Achtsamkeit

Selbstoptimierung: Wann wird der Wunsch nach Verbesserung gefährlich?

Veröffentlicht am:23.07.2026

6 Minuten Lesedauer

von Julia Ehlers

Der gesellschaftliche Druck. sich ständig zu verbessern, wird immer größer. Psychologin Prof. Ada Borkenhagen erklärt, woher das kommt – und wann Selbstoptimierung problematisch wird.

Eine junge, gestylte Frau macht ein Selfie.

© iStock / Oleksandr Hrytsiv

Selbstoptimierung ist heute allgegenwärtig

Ob Fitness-Tracker, Beauty-Filter oder Schönheits-Eingriffe: Selbstoptimierung gehört für viele Menschen zum Alltag. Doch warum haben wir überhaupt den Wunsch, uns selber ständig zu verbessern? In welcher Rolle sieht die Wissenschaft die sozialen Medien dabei? Und wann kann Selbstoptimierung gefährlich werden? Psychologin Prof. Dr. Ada Borkenhagen forscht zu den Themen Körperoptimierung mit Schwerpunkt ästhetische Optimierung, Schönheitsmedizin und Körperbildern – und hat dazu Antworten.

Frau Professorin Borkenhagen, wie haben sich Ansprüche an den eigenen Körper im Laufe der Zeit gewandelt?

Menschen haben ihren Körper schon immer verändert oder geschmückt. Sie haben sich bemalt, geschminkt oder bestimmte Kleidung getragen. Doch die Qualität, mit der wir die Optimierung betreiben, hat sich verschoben. Es reicht nicht mehr, nur die Oberfläche zu verschönern. Stattdessen greifen wir zunehmend in die Körpersubstanz ein und wollen sie durch Diäten, Sport oder medizinische Anwendungen und Operationen selbst verändern.

Prof. Dr. Ada Borkenhagen

Dr. Ada Borkenhagen, Professorin an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg.

© C. Schobbert / KI-bearbeitet

Dr. Ada Borkenhagen ist Professorin an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg. Zudem arbeitet sie wissenschaftlich an den Themengebieten Körperoptimierung, Schönheitsmedizin, Weiblichkeit, Identitäts- und Persönlichkeitsstörungen, Gen- und Reproduktionsmedizin und hat mehrere Bücher über ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht.

Warum hat sich der Trend stark in Richtung Eingriffe verschoben?

Zum einen, weil sich unsere Gesellschaft individualisiert. Zum anderen, weil schönheitsmedizinische Eingriffe deutlich risikoärmer, viel besser im Ergebnis als früher und vor allem preiswerter geworden sind.

Die klassischen plastischen Operationen leisten sich zwar in der Regel ältere, zahlungskräftige Patienten und Patientinnen, aber Filler und Botox können auch jüngere Generationen bezahlen. Der Selbstoptimierungstrend insgesamt hat aber in der ganzen Gesellschaft zugenommen und betrifft längst alle Altersgruppen.

Der Grund dafür ist unsere individualisierte Gesellschaft, in der Identität, Lebensstil und persönliche Selbstverwirklichung immer wichtiger werden. Der eigene Körper ist Teil dieser Selbstinszenierung. Dadurch entsteht der Anspruch, sich selbst ständig weiterzuentwickeln oder zu verbessern – und die Möglichkeit, sich auf Social Media zu vergleichen, verstärkt das natürlich.

Eine sportliche Frau checkt im Fitnessstudio ihre Smart Watch.

© iStock / Dejan Krstevski

Generell spricht aus Sicht von Expertin Prof. Dr. Ada Borkenhagen nichts dagegen, seine Gesundheitsdaten zu tracken. Bedenklich kann es allerdings werden, wenn Menschen sich nur noch auf den Tracker verlassen, anstatt auf ihr Körpergefühl.

Selbstoptimierung und Social Media

In den sozialen Medien begegnen uns ständig perfekte Körper. Was sagt die Forschung dazu?

Studien zeigen, dass ein hoher Social-Media-Konsum mit einem stärkeren Wunsch nach schönheitsmedizinischen Eingriffen zusammenhängen kann, insbesondere bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren. Dabei spielen nicht nur die Inhalte selbst eine Rolle, sondern auch die Art der Inszenierung.

Viele Influencer und Influencerinnen stellen sich als Person von nebenan dar, sehen aber rund um die Uhr perfekt aus. So wird vermittelt, dass ein optimierter Lebensstil jederzeit erreichbar sei. Es wirkt so, als könne man mit der richtigen Hautpflege, Ernährung, Fitness und Trainingsroutine dauerhaft jung und schön sein. Das erzeugt einen großen Druck, weil die Grenzen zwischen Alltag und Inszenierung verschwimmen.

Welche Rolle spielen die Filter auf Social Media dabei?

Beauty-Filter sind aus wissenschaftlicher Sicht besonders interessant. Sie zeigen Menschen eine idealisierte Version ihres eigenen Gesichts. Wer sich regelmäßig so sieht, möchte dieses Aussehen häufig auch im echten Leben erreichen.

Die Schönheitsmedizin bietet inzwischen immer mehr Möglichkeiten, solche Veränderungen tatsächlich umzusetzen. Dadurch entsteht ein starker Anreiz, dem digitalen Idealbild nachzueifern.

Dazu kommen seit einiger Zeit KI-generierte Bilder. Sind die Auswirkungen schon untersucht?

KI und Deepfakes sind eine der spannendsten offenen Fragen in der Forschung. Bisher haben wir uns meistens an Fotos realer Menschen orientiert – auch wenn diese bearbeitet waren. Heute werden Schönheitsideale zunehmend von KI-generierten Gesichtern und Körpern geprägt.

Das Problem dabei: Wir vergleichen uns also immer häufiger mit künstlich erzeugten Idealen, anstatt mit Menschen. Welche langfristigen Folgen das für Körperbild, Selbstwert und Schönheitsnormen hat, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht.

Was ist Körperkratie?

Psychologin und Forscherin Prof. Dr. Ada Borkenhagen hat den Begriff „Körperkratie“ mitgeprägt. Er bezeichnet eine neue soziale Hierarchie, in der ein attraktives, junges Aussehen zum zentralen Statussymbol wird. Durch einen optimierten Körper zeigt sich, wer privilegiert genug ist, um Wissen, Zeit, Geld und Disziplin in sich selbst investieren zu können. So werden soziale Unterschiede durch den eigenen Körper sichtbar – und sich bewusst abgegrenzt.

Grenzen der Selbstoptimierung: Ab wann droht sie, gefährlich zu werden

Auch Fitness-Tracker sind ein beliebtes Mittel zur Selbstoptimierung – hilfreich oder problematisch?

Beides ist möglich. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, Gesundheitsdaten zu erfassen oder bestimmte Werte zu kontrollieren. Problematisch wird es, wenn Menschen den Kontakt zu ihrem eigenen Körper verlieren.

Wenn ich nicht mehr selbst beurteilen kann, ob ich gut geschlafen habe, sondern erst auf eine App schauen muss, entsteht eine Abhängigkeit. Dann verlasse ich mich nicht mehr auf mein eigenes Körpergefühl, sondern auf technische Rückmeldungen.

Passende Artikel zum Thema

An welchem Punkt wird Selbstoptimierung gefährlich?

Wenn sie zur Sucht wird, wenn ich immer wieder etwas an mir machen lassen muss. Und vor allem, wenn ich die eigene Endlichkeit verleugne: dass ich altere und irgendwann sterbe. Der eigene Körper wird nie allen Idealvorstellungen entsprechen und man kann das Altern nicht vollständig aufhalten. Diese Grenzen anzuerkennen, ist wichtig, ansonsten wird die Selbstoptimierung gefährlich.

Wer allerdings glaubt, einen perfekten Körper erreichen zu müssen oder zu können, bei dem kann das krankhafte Züge annehmen und beispielsweise in Anorexie, Bulimie und neuerdings in der Orthorexie enden, also dem zwanghaft gesunden Essen. Das sind alles pathologische Methoden, um den Körper zu formen oder zu kontrollieren.

An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt von Instagram. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass beim Anzeigen des Inhalts Daten an Instagram übermittelt werden. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Was würden Sie Menschen mitgeben, die sich vom Optimierungsdruck überfordert fühlen?

Zunächst einmal lohnt es sich, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen. Nicht alles, was technisch oder medizinisch möglich ist, muss auch umgesetzt werden. Außerdem hilft es, sich bewusst zu machen, dass viele Bilder und Routinen, die wir täglich sehen, stark inszeniert sind.

Ein gesunder Lebensstil ist zwar sinnvoll, aber achten Sie darauf, dass sich nicht Ihr gesamtes Leben nur noch um die Optimierung des eigenen Körpers oder der eigenen Leistungsfähigkeit dreht.

Passende Angebote der AOK

Fachlich geprüft
Fachlich geprüft

Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.


Waren diese Informationen hilfreich für Sie?

Noch nicht das Richtige gefunden?