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Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung: Was bedeutet das?

Eine Frau sitzt mit auf einem Sofa. Ein Mann sitzt im Hintergrund.

© iStock / Andrii Zastrozhnov

Lesezeit: 7 Minuten23.09.2022

Für Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sind die Herausforderungen des Alltags oft schwieriger zu bewältigen. Das kann auch zwischenmenschliche Beziehungen stark beeinflussen. Wie verläuft eine Therapie – und wie sehen die Heilungschancen aus?

Inhalte im Überblick

    Dr. med. Moritz de Greck ist Leiter der Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Hier werden sowohl in einer Tagesklinik als auch auf einer Krankenhausstation Menschen mit Borderline-Erkrankungen behandelt.

    Was versteht man unter einer Borderline-Störung?

    Die Borderline-Persönlichkeitsstörung gehört zu den Persönlichkeitsstörungen. Das sind psychische Erkrankungen, die sich durch einen eher langfristigen Verlauf auszeichnen. Sie treten nicht wie beispielsweise Depressionen episodenhaft auf, sondern ziehen sich über einen langen Zeitraum hinweg. Für alle Persönlichkeitsstörungen ist es charakteristisch, dass die Patientinnen und Patienten ein tiefgreifendes charakteristisches Muster von Wahrnehmung, Bewertung und Interaktion aufweisen. Das heißt, im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung äußern sich bei Menschen mit Persönlichkeitsstörung bestimmte Muster verstärkt, beispielsweise sind sie extrem misstrauisch, extrem ordentlich oder extrem emotional. Borderline-Patientinnen und -Patienten leiden zum Beispiel häufiger unter emotionaler Instabilität und haben meist auch Schwierigkeiten in privaten und beruflichen Beziehungen.

    Welche Symptome sprechen für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung?

    Eines der bedeutendsten Symptome ist das Gefühl von innerer Leere. Als Nicht-Borderliner kann man das meistens nicht nachempfinden. Es lässt sich am ehesten mit einem Gefühl beschreiben, das mit einer tiefen Traurigkeit verbunden ist – als würde einem irgendetwas fehlen. Betroffene sind häufig auch sehr angespannt, teilweise so stark, dass sie ihre Emotionen nur durch Selbstverletzung herunterregulieren können. Außerdem ist die Art und Weise, wie Betroffene sich selbst und andere betrachten, sehr instabil. Das kann sich zum Beispiel so äußern, dass man eine Person heute mag und morgen, etwa im Rahmen eines Streits, auf einmal nichts mehr an dieser Person leiden kann und sich sofort trennen möchte. Auch Ziele und Vorstellungen für die Zukunft können sich schnell ändern. Ein weiteres wichtiges Symptom ist eine große Angst, verlassen zu werden – häufig auch mit verzweifelten Bemühungen verbunden, dieses Verlassenwerden zu verhindern. All diese Dinge führen dazu, dass Borderline-Betroffene sich selbst gegenüber sehr kritische Gedanken haben und sehr instabile Beziehungen führen.

    Was verstehen Sie in diesem Hinblick unter instabilen Beziehungen?

    Partnerschaften sind in der Regel ausgesprochen intensiv – man findet schnell zueinander, aber es fliegen auch schnell die Fetzen und es kommt zu Trennungen. All das geschieht aus einer Impulsivität heraus. Es kann also sein, dass sich das nach zwei Tagen wieder ändert – oder auch schon nach einer Stunde – und man wieder zu dem Menschen zurückfinden möchte. Die Gefühle, die in diesen Situationen entstehen, halten also in der Regel nicht dauerhaft an. Es ist belastend und emotional aufwühlend, dass man von einer auf die nächste Sekunde ganz anders für eine wichtige Person empfinden kann. Betroffene haben das Gefühl, sich auf niemanden wirklich verlassen zu können und sehr schnell enttäuscht zu werden. Dadurch kommt eine gewisse Unstetigkeit ins Leben: Partnerschaften dauern nicht an, Freundschaften gehen auseinander, Beziehungen zu den Kindern zerbrechen.

    „Es ist belastend und emotional aufwühlend, dass man von einer auf die nächste Sekunde ganz anders für eine wichtige Person empfinden kann. Betroffene haben das Gefühl, sich auf niemanden wirklich verlassen zu können und sehr schnell enttäuscht zu werden.“

    Dr. med. Moritz de Greck
    Universitätsklinikum Frankfurt

    Mit welchen Schwierigkeiten sind Angehörige häufig konfrontiert?

    Das Gegenüber kann die extremen emotionalen Antworten häufig nicht nachvollziehen. Was sich für jemanden, der keine Borderline-Erkrankung hat, wie eine einfache Meinungsverschiedenheit anfühlt, kann vonseiten der Betroffenen schnell eskalieren. Dinge gehen kaputt, es wird geschrien, Türen werden geknallt, in einigen Fällen kommt es zu Handgreiflichkeiten, es wird eine Trennung ausgesprochen. Angehörige sind häufig von der Wucht erschrocken, mit der Borderliner teilweise Konflikte austragen. Das ist nicht immer leicht auszuhalten. Natürlich lernt man mit der Zeit, solche Situationen einzuordnen und zu entschärfen. Aber: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine schwere psychische Erkrankung, bei der professionelle Hilfe ganz wichtig ist. Als Angehöriger schafft man es nicht, Betroffenen zu helfen oder sie gar zu therapieren.

    Welche Ursachen liegen einer Borderline-Erkrankung zugrunde?

    Es gibt vermutlich eine genetische Veranlagung, doch die wichtigste Komponente sind traumatische Beziehungserfahrungen in der frühen Kindheit – insbesondere emotionale Vernachlässigung sowie emotionale oder tätliche, aggressive, häufig auch sexuell aggressive Misshandlungen. Darüber berichten sehr viele Borderline-Patientinnen und -Patienten. Oft sind sie als Kinder schon auffällig geworden, doch die Erkrankung entwickelt sich meist im Jugend- und jungen Erwachsenenalter zwischen etwa 18 und 25 Jahren. Frauen sind dabei häufiger betroffen. Das Gesamtbild zeigt sich in der Regel, wenn es zur Ablösung vom Elternhaus oder der eigenständigen Lebensführung kommt. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine Erwachsenendiagnose – man kann die Diagnose also erst im Erwachsenenalter stellen.

    Wie wird die Diagnose der Borderline-Störung gestellt?

    Der beste Weg, die Diagnose zu stellen, ist eine Testung. Es gibt verschiedene Tests, die herangezogen werden können. In unserer Klinik verwenden wir als Standard den sogenannten SCID-5. Dabei werden den Patientinnen und Patienten zunächst verschiedene Fragen vorgelegt, die sie mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. In den Fragen geht es unter anderem um auftretende Verhaltensmuster, Zustandsbilder oder Verhältnisse zur eigenen Person und anderen Menschen. Wenn dann eine bestimmte Punktzahl erreicht ist, folgt ein strukturiertes Gespräch mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin. Das ist eine sehr gute Möglichkeit, um eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren.

    Welche Behandlung erfordert eine Borderline-Störung und wie wichtig ist sie?

    Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum einen kann die Erkrankung im Rahmen einer Psychotherapie ambulant behandelt werden, entweder in Einzel- oder in Gruppen-Settings. Zum anderen kann die Behandlung tagesstationär oder vollstationär erfolgen. Tagesstationär bedeutet Montag bis Freitag, morgens bis nachmittags. Vollstationär heißt, die Patientinnen und Patienten bleiben im Krankenhaus. Die Behandlungsdauer entspricht sowohl bei tagesstationärer als auch vollstationärer Behandlung etwa zehn Wochen. Im Rahmen dieser Therapieformen machen die Betroffenen in der Regel viel schneller Fortschritte als bei ambulanten Therapien. Welche Form tatsächlich zum Einsatz kommt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Einerseits ist ausschlaggebend, wie stark die Persönlichkeitsstörung ausgeprägt ist. Andererseits kann es beispielsweise wichtig sein, dass der Patient oder die Patientin eine Zeit lang Abstand von seinem oder ihrem Umfeld hat, weil dort krankheitsaufrechterhaltende Faktoren vorliegen – wie etwa Mobbing am Arbeitsplatz. Möglicherweise lässt sich keine ambulante Therapie finden oder sie ist nicht ausreichend.

    „Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist definitiv keine Erkrankung, bei der man darauf warten sollte, dass sie sich von allein zurückbildet.“

    Dr. med. Moritz de Greck
    Universitätsklinikum Frankfurt

    Ohne Behandlung besteht ein erhöhtes Risiko für Begleiterkrankungen wie etwa Depressionen, Essstörungen oder Suchterkrankungen – und auch für Suizide. Es ist definitiv keine Erkrankung, bei der man darauf warten sollte, dass sie sich von allein zurückbildet. Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sollten diese unbedingt behandeln lassen.

    Eine Frau spricht mit anderen Frauen und einem Mann, in einer Therapiesitzung.
    Therapiesitzungen können nicht nur für Betroffenen, sondern auch für Angehörigen helfen, die Krankheit besser zu verstehen.

    © iStock / Tempura

    Wie kann man sich die Therapie vorstellen?

    Aktuell gibt es vor allem zwei therapeutische Verfahren, die empfohlen werden und sich als sehr wirksam herausgestellt haben. Gerade bei schwer erkrankten Patientinnen und Patienten ist das die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT). Bei Betroffenen, die nicht ganz so schwer erkrankt sind oder bereits eine DBT gemacht haben, eignet sich die sogenannte Schematherapie.

    Bei der DBT geht es vor allem darum, eine gute Balance zu finden zwischen der Akzeptanz, schwere psychische Probleme zu haben, und dem Hinarbeiten zu Veränderung und Verbesserung. Wichtige Teile sind dabei unter anderem das Skills-Training und Situationsanalysen. Betroffene lernen hier, mit starken Anspannungsgefühlen zurechtzukommen und mithilfe bestimmter Techniken (Skills) selbstverletzendes Verhalten zu vermeiden. Bei der Schematherapie liegt der Fokus darauf, Probleme zu erkennen – wie beispielsweise bestimmte Emotionen, Einstellungen oder ungünstige Verhaltensweisen wie Selbstverletzung oder Drogenkonsum – und mit diesen richtig umzugehen.

    Wie sieht der Krankheitsverlauf mit Therapie aus?

    Die Borderline-Erkrankung ist eine gut behandelbare Erkrankung, bei der sich langfristig gute Erfolge erreichen lassen. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten sehr deutliche Besserung erreichen können. Sie sind dann vielleicht nach wie vor in gewissen Situationen emotional instabil, doch sie erreichen nicht mehr das Level, auf dem man von einer psychischen Erkrankung sprechen würde. Allerdings ist das ein Prozess, der mehrere Jahre dauert. Wenn Patienten und Patientinnen aber bereit sind, über einige Jahre hinweg immer wieder psychotherapeutisch dranzubleiben, kann ihnen langfristig wirklich geholfen werden.

    Kommen bei der Borderline-Störung auch Medikamente zum Einsatz?

    Es gibt keine Medikamente, die speziell für diese Erkrankung zugelassen sind. Trotzdem werden gerade im stationären oder teilstationären Rahmen häufig Medikamente verordnet, die ruhiger machen oder für mehr emotionale Stabilität sorgen. Wenn es neben der Borderline-Diagnose auch die Diagnose einer Depression gibt, kommen oft auch Antidepressiva zum Einsatz, die die Stimmung heben können.

    Was hilft Betroffenen nach der Therapie, im Alltag besser zurechtzukommen?

    Gerade in der Anfangsphase sind die Skills sehr wichtig, mit denen sich Betroffene in Anspannungssituationen beruhigen können und die sie im Rahmen einer DBT lernen. Mit diesen Techniken können sie sich auch im Alltag selbst herunterregulieren, sodass sie sich nicht mehr selbst verletzen müssen. In einer späteren Phase ist es von großer Bedeutung, eine akzeptierende und wohlwollende Haltung sich selbst gegenüber zu entwickeln. Das fällt vielen Betroffenen schwer, weil sie so viel emotionale Vernachlässigung und Misshandlung im Kindesalter erfahren haben. Deswegen ist es wichtig, dies auch nach der Therapie immer und immer wieder zu trainieren.

    Welche Stärken haben Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung?

    An dieser Stelle muss noch einmal festgehalten werden: Die Ursache der Borderline-Störung sind meist kindliche Misshandlungen, emotionaler Missbrauch und emotionale Vernachlässigung im ganz frühen Kindesalter – und daran gibt es nichts schönzureden. Kinder haben ein Recht darauf, dass ihre Eltern sich ihnen liebevoll zuwenden. Das sei dem vorangestellt. Viele Borderline-Betroffene sind besonders feinfühlig und haben ein sehr intensives emotionales Erleben. Sie fühlen anders als Nicht-Borderliner, können sich zum Beispiel intensiver freuen. Das kann eine positive Lebensqualität mit sich bringen.

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    Eine Person legt zwei Finger auf die Unterseite ihres linken Handgelenks, um den Puls zu messen.
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