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Ist eine Hormonersatztherapie ratsam?

Eine Frau sitzt auf der Couch und hält sich das T-Shirt vom Körper, da sie von Wechseljahresbeschwerden geplagt wird.

© iStock / yacobchuk

Lesezeit: 6 MinutenAktualisiert: 23.07.2021

Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und viele weitere Symptome gehören oft zu den Wechseljahren. Eine Hormonersatztherapie mit Östrogen und Gestagen bietet Abhilfe bei starken Beschwerden, doch sie kann auch das Krebsrisiko steigern. Was Frauen über die Hormonbehandlung wissen sollten, erklärt Frau Dr. Birgit Hiller vom Krebsinformationsdienst im Interview.

Inhalte im Überblick

    Dr. Birgit Hiller, Leiterin der Abteilung „Strategische Initiativen“ des Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg
    Dr. Birgit Hiller

    © Krebsinformationsdienst, DKFZ

    Dr. Birgit Hiller ist Leiterin der Abteilung „Strategische Initiativen“ des Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, welches ein umfassendes Angebot und offenes Ohr für Krebspatienten und ihre Angehörigen bietet.

    Frau Dr. Hiller, was versteht man eigentlich unter einer Hormonersatztherapie?

    Frauen, die in den Wechseljahren von einer nachlassenden Produktion der Hormone Östrogen und Gestagen betroffen sind, bekamen seit dem Ende der 60er-Jahre die Möglichkeit zu einem sogenannten Hormonersatz. So sollten die Beschwerden der Wechseljahre gelindert werden. Die Behandlung wurde schnell sehr populär – bis vor etwa 20 Jahren galt die Hormonersatztherapie fast als eine Art Jungbrunnen, mit dem man quasi den Alterungsprozess aufhalten konnte. Hormone wurden für manche Frauen zu einem Lifestyle-Medikament und wurden teilweise lange über das natürliche Ende der Wechseljahre hinaus angewendet.

    Zunächst wurde bei der Hormonersatztherapie das reine Östrogen eingesetzt. Denn vor allem das Fehlen dieses Hormons führt zu einem der Hauptprobleme der Wechseljahre, den Hitzewallungen. Relativ schnell merkte man allerdings, dass dadurch bei Frauen, die ihre Gebärmutter noch haben, das Risiko für ein Endometriumkarzinom (Anm. der Redaktion: Gebärmutterschleimhautkrebs) steigt.

    Und welche weiteren Risiken hat eine Hormonersatztherapie?

    Ende der 90er Jahren gab es erste Studien, die zeigten, dass Frauen durch eine Hormonersatztherapie ein erhöhtes Brustkrebsrisiko bekamen. Das galt vor allem für diejenigen, die sehr lange eine Hormonersatztherapie machten, auch über die eigentlichen Wechseljahre hinaus. Diese Studien konnten bald belegen, dass das Brustkrebsrisiko tatsächlich mit der Zahl der Jahre steigt, in denen eine Frau die Hormonpräparate zu sich genommen hat.

    Insgesamt ist bis heute das Brustkrebsrisiko am besten untersucht. Es steigt bei der alleinigen Einnahme von Östrogen, aber auch bei einer Kombinationstherapie mit Gestagen.

    Außerdem steigt mit der Einnahme der Hormone das Risiko für Eierstockkrebs und für Gebärmutterschleimhautkrebs, wenn man nur ein Östrogenpräparat alleine einsetzt. Die Behandlung erhöht jedoch auch die Gefahr von Herzerkrankungen, Thrombosen und Schlaganfällen Am höchsten ist das Risiko für die Frauen dann, wenn die Einnahme über Tabletten stattfindet. Hormone, die über ein Pflaster auf der Haut aufgenommen werden, sind weniger riskant.

    Bisher gibt es keine ausdrücklichen Warnhinweise für hormonhaltige Cremes und Gele, die gegen eine Austrocknung der Schleimhäute im Genitalbereich helfen. Sie macht nicht wenigen Frauen in und nach den Wechseljahren zu schaffen. Ist die Schleimhaut zu trocken, kann es leicht zu Verletzungen und dadurch zu Infektionen kommen, zum Beispiel Blasenentzündungen, oder auch zu Scheidenprobleme beim Geschlechtsvekehr. Die hormonhaltigen Cremes wirken weitgehend nur lokal. Deshalb ist für diese Form der Hormonbehandlung das Risiko gering.

    Haben Hormone denn auch Vorteile?

    Ein Vorteil ist ganz klar, dass Hitzewallungen durch die Gabe von Östrogen fast sofort nachlassen. Und Studien belegen, dass vor allem Hitzewallungen für viele Frauen das belastendste Symptom der Wechseljahre sind: weil sie so viele andere Probleme nach sich ziehen wie Schlafprobleme, Herz-Kreislauf-Probleme, und man sich insgesamt einfach nicht gut fühlt.

    Diese Probleme reduziert eine Hormonersatztherapie ganz nachhaltig. Deshalb sind Expertinnen und Experten heute nicht mehr grundsätzlich gegen eine Hormontherapie in den Wechseljahren: Geht es kurzfristig einfach nicht anders und setzt man die Hormone so bald wie möglich wieder ab, können sich Frauen selbst entscheiden, ob sie bereit sind, dafür ein leicht höheres Risiko einzugehen.

    Die Einnahme kann dann über ein paar Monate gehen, nicht über Jahre. Spätestens dann, wenn man in einem Alter ist, in dem die Wechseljahre normalerweise zu Ende sein sollten, sollte überprüft werden, ob die Probleme nach dem Absetzen der Präparate überhaupt noch da sind.

    Von einer längeren Einnahme allerdings raten alle Expertinnen und Experten nach wie vor ab!

    „Studien belegen, dass vor allem Hitzewallungen für viele Frauen das belastendste Symptom der Wechseljahre sind“

    Dr. Birgit Hiller
    Krebsinformationsdienst

    Ganz anders sieht es für Frauen aus, die aus unterschiedlichen Gründen viel zu früh in die Wechseljahre kommen, etwa durch eine Erkrankung. Für sie ist die Gabe von Östrogenen und Gestagenen eine anerkannte Möglichkeit, einen annähernd normalen Hormonspiegel zu erzielen und so die Folgen zu früher Wechseljahre zu vermeiden, etwa für die Knochengesundheit. Kommen sie in das Alter, in dem normalerweise die Wechseljahre einsetzen würden, sollten aber auch sie die Behandlung nach und nach reduzieren und dann ganz damit aufhören.

    Eine Gynäkologin berät eine Frau, die unter Wechseljahresbeschwerden leidet, ob eine Hormonersatztherapie ratsam wäre.
    Eine Hormonersatztherapie steigert das Brustkrebsrisiko, darum sollte der Einsatz mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgewogen werden

    © iStock / YakobchukOlena

    Gibt es Alternativen zur Hormonbehandlung?

    Für Frauen, die Probleme mit einer trockenen Scheide haben, gibt es zum einen die gering dosierten hormonhaltigen und risikoärmeren Cremes und Gels für den Scheidenbereich. Zu anderen Alternativen ist viel geforscht worden, allerdings bislang mit wenig gesicherten Erfolgen.

    Alternativ gibt es zum Beispiel die sogenannten Phytohormone (Anm. der Redaktion: darunter versteht man pflanzliche Hormone, etwa aus Soja oder Leinsamen), die allerdings von der Wirksamkeit her bisher nicht ausreichend belegt sind. Das gilt auch für Präparate aus der Traubensilberkerze (Cimicifuga), die oft zur Vereinfachung zu dieser Gruppe gerechnet wird. Einige Daten deuten an, dass lindernde Wirkungen möglich sind. Es gibt aber auch Studien und zusammenfassende Reviews, die besagen, dass ihre Wirkung sehr gering ist. Das mag für viele Frauen enttäuschend sein, die auf der Suche nach einer pflanzlichen Alternative sind.

    Fachleute machen auch darauf aufmerksam, dass zumindest theoretisch nicht auszuschließen ist, dass sehr wirksame Phytoöstrogene ebenfalls das Brustkrebsrisiko steigern. Die Diskussion ist hierzu aber noch nicht abgeschlossen.

    Die andere große Gruppe der in Studien überprüften Alternativen sind Akupunktur, Yoga, Sport, Bewegung und Ernährungsumstellungen, etwa auf eine Diät mit vielen pflanzlichen Produkten und Soja. Auch diese Möglichkeiten tragen zwar dazu bei, sich insgesamt besser zu fühlen, bringen aber vor allem gegen das Hauptproblem der Hitzewallungen leider nicht viel. Viele Frauen sagen, dass ihnen Entspannungsübung noch am besten geholfen haben.

    Es gibt eine Gruppe von Frauen, die auf keinen Fall eine Hormonersatztherapie machen darf: Patientinnen nach einem hormonabhängigen Brustkrebs. Gerade diese Frauen leiden allerdings oft besonders stark unter Hitzewallungen. Für sie kommen womöglich Medikamente infrage, die eigentlich andere Anwendungsgebiete haben. Sie reduzieren die Hitzewallungen und starkes Schwitzen zumindest in gewissem Umfang. Für Frauen, die sehr leiden, aber keine Hormone einnehmen dürfen, sind diese verschreibungspflichtigen Medikamente eine Alternative, auch wenn sie ihrerseits Nebenwirkungen haben können. Erlaubt sind allerdings fast immer hormonhaltige Cremes bei ausgeprägten Schleimhautproblemen im Intimbereich, da hier nur ganz wenige Hormone in den Körper gelangen.

    Fazit

    Den eigenen Weg finden

    Frauen mit Wechseljahresproblemen, die sich an den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums wenden, können sich am Telefon oder per E-Mail umfassend über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Möglichkeiten informieren lassen.

    Der Krebsinformationsdienst selbst gibt jedoch keine eigenen Empfehlungen oder Therapieratschläge – solche Fragen sollte man auf jeden Fall immer mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen und sich dann ganz auf die persönliche Situation konzentrieren: Die Wechseljahre sind keine Krankheit, und den meisten Frauen geht es gut damit, wenn sie in dieser Zeit ihren eigenen Weg finden.

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