Fitness
„Die Chancengleichheit im Sport beginnt im Kopf“
Veröffentlicht am:18.06.2026
6 Minuten Lesedauer
Sport soll verbinden, doch nicht alle haben die gleichen Chancen. Im Interview erklärt Dr. Heidi Scheffel, Queer-Beauftragte beim Landessportbund NRW, welche Hürden es gibt, warum viele aussteigen und wie Vereine Teilhabe konkret verbessern können.

© iStock / South_agency / KI-bearbeitet
Warum ist Diversität im Sport noch keine Selbstverständlichkeit?
Wer als trans, nicht-binäre oder queere Person Sport treiben möchte, stößt in Vereinen schnell an Grenzen – bei der Infrastruktur, der Sprache und oft auch den Einstellungen der anderen. Was es braucht, damit geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Sport keine Ausnahme sind und wo aktuell die Hürden liegen, weiß Dr. Heidi Scheffel. Sie ist Queer-Beauftragte des Landessportbund Nordrhein-Westfalen.
Heidi Scheffel, was bedeutet Ihre Arbeit als Queer-Beauftragte konkret und wie trägt sie zur Chancengleichheit im Sport bei?
Ich berate und unterstütze den Landessportbund NRW in Fragen rund um LGBTQIA+ und queerer Teilhabe. Ziel ist es, dass niemand aufgrund der geschlechtlichen oder der sexuellen Orientierung beim Sport ausgeschlossen wird.
Gemeinsam arbeiten wir als Team aus hauptamtlichen Kräften und der Vizepräsidentin für Gleichstellung daran, Vielfalt durch Qualifizierung, Infrastruktur und eine klare Haltung sichtbar zu machen und umzusetzen.
Dr. Heidi Scheffel

© Andrea Bowinkelmann
Dr. Heidi Scheffel wurde vom Präsidium des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen (LSB NRW) als Queer-Beauftragte berufen. Sie beleuchtet die Chancen und Herausforderungen rund um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt und sorgt für einen kompetenten Umgang mit dem Thema.
Studien zeigen, dass queere Menschen im Sport häufig Diskriminierung erleben. Was hören Sie konkret von Vereinen und Betroffenen?
Diskriminierung beginnt oft schon bei der Infrastruktur. Wer sich nicht binär, also weder als Mann noch als Frau, identifiziert, findet in einer Sporthalle häufig nur Männer- und Frauenumkleiden – das hält viele vom Vereinseintritt ab.
Dazu kommen verbale Angriffe: abwertende Sprüche, stereotype Zuschreibungen oder offene Ablehnung. Diskriminierende Aussagen wie „Das war ein Mädchenpass!“ sind leider keine Seltenheit. Teilweise werden Menschen leider auch körperlich angegriffen. Eine Übungsleiterin wurde kürzlich nach dem Training von Jugendlichen attackiert, weil sie nicht in deren Geschlechterbild passte.
Und dann gibt es strukturelle Ausschlüsse im Wettkampfbetrieb: Ein gemischtgeschlechtliches Basketballteam beispielsweise möchte in der Männer-Kreisklasse antreten und kann das nicht, weil Mixed Teams in der Spielordnung schlicht nicht vorgesehen sind. Solche Regelungen verhindern Teilhabe und sollten verändert werden.
„Die größte Barriere für Chancengleichheit im Sport liegt aktuell in den Köpfen der Menschen.“
Dr. Heidi Scheffel
Queer-Beauftragte des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen
Diese Nachteile entstehen ohne Chancengleichheit für LGBTQIA+-Personen
Welche Folgen hat das für Betroffene – und für den Sport insgesamt?
Viele LGBTQIA+-Personen verlassen die Teams oder treten einem Verein gar nicht erst bei. Entscheidend ist, ob sie sich willkommen fühlen – und das beginnt bei der Sprache; dem Anmeldebogen, der oft nur „Herr“ oder „Frau“ zur Auswahl hat, und dem ersten Kontakt.
Fehlt diese Willkommenskultur, ziehen sich die Betroffenen oft zurück oder weichen auf Individualsport aus, weil sie dort weniger Diskriminierung erwarten. Sie machen also nicht die Sportart, die sie eigentlich interessiert – sondern die, bei der sie sich am sichersten fühlen.
Und wer im Schulsport schon negative Erfahrungen gesammelt hat, meidet Vereine später häufig ganz, zeigt unsere Erfahrung. Für uns bedeutet das: Der Sport verliert Potenzial. Dabei sollte Bewegung für alle zugänglich und sicher sein.
Sie haben die Infrastruktur als eine große Barriere genannt: Wie lässt sich diese abbauen?
Ein wichtiger Ansatzpunkt sind die Umkleidesituationen: Dort können Einzelkabinen oder flexible Lösungen wie Vorhänge oder Stellwände helfen. Viele Schwimmhallen haben schon Einzelkabinen, die nur freigegeben werden müssen. Das kostet nichts außer der Entscheidung, es zu tun.
Eine gute Möglichkeit sind zudem Umkleideponchos, die von Vereinen gestellt werden können. Sie schaffen schnell eine Privatsphäre und die Rückmeldungen von Personen, die sie nutzen, sind auffallend positiv. Sie werden zum Beispiel im Rudersport, wo man sich häufig umziehen muss, gerne genutzt.
Wichtig dabei ist immer, niemanden auszugrenzen, etwa durch separate „Sonderlösungen“. Eine Abstellkammer für eine Person, während alle anderen die Umkleiden nutzen, ist keine gute Idee. Räume oder Umstände sollten so gestaltet sein, dass sie für alle funktionieren.

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Vorbilder und Hürden für Inklusion im Sport
Gibt es Sportarten, die Chancengleichheit bereits besser umsetzen?
Ja, einige Sportarten denken von Beginn an diverser. Ultimate Frisbee arbeitet mit geschlechteroffenen Teams und und manche haben sich auch sprachlich etwas überlegt: Statt „Manndeckung“ heißt es dann „Matchdeckung“.
Beim Quadball, ehemals Quidditch, ist Geschlechtervielfalt fest im Regelwerk verankert. Die Teams müssen unterschiedlich zusammengesetzt sein, das sorgt automatisch für Diversität. Insgesamt steigt die Anzahl der Sportarten, die sich bewusst aus dem binären System herausnehmen, und das ist eine wichtige Entwicklung.
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Wo sehen Sie aktuell die größten Hürden für mehr Chancengleichheit im Sport?
Weniger in der Infrastruktur als in den Köpfen. Geschlecht wird zurzeit wieder gezielt zum Kulturkampf stilisiert. Narrative, die sich daraus bilden und die teilweise auch medial stark aufgeladen werden, sind die eigentlichen Barrieren. Sie färben vom Leistungssport schnell auf den Breitensport ab.
Ohne fundiertes Wissen entstehen so Ängste und Vorurteile. Ein Elternteil drohte beispielsweise damit, eine Transperson aus einem Volleyballteam entfernen lassen zu wollen – aus Angst vor deren Schmetterschlag und um sein Kind. Hintergrund dafür ist ein Volleyballspiel in den USA, bei dem eine Transfrau eine Gegnerin mit einem Schmetterschlag traf. Daraus bildete sich medial das Narrativ, dass Transfrauen den Frauensport gefährden. Dabei hatte der Schmetterschlag eine geringere Geschwindigkeit als der ihrer Gegnerin.
Welche Rolle spielt die Haltung von Vereinen?
Qualifiziertes Wissen durch niedrigschwellige Angebote für Übungsleitende, Vorstände und Mitarbeitende sowie die Haltung sind entscheidend. Wenn ein Verein klar sagt: „Bei uns sind alle willkommen“, lassen sich viele praktische Probleme lösen.
Denn aus dieser Haltung entstehen dann konkrete Maßnahmen – von inklusiver Sprache bis zu angepassten Strukturen. Sport hat ein enormes Potenzial für Gesundheit, Gemeinschaft und Zusammenhalt. Gerade deshalb sollte er für alle offen sein.
Im Leistungssport ist das System starrer und es braucht leider noch viele Anpassungen für faire Lösungen, aber daran sollten wir uns nicht orientieren. Im Breitensport können wir schnell handeln: Es gibt absolut keinen Grund, Menschen auszuschließen.
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