Psychologie
„Sie übertreiben doch nur!“ – Pseudodiagnose Morbus Mediterraneus
Veröffentlicht am:05.06.2026
8 Minuten Lesedauer
„Morbus Mediterraneus“ klingt nach einer echten Diagnose – ist es aber nicht. Es handelt sich dabei um ein Vorurteil, dass bestimmte Menschen Schmerz dramatisieren – mit realen Konsequenzen für die Behandlung. Das können Betroffene dagegen tun.

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Inhalte im Überblick
- Was ist „Morbus Mediterraneus“?
- Warum drücken Menschen Schmerz unterschiedlich aus?
- Warum gilt Schmerz zu zeigen in Deutschland oft als Schwäche?
- Welche Folgen kann es haben, wenn Schmerzen nicht ernst genommen werden?
- Warum vermeiden einige Menschen Besuche beim Arzt oder der Ärztin?
- Was ist transkulturelle Psychiatrie?
- Gegen Diskriminierung: Was muss sich im medizinischen Alltag ändern?
- Was können Betroffene tun?
Was ist „Morbus Mediterraneus“?
Einige Ärztinnen und Ärzte in Deutschland verwenden den Begriff „Morbus Mediterraneus“ für Patientinnen und Patienten, die ihre Schmerzen angeblich übertreiben und vermeintlich aus der Mittelmeerregion stammen. Der rassistische Begriff kombiniert das lateinische Wort „Morbus“ für Krankheit mit „Mediterran“. Ähnliche Begriffe sind „Morbus Bosporus“ oder das „Mamma-Mia-Syndrom“.
Eine medizinische Grundlage hat der Begriff „Morbus Mediterraneus“ nicht. Er spiegelt die Vorurteile gegenüber Menschen mit nicht-deutschem kulturellen Hintergrund wider und wird häufiger für Frauen angewendet. Sie werden dadurch doppelt diskriminiert: nach ihrer Herkunft und nach dem Geschlecht.
Auch in der Schweiz sind solche Begriffe dokumentiert. Schmerzen bei Menschen mit migrantischem Hintergrund werden dort regelmäßig in den psychischen Bereich verschoben – mit rassistischen Pseudodiagnosen wie „Mamma-Mia-Syndrom“ oder „türkische Kopfschmerzen“.
Warum drücken Menschen Schmerz unterschiedlich aus?
Wie jemand Schmerz ausdrückt, ist nicht nur eine Frage der Persönlichkeit, sondern auch der Kultur. In Gesellschaften, in denen Familie und Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen, beispielsweise im Mittelmeerraum oder Nahen Osten, ist es oft sozial akzeptierter, Beschwerden offen zu zeigen. Das dient als soziales Signal und soll die Unterstützung der Community aktivieren.
In westlich geprägten Praxen oder Kliniken wird dieses Verhalten jedoch mitunter missverstanden und nicht ausreichend ernst genommen. Ärzte und Ärztinnen, die den kulturellen Hintergrund nicht kennen, interpretieren emotionalen Ausdruck dann als übertrieben oder unglaubwürdig. Mögliche Folge: schlechtere Diagnostik, verzögerte Behandlung, unzureichende Schmerztherapie.
Warum gilt Schmerz zu zeigen in Deutschland oft als Schwäche?
In Deutschland ist das stille Ertragen von Schmerz historisch häufig mit positiven Eigenschaften verknüpft: Disziplin, Reife, Verantwortungsbewusstsein. Eine kulturvergleichende Studie zeigt, dass Kinder in Deutschland schon im Vorschulalter stärker zu Autonomie und selbstständigem Umgang mit Beschwerden erzogen werden als in der Türkei. Diese frühe Sozialisation prägt, wie Schmerz später bewertet und ausgedrückt wird.
Medizinisches Personal, das selbst im deutschen Kulturkreis sozialisiert wurde, deutet emotionalen Ausdruck eher als Schwäche, Unreife oder Übertreibung. Zurückhaltung kann dabei vertrauenswürdig wirken, Expressivität dagegen als befremdlich oder unangebracht. Das wird besonders dann problematisch, wenn Patientinnen und Patienten als „nicht-deutsch“ wahrgenommen werden.
Für das Vorurteil, Menschen mit Migrationshintergrund hätten eine geringere Schmerztoleranz, gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Im Gegenteil: Eine Studie mit türkischstämmigen und deutschstämmigen Gebärenden zeigte, dass türkische Frauen seltener nach einer Periduralanästhesie fragten. Mögliche Gründe dafür könnten rassistische Erfahrungen in medizinischen Einrichtungen sein.
Welche Folgen kann es haben, wenn Schmerzen nicht ernst genommen werden?
In einer vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Studie wurden Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund zu ihren Krankenhauserfahrungen befragt. Das häufigste Erlebnis: Schmerzen wurden als Dramatisierung abgetan. Die Betroffenen fühlten sich insgesamt nicht ernst genommen oder sogar ignoriert.
Ein verwandtes Problem tritt bei psychischen Beschwerden auf: In vielen Kulturen gilt es als unangemessen, diese direkt zu benennen. Stattdessen werden sie somatisiert, also als körperliche Symptome wie Schmerzen oder Erschöpfung ausgedrückt. Doch die Somatisierung stößt bei Ärzten und Ärztinnen teilweise immer noch auf Unverständnis. Im schlimmsten Fall kann sie sogar als Simulation interpretiert werden.
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Warum vermeiden einige Menschen Besuche beim Arzt oder der Ärztin?
Wer schlechte Erfahrungen macht, kommt seltener zur Nachsorge zurück. Künftige Beschwerden werden möglicherweise später oder gar nicht gemeldet. Das kann dazu führen, dass ernsthafte Erkrankungen zu spät erkannt werden.
Oder Betroffene müssen den Behandler oder die Behandlerin wechseln: Knapp 38 Prozent der rassistisch markierten Frauen, die aufgrund von äußeren Merkmalen wie Hautfarbe oder Namen als „nicht-deutsch“ wahrgenommen werden, berichteten, einen anderen Arzt oder eine andere Ärztin aufgesucht zu haben, weil ihre Beschwerden nicht ernst genommen wurden. Bei nicht rassistisch markierten Frauen sind es rund 29 Prozent.
Diskriminierung wirkt sich auch darauf aus, ob und wann Menschen überhaupt zum Arzt gehen. Als nicht deutsch-wahrgenommene, also rassistisch markierte Frauen, verzögern oder meiden Behandlungen etwa doppelt so häufig wie nicht-markierte Frauen, weil sie befürchteten, weniger ernst genommen oder schlechter behandelt zu werden.
Was ist transkulturelle Psychiatrie?
Transkulturelle Psychiatrie ist ein eigenständiger Zweig der Psychiatrie. Sie untersucht, wie kulturelle Faktoren die Entstehung, den Verlauf und die Behandlung psychischer Erkrankungen beeinflussen. Denn die kulturelle Prägung eines Menschen wirkt sich darauf aus, wie er psychische Beschwerden wahrnimmt, beschreibt und ob er überhaupt Hilfe sucht.
Das hat messbare Konsequenzen: Menschen mit Migrationshintergrund nehmen psychiatrische und psychosoziale Versorgungsangebote deutlich seltener in Anspruch als die einheimische Bevölkerung. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass sie häufiger akutpsychiatrische Notfallversorgung nutzen. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass Probleme oft zu spät erkannt und behandelt werden.
Besonders deutlich zeigt sich das Phänomen bei der Suche nach Psychotherapieplätzen. Unter Schwarzen Menschen, die angeben, häufig Diskriminierung im Gesundheitswesen zu erleben, brechen fast zwei Drittel die Suche vorzeitig ab.
Gegen Diskriminierung: Was muss sich im medizinischen Alltag ändern?
Transkulturelle medizinische Kompetenz muss schon während des Studiums gelehrt werden. Eine Studie zeigt, dass angehende Mediziner und Medizinerinnen den Begriff „Morbus Mediterraneus“ zwar mehrheitlich als rassistisch einstufen, trotzdem halten sie die Scheindiagnose für nützlich, um Patientinnen und Patienten einzuordnen.
In Lehrbüchern und Vorlesungsmaterialien werden zudem ausschließlich hellhäutige Körper abgebildet, belegt eine Analyse von Lehrmaterial. Und in Fortbildungen tauchen noch heute rassistische Begriffe wie „kaukasisch" auf. Das kann beeinflussen, wie Ärzte und Ärztinnen ihre Patienten und Patientinnen wahrnehmen.
In der Praxis können beispielsweise standardisierte Instrumente zur Schmerzerfassung die Zahl subjektiver Fehlurteile reduzieren. Wer strukturiert fragt statt nach Eindruck bewertet, trifft gerechtere Entscheidungen. Mehr Diversität im medizinischen Personal verbessert zusätzlich die Kommunikation und die Behandlungsergebnisse.

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Was können Betroffene tun?
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt in Deutschland auch vor Diskriminierung bei medizinischen Behandlungsverträgen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat dies ausdrücklich klargestellt. Betroffene können Beschwerden bei den jeweiligen Einrichtungen oder direkt bei der Antidiskriminierungstelle des Bundes einreichen.
Wer sich in der ärztlichen Praxis oder im Krankenhaus nicht ernst genommen fühlt, sollte bei Diagnosen nachfragen und auf evidenzbasierte Begründungen bestehen. Wer unzufrieden ist, hat das Recht auf eine zweite Meinung. Auch Patientenorganisationen können dabei helfen.
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