spulen. Die Idee ist, den Verlauf des Nervs von außen zu erreichen. Es wurde allerdings noch nicht abschließend wissenschaftlich bewiesen, dass das wirklich funktioniert.

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Der Vagusnerv ist an der Steuerung des Magens beteiligt. Könnte eine Stimulierung bei Essstörungen oder Appetitproblemen helfen?
Das ist theoretisch denkbar. Der Vagusnerv beeinflusst die Magenentleerung und das Sättigungsgefühl. Es wäre also möglich, dass man somit beispielsweise Einfluss auf den Appetit nehmen könnte. Wissenschaftliche Beweise dafür existieren meines Wissens jedoch noch nicht. Es gibt interessante Ansätze, auch für andere Erkrankungen. Aber dafür braucht es wissenschaftliche Untersuchungen.
Im Handel gibt es zunehmend Geräte zur Regulation des Vagusnervs für den Heimgebrauch. Was halten Sie davon?
Wenn jemand so ein Gerät ausprobiert und das Gefühl hat, dass es hilft – okay. Problematisch wird es, wenn solche Geräte als einzige oder sichere Lösung für eine Krankheit beworben werden. Und wenn dann noch viel Geld verlangt wird, habe ich große Schwierigkeiten damit.
Die Grenze ist für mich dort, wo Heilsversprechen gemacht werden. Auch Formulierungen wie „Vagusnerv als Reset-Knopf für Stress und Erschöpfung“ sind klar übertrieben.
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„Tiefes Ein- und Ausatmen, beispielsweise bei einem Schock, kann den Vagusnerv regulieren und dafür sorgen, dass man ruhiger wird.“
Prof. Dr. Thomas Schläpfer
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Was beruhigt den Vagusnerv?
Viele Menschen versuchen, ihren Vagusnerv durch tiefes Atmen, Reiben hinter dem Ohr, Summen oder Eisbäder selbst zu regulieren. Funktioniert das?
Bei der Atmung kann ich sagen: Ja, ganz sicher. Wenn jemand beispielsweise unter Schock steht, Herzrasen verspürt oder Schnappatmung hat, kann ruhiges, tiefes Ein- und Ausatmen eine echte Beruhigung bewirken. Und zwar sowohl über die Atmung selbst als auch über die Herzfrequenz. Diese Wirkung setzt sofort ein und ist für jeden direkt erlebbar.
Viele der anderen Methoden haben wahrscheinlich einen Placebo-Effekt und das ist nicht automatisch schlimm. Denn wer heilt, hat recht. Aber mit Wissenschaft hat das wenig zu tun.
Laut mancher Social-Media-Posts soll man sogar spüren können, wenn der Vagusnerv dysreguliert ist. Stimmt das?
Es ist mir nicht bekannt, dass man das als Laie erkennen könnte. Menschen reagieren zwar unterschiedlich auf Reize und Stress. Aber wenn jemand behauptet, man könne eine Dysregulation des Vagusnervs spüren, dann sollte das wissenschaftlich belegt sein. Und das ist es meines Wissens bisher nicht.
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Was kann man in Zukunft von der Vagusnervstimulation erwarten?
Ich sehe ein großes Potenzial, aber generell brauchen medizinische Entwicklungen viel Zeit und Geduld. Die Vagusnervstimulation bei Depressionen beispielsweise ist ein vielversprechender Ansatz, aber die Forschung ist noch nicht abgeschlossen. In der Medizin gibt es kaum etwas, das über Nacht entwickelt und eingesetzt werden kann oder sollte. Das sollte man auch bei Geräten für den Heimgebrauch im Hinterkopf behalten.
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