Psychologie
Perfektionismus bei Kindern und Jugendlichen: Wo hört gesunder Ehrgeiz auf?
Veröffentlicht am:20.05.2026
20 Minuten Lesedauer
Eltern, Schule, Social Media – schon Kinder und Jugendliche stehen häufig unter dem Druck, „perfekt“ zu sein und zu performen. Dieses Streben nach Perfektion kann psychisch belastend sein. Wie entsteht Perfektionismus und was können Eltern tun?

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Perfektionismus oder „gesunder Ehrgeiz“ – was ist der Unterschied?
Perfektionismus bedeutet, dass man an sich sehr große Erwartungen stellt und hohe Leistungsstandards setzt – sei es im Beruf oder in der Schule, beim Sport oder in der Beziehung. Das muss nicht zwangsläufig problematisch sein.
Wenn der Wunsch nach herausragenden Eigenschaften und Leistungen die Fähigkeit einschließt, Fehler anzuerkennen, aus ihnen zu lernen und festgelegte Ziele anzupassen, ist das „gesunder Ehrgeiz“ (funktionaler Perfektionismus). Er kann die Freude am eigenen Leben und an der eigenen Tätigkeit sogar stärken.
Sind Ziele jedoch zu hochgesteckt, ist Streben nach Perfektion unrealistisch. Wer immer wieder an unerreichbaren Zielen scheitert, erlebt häufig Frustration. Dies kann mit Minderwertigkeitsgefühlen, Stress und Versagensangst einhergehen. Dieser dysfunktionale Perfektionismus kann die psychische Gesundheit belasten.
Welche Formen des Perfektionismus gibt es?
Die psychologische Forschung unterscheidet drei Formen des Perfektionismus:
- Selbstbezogener Perfektionismus (self-oriented) ist der Anspruch gegenüber sich selbst: „Ich muss perfekt sein.”
- Sozialer Perfektionismus (socially prescribed) beruht auf der Annahme, das soziale Umfeld sei anspruchsvoll und Perfektion notwendig, um Anerkennung zu erlangen: „Andere erwarten, dass ich perfekt bin.”
- Fremdorientierter Perfektionismus (other-oriented) setzt unrealistische Maßstäbe an andere: „Andere müssen perfekt sein.”
Die einzelnen Formen können sich gegenseitig beeinflussen. Fremdorientierter Perfektionismus kann sich bei den Betroffenen als sozialer Perfektionismus auswirken und dann wiederum den selbstbezogenen Perfektionismus verstärken.
Welches Bedürfnis steckt hinter Perfektionismus?
Perfektionismus ist ein komplexes Persönlichkeitsmerkmal, das von unterschiedlichen Faktoren und Emotionen beeinflusst werden kann. Allgemein wird angenommen, dass Kindheit und Jugend entscheidende Phasen für die Entwicklung von Perfektionismus sind und die Eltern eine zentrale Rolle dabei spielen.
Menschen sind soziale Wesen und Anerkennung ist uns wichtig. Perfektionismus kann als Bedürfnis nach Anerkennung gedeutet werden – etwa als Folge mangelnder elterlicher Akzeptanz in Verbindung mit zu hohen Erwartungen und entsprechender Kritik, wenn Kinder diesen Erwartungen nicht gerecht geworden sind.
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Welche Ursachen hat Perfektionismus bei Kindern und Jugendlichen?
In der Psychologie sind Ursache-Wirkungsbeziehungen nicht immer direkt oder eindeutig. Die Frage muss daher eher lauten: Welche Faktoren können Perfektionismus begünstigen?
Sicherlich spielen familiäre Faktoren eine bedeutende Rolle: Kinder und Jugendliche wollen oder müssen den Erwartungen ihrer Eltern gerecht werden. Das war vermutlich schon immer so. In jüngerer Zeit kommt außerdem der Einfluss der digitalen Medien hinzu.
Welche Rolle spielen Erziehung und Eltern?
- Eine zu hohe Erwartungshaltung der Eltern kann Kindern vermitteln, dass Erfolg und Perfektion entscheidend sind, um Anerkennung und Zuneigung zu erhalten. Scheitern hat Kritik zu Folge und kein Verständnis.
- Wenn Eltern selbst perfektionistisch sind, können Kinder den Perfektionismus ihrer Eltern beobachten und imitieren.
- Weitere mögliche Einflussfaktoren sind Bindungsstile, starke elterliche Kontrolle und bestimmte Erziehungsstile.

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Verstärken die sozialen Medien den Perfektionsdruck?
In den sozialen Medien sieht vieles einfach perfekt aus. Plattformen wie TikTok und Instagram vermitteln oft unrealistische Erfolgs- oder Schönheitsideale. Das kann soziale Vergleiche fördern und den Druck verstärken, perfekt sein oder sich ständig selbst optimieren zu müssen.
Auch der für die sozialen Medien typische Drang zur Selbstdarstellung, der sich beispielsweise in der Flut an Selfies äußert, spielt hier mit hinein. Selfie vor einem spektakulären Reiseziel – da will ich auch hin! Selfie in Badekleidung – so schlank will ich auch sein!
Wieso kann Perfektionismus für Kinder und Jugendliche gefährlich werden?
Kinder und Jugendliche sehen sich nicht nur den Erwartungen ihrer Eltern ausgesetzt, sondern stehen häufig auch unter Leistungsdruck in der Schule.
Menschen jeden Alters können auf Leistungsdruck oder hohe Erwartungen mit Stress reagieren. Kinder und Jugendliche erleben Erwartungsdruck oft als sehr hoch. Das verunsichert und kann stressen – und Stress ist (auch unabhängig von Perfektionismus) häufig ein gesundheitliches Risiko.
Wie viele Kinder und Jugendliche neigen zu Perfektionismus?
Die österreichische Initiative Mental Health Days führt regelmäßig repräsentative Umfragen unter Kindern und Jugendlichen durch. Im Jahr 2025 wurden 14.391 österreichische Jugendliche zum Thema Leistungsdruck befragt.
Auf die Frage „Soll man perfekt sein wollen?” antworteten 49,7 Prozent der Befragten mit „Ja”. Dies verdeutlicht den weit verbreiteten Wunsch nach Perfektion, den viele Jugendliche gleichzeitig als Belastung empfinden und als Folge des Drucks durch Schule und familiäre Erwartungen betrachten.
Da sich Deutschland und Österreich in puncto gesellschaftlicher Entwicklung und Bildungschancen ähneln, könnten auch hierzulande ähnliche Ergebnisse zu erwarten sein.
Was sind mögliche gesundheitliche Folgen von Perfektionismus bei Kindern?
Perfektionistische Kinder erfahren häufig mehr Kritik als Unterstützung. Das kann dazu führen, dass sie sich selbst hinterfragen und ein nur geringes Selbstbewusstsein entwickeln. Zwanghaftes Grübeln, Unsicherheit und Ängste sind daher oft Begleiterscheinungen von Perfektionismus.
Welche Anzeichen für Perfektionismus gibt es?
Perfektionismus ist keine Krankheit. Schon deshalb gibt es keine eindeutigen „Symptome“ von Perfektionismus.
Vielleicht geht Ihr Kind trotz guter Leistungen nicht gern zur Schule, ist selbst über gute Ergebnisse frustriert, zeigt sich oft unsicher oder hat häufig Angst vor Herausforderungen, Prüfungen oder Ähnlichem.
Welche Krankheiten können mit Perfektionismus zusammenhängen?
Langfristig lässt sich oft ein Zusammenhang feststellen zwischen ausgeprägtem Perfektionismus und
- Angststörungen,
- Depressionen
- sowie Problemen bei der Regulation von Gefühlen.
Außerdem leiden Kinder und Jugendliche, die zu übertriebenem Perfektionismus neigen, häufiger an Essstörungen als Gleichaltrige.
Vor allem im Zusammenhang mit Essstörungen wird der Einfluss der sozialen Medien als potenziell problematisch diskutiert. Auch wenn immer wieder Body-Positivity-Trends aufkommen, werden Schlankheitsideale weiterhin häufig als erstrebenswert dargestellt. Perfektionistische Menschen kann das besonders belasten.
Perfektionismus ablegen und überwinden: Was können Eltern tun?
Wenn ein kontrollierender, kritischer und autoritärer Erziehungsstil tendenziell Perfektionismus fördert, ist das Gegenteil davon eine gute Maßnahme zur Vorbeugung von Perfektionismus.
Das bedeutet nicht, alles durchgehen zu lassen, sondern:
- keinen Druck durch hohe Erwartungen ausüben,
- Kritik mit Verständnis und Lob zu verbinden,
- Freiräume zu gewähren, um Eigenverantwortung zu fördern,
- Misserfolge und eigene Mängel bei den Kindern und bei sich selbst zu akzeptieren. Weder Sie noch Ihre Kinder müssen perfekt sein.
Insgesamt geht es darum, das Selbstvertrauen Ihres Kindes zu stärken. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu kennen und zu akzeptieren.
Wie lässt sich der schädliche Einfluss sozialer Medien begrenzen?
Bildschirmfreie Zeiten und familiäre Regeln für die Nutzung sozialer Medien und digitaler Geräte sind wenig hilfreich, wenn die Eltern sie selbst nicht vorleben. Ein bewusster Umgang mit digitalen Medien beginnt bei den Eltern selbst.
Hilfreiche Tipps dazu finden Sie bei SCHAU HIN! Was dein Kind mit Medien macht. Die Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der ARD, des ZDF und der AOK informiert Eltern und Erziehende über aktuelle Entwicklungen der Medienwelt.
Medienkurse für Eltern, aktuelle Medien-Tipps und Artikel sowie die Möglichkeit zum direkten Austausch mit Medien-Coaches – SCHAU HIN! hilft Ihnen weiter.
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