Wichtige Schwerpunkte bei BGF für Pflegekräfte

Pflegekräfte stehen häufig unter Zeitdruck. Deshalb sind niedrigschwellig nutzbare BGF-Angebote so wichtig – von einer gesunden Pausenregelung bis hin zu stärkenden Übungen für den Rücken.

Wenig Zeit, hoher Bedarf für Betriebliche Gesundheitsvorsorge

Angesichts des Fachkräfte-Mangels steht die Pflegebranche vor einem Dilemma, wie der Pflegereport 2019 feststellt. Führungskräfte und Arbeitgeber wissen, wie notwendig gesundheitsfördernde Maßnahmen für ihre Beschäftigten sind. Gleichzeitig fehlt Pflegekräften oft die Zeit, um solche Aktivitäten überhaupt wahrzunehmen. Hinzu kommt, dass die meisten Pflegekräfte im Interesse der pflegebedürftigen Menschen regelmäßig über ihre zeitlichen sowie körperlichen und psychischen Grenzen gehen. Gesundheitsfördernde Maßnahmen werden vor diesem Hintergrund sogar teilweise als zusätzliche Belastung gesehen. Entsprechend heißt es aus Pflegeeinrichtungen, die für das Pflegethermometer 2018 vom Deutschen Institut für Pflegeforschung befragt wurden, dass jeder zweite Beschäftigte bestehende BGF-Angebote nicht beziehungsweise nur unzureichend nutzt.

Niedrigschwellig nutzbare Maßnahmen sind daher umso wichtiger. Damit sie auch tatsächlich von Pflegekräften angenommen werden, müssen Arbeitgeber finanzielle und zeitliche Ressourcen zur Verfügung stellen.

Die BGF-Maßnahmen konzentrieren sich am besten auf folgende Schwerpunkte, die sowohl die betrieblichen Rahmenbedingungen (Verhältnisse) als auch das persönliche Verhalten in den Blick nehmen.

Leitungskräfte verbringen einen Großteil ihrer Arbeitszeit damit, den Mangel an Personal aufzufangen. Vertrauen untereinander, respektvoller Umgang miteinander, eine offene und transparente Kommunikation bleiben oftmals auf der Strecke. Dabei sind es gerade diese Werte, die Pflegekräfte laut einer Online- Befragung im Rahmen des Pflegereports 2019 besonders hoch schätzen. Die Initiative Neue Qualität der Arbeit empfiehlt Vorgesetzten in ihrem Bericht „Gute Führung in der Pflege“,

  • gezielt Prioritäten zu setzen und die Aufgaben, die erledigt werden sollen, sorgfältig und an die Stärken der Mitarbeiter angepasst auszuwählen,
  • Dienstpläne und den Ablauf von Pflegeprozessen im gemeinsamen aktiven Austausch mit Mitarbeitern zu erarbeiten und diese dabei zu unterstützen, mit möglichen Veränderungen im Pflegebetrieb souverän umzugehen,
  • den Einsatz der Mitarbeiter durch regelmäßiges Lob wertzuschätzen, zum Beispiel, wenn Mitarbeiter Überstunden leisten, um krankheitsbedingte Personalengpässe zu überwinden,
  • Wertschätzung auch durch kleine konkrete Maßnahmen auszudrücken, zum Beispiel, indem für eine angenehme Berufskleidung gesorgt wird,
  • interkulturelle Zusammenarbeit zu fördern. Schließlich sind in der Pflegebranche über 140.000 sozialversicherungspflichtige Pflegekräfte (PDF, 263 KB)( mit ausländischer Staatsangehörigkeit tätig. Aufgabe der Führungskräfte ist es, Gleichbehandlung vorzuleben und grundsätzlich das Signal auszusenden, dass alle Beschäftigten im Unternehmen gleich wertgeschätzt werden und dass die Integration von Zuwanderern die Chance bietet, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Mit dem AOK-Programm „Gesund führen“ bekommen Führungskräfte wichtige Anregungen, um ein wertschätzendes Betriebsklima zu fördern.

Lange Arbeitsperioden, Wechselschichtdienste und das häufige ungeplante Einspringen bei Ausfall von Kollegen belasten Pflegekräfte besonders. Der Anteil an Frauen liegt in der Pflegebranche bei 85,5  Prozent. Gerade für sie bringen Wochenend- und Spätdienste Probleme mit sich, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung oder privaten Pflege von Angehörigen.

Damit Pflegekräfte in diesem Spannungsfeld nicht zerrieben werden, ist eine faire und gesundheitsgerechte Arbeits- und Schichtorganisation nötig. Sie setzt genug Personal, ausreichende Ruhezeiten, aber auch altersgerechte Tätigkeiten voraus. Genauso wichtig ist die frühzeitige Bekanntgabe von Dienstplänen, sodass die Mitarbeiter auch ihre Freizeit planen und gestalten können. Weitere gute Bausteine zur Gesunderhaltung der Pflegekräfte sind die Einführung eines freiwilligen Bereitschaftsdienstes  mit einer finanziellen Vergütung sowie Rücksichtnahme auf Wunschdienste.

Fast die Hälfte aller Beschäftigten in der Pflege verzichtet auf Arbeitspausen. Zu den Gründen zählen einerseits Stress und Arbeitsdruck, andererseits der hohe moralische Anspruch an die eigene Pflegeleistung. Das zeigt eine Studie der Wilhelm Löhe Hochschule in Nürnberg. Die Forscher fanden heraus, was für Pflegende eine gesunde Pause ausmacht. Die Antwort ist für alle drei Umgebungen – Krankenhaus, stationäre Altenpflege sowie ambulante Pflege – gleich:

  • Pflegekräfte wünschen sich keine Bewegungskurse für ihre Pause, sie wollen sich vom anstrengenden Berufsalltag erholen.
  • Das „gedankliche Abschalten“ während der Pause spielt für die Befragten eine entscheidende Rolle. Dazu gehört, dass arbeitsbedingte Störungen so weit als möglich während der Pausen vermieden werden.
  • Außerdem wünschen sich Pflegende während ihrer Pause den Austausch mit Kollegen. Kommunikation und sozialer Kontakt sind ein wesentlicher Hebel für gute Pausen.
  • Eine wichtige Voraussetzung für das Einhalten von Pausenzeiten ist, dass Führungskräfte Kurzpausen im Dienstplan vorsehen.

Auch für ambulante Pflegedienste empfiehlt es sich, einen gemeinsamen Pausenort für Pflegekräfte bereitzuhalten und im Tourenplan Zeiten für Pausen festzulegen. Dies erhöht zudem den Teamzusammenhalt, der ambulanten Pflegekräften oft fehlt. Wie der Pausenraum aussieht, ist dagegen weniger wichtig.

Von Muskel- und Skeletterkrankungen sind Pflegende deutlich häufiger betroffen als andere Berufsgruppen. Das liegt vor allem an der schweren oder einseitigen körperlichen Beanspruchung, zum Beispiel, wenn Patienten umgebettet oder gewaschen werden müssen. Im Durchschnitt fehlt ein ganzjährig versichertes AOK-Mitglied in einem pflegenden Beruf 8,6 Tage im Jahr aufgrund einer Muskel- oder Skelett-Erkrankung. Dies sind 2,8 Fehltage mehr als im Durchschnitt aller Berufe.

Um Rückenbeschwerden zu reduzieren und vorzubeugen, sind folgende Maßnahmen sinnvoll:

  • Das Bewegen der Patienten und Pflegebedürftigen so sicher und rückengerecht wie möglich durchführen.
  • Wichtig dafür ist der Einsatz von Hilfsmitteln, wie zum Beispiel Dusch- und Badewannenlifter, Umsetzhilfen, Evakuierungsstühle, mobile Lifter und Drehscheiben, Gleitmatten, Antirutschmatten oder Haltegürtel.
  • Bei der Frage, welche Hilfsmittel benötigt werden, beziehen Arbeitgeber die Pflegekräfte am besten mit ein. Das hilft, die richtigen Prioritäten bei der Auswahl zu setzen, Kosten zu sparen und die Akzeptanz bei den Beschäftigten zu erhöhen.
  • Zudem werden Arbeitsabläufe idealerweise so organisiert, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen stehenden, sitzenden, rückengerechten und -belastenden Tätigkeiten ermöglicht wird.
  • Mit Fortbildungsangeboten für eine arbeitsplatzspezifische Rückenschulung können Arbeitgeber Verhaltensänderungen bei den Pflegekräften fördern.
  • Parallel dazu sollten Programme zur funktionellen Rückengymnastik und Entspannung angeboten werden, zum Beispiel als Online-Programm, das den Pflegenden jederzeit zur Verfügung steht.

Fehltage wegen psychischer Erkrankungen kommen in der Pflege doppelt so häufig vor wie in anderen Berufen, zeigt der Pflege-Report 2019.  Ein Grund dafür ist, dass Pflegekräfte täglich viel mit Leid bis hin zu Todesfällen zu tun haben. Außerdem müssen sie zum Teil mit schwierigen Patienten oder deren Angehörigen umgehen und arbeiten oft unter Zeitdruck.

Um den psychischen Druck zu reduzieren, können spezielle Coachings und Fortbildungen Pflegekräften die Möglichkeit geben, Kompetenzen für ein individuelles Stressmanagement zu erwerben. Derartige Schulungen haben laut den Autoren des iga.Wegweisers „Gesundheit für Pflegekräfte im Berufsalltag“ einen hohen Wirkungsgrad. Zu den im Pflegealltag gefragten Kompetenzen gehören zum Beispiel Selbstreflexion, die eigene Emotionswahrnehmung, die Kommunikation mit Klienten und Angehörigen oder die Fähigkeit, konstruktiv mit negativen Gefühlen oder Stresssituationen umzugehen.

Genauso wichtig ist das selbstsichere Vertreten der eigenen Interessen und persönlichen Grenzen. Denn nur dann kann eine gesunde Balance zu den Anforderungen durch Patienten, Angehörige, Kollegen und Vorgesetzte hergestellt werden.

Stand

Erstellt am: 12.08.2020

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