Gesunde Ernährung
Dattelsüße & Co: der Mythos vom zuckerfreien Genuss
Veröffentlicht am:21.08.2026
4 Minuten Lesedauer
In den sozialen Medien versprechen Rezepte für Dattelbrownies, Energy Balls und Schokoriegel süßen Genuss ohne Reue. Doch wie gesund sind diese Alternativen wirklich? Dr. Angela Bechthold erklärt, dass auch sie meist viel Zucker enthalten.

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Endlich Süßes ohne Reue?
„Ohne Zucker“, verspricht ein Rezept auf Instagram. Zu sehen sind saftige Dattelbrownies. Andere Beiträge preisen Schoko-Erdnuss-Riegel oder Kekse an, die so gesund sein sollen, dass sogar „die Kleinen davon so viel essen dürfen, wie sie wollen“. Solche Rezepte versprechen, einen Widerspruch aufzulösen: Endlich Süßes genießen, ohne das Gefühl zu haben, etwas Ungesundes zu essen. Plötzlich soll Naschen gesund sein.
Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Deshalb macht es mich stutzig. Tatsächlich dämpft mein Blick auf die Zutaten die Euphorie. Denn ohne Zucker kommen die Rezepte nicht aus. Der Zucker ist nicht verschwunden – er versteckt sich nur in anderen Zutaten. Vor allem Datteln, Dattelmus und „natürliche Dattelsüße“ verdrängen in vielen Rezepten neuerdings den Haushaltszucker. Butter weicht häufig dem Kokosöl. Das klingt gesünder. Kalorienärmer wird die Nascherei dadurch trotzdem nicht unbedingt.
Dr. Angela Bechthold
Dr. Angela Bechthold ist Ernährungswissenschaftlerin und Fachjournalistin (FJS). Mehr als 15 Jahre lang arbeitete sie in einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft an der Schnittstelle von Forschung, Praxis und Kommunikation.
Heute ist Angela Bechthold als freie Wissenschaftsjournalistin und Autorin tätig. Ihr Schwerpunkt liegt auf Ernährung und Gesundheit – mit dem Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten klar und nachvollziehbar zu vermitteln sowie aktuelle Entwicklungen einzuordnen.
Wenn Worte mehr zählen als Nährwerte
Haushaltszucker heißt in den sozialen Medien gerne „Industriezucker“. Sein Ruf ist miserabel. Datteln dagegen stehen für Natur, Vollwertigkeit und Gesundheit. Tauschen wir das eine gegen das andere, verändert sich die Wahrnehmung sofort. Schlagworte wie „zuckerfrei“, „natürliche Süße“, „clean“, „guilt-free“ oder „healthy“ verstärken diesen Effekt zusätzlich.
Dabei ist meist nicht gemeint, dass kein Zucker enthalten ist. Gemeint ist lediglich, dass kein Haushaltszucker zum Einsatz kommt. Ein Rezept wird also als „ohne Zucker“ angepriesen, obwohl es Zucker aus Datteln enthält.
Glucose bleibt Glucose
Aus ernährungsphysiologischer Sicht ist der Unterschied oft kleiner, als es die Wortwahl vermuten lässt. Unser Stoffwechsel interessiert sich nicht dafür, ob ein Zuckermolekül aus einer Dattel oder aus der Zuckerdose stammt. Glucose bleibt Glucose, Fructose bleibt Fructose – Zucker ist also Zucker.
Natürlich sind Datteln und Haushaltszucker trotzdem nicht dasselbe. Rohe Datteln bestehen zu etwa einem Drittel aus Zucker. Die beliebten getrockneten Datteln und daraus hergestellte Dattelsüße bestehen zu vier Fünfteln daraus. Datteln enthalten Vitamine und Mineralstoffe und liefern zusätzlich Ballaststoffe. Diese Begleitstoffe beeinflussen unter anderem, wie schnell der Zucker ins Blut gelangt und wie gut ein Lebensmittel sättigt. Aus einem Brownie wird jedoch auch mit Dattelsüße kein Gesundheitsprodukt.
Der Gesundheits-Heiligenschein
Hier wirkt vielmehr der „Health-Halo-Effekt“. Auf Deutsch heißt das sowas wie Gesundheits-Heiligenschein. Einzelne positive Eigenschaften verleihen einem Produkt ein gesünderes Image, als es verdient. Schon ein Hinweis wie „ohne raffinierten Zucker“, „vegan“, „proteinreich“ oder „glutenfrei“ reicht aus, um Menschen ein Produkt automatisch gesünder einschätzen zu lassen.
Warum ist das kritisch? Weil wir dann unbewusst mehr oder häufiger davon essen. So kann das gute Gefühl beim „gesunden Naschen“ trügerisch werden.
„Natürlich“ heißt nicht automatisch gesünder
Hinzu kommt unsere Vorliebe für alles, was natürlich klingt. Dattelsüße, aber auch Ahornsirup oder Kokosblütenzucker werden beispielsweise als natürliche Alternativen zu Haushaltszucker vermarktet. Doch zum einen stammt auch Haushaltszucker nicht aus dem Chemielabor, sondern aus der Zuckerrübe oder dem Zuckerrohr. Zum anderen unterscheiden sich die alternativen Süßungsmittel meist deutlich weniger von Haushaltszucker, als Werbung und Beiträge in den sozialen Medien suggerieren.
Dasselbe Muster zeigt sich übrigens auch beim Fett: Butter weicht dem Kokosöl, das als natürlich und damit automatisch gesünder gilt. Tatsächlich enthält Kokosöl aber fast nur gesättigte Fettsäuren – also gerade jene Fettsäuren, deren hoher Verzehr aus gesundheitlicher Sicht eher ungünstig bewertet wird. Auch hier übertrifft das positive Image den tatsächlichen Vorteil.
Meine Devise: Ehrlich süß genießen
Gegen Datteln als Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung ist nichts einzuwenden. Gegen selbst gemachte Brownies mit Dattelsüße – oder mit Haushaltszucker – auch nicht. Problematisch finde ich nur, wenn Süßigkeiten plötzlich als Gesundheitsbooster angepriesen und verspeist werden, nur weil der Zucker aus einer anderen Pflanze stammt.
Dabei liefert die Dattelsüße vor allem eines: Zucker – und damit Kalorien. Wer den Brownie mit einer großzügigen Menge Datteln süßt, isst am Ende trotzdem einen süßen Brownie. Die Kalorien verschwinden nicht, nur weil sie aus einer exotischen Frucht stammen.
Wir dürfen genießen und naschen. Dabei finde ich es ehrlicher, hin und wieder einfach mal einen Brownie als Kuchen zu genießen, statt mir davon einen Gesundheitsvorteil zu versprechen.
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