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Interview: Warum ist Outdoor-Sport so gesund?

Veröffentlicht am:10.03.2026

6 Minuten Lesedauer

Sport in der Natur ist nicht nur gut für die Gesundheit, er fördert auch Bildung und soziale Kontakte. Die Sportwissenschaftlerin Dr. Barbara Eigenschenk berichtet, was den Outdoor-Sport ausmacht und wie man sich selbst bei Nieselregel motivieren kann.

Zwei Frauen und ein Mann wandern mit Rucksäcken und Trekkingstöcken auf einem grünen Waldweg.

© iStock / Drazen Zigic

Dr. Barbara Eigenschenk steht vor einem großen Fenster, ihr Arm ruht auf einem Treppengeländer.

© privat

Ob Sportklettern, Skibergsteigen oder Spazierengehen mit ihren Kindern: Dr. Barbara Eigenschenk weiß aus eigener Erfahrung, wie gut Sport in der Natur tut. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sport- und Gesundheitsdidaktik an der Technischen Universität München und lehrt in den Bereichen Bildung für nachhaltige Entwicklung im Sport und Erlebnispädagogik. Neben ihren universitären Tätigkeiten ist sie Vorstandsmitglied im European Network of Outdoor Sports (ENOS).

Welche Aktivitäten zu Outdoor-Sport gehören

Viele Menschen verbinden Outdoor-Sport mit Extremsportarten wie Klettern oder Bergsteigen. Was zählt dazu?

Mein Verständnis – und das des European Network of Outdoor Sports (ENOS) – ist umfassender: Outdoor-Sport ist jegliche Bewegung in natürlicher Umgebung, vom Spaziergang im Park bis zur Bergtour. Entscheidend ist die Auseinandersetzung mit der Natur. Aus diesem Grund würde ich Fußball im Park beispielsweise nicht zum Outdoor-Sport zählen. Hier findet die Bewegung zwar auch unter freiem Himmel statt, der Fokus liegt aber auf dem Mannschaftssport und auf dem Ball.

Wie könnte man Outdoor-Sport noch definieren?

Einige Länder interpretieren den Bereich noch offener. In Skandinavien spricht man zum Beispiel gar nicht von Outdoor-Sport, sondern von „Friluftsliv“. Das bedeutet „Leben unter freiem Himmel“. Das Draußensein ist dabei vielleicht sogar wichtiger als der Sport. Deshalb gehören auch Aktivitäten wie Vögel beobachten oder Pilze sammeln dazu. Man muss hier auch keine klare Linie ziehen.

„Wir alle spüren, wie ein Spaziergang nach einem stressigen Arbeitstag Anspannung und Stress mindert.“

Dr. Barbara Eigenschenk
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik, TU München

Wie sich Outdoor-Sport auf Gesundheit und soziales Leben auswirkt

Welche positiven Effekte hat Outdoor-Sport auf die Gesundheit?

Die Bewegung in der Natur hat viele gesundheitliche Vorteile. Eine europaweite Studie, an der ich mitwirkte und die 133 europäische Studien zu den Effekten von Outdoor-Sport analysierte, zeigte: Outdoor-Sport senkt das Risiko für Volkskrankheiten wie Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Typ-2-Diabetes.

Sport draußen hält nicht nur fit. Besonders prägnant sind auch die positiven Effekte auf die psychische Gesundheit. Der Spruch „Man muss an die frische Luft“ ist durchaus richtig. Wir alle spüren, wie ein Spaziergang nach einem stressigen Arbeitstag Anspannung und Stress abfallen lässt. Outdoor-Sport verbessert das Wohlbefinden, steigert die allgemeine Lebensqualität und kann das Risiko für Stress oder Depressionen deutlich reduzieren.

Welche Vorteile hat Outdoor-Sport gegenüber Indoor-Sport?

Ich würde die beiden Bereiche nicht gegeneinander ausspielen. Entscheidend ist, was einem selbst gut liegt. Wer lieber im Fitnessstudio trainiert oder zweimal pro Woche Handball spielt, sollte das unbedingt tun.

Dennoch sind die vergleichenden Effekte für die Gesundheit interessant. Eine Studie zeigte: Personen auf einem Fahrradergometer bauten Stresshormone schneller ab, wenn sie Bilder einer grünen Parkumgebung betrachteten, als wenn sie eine städtische Kulisse sahen. Studien belegen zudem, dass Sport in natürlicher Umgebung größere positive Effekte auf Anspannung, Wut und Depressionen hat. Auch die Erholung setzt schneller ein.

Laut einer weiteren Studie verringerte sich bei gesunden Personen durch einen 90-minütigen Spaziergang in einer natürlichen Umgebung sowohl das selbstberichtete Grübeln als auch die neuronale Aktivität in einem Bereich des Gehirns, der mit dem Risiko für psychische Erkrankungen in Verbindung steht. Bei Spaziergängen in der Stadt traten diese Effekte nicht auf.

In Bezug auf die physische Gesundheit zeigte eine dänische Studie, dass Radfahrende ein um 11 bis 18 Prozent niedrigeres Risiko für koronare Herzerkrankungen haben als Nicht-Radfahrende. Darüber hinaus finde ich spannend, wie Outdoorsport therapeutisch eingesetzt wird. Das Anwendungsfeld reicht dabei von der nicht-medikamentösen Behandlung von Kindern mit ADHS bis hin zu Menschen mit Demenz.

Ein weiterer Vorteil ist die Zugänglichkeit. Ein Spaziergang im Park oder eine Radtour lässt sich flexibel in jeden Tagesablauf integrieren. Dies ist oft einfacher als bei Mannschaftssportarten mit festen Trainingszeiten. Zudem lassen sich Outdoor-Sportarten wie Spazierengehen, Radfahren oder Schwimmen unabhängig vom Alter oft ein Leben lang ausüben.

Über die gesundheitlichen Aspekte hinaus – was bewirkt Outdoor-Sport noch?

Unsere Studie hat viele weitere positive Auswirkungen identifiziert. Besonders hervorzuheben sind die Bildungseffekte und die soziale Komponente. Wer Sport in der Natur macht, setzt sich intensiv mit sich selbst, anderen Menschen und der Natur auseinander. Gerade für Kinder und Jugendliche ist dies eine gute Möglichkeit, eine Verbindung zur Natur herzustellen und diese mit allen Sinnen zu erleben.

Ebenso entscheidend ist die soziale Dimension. Für ältere Menschen werden oft Outdoor-Sportprogramme entwickelt, die in erster Linie die Gesundheit fördern sollen. Tatsächlich schätzen die Teilnehmenden die sozialen Kontakte in der Gruppe oftmals noch mehr.

Wie man den Einstieg in Outdoor-Sport findet und sich motiviert

Wie können Neulinge oder Kinder einen leichten Zugang zu Sport in der Natur finden?

Oft sind es die Barrieren im Kopf, die uns zögern lassen. Hier hilft es beispielsweise, Gleichgesinnte zu suchen und einer Gruppe oder einem Verein beizutreten. Das gilt besonders für Sportarten wie Klettern, die ein gewisses Know-how erfordern. Auch Planungstools wie Apps, die Routenvorschläge oder Ideen bereithalten, sind nützlich.

Ein konkretes Beispiel ist die „rauszeit!Box“, ein Online-Angebot der Universität Konstanz und der Technischen Universität München. Die Box umfasst eine Sammlung von 22 Ideen und Spielen, die vor allem Familien den Schritt vor die Tür erleichtern sollen. Sie ist weniger auf klassischen Outdoor-Sport ausgerichtet, sondern gibt vielfältige Anregungen – von Waldspaziergängen bis zur Schatzsuche. Dabei vermitteln sie spielerisch auch wichtige Zukunftsthemen wie Klimaschutz oder nachhaltige Mobilität.

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Der Zugang ist die eine Sache, die Motivation die andere. Wie motiviert man sich, tatsächlich rauszugehen und sich zu bewegen?

Man sollte sich kleine Ziele setzen. Es muss nicht gleich eine dreistündige Fahrradtour sein. Ein fünfzehnminütiger Spaziergang durch den Park genügt auch, um gesundheitliche Effekte zu erzielen. Auch hilft es, Routinen zu etablieren. Am besten behandelt man die Zeit im Freien wie einen wöchentlichen Termin, für den man sich Zeit reserviert. Auch Verabredungen mit Freundinnen und Freunden eignen sich, um Routinen zu festigen.

„Gut gerüstet verschwindet die Ausrede, bei ungemütlichem oder regnerischem Wetter nass zu werden.“

Dr. Barbara Eigenschenk
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik, TU München

Wie schafft man auch bei Nieselregen und niedrigen Temperaturen den Schritt vor die Tür?

Man sollte sich die Frage, ob man rausgeht, gar nicht erst stellen. Meine Tochter ist in einem Waldkindergarten. Es geht nicht darum, ob sie da heute hingeht, sondern, welche Jacke sie anzieht, die dicke oder die dünne. Mein Ratschlag daher: Sorgen Sie für die passende Ausrüstung und Kleidung. Gut gerüstet verschwindet die Ausrede, bei ungemütlichem oder regnerischem Wetter nass zu werden.

Wichtig ist auch, den Sport nicht als Schönwetterprogramm zu sehen. Ich denke dabei direkt an Städte wie Kopenhagen, wo die Menschen das ganze Jahr über Fahrrad fahren. Wir sind nicht aus Zucker – das sollten wir in unsere Köpfe bringen. Man darf sich dann auch selbst belohnen. Wie toll ist es, nach einer Outdoor-Sporteinheit bei Niesel- oder Schneeregen wieder reinzukommen, irgendwo einzukehren und sich ein heißes Getränk schmecken zu lassen? Das Gefühl, es nach draußen geschafft zu haben, ist wirklich toll.

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