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Gesundheitsmagazin

Gesund im Job

Wenn der Jobverlust das Selbstwertgefühl erschüttert

Veröffentlicht am:20.08.2026

8 Minuten Lesedauer

von Julia Ehlers

Kaum jemand spricht darüber, wie sehr ein Arbeitsverlust an die Substanz gehen kann. Ein ehemaliger Geschäftsführer erzählt, warum das sein Leben auf den Kopf gestellt hat und wo er wieder Halt fand.

Ein Mann sitzt in einer Küche und schaut konzentriert auf seinen Laptop.

© iStock / shapecharge

Wie sich ein Jobverlust auf Selbstwertgefühl, Körper und Familie auswirkt

Fast 30 Jahre lang lief seine Karriere wie von selbst, bis Sebastian K. (50, Name geändert) als operativer Geschäftsführer einer Agentur gekündigt wird. Was folgt, sind Arbeitslosengeld-1-Bezug, ein Jahr voller Absagen, ein zweiter verlorener Job, schlaflose Nächte und ein Blutdruck, der Ärzte und Ärztinnen alarmierte.

Der Vater von zwei kleinen und einem erwachsenen Kind lebt mit seiner Familie am Rand einer Stadt in Nordrhein-Westfalen und erzählt, wie die Jobsuche Selbstwert, Körper und Familie beeinflusste – und wie er sich zurück in Richtung Neustart gekämpft hat.

Herr K., Sie waren in einer Führungsposition tätig. Wie haben Sie den Moment des Jobverlusts erlebt?

Rückblickend muss ich sagen: Eigentlich hätte ich damit rechnen können. Als Teil des Managements wusste ich natürlich, dass es der Agentur wirtschaftlich schlecht ging. Das Team wurde schon von 70 auf 50 Menschen verkleinert – und ich hatte zuvor selbst vielen Mitarbeitenden gekündigt. Irgendwann stand das Management dann auf dem Prüfstand. Trotzdem trifft es einen unvorbereitet und hart, wenn man derjenige ist, der gehen muss. Schließlich war ich sechs Jahre bei der Agentur.

Im Kündigungsgespräch mit meinem Chef habe ich noch darum gekämpft, bleiben zu können. Ich habe damit argumentiert, wie viel ich zum Unternehmen beitrage. Doch die Entscheidung stand fest. Im ersten Moment war ich vor allem empört – und gleichzeitig auch überzeugt: Wird schon wieder! Ich werde etwas Neues finden, denn ich weiß, was ich kann.

Das klingt nach einer positiven Einstellung. Konnten Sie die aufrechterhalten?

Direkt nach einer Kündigung funktioniert man erst einmal. Ich bin weiter zur Arbeit gegangen, auch weil noch ein Rechtsstreit lief. Da ging es um Anwälte, Formalitäten und die Kündigungsschutzklage. Der Zustand lässt sich vielleicht mit der Vorbereitung einer Beerdigung vergleichen: Man ist mit so vielen organisatorischen Dingen beschäftigt, dass keine Zeit zum Nachdenken oder Fühlen bleibt. Bis von einem auf den anderen Tag die Freistellung kam. Plötzlich nicht mehr ins Büro zu müssen, hat mir bewusst gemacht, dass dieses Kapitel endgültig vorbei ist. Da kamen die ersten Sinnfragen: Was mache ich jetzt beruflich? Wie geht es weiter? Soll ich noch mal neu anfangen?

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Haben Sie Antworten auf diese Fragen gefunden?

Für etwas völlig Neues war ich vermutlich nicht mutig genug. Und bisher liefen die Jobwechsel immer über Kontakte, oder jemand kam aktiv auf mich zu. Deshalb war ich mir sicher: Es wird bestimmt nicht lange dauern, bis der passende Job kommt. Also habe ich mein Netzwerk aktiviert, viele Leute über die Suche informiert und angefangen, Bewerbungen zu schreiben – eigentlich zum ersten Mal in meinem Leben.

Wie waren die Rückmeldungen?

Es lief zäh. Ich habe mich in das Thema Bewerbungen, inklusive KI-Nutzung, reingearbeitet – die Suche nach der Arbeit war mein neuer Job: morgens unsere beiden Kinder zur Kita bringen, danach etwas Sport und dann an die Bewerbungen setzen. Trotzdem gab es nur Absagen. Die Agenturbranche ist am Boden und die Suche nach einer Führungsposition hat es nicht einfacher gemacht.

Am Anfang denkt man noch: Okay, eine Absage, passiert eben, aber irgendwann frustriert die ständige Ablehnung. Man investiert Zeit und beschäftigt sich mit dem Unternehmen, da wird es mit jeder weiteren Absage schwerer, sie einfach abzuhaken.

Immer mehr Absagen und ein sinkendes Selbstwertgefühl

Was hat diese Ablehnung mit Ihrem Selbstwertgefühl gemacht?

Sie nagt massiv am Selbstwert. Es ist ein ständiges Gefühl des Nichtgewolltwerdens. Ab einem bestimmten Punkt sind es nicht mehr die Bewerbungen, die nicht funktionieren. Man stellt sich selbst infrage: Liegt es an mir? Bin ich mit 50 vielleicht zu alt? Oder zu teuer? Ob das tatsächlich die Gründe waren, weiß ich nicht. Eine Absage erfolgt in der Regel standardisiert, ohne Feedback. Es ist fast das Schlimmste daran: Ohne eine Rückmeldung kannst du nichts daraus lernen, sondern wirst nur abgespeist. Das ging zermürbende vier Monate lang so, dann hatte ich eine neue, leitende Stelle in einer Agentur.

Endlich wieder in Lohn und Brot …

Für eine kurze Zeit ja. Der Erfolg hielt zwei Monate, dann haben sie mir in der Probezeit gekündigt. Als Grund hieß es nur: „Das passt nicht.“ Mehr habe ich auch auf Nachfrage nie erfahren. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Die erste Kündigung war schon schlimm, doch nach dieser war mein Selbstwertgefühl ganz unten.

„Die zweite Kündigung hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“

Sebastian K.
50, Name geändert

Wie haben Sie die Zeit danach psychisch erlebt?

Es kam eine zweite Welle an Fragen und vor allem Selbstzweifel: Was stimmt nicht mit mir? Was will ich beruflich überhaupt noch machen? Gleichzeitig dachte ich aber auch: Ich kann nichts anderes als diesen Job.

Man dreht sich gedanklich im Kreis, währenddessen gingen das Bewerbungenschreiben und die Absagen wieder los. Das hat sich zeitweise fast schon nach einer Depression angefühlt. Tagsüber grübelte ich über 30 Jahre Berufsleben und nachts darüber, wie lange die finanziellen Mittel reichen, was passiert, wenn das Arbeitslosengeld 1 ausläuft und ob wir das Haus noch abbezahlen können.

Körper und Psyche hängen eng zusammen: Hat sich der Druck auch körperlich bemerkbar gemacht?

Sehr. Das Ganze hat mich nicht nur gedanklich beschäftigt, neben den Schlafproblemen stieg der Blutdruck an. Verschiedene Ärzte und Ärztinnen haben sich das angeschaut. Weil ich einen Herzfehler habe, wurde zunächst untersucht, ob er sich verschlechtert hat. Zum Glück war das nicht der Fall. Allein diese Gewissheit hat mich schon etwas beruhigt. Der Blutdruck normalisierte sich dann auch wieder, die Schlafstörungen begleiten mich allerdings seit fünf Monaten bis heute.

Zwei Männer sitzen an einem Tisch, haben jeweils eine Tasse Kaffee vor sich stehen und unterhalten sich angeregt. Zwischen ihnen liegt ein Tablet.

© iStock / StockRocket

Seine Kontakte zu pflegen, sich mit alten Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen auszutauschen sowie sein Netzwerk zu aktivieren, kann einem durch die Arbeitslosigkeit helfen.

Wenn Aufgeben keine Option ist

Fünf Monate auf der Jobsuche: Wie motivieren Sie sich, weiterzumachen?

Ein großer Faktor ist die Familie: Meine Frau unterstützt mich und für die Kinder muss es sowieso weitergehen. Zudem hilft mir der Kontakt zu früheren Kollegen und Kolleginnen, die sagen: „Du fehlst hier. Ohne dich geht alles den Bach runter.“ Solche Rückmeldungen sind unglaublich wertvoll. Sie erinnern einen daran, dass die eigenen Fähigkeiten nicht plötzlich verloren gehen – auch wenn es sich zwischenzeitlich so anfühlt. Ansonsten fehlt die positive Bestätigung, die man früher bei der Arbeit vielleicht fast täglich bekommen hat.

Was dagegen nicht hilft, ist nur allein zu Hause vor dem Bildschirm zu sitzen und Absagen zu sammeln. Deshalb bin ich viel mit Menschen in Kontakt, pflege mein Netzwerk, sehe Freunde und Freundinnen und verbringe Zeit mit der Familie.

Hat sich die lange Phase der Arbeitssuche auch auf Ihre Partnerschaft ausgewirkt?

Die Arbeitssuche belastet uns beide, insbesondere die finanzielle Unsicherheit spielt eine große Rolle. Meine Frau hat zwar ihre Stunden aufgestockt, aber ich war der Hauptverdiener. Diese Ungewissheit, was wird, hat an unseren Nerven gezehrt: Obwohl ich keinen Stress mehr im Job habe, fühle ich mich permanent gestresst. Dadurch ist meine Zündschnur kürzer geworden und wir streiten uns mehr als früher. Trotzdem sind wir natürlich weiter ein Team.

„Meine Partnerin und ich streiten mehr, seitdem ich auf Arbeitssuche bin.“

Sebastian K.
50, Name geändert

Von der ersten Kündigung bis heute ist es ein Jahr: Was hat Sie in dieser Zeit am meisten überrascht?

Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Arbeit verliere und nichts Neues finde. So lange man seinen Job hat, ist einem nicht klar, wie viel daran hängt, wie er den Selbstwert beeinflusst und Identität stiftet. Das fängt schon beim Smalltalk an: Irgendwann dreht es sich immer darum, was man beruflich macht. Ich konnte dann nur eine Geschichte voller Rückschläge erzählen. Bis jetzt, denn ich habe mich selbstständig gemacht.

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Das bedeutet, keine Jobsuche mehr?

Sie ist zur Suche nach Kunden und Kundinnen geworden. Sich selbstständig zu machen, war im ersten Schritt vielleicht eher eine Notlösung als ein kompletter Neustart, denn es gibt für die Formalien nur ein bestimmtes Zeitfenster während des Arbeitslosengeld-1-Bezugs. Deswegen musste ich eine Entscheidung treffen und stehe noch ganz am Anfang. Allerdings habe ich glücklicherweise schon den ersten Kunden gefunden und bin für 2,5 Tage pro Woche für 12 Monate gebucht. Das gibt mir endlich eine neue Perspektive.

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