Zum Hauptinhalt springen
AOK WortmarkeAOK Lebensbaum
Gesundheitsmagazin

Fit im Alter

Ex-Profisportler Thomas Wessinghage: „Ich freue mich immer aufs Training“

Veröffentlicht am:01.09.2026

8 Minuten Lesedauer

Thomas Wessinghage ist Europameister, Olympiateilnehmer und Orthopäde. Auch mit 74 Jahren läuft und trainiert er noch regelmäßig. Im Interview erklärt er, wie ihm das gelingt und welche Rolle die eigene Haltung für ein langes, gesundes Leben spielt.

Ein älterer Mann mit grauen Haaren und grauem Bart hebt zwei türkise Hanteln und schaut dabei in die Ferne.

© iStock / andreswd / KI-bearbeitet

Warum wir Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen sollten

Gesund älter zu werden ist kein Zufall. Bewegung, Prävention und tägliche Gewohnheiten können entscheidend dazu beitragen, die körperliche Leistungsfähigkeit möglichst lange zu erhalten. Ein Gespräch über gesundes Altern, die Bedeutung von Bewegung und kleine Veränderungen mit großer Wirkung.

Herr Wessinghage, Sie sind nicht nur Sportler, sondern auch Arzt. Viele Männer wagen den Weg erst in die Arztpraxis, wenn es „brennt“. Wie nimmt man sich die Scheu?

Häufigere Arztbesuche sind eine gute Vorsorge. Das eigentliche Ziel sollte jedoch sein, verantwortungsvoll mit der eigenen Gesundheit umzugehen und gut auf den Körper zu achten. Vor allem Männer müssen erst einmal ein Bewusstsein dafür entwickeln und aktiv werden. Ein dicker Bauch im Alter ist beispielsweise in der Regel nicht „normal“, sondern hat gesundheitliche Konsequenzen.

Porträt von Thomas Wessinghage

© Medical Park

Thomas Wessinghage

Thomas Wessinghage ist Orthopäde und ehemaliger Leichtathlet. Er nahm 1972 und 1976 an den Olympischen Spielen teil und wurde 1982 Europameister über 5.000 Meter. Seine Karriere als Mittel- und Langstreckenläufer erstreckte sich über 20 Jahre.

Parallel dazu absolvierte Wessinghage ein Medizinstudium, war anschließend als Facharzt für Orthopädie und als Klinikleiter tätig. Heute ist der 74-Jährige Professor und Prorektor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) sowie erster Vorsitzender und Präsident des Deutschen Sportstudio-Verbandes.

Als Orthopäde und ehemaliger Leichtathlet vereinen Sie sportliche und medizinische Erfahrung. Wie prägt das Ihr Verständnis von Gesundheit?

Sport und Gesundheit haben mein Leben stark beeinflusst – und tun das immer noch. Zunächst stand bei mir natürlich die körperliche Leistungsfähigkeit im Vordergrund. Parallel dazu schärfte sich mein Blick für den Zusammenhang von Gesundheit und Lebensstil.

Im Laufe meines Lebens konnte ich die Entwicklung lebensstilbedingter Erkrankungen mitverfolgen. Ein gutes Beispiel dafür ist Übergewicht: Das Thema rückte erst in den Achtzigerjahren in den Fokus der Öffentlichkeit und ist mittlerweile eine der zentralen Sorgen vieler Menschen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck zählen heute zu den häufigsten Krankheiten in meiner Altersgruppe. Das Gute dabei: Es gibt viele Möglichkeiten, diese Krankheiten zu verhindern – man muss sie nur aktiv nutzen.

Sport im Alter: Warum er so wichtig ist

Was kann oder sollte man schon in jüngeren Jahren machen, damit man gesund altert?

Je früher man anfängt, desto besser kann man dem körperlichen Abbau und Krankheiten entgegenwirken. Ausdauertraining steht hierbei an erster Stelle. Das ist nicht nur reine Fitness, sondern ein wichtiger Bestandteil von Therapie. Ein Mensch, der einen Herzinfarkt erlitten hat, kommt heute nicht mehr ins Bett, sondern aufs Fahrrad und ins gezielte Training. Das kann die Genesung beschleunigen und neue Erkrankungen verhindern.

Ebenso wichtig ist das Krafttraining. Eine starke Muskulatur wird gerade im Alter wichtig. Sie reduziert das Risiko von Stürzen und Knochenbrüchen – und kann somit zum Beispiel einer Osteoporose vorbeugen.

Was ist Ihr persönliches Erfolgsrezept, um fit und leistungsfähig zu bleiben?

Ich habe früh verstanden, wie wichtig körperliches Training ist, und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig zum Training zu gehen. In meinen Zwanzigern trainierte ich zweimal täglich. Selbst nach dem Ende meiner sportlichen Karriere mit 35 Jahren habe ich nie mit regelmäßigem Sport aufgehört. Natürlich habe ich meine Aktivitäten heruntergefahren, aber weniger als drei Einheiten pro Woche gab es bei mir nie.

Es motiviert mich, meine eigene Leistungsfähigkeit zu spüren. Mich würde es stören, sie verkümmern zu lassen. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich mich immer über meine körperliche Leistungsfähigkeit definiert habe. Wenn ich früher mit meinen Assistenzärzten um den Tegernsee gefahren bin und sie am Ende zugeben mussten, dass ich doch der Schnellste war, hat mich das gefreut.

Nicht jeder ist Spitzensportler. Was raten Sie Bewegungsmuffeln?

Es beginnt schon im Kleinen. Ich sehe körperliche Leistungsfähigkeit als ein Privileg, um das man sich kümmern muss – wie einen Baum, den man regelmäßig wässert und pflegt, damit er wächst. Das fängt schon bei den kleinsten Dingen an, zum Beispiel, indem man statt des Aufzugs die Treppe nimmt.

„Körperliche Leistungsfähigkeit ist ein Privileg, um das man sich kümmern muss.“

Thomas Wessinghage
Orthopäde und ehemaliger Leichtathlet

Fällt es Ihnen manchmal auch schwer, sich zu motivieren?

Ehrlich gesagt: nein. Ich freue mich immer aufs Training, egal ob bei Sonnenschein oder Regen. Natürlich sind die Herausforderungen und Intensitäten nicht immer gleich. In den letzten Jahren habe ich meinen Trainingsstil angepasst und bin mittlerweile etwas langsamer unterwegs. Aber ich freue mich immer auf meine Einheiten – denn ich weiß, wie gut sie mir tun und was passiert, wenn ich damit aufhören würde. Es ist also eine Mischung aus Gewohnheit und Pflichtbewusstsein.

Passende Artikel zum Thema

Wie sich Training und Körper im Alter verändern

Welche körperlichen Veränderungen spüren Sie mit zunehmendem Alter und wie gehen Sie damit um?

Die Ausdauer und Maximalkraft nehmen im Alter ab, ebenso die Reaktionsfähigkeit. Diese Veränderungen beginnen schon ab dem 30. Geburtstag und lassen sich nicht verhindern, aber durch gezielte Maßnahmen verlangsamen. Je früher man anfängt, desto besser.

Mittlerweile mache ich kein Intervalltraining mehr, das würde mir sehr schwerfallen. Dafür mache ich ein ruhiges, niedrig dosiertes Ausdauertraining, das aber durchaus mal anstrengend sein kann. Das Laufen in der Natur ist für mich auch eine gute Möglichkeit, Koordination und Sturzprophylaxe zu trainieren. Denn man muss immer aufmerksam den Boden beachten und aufpassen, nicht zu stolpern.

Auch das Krafttraining ist enorm wichtig: Wir wissen heute, dass wir im Alter etwa 50 Prozent der Maximalkraft verlieren und natürlich spüre ich das. Deshalb integriere ich zwei bis drei Krafteinheiten pro Woche. Ich nutze dabei einfache Hilfsmittel wie Hanteln oder mein eigenes Körpergewicht.

„Die körperlichen Veränderungen beginnen schon ab dem 30. Geburtstag und lassen sich nicht verhindern, aber durch gezielte Maßnahmen verlangsamen.“

Thomas Wessinghage
Orthopäde und ehemaliger Leichtathlet

Es ist also wichtig, auf den eigenen Körper zu hören. Wie finden Sie die Balance zwischen Belastung und Erholung?

Das ist bis heute eine der größten Baustellen für mich. Wenn ich auf meine sportliche Karriere zurückblicke und überlege, bei welchen Wettkämpfen ich ideal vorbereitet war, dann fällt mir auf: Häufig habe ich zu viel trainiert. Im Leistungssport denkt man immer: Die Konkurrenz schläft nicht – man muss immer mehr trainieren. Doch das geht nur bis zu einem gewissen Grad und dann geht man wieder rückwärts.

Mit der Zeit habe ich ein gutes Verständnis für meinen Körper entwickelt. Ich spüre, ob es ihm gut geht oder eben nicht. Trotzdem bleibt die Balance zwischen Belastung und Erholung ein fortlaufendes Thema, besonders mit zunehmendem Alter.

Passende Artikel zum Thema

Ernährung und mentale Stärke als Erfolgsfaktoren

Viele Menschen kämpfen mit gesunder Ernährung. Wie sehen Ihre Ernährungsgewohnheiten aus?

Ich achte auf gute Nahrungsbestandteile und vermeide hochverarbeitete Lebensmittel. Aber ansonsten verzichte ich auf fast gar nichts. Ich esse Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst – abwechslungsreich und breit gefächert. Mein Grundsatz lautet: Was ich esse, muss ich mir auch verdient haben. Wenn ich viel trainiere, darf und sollte ich auch kalorienreicher essen.

Früher war mir mein Frühstück vor langen Arbeitstagen in der Klinik heilig. Ich brauchte das, um den Tag zu überstehen. Seit ich nicht mehr um viertel vor Acht in der Klinik sein muss, lasse ich das Frühstück weg und esse meist erst mittags und abends. Wichtig ist: Dieses Modell funktioniert für mich gut, aber Ernährungsgewohnheiten sind individuell. Für andere kann eine andere Herangehensweise richtig sein.
 

„Ich verzichte auf fast gar nichts. Ich esse Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst – abwechslungsreich und breit gefächert. Mein Grundsatz lautet: Was ich esse, muss ich mir auch verdient haben.“

Thomas Wessinghage
Orthopäde und ehemaliger Leichtathlet

Welche mentalen Lehren aus dem Spitzensport helfen Ihnen noch heute im Alltag?

In einem Wettkampf steht man unter enormem Druck: Um einen herum kämpfen 15 andere um den ersten Platz, während zigtausende Menschen zusehen. Das ist eine Grenzerfahrung, die einen lehrt, mit Belastung umzugehen und negative Erfahrungen zu verarbeiten.

Ich versuche mir bei Belastungssituationen keinen Stress zu machen. Aus meiner Sicht ist es am besten, sich auf seine Fähigkeiten zu besinnen. Nach einem guten Wettkampf freue ich mich auf den nächsten, weil ich in Form bin. Nach einem schlechten Wettkampf freue ich mich ebenfalls darauf, weil ich die Chance habe, es besser zu machen und einen Erfolg zu feiern.

Diese Einstellung hat mir später auch im Staatsexamen und im beruflichen Alltag geholfen. Stress spielt seitdem keine große Rolle mehr in meinem Leben.

Passende Angebote der AOK

Fachlich geprüft
Fachlich geprüft

Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.


Interview mit Thomas Wessinghage, Orthopäde und ehemaliger Leichtathlet.

Waren diese Informationen hilfreich für Sie?

Noch nicht das Richtige gefunden?