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Psychologie

Durchlebt man wirklich fünf Trauerphasen?

Veröffentlicht am:27.04.2026

7 Minuten Lesedauer

Die fünf Trauerphasen nach Kübler-Ross kennt fast jeder. Aber verlaufen Verleugnung, Wut und Akzeptanz wirklich in dieser Reihenfolge – und was sagt die aktuelle Forschung dazu?

Eine Frau liegt mit offenen Augen im Bett und schaut nachdenklich.

© iStock / TatyanaGl

Wie lauten die fünf Trauerphasen?

Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz – das Modell der fünf Trauerphasen zählt zu den bekanntesten der Psychologie. Entwickelt wurde es bereits 1969 von der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, als sie für ihr Buch „On Death and Dying“ mit sterbenskranken Menschen sprach.

Bis heute hat das Trauerphasen-Modell eine historische Bedeutung: Vor Kübler-Ross war der Tod gesellschaftlich weitgehend ein Tabuthema. Ihr Werk gab Sterbenden eine Stimme und veränderte den öffentlichen Umgang mit Tod und Sterben grundlegend.

Dabei sollen die Phasen nicht als strenge Abfolge verstanden werden. Es geht weniger darum, einen linearen Verlauf abzubilden, als darum, mehr Verständnis und Empathie für Trauernde zu ermöglichen.

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Wann ist die Trauer am schlimmsten?

Viele Menschen geraten direkt nach dem Verlust eines geliebten Menschen emotional aus dem Gleichgewicht, es fällt ihnen schwerer, ihre Gefühle zu regulieren. Traurigkeit, Wut oder Angst treten dann intensiver und häufiger auf. Gleichzeitig berichten Betroffene von emotionaler Taubheit und Konzentrationsproblemen.

Selbst der Körper kann stark reagieren. So fand eine Studie heraus, dass in den ersten 24 Stunden nach dem Tod einer nahestehenden Person das Herzinfarktrisiko um das 21-fache erhöht ist.

Doch jeder Mensch trauert anders. Dabei muss es sich nicht immer um einen Todesfall handeln. Auch andere einschneidende Veränderungen wie ein Jobverlust können eine oder mehrere Phasen der Trauer auslösen. Die fünf Phasen nach Elisabeth Kübler-Ross geben diesem vielschichtigen Erleben eine Struktur, als Rahmen für die Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen.

  • Was passiert in der Phase der Verleugnung?

    Verleugnung ist ein Schutzreflex. Wer beispielsweise einen geliebten Menschen verliert, weigert sich zunächst oft, die Realität anzunehmen. Man zweifelt an der Nachricht, meidet das Thema oder verhält sich, als sei nichts geschehen. Dieser typische Abwehrmechanismus soll uns vor einem Schock oder überwältigenden Schmerz schützen.

    Manche Menschen berichten in dieser Phase auch davon, die Anwesenheit des Verstorbenen oder der Verstorbenen zu spüren, die Stimme zu hören oder die Person kurz zu sehen. Das klingt ungewöhnlich, ist aber eine bekannte Reaktion. Schließlich kann schwer sein zu glauben, dass jemand, der oder die so wichtig war, nicht zurückkommt.

    Eine Phase der Verleugnung ist also normal und sogar sinnvoll. Sie verschafft Zeit, die schwierigen Informationen schrittweise zu verarbeiten, anstatt von ihnen überrollt zu werden. Problematisch wird sie erst, wenn die Verleugnung dauerhaft anhält.

  • Warum kann Wut ein Zeichen von Trauer sein?

    Wenn die Verleugnung nachlässt und die Realität des Verlustes durchdringt, folgt oft Wut. Sie kann sich gegen Ärzte und Ärztinnen richten, etwa weil sie eine tödliche Krankheit nicht verhindert haben. Gegen Familienmitglieder, weil sie nicht genug getan haben, oder gegen einen Gott, weil der Verlust als ungerecht empfunden wird.

    Auch eine Wut auf den Verstorbenen oder die Verstorbene ist keine Seltenheit. Manchmal richtet sich das Gefühl zudem gegen einen selbst – wegen Dingen, die man getan oder nicht getan hat, bevor die Person starb.

    Die Wut mag nach außen verletzend oder befremdlich wirken und für Angehörige ist sie manchmal schwer auszuhalten. Doch sie ist in der Regel schlicht ein Ausdruck von Trauer.

  • Was steckt hinter der Trauerphase „Verhandeln“?

    In der Phase des Verhandelns spüren Betroffene vor allem eine Art Kontrollverlust. Deswegen kreisen die Gedanken viel um das „Was wäre, wenn“: Man früher auf Symptome geachtet hätte? Ein anderer Arzt oder eine andere Ärztin im Krankenhaus gewesen wäre? Dahinter steckt auch der Wunsch, die Vergangenheit ändern zu können.

    Manchmal gilt dieses innere Verhandeln einer höheren Macht. Das könnte dann so klingen: „Liebes Universum, wenn du meine Mutter doch noch aus dem Koma aufwachen lässt, werde ich mich in Zukunft besser kümmern.“ Das erscheint vielleicht irrational, ist aber vermutlich ein menschlicher Versuch, das Unabänderliche doch noch abzuwenden.

  • Ist die Depressions-Phase das Gleiche wie eine klinische Depression?

    Tiefe Traurigkeit, Erschöpfung, Interessenverlust und Hoffnungslosigkeit sind typische Merkmale dieser Trauer-Phase. Trotz der Ähnlichkeit zu einer Depression ist die Trauerreaktion keine. Beides lässt sich klinisch, statistisch und sogar pharmakologisch voneinander unterscheiden – Antidepressiva wirken in der Regel nicht gegen Trauersymptome.

    Jetzt bricht durch, was die anderen Phasen der Trauer noch abfedern konnten: der volle Schmerz des Verlustes. Das Leben fühlt sich möglicherweise sinnlos an, die Energie fehlt, man fühlt sich wertlos oder sogar schuldig und hat eventuell Schlafprobleme oder verliert an Gewicht.

    Der Schmerz in der Depressions-Phase kann sehr intensiv sein und in Wellen kommen, manchmal sogar über Monate oder Jahre hinweg.

  • Ist die Phase der Akzeptanz das Ende der Trauer?

    Nach dem Modell der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross ist Akzeptanz der letzte Abschnitt im Trauerprozess. Er bedeutet jedoch nicht, dass man nicht mehr trauert. Betroffene beginnen stattdessen, die Realität des Geschehenen anzunehmen. Sie hören auf, dagegen anzukämpfen oder die Situation zu verdrängen.

    Einen großen Verlust wie den Tod eines nahestehenden Menschen überwindet man vielleicht nie vollständig. Aber in der Phase der Akzeptanz lernen viele, damit zu leben und die schönen Erinnerungen an Vergangenes zu bewahren.

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Verlaufen die fünf Phasen der Trauer immer in derselben Reihenfolge?

Das Modell legt zwar eine Abfolge nahe, aber die Realität sieht oft anders aus: Die fünf Phasen treten nicht zwingend in einer bestimmten Reihenfolge auf, manche bleiben ganz aus. Denn Trauer ist kein Zustand, sondern ein Prozess und der verläuft bei jedem Menschen anders.

Die heutige Trauerforschung stützt sich deswegen nicht mehr auf das Fünf-Phasen-Modell. Aktuelle Ansätze nutzen stattdessen die Bindungstheorie und das Transaktionale Stressmodell von Lazarus, um zu verstehen, wie Menschen mit einem Verlust umgehen.

Forschungen zeigen sogar, dass rund 60 Prozent der Menschen nach einem Verlust sehr resilient sind. Nach etwa sechs Monaten schränkt die Trauer ihren Alltag nicht mehr wesentlich ein und die depressive Verstimmung hat sich gelegt. Intensive Trauerschübe gehören auch bei ihnen dazu, aber diese Wellen überwältigen sie nicht dauerhaft.

Was hilft beim Umgang mit der Trauer?

Eine große Rolle spielt soziale Unterstützung: Wer über den Verlust sprechen kann, trägt die Last leichter. Auch Tagesstruktur, Bewegung, ausreichend Schlaf sowie bewusste Momente der Freude können dabei helfen, sich zu stabilisieren. Den Verlust nicht zu verdrängen, sondern aktiv zu verarbeiten, beispielsweise durch das Teilen von Erinnerungen, ist ebenfalls wichtig.

Zwei Männer umarmen sich vor einem Fenster, im Hintergrund sind Bäume zu sehen.

© iStock / izusek

Einander zuzuhören und sich Trost zu spenden kann dabei helfen, besser durch die Trauerphasen zu kommen.

Wann brauchen Trauernde professionelle Unterstützung?

Die meisten Menschen verarbeiten die Trauer innerhalb eines Jahres. Rund sieben bis zehn Prozent der Trauernden dagegen entwickeln, laut Schätzungen, eine sogenannte Prolongierte Trauerreaktion. Bei diesem Zustand ist die Trauer auch nach einem Jahr – bei Kindern und Jugendlichen sind es sechs Monate – so intensiv, dass sie den Alltag erheblich einschränkt.

Die Betroffenen vermissen die verstorbene Person anhaltend und intensiv, haben Schwierigkeiten, wieder am Leben teilzunehmen, und kämpfen mit Symptomen wie Identitätsverlust, emotionaler Taubheit oder Einsamkeit.

Dann kann beispielsweise eine Trauerpsychotherapie Erleichterung verschaffen. Sie beinhaltet Elemente aus der kognitiven Verhaltenstherapie und hilft dabei, den Verlust in das eigene Leben zu integrieren.

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