Absentismus: Wenn Beschäftigte auf Abstand gehen
Absentismus und motivationsbedingte Fehlzeiten entstehen meist durch belastende oder unpassende Arbeitsbedingungen. Frühe Anzeichen wie sinkendes Engagement oder häufige Kurzfehlzeiten könnten einen inneren Rückzug bedeuten. Wer Ursachen erkennt und gemeinsam Lösungen entwickelt, kann Motivation, Gesundheit und Bindung im Team stärken.
Strukturelle Auslöser im Unternehmen
Absentismus beschreibt das bewusste Fernbleiben trotz bestehender Arbeitsfähigkeit. Für Unternehmen haben hohe Fehlzeiten unmittelbare Folgen: Prozesse können sich verzögern, Aufgaben liegenbleiben und Teams müssen gegebenenfalls ungeplant kompensieren. Zugleich ist das Thema sensibel: Führungskräfte können Fehlzeiten zwar wahrnehmen, aber keine Diagnose stellen. Ein vorschneller Verdacht auf „Blaumachen“ hilft daher nicht weiter.
Prof. Dr. Vera Winter, Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der Bergischen Universität Wuppertal, forscht zu managementbezogenen Ursachen von Absentismus und Präsentismus und warnt vor einem engen Blick auf einzelne Personen. „Die Gründe für gehäuften, systematischen Absentismus sind sehr häufig strukturell in den Unternehmen zu finden“, sagt die Expertin. „Die Forschung zeigt: Wer das Phänomen verstehen möchte, tut gut daran, Auswirkungen von Arbeitsgestaltung, Führung und Unternehmenskultur insgesamt in den Blick zu nehmen.“
Ursachen im Arbeitsalltag
Als Grund für Absentismus wird häufig Überforderung genannt. Dauerhafter Zeitdruck, hohe Arbeitsmengen und fehlende Erholungsphasen können allerdings laut Winter nicht nur die Motivation beeinflussen, sondern auch zu Stress und Erschöpfung führen. „Abwesenheit ist dann nicht unbedingt als Absentismus zu werten: Was von außen wie Fernbleiben wirkt, kann Ausdruck realer gesundheitlicher Belastung sein.“ Ein zweiter Grund sei Unterforderung: Monotone Aufgaben, geringe Nutzungsmöglichkeit eigener Kompetenzen und fehlende Perspektiven können auch demotivierend wirken.
Vera Winter nennt darüber hinaus weitere Ursachen:
Ursachen motivationsbedingter Fehlzeiten
Ungleichgewicht zwischen Einsatz und Belohnung: Wenn Leistung nicht gesehen, anerkannt oder fair entlohnt wird, sinkt die Motivation spürbar.
Wahrgenommene Ungerechtigkeit: Unfaire Prozesse, ungleiche Behandlung oder intransparente Entscheidungen fördern Rückzug.
Geringe Entscheidungsspielräume: Fehlende Mitsprache und wenig Einfluss auf die eigene Arbeit schwächen das Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Unklare Rollen und Erwartungen: Unsicherheit darüber, was genau gefordert ist, führt zu Frust und Orientierungslosigkeit.
Mangelnde Unterstützung durch Führungskräfte: Fehlende Wertschätzung, wenig Feedback oder kein offenes Ohr verstärken Distanz.
Schwaches Teamgefühl: Geringer Zusammenhalt und fehlende Loyalität im Team reduzieren Bindung und Engagement.
Vereinbarkeitskonflikte: Spannungen zwischen Arbeit und Privatleben, etwa durch Betreuungspflichten, erhöhen eine bereits bestehende Belastung.
So zeigt sich Absentismus
Eine mögliche Folge von Über- oder Unterforderung, mangelnder Motivation oder Anerkennung ist die innere Kündigung: Beschäftigte fühlen sich kaum noch verbunden, engagieren sich weniger und die Leistung sinkt spürbar. „Oder es beginnen tatsächliche Abwesenheiten, also Absentismus, was Teamdynamik und Arbeitsklima belastet“, fasst Vera Winter zusammen.
Frühwarnzeichen, an denen Führungskräfte Absentismus erkennen können, sind zum Beispiel
- häufige Kurzfehlzeiten, besonders in Verbindung mit weiteren Veränderungen
- wiederholtes Zuspätkommen oder sehr frühes Gehen
- geringere Beteiligung, Rückzug aus Gesprächen oder Teamprozessen
- „Dienst nach Vorschrift“ bei Arbeitszeit oder Aufgaben
- sinkendes Engagement, weniger Eigeninitiative, innere Distanz
- Hinweise auf Überlastung, Frust, Ungerechtigkeit oder fehlende Entwicklung
Früh erkennen, gezielt handeln
Wichtig ist laut Vera Winter, Frühwarnzeichen nicht zu übergehen, sondern als Anlass für Analyse und Gespräch zu nutzen. „Unternehmen können Absentismus wirksam vorbeugen oder sogar rückgängig machen, wenn sie mit den Mitarbeitenden klären, woran es liegt und anschließend an mehreren Stellen zugleich ansetzen.“
Dazu kann gehören, Entscheidungsspielräume zu erhöhen, faire Prozesse zu gestalten, Anerkennung zu kultivieren und ein gutes Verhältnis zwischen Einsatz und Belohnung zu schaffen.
Was Unternehmen konkret tun können und welchen Nutzen das bringt:
Maßnahmen gegen Absentismus
Aktive Führung
Frühwarnzeichen wahrnehmen und aktiv ansprechen, Gespräche führen, um die Situation zu verstehen (nicht bewerten), gemeinsam Lösungen entwickeln sowie Mitarbeitenden- und Rückkehrgespräche nutzen.
Nutzen: frühzeitiges Gegensteuern, weniger Eskalation
Arbeitsgestaltung
Anforderungen und Ressourcen in Balance bringen, Aufgaben klar strukturieren und Rollen eindeutig klären.
Nutzen: mehr Leistungsfähigkeit, weniger Überlastung
Gesundheitsförderung
Belastende Arbeitsbedingungen abbauen, BGF-Angebote so gestalten, dass sie auch Motivation und Bindung unterstützen.
Nutzen: weniger Rückzug, stabilere Gesundheit, geringere Fehlzeiten
Unternehmenskultur
Offene Gespräche ermöglichen, wertschätzenden Umgang fördern, gesunde Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehören auch die Stärkung persönlicher Ressourcen und ein positives Teamklima nach Ansätzen der Positiven Psychologie.
Nutzen: höhere Zufriedenheit und Bindung, bessere Teamdynamik
Sieben Fragen für die Praxis
„Gehen Sie ins Gespräch, hören Sie wirklich zu und wagen Sie Veränderungen.“ Mit diesem Appell macht Vera Winter deutlich, wie wichtig es ist, den Dialog aktiv zu suchen, statt abzuwarten. Denn viele entscheidende Stellschrauben liegen im täglichen Führungsverhalten: wahrnehmen, ansprechen, gemeinsam Lösungen entwickeln.
Die folgenden Fragen helfen dabei, Ursachen für Absentismus zu erkennen und gezielt Gegenmaßnahmen zu entwickeln:
- Haben Mitarbeitende genug Zeit, Handlungsspielraum und Unterstützung?
- Sind Erwartungen, Rollen und Prioritäten verständlich und klar?
- Gibt es Anzeichen für Rückzug, Frust oder Demotivation?
- Wird Einsatz wahrgenommen und wertgeschätzt?
- Erleben Mitarbeitende Prozesse, Aufgabenverteilung und Entwicklungschancen als fair?
- Gibt es Raum für Austausch, sind Feedback und Verbesserungsvorschläge erwünscht und werden aktiv gefördert?
- Werden Rückkehrgespräche wertschätzend und lösungsorientiert geführt?

So unterstützt die AOK
Das kostenfreie AOK Programm „Gesund führen“ unterstützt Führungskräfte dabei, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass außer Fehlzeiten auch Absentismus wirksam vorgebeugt wird – etwa durch gute Arbeitsgestaltung, klare Kommunikation und stärkende Teamstrukturen.
Wie Führungskräfte Frühwarnzeichen erkennen, Gespräche konstruktiv führen und Motivation stärken können, zeigt das Online Seminar „Positiv führen – Anregungen aus der Positiven Psychologie“. Das Video steht im AOK-Fachportal für Arbeitgeber bereit.
Mehr Hintergründe zu Fehlzeiten und ihren Ursachen finden Sie ebenfalls im AOK-Fachportal für Arbeitgeber.
Stand
Erstellt am: 16.06.2026
Persönliche Ansprechperson
Kontaktformular
Weitere Kontakt- und Bankdaten

