Psychologie

Wenn Glaube auf Medizin trifft: So gelingt der Arztbesuch

Veröffentlicht am:30.06.2026

5 Minuten Lesedauer

Schambehaftete Untersuchungen, Fastenzeiten, die Ablehnung von Bluttransfusionen – religiöse Überzeugungen enden nicht an der Praxistür. Wie kultursensible Versorgung funktionieren kann.

Eine junge Ärztin interagiert mit einem Kind und seiner Mutter im Warteraum einer Klinik.

© iStock / Drazen Zigic / KI-bearbeitet

Was haben Medizin und Religion miteinander zu tun?

Religion und Spiritualität sind für viele Menschen ein zentraler Teil des Lebens und beeinflussen häufig medizinische Entscheidungen. Das kann sich ganz unterschiedlich zeigen: Manche Patienten und Patientinnen wünschen sich aus religiösen Gründen eine Behandlung durch eine Person gleichen Geschlechts, andere lehnen gewisse Medikamente oder Eingriffe ab oder möchten Fasten- und Gebetszeiten berücksichtigen.

Für Ärzte, Ärztinnen, Pflegefachpersonen und medizinisches Personal bedeutet das: Wer diese Überzeugungen kennt und ernst nimmt, leistet oft bessere Arbeit. Denn kulturell und religiös kompetente Versorgung kann die Behandlungsergebnisse verbessern sowie die Lebensqualität der Patienten und Patientinnen erhöhen. Fachleute sprechen dabei von kultursensibler Versorgung.

Sie berücksichtigt sowohl die Kultur des Patienten oder der Patientin als auch die gesundheitsbezogenen Bedürfnisse sowie sein oder ihr Verständnis von Krankheit.

Warum ist kultursensible Versorgung noch kein Standard?

Weil kultursensible Versorgung so umfassend ist, fällt es medizinischen Einrichtungen immer noch schwer, sie im Arbeitsalltag zu berücksichtigen. Besonders wichtig sind die Themen Schamgefühl und Intimsphäre, wie eine Befragung von Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen zeigt. Rund 88 Prozent der Kliniken sehen hier den größten Verbesserungsbedarf.

Trotzdem fehlt es oft noch an festen Konzepten. In der NRW-Befragung gaben nur 25,5 Prozent der Krankenhäuser an, kultursensible Aspekte im Qualitätsmanagement zu berücksichtigen. Fortbildungen zu interkulturellen Themen bot ebenfalls nur rund ein Viertel der Häuser an.

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Welche Rolle spielt die Religion beim Besuch in der ärztlichen Praxis?

Viele Religionsgemeinschaften haben Regeln, die auch in der medizinischen Behandlung für sie wichtig sind. Manche gläubigen Personen bevorzugen beispielsweise bei nicht akuten Untersuchungen einen Arzt oder eine Ärztin ihres Geschlechtes. Aber auch Ernährungsvorschriften, etwa während des Ramadans oder koscheres Essen für Juden und Jüdinnen, Gebetszeiten und Überzeugungen zu Bluttransfusion oder Organspende können eine Rolle spielen.

In manchen Kliniken gibt es deswegen Checklisten für den Umgang mit religiösen Patientinnen und Patienten. Allerdings warnen Fachleute davor, Menschen vorschnell bestimmten Gruppen zuzuordnen und daraus feste Erwartungen abzuleiten. Wer diese Checklisten abarbeitet, ohne zu wissen, ob die betroffene Person sich selbst als religiös wahrnimmt oder welche Regeln ihr wichtig sind, kreiert unter Umständen Stereotype.

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Glaube und Gesundheit: Was passiert, wenn religiöse Bedürfnisse übersehen werden?

Schon ein ungeklärtes religiöses Bedürfnis kann eine gute Versorgung erschweren. So schlug beispielsweise ein gläubiger muslimischer Patient in einer Münchner Klinik morgens um sich, wenn die Pflegefachpersonen versuchten, ihn zu waschen. Das Problem ließ sich wegen einer Sprachbarriere nicht direkt lösen.

Erst eine Dolmetscherin konnte den Konflikt klären: Der Mann wollte am Morgen seine rituelle Waschung vornehmen, wurde dabei aber von der Pflegefachperson aus Unwissenheit daran gehindert, weil sie eine pflegerische Waschung durchführen wollte. Der Patient war also nicht aggressiv, sondern benötigte eine Schale Wasser und einige Minuten Zeit für eine religiöse Handlung.

Warum sind Familienangehörige manchmal keine gute Lösung beim Dolmetschen?

In vielen Praxen und Kliniken übernehmen Angehörige bei Sprachbarrieren die Übersetzung. Das kann problematisch werden, beispielsweise wenn Kinder bei schweren Diagnosen für ihre Eltern dolmetschen, Angehörige Informationen verfälschen oder Patienten und Patientinnen nicht offen sprechen, solange Familienmitglieder im Raum sind.

Welche Folgen das haben kann, zeigt ein Fall aus einer norddeutschen Klinik: Für eine junge schwangere und verängstigte Patientin, die erst kurz in Deutschland lebte, übersetzte anfangs die Familie ihres Mannes. Erst in einem Gespräch mit einer Dolmetscherin ohne Angehörige erzählte sie, dass ihr Ehemann sie schlug.

Selbst wenn Mitarbeitende aus der Praxis oder Klinik anstatt der Familienangehörigen übersetzen, weil sie dieselbe Sprache sprechen, liegt die Fehlerquote bei bis zu 52 Prozent. Studien zeigen , dass bei ihrem Einsatz das Risiko für unerwünschte Ereignisse wie falsche Medikamenteneinnahmen um das Dreifache steigt.

Mehrere Ärzte und Ärztinnen sitzen zusammen bei einer Besprechung.

© iStock / Malik Nalik

Medizin und Religion: Schulungen, Diversität und Austausch stärken die interkulturelle Versorgung.

Was können Einrichtungen für eine kultursensible Versorgung tun?

Die beste Vorbereitung beginnt bei der Terminvereinbarung. Fragen wie: „Gibt es aus religiösen oder persönlichen Gründen etwas, das wir bei Ihrer Behandlung berücksichtigen sollten?“ schaffen Vertrauen und verhindern Überraschungen.

Mehrsprachige Aufklärungsmaterialien und professionelle Sprachmittlungsdienste helfen zusätzlich, Missverständnisse zu vermeiden. Wo es möglich ist, sollten Patienten und Patientinnen außerdem gleichgeschlechtliche Behandelnde anfordern können.

Richtig nachhaltig wird kultursensible Versorgung, wenn sie strukturell verankert ist. Manche Einrichtungen setzen deshalb spezielle Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen für kulturelle und religiöse Fragen ein. Andere berücksichtigen interkulturelle Kompetenz bereits bei der Einstellung oder bieten regelmäßige Schulungen für das gesamte Team an.

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