Psychologie
Münchhausen-Syndrom: Warum Menschen krank sein wollen
Veröffentlicht am:07.07.2026
6 Minuten Lesedauer
Die meisten Menschen wollen schnell wieder gesund werden, wenn sie krank sind. Doch bei manchen ist das anders. Sie möchten krank sein, verletzen sich selbst oder täuschen eine Krankheit vor. Was sind die Ursachen des Münchhausen-Syndroms?

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Was ist das Münchhausen-Syndrom?
Das Münchhausen-Syndrom ist eine psychische Erkrankung und eine artifizielle (künstliche) Störung, die auf absichtlichem Erzeugen oder Vortäuschen von körperlichen oder psychischen Symptomen oder Behinderungen beruht. Betroffene geben vor, krank oder verletzt zu sein, sie simulieren Symptome, verfälschen diese oder verursachen sie bewusst. Sie infizieren zum Beispiel eine Wunde mit Erde, verbrennen oder verätzen sich die Haut.
Der Grund für ihr Verhalten ist, Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie wollen im Mittelpunkt stehen und erreichen, dass andere sich um sie kümmern. Ihnen geht es nicht um finanzielle Vorteile und Leistungen. Ihr Verhalten führt jedoch dazu, dass sie oft mit großem Aufwand medizinisch behandelt werden.
Manche Menschen, die am Münchhausen-Syndrom leiden, verbringen mehrere Jahre in Krankenhäusern. Kommt der Verdacht auf, dass sie simulieren, gehen sie oft ins nächste Krankenhaus. In besonders schweren Fällen unterziehen sich Betroffene schmerzhaften oder lebensbedrohlichen Operationen, obwohl sie wissen, dass diese nicht nötig sind.
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Münchhausen-Syndrom: Was sind typische Beispiele?
Meistens werden körperliche, seltener psychische Erkrankungen vorgetäuscht. Betroffene tun so, als hätten sie Brust- und Bauchschmerzen, Magenbeschwerden oder Fieber. Sie geben vor, Halluzinationen zu haben, Stimmen zu hören, Dinge zu sehen, die nicht da sind oder sie verschlimmern Symptome einer bestehenden Krankheit.
Gefährlich wird es, wenn sich Betroffene selbst verletzen. Beispiele für das Münchhausen-Syndrom finden sich auch im Internet. In Australien gab eine Food-Bloggerin vor, dass sie an einem Hirntumor leide und nur noch vier Monate zu leben habe. Die Bestürzung und Anteilnahme ihrer Followerinnen und Follower war groß.
In den folgenden Monaten schrieb sie auf ihrem Blog und in sozialen Medien über die Symptome und die Behandlung. Dann teilte sie mit, wider Erwarten vom Krebs geheilt zu sein – dank alternativer Medizin und gesunder Ernährung. Sie vermarktete diese Geschichte kommerziell mit großem Erfolg.
Münchhausen-Syndrom: Woher kommt der Begriff?
Die Erkrankung ist nach dem Baron Münchhausen benannt, der auch als Lügenbaron bekannt ist. Er war deutscher Offizier im 18. Jahrhundert. Ihm werden unglaubliche Geschichten über seine Taten zugeschrieben. Seine Erzählungen schmückte er besonders lebhaft aus. Das trifft auch auf Menschen mit dem Münchhausen-Syndrom zu.
Der Name der Erkrankung spiegelt die Komplexität der psychischen Erkrankung jedoch nicht wider. Häufig wird er auch nicht mehr verwendet, sondern von artifizieller Störung gesprochen. Zum ersten Mal beschrieben wurde die Erkrankung von dem britischen Arzt Richard Asher. Sie kann bei Männern und Frauen vorliegen, ist aber insgesamt sehr selten.
Welche Ursachen hat das Münchhausen-Syndrom?
Als mögliche Ursachen werden verschiedene Faktoren diskutiert. Dazu gehören:
- emotionale Traumata und Krankheiten in der Kindheit
- eine psychische Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung (Borderline-Störung,narzisstische Störung)
- Zorn gegenüber medizinischem Fachpersonal und Autoritätspersonen
- Vernachlässigung durch die Eltern
- umfangreiche medizinische Eingriffe oder langwierige medizinische Betreuung in Kindheit und Jugend
Kindheitstraumata können im Erwachsenenalter dazu führen, dass sich Betroffene unwürdig fühlen und selbst bestrafen, indem sie sich krank machen. Betroffenen mit Persönlichkeitsstörung verleiht es ein Gefühl von Macht und Kontrolle. Zuwendung, Fürsorge und Aufmerksamkeit, die sie sonst vielleicht nicht erhalten haben, stärken nun ihr Selbstwertgefühl.
Wenn Mütter das Kind krank machen
Der englische Kinderarzt Roy Meadow beschrieb 1977 zwei Fälle, in denen Mütter ihre Kinder heimlich krank gemacht hatten. Er nannte das Krankheitsbild Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Es ist eine besondere Form des Münchhausen-Syndroms. Statt den eigenen Körper schädigten die Mütter quasi in Vertretung den ihres Kindes.
Sie täuschten frei erfundene Krankheiten vor, zum Beispiel durch Beimischung von Blut und Eiter im Urin des Kindes oder indem sie ihrem Kind extreme Salzmengen gaben. Die Mütter stellten sich selbst als lebensrettende Engel dar, die sich aufopferungsvoll um ihre Kinder kümmern. Sie waren sehr stark auf Ärzte und Ärztinnen fixiert und erzwangen fortlaufend von ihnen eine Untersuchung und Behandlung.
Nach der Veröffentlichung von Roy Meadow wurden viele weitere Fälle bekannt. Die Mütter hatten ihre Kinder zum Beispiel vergiftet, ihnen Nahrung entzogen, sie mit einem Kissen oder einer Plastiktüte fast erstickt, Bewusstseinsstörungen oder angebliche Anfälle, Gedeihstörungen oder Blutungen hervorgerufen
Beim Münchhausen-by-proxy-Syndrom – einer Form von Kindesmisshandlung – sind die Täter fast ausschließlich weiblich. Die Sterblichkeit ist hoch, weil die eigentliche Ursache der kindlichen Symptome für medizinisches Personal oft schwer und verzögert zu entdecken ist.
Wie wird die Diagnose beim Münchhausen-Syndrom gestellt?
Für Ärztinnen und Ärzte ist es nicht leicht, das Münchhausen-Syndrom zu diagnostizieren. Denn die Betroffenen wirken sehr überzeugend und können vermeintliche Beschwerden täuschend echt beschreiben. Für die Diagnose der artifiziellen Störung gibt es keinen speziellen Test.
Ärzte und Ärztinnen untersuchen zunächst, ob körperliche Erkrankungen vorliegen (zum Beispiel mit Bluttests, Urintests oder auch bildgebenden Verfahren). Erscheinen ihnen diese nicht plausibel, gehen sie dem Verdacht auf eine artifizielle Störung oder auf eine andere psychiatrische Störung nach.
Beobachtungen des Verhaltens und der Einstellungen des Patienten oder der Patientin sind für die Diagnose ebenfalls wichtig.
Warum ist die Diagnose des Münchhausen-Syndroms so schwierig?
Betroffene weigern sich häufig, Untersuchungen durchführen zu lassen, die zum Nachweis einer artifiziellen Störung führen könnten. Einer psychiatrischen Begutachtung und Behandlung stimmen sie selten zu.
Hinzu kommt, dass es bei medizinischem Personal auch an Bewusstsein für die Erkrankung fehlen kann und die Störung sehr selten ist. Ärztinnen und Ärzte zögern, die Diagnose zu stellen, weil sie fürchten, keine adäquate Behandlung des Münchhausen-Syndroms anbieten zu können.
Eine Rolle spielt auch, dass sie den Patienten oder die Patientin nicht stigmatisieren oder zu Unrecht diagnostizieren wollen. Fehldiagnosen kommen ebenfalls vor.

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Ob Depression, Angststörung oder Zwangserkrankung: Wer an einer psychischen Erkrankung leidet, benötigt professionelle Hilfe. Ist eine Psychotherapie nötig, kann diese häufig ambulant durchgeführt werden. Die AOK übernimmt die Kosten dafür.
Wie wird das Münchhausen-Syndrom behandelt?
Die Behandlung ist schwierig, weil Betroffene nicht zugeben wollen, ein Problem zu haben und wenig Leidensdruck oder Veränderungsbereitschaft aufweisen. Geben sie das Problem zu, können sie an einen Psychiater oder eine Psychiaterin überwiesen werden.
Es geht vor allem darum, das selbst auferlegte schädliche Verhalten zu verändern, gesundes soziales Verhalten zu trainieren, Selbstwert zu stabilisieren und den Missbrauch medizinischer Ressourcen zu verringern. Liegen zudem biografische Umstände wie Kindheitstraumata vor oder psychische Leiden wie eine Persönlichkeitsstörung, ist die Behandlung komplex.
Es gibt keine Standardtherapie. Individuell wird entschieden, ob die Behandlung ambulant oder stationär erfolgt. Eingesetzt werden psychotherapeutische Verfahren, etwa kognitive Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie oder Psychoanalyse. In bestimmten Fällen ist eine systemische Therapie sinnvoll, in der die Familienmitglieder einbezogen sind.
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