Gehirn & Nerven
Wie gut wirkt Ginkgo wirklich?
Veröffentlicht am:29.04.2026
6 Minuten Lesedauer
Ginkgo biloba gilt als eine der ältesten Heilpflanzen der Welt – und ist bis heute umstritten. Was die Forschung zur Wirkung von Ginkgo sagt, wo das Pflanzenmittel helfen kann und worauf man bei Nahrungsergänzungsmitteln achten sollte.

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Was ist Ginkgo?
Seit Hunderten von Jahren wird der Baum Ginkgo biloba in der traditionellen chinesischen Medizin genutzt. Er gilt als lebendes Fossil, der letzte Überlebende einer alten Pflanzenfamilie.
Heute ist Ginkgo eine der am intensivsten untersuchten Heilpflanzen: Eingesetzt werden die Samen, Rinde, Wurzel oder Blätter des Baums. Die Extrakte aus den Blättern enthalten in der Regel sekundäre Pflanzenstoffen wie Flavonoide, Terpenoide, Sitosterine und Anthocyane.
Welche Wirkung von Ginkgo biloba ist wissenschaftlich belegt?
Die Forschung um Gingko ist umfangreich, aber die Ergebnisse sind nicht immer eindeutig. Für viele beworbene Anwendungen fehlt bisher ein klarer Wirkungsnachweis. Für manche Beschwerden gibt es jedoch Hinweise auf einen möglichen Nutzen, etwa bei Symptomen einer Demenz oder bei leichten kognitiven Einschränkungen.
Kann Ginkgo bei Demenz und Gedächtnisproblemen helfen?
Ginkgohaltige Produkte werden meist mit Aussagen über eine positive Wirkung auf Konzentration und Gedächtnisleistung beworben. Die Forschung zeigt jedoch: Für eine Vorbeugung von Demenz ist Ginkgo nicht geeignet.
Mehrere große Studien mit älteren Erwachsenen ohne Demenz haben untersucht, ob Ginkgo das Risiko, an Demenz zu erkranken, senken kann. Damit die Ergebnisse evidenzbasiert sind, wurden einer Studie beispielsweise mehr als 3.000 Menschen im Alter von 75 Jahren oder älter bei der Einnahme von Ginkgo-Präparaten oder Placebos über durchschnittlich sechs Jahre begleitet. Doch keine der Studien konnte einen Effekt von Ginkgo bestätigen.
Anders sieht es bei Menschen aus, die bereits an Alzheimer-Demenz erkrankt sind. Hier deuten Studien darauf hin, dass ein verschreibungspflichtiger Ginkgo-Extrakt in einer hohen Dosierung von 240 mg pro Tag die Gedächtnisleistung verbessern kann. Betrug die Dosierung dagegen nur 120 mg pro Tag, hatte der Ginkgo-Extrakt keine eindeutige Wirkung auf die Alzheimer-Symptome. Eine Einnahme von Ginkgo-Präparaten bei Alzheimer-Demenz sollte allerdings nur nach Rücksprache in der Apotheke oder mit einem Arzt oder einer Ärztin erfolgen.
Wie ist der aktuelle Forschungsstand zu Ginkgo bei MCI?
Eine kleine Studie aus Südkorea untersuchte Ginkgo bei 64 Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) und nachgewiesener Amyloid-Ablagerung im Gehirn. Die Probanden und Probandinnen nahmen täglich 240 mg eines standardisierten Ginkgo-Präparats ein. Die Ergebnisse sind positiv, müssen aber mit Vorsicht interpretiert werden.
Nach zwölf Monaten verbesserte sich bei den Teilnehmern und Teilnehmerinnen in der Ginkgo-Gruppe die kognitiven Leistungen. Bei den Probanden und Probandinnen, die kein Ginkgo einnahmen, verschlechterten sich die Werte. Zudem entwickelte niemand aus der Ginkgo-Gruppe eine Alzheimer-Demenz – in der anderen Gruppe waren es 13,6 Prozent.
Die Autoren und Autorinnen weisen selbst auf die Grenzen der Studie hin: Sie ist vergleichsweise klein, ohne randomisiertes Untersuchungsdesign. Die Ergebnisse sind daher als erste Hinweise zu verstehen, nicht als Beweis.
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Hilft Ginkgo bei Tinnitus?
Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden an Tinnitus, den anhaltenden Ohrgeräuschen, die die Lebensqualität stark beeinträchtigen können. Ginkgo ist dabei die am häufigsten eingesetzte Heilpflanze.
Die Datenlage wird jedoch von Experten und Expertinnen als uneinheitlich bewertet. Einige Studien sahen Vorteile gegenüber Placebo, andere Analysen konnten keinen eindeutigen Nutzen zeigen. Die offizielle S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ spricht daher keine Empfehlung für Ginkgo aus.
Trotz dieser Einschätzung nennen manche europäische und deutsche Expertengremien für pflanzliche Arzneimittel Tinnitus dennoch als mögliches Anwendungsgebiet für Ginkgo. Wer Ginkgo bei Tinnitus ausprobieren möchten, sollte dies mit seiner Ärztin oder seinem Arzt besprechen und ein standardisiertes Arzneimittel einnehmen.

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Ginkgo als Arzneimittel und als Nahrungsergänzungsmittel: Was ist der Unterschied?
Nicht jedes Produkt mit dem Aufdruck „Ginkgo“ ist gleich. Der pharmakologisch wirksame Ginkgo-Trockenextrakt (GbE) ist in Deutschland seit einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 2022 offiziell als Arzneimittel eingestuft. Produkte mit 100 mg GbE pro Tag dürfen demnach nicht als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden.
Nahrungsergänzungsmittel enthalten Ginkgo-Extrakte oft nur als werbewirksame Zutat. Laut Verbraucherzentrale reichen die Ginkgo-Extrakte nicht aus, um die erwünschte Wirkung zu erzielen. Zudem sind die Produkte untereinander kaum vergleichbar, da es keine einheitlichen Vorgaben für ihre Zusammensetzung gibt. Lassen Sie sich daher von Begriffen wie „wertvoll“ oder „Spezial-Extrakt“ nicht in die Irre führen – sie haben keine Aussagekraft.
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Welche Nebenwirkungen kann Ginkgo verursachen?
Ginkgo-Arzneimittel gelten in der Regel als gut verträglich. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Magenprobleme, Kopfschmerzen und Schwindel. Besondere Vorsicht ist allerdings bei der gleichzeitigen Einnahme von blutverdünnenden Mitteln geboten. Experten und Expertinnen vermuten, dass Ginkgo deren Wirkung verstärken und so das Blutungsrisiko erhöhen kann.
Manche Ginkgo-Produkte können zudem einen hohen Anteil an Ginkgolsäuren enthalten. Diese Zell- und Nervengifte gelten als potenziell zellschädigend und erbgutverändernd. Bei Nahrungsergänzungsmitteln gibt es keine Obergrenze für Ginkgolsäuren, in Ginkgo-Arzneimitteln dagegen ist die Menge an Ginkgolsäuren streng begrenzt.
Sind Ginkgosamen oder Tees empfehlenswert?
Auf Gingkosamen oder Tees mit Gingko sollten Sie lieber verzichten. Denn Ginkgosamen und unverarbeitete Ginkgoblätter können giftigen Substanzen enthalten. Sie sind nicht zum Verzehr geeignet.
Auch Teezubereitungen sind nicht empfehlenswert. Zum einen wird die in Studien wirksame Dosis der Wirkstoffe nicht erreicht. Zum anderen ist der Gehalt an Ginkgolsäuren und Ginkgotoxinen in für Tees angebotenen Blättern meist nicht untersucht.
Was sollte ich beim Kauf von Ginkgo-Produkten beachten?
Wenn Sie ein Ginkgo-Präparat einnehmen möchte, sollten Sie auf standardisierte Arzneimittel setzen. In niedrigeren Dosierungen sind diese rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.
Bei Nahrungsergänzungsmitteln mit Gingko ist es wichtig, dass freiwillige Angaben zum Ginkgolsäuregehalt auf der Verpackung stehen.
Halten Sie vor der Einnahme von Ginkgo-Präparaten stets Rücksprache mit Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin oder dem Fachpersonal in der Apotheke. Das gilt besonders für Menschen, die bereits Medikamente nehmen, um Wechselwirkungen zu vermeiden.
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