Psychologie
Männliche Essstörungen: ein unterdiagnostiziertes Phänomen
Essstörungen gelten noch immer als klassisches Frauenproblem. Dabei sind auch Männer betroffen, doch sie rutschen oft durchs Raster. Warum Ärztinnen und Ärzte die Essstörung bei ihnen häufig übersehen und wo Betroffene Hilfe finden.

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Inhalte im Überblick
- Warum werden Essstörungen bei Männern seltener diagnostiziert?
- Wie oft sind Männer von Essstörungen betroffen?
- Warum entwickeln Männer eine Essstörung?
- Wie unterscheidet sich das Krankheitsbild bei Männern von dem bei Frauen?
- Was ist eine Muskelsucht?
- Welche Anzeichen deuten bei einem Mann auf eine Essstörung hin?
- Wie finden Männer mit Essstörungen professionelle Hilfe?
Warum werden Essstörungen bei Männern seltener diagnostiziert?
Wer an Essstörungen denkt, denkt meist an junge Frauen. Dieses Bild ist so tief verankert, dass Männer mit Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating-Störung oft übersehen werden – von ihrem Umfeld, aber auch von Fachkräften. Dabei zeigen aktuelle Studien, dass Essstörungen bei Männern zunehmen.
Manche Ärztinnen und Ärzte suchen bei Männern mit auffälligem Gewicht oder anderen Symptomen eher nach körperlichen Ursachen und ziehen eine Essstörung seltener in Betracht als bei weiblichen Personen. Eine Ursache dafür ist vermutlich eine unzureichende Forschung, aber auch die öffentliche Wahrnehmung von Essstörungen als „Frauenkrankheit“ und ein geschlechtsspezifisches Verhalten.
Denn Männer sprechen ihre Symptome seltener offen an, da sie sich für die Essstörung schämen oder Angst haben, den männlichen Rollenbildern nicht gerecht zu werden. Dadurch haben betroffene Männer, die medizinischen Rat suchen, ein erhöhtes Risiko, keine oder eine falsche Diagnose zu erhalten. Doch diese Besonderheiten wurden in den medizinischen Diagnosesystemen lange Zeit nicht berücksichtigt.
Welche Art der Essstörung tritt bei Männern am häufigsten auf?
Männer erkranken, genau wie Frauen, am häufigsten an der Binge-Eating-Störung, gefolgt von Bulimie. Magersucht ist bei allen Betroffenen die seltenste Form. Daneben gibt es sogenannte Mischformen, bei denen nicht alle Diagnosekriterien einer bestimmten Essstörung erfüllt sind. Diese Mischformen treten mindestens so häufig auf wie die klar abgegrenzten Krankheitsbilder.
Binge-Eating: Wie entsteht die Störung?
Wie oft sind Männer von Essstörungen betroffen?
Von 1.000 Jungen und Männern erkranken im Laufe ihres Lebens durchschnittlich etwa 10 an einer Binge-Eating-Störung, 6 an Bulimie und 2 an Magersucht.
Bei Männern und Frauen beginnen die Essstörungen bereits in jungen Jahren, allerdings werden im Jugendalter Unterschiede sichtbar: Bis zum frühen Erwachsenenalter haben sehr viel mehr junge Frauen eine Essstörung erlebt als Männer.
Während und nach der Corona-Pandemie stiegen die Zahlen besonders an: Expertinnen und Experten beobachteten in ihren Praxen und in Kliniken eine Zunahme von Essstörungen. Zudem erlitten viele Menschen, die bereits vor der Pandemie eine Essstörung hatten, in dieser Zeit einen Rückfall.
Warum entwickeln Männer eine Essstörung?
Essstörungen entstehen durch ein Zusammenspiel aus biologischen, psychischen und sozialen Faktoren. Für Männer spielt vor allem der Druck, muskulös zu sein und wenig Körperfett zu haben, eine große Rolle. Denn Medien, Gleichaltrige und die eigene Familie prägen früh, wie ein „richtiger“ männlicher Körper aussehen soll.
Es scheint so zu sein, dass ein gestörtes Köperbild begünstigt wird, wenn Eltern ihre Söhne schon im Kleinkindalter ermutigen, größer oder stärker zu werden. Bei jugendlichen Sportlern ist der Druck, ihr Gewicht unter Kontrolle zu behalten und viele Muskeln zu haben, ein besonders wichtiger Faktor für gestörtes Essverhalten.
Wie wichtig ist das eigene Körperbild?
Ob der gesellschaftliche Druck einen Mann krank macht, hängt stark vom eigenen Körperbild ab, also wie er über sein Aussehen denkt und sich dabei fühlt. Diese Zufriedenheit oder Unzufriedenheit beginnt oft schon in der Kindheit: Bereits sechsjährige Jungen glauben manchmal, sie hätten nicht genug Muskeln, fanden Forscherinnen und Forscher heraus.
Eine britische Befragung von über 4.500 Erwachsenen und rund 1.100 13-Jährigen zeigt, wie weit verbreitet ein problematisches Selbstbild ist: 25 Prozent der Jungen sorgten sich „oft“ oder „ständig“ um ihren Körper, ebenso viele Männer empfanden Scham aufgrund ihres Körperbildes.
Doch die Bewertung des eigenen Aussehens hängt eng damit zusammen, ob Männer die Symptome einer Essstörung entwickeln: Wer mit dem eigenen Körper unzufrieden ist, zeigt häufiger solche Anzeichen. Wer aus dieser Unzufriedenheit heraus einem muskulösen Ideal nacheifert, kann teils ein ähnlich stark gestörtes Essverhalten entwickeln wie Menschen mit Magersucht.
Kann eine Essstörung erblich bedingt sein?
Neben sozialen und psychischen Einflüssen spielt auch die Veranlagung eine Rolle. Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass rund die Hälfte des Risikos, eine Essstörung zu entwickeln, auf die Gene zurückgehen könnte.
Auffällig ist dabei ein Geschlechterunterschied: Bei gemischten Zwillingspaaren (ein männlicher und ein weiblicher Zwilling) hatten die weiblichen Zwillinge durchgängig ein höheres genetisches Risiko als ihre männlichen Geschwister. Möglicherweise spielt außerdem die Hormonumstellung der Pubertät eine Schlüsselrolle.

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Wie unterscheidet sich das Krankheitsbild bei Männern von dem bei Frauen?
Während sich Frauen mit Essstörung meist ein möglichst schlankes Idealbild wünschen, streben betroffene Männer eher ein muskulöses Aussehen an. Sie sind daher oft normalgewichtig oder haben einen sportlichen Körper und fallen seltener durch extremes Dünnsein auf. Zudem hängen bei ihnen die Essstörungen oft mit einer Muskelsucht zusammen.
Was beide Geschlechter dagegen vereint, sind die psychischen Begleiterkrankungen. Viele Menschen mit einer Essstörung haben beispielsweise auch eine Depression, eine Angststörung oder eine Zwangserkrankung.
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Was ist eine Muskelsucht?
Muskelsucht gilt offiziell nicht als Essstörung, sondern als körperbezogene Störung. Bei der Muskelsucht, fachlich Muskeldysmorphie, kreisen die Gedanken zwanghaft um die eigene Muskelmasse, während die Körperwahrnehmung gestört ist. Betroffene empfinden sich daher immer als zu schmächtig, selbst dann, wenn sie bereits überdurchschnittlich muskulös sind.
Um den vermeintlichen Idealkörper zu erreichen, werden strenge Diäten und penibles Food-Tracking durchgeführt, viele Proteinpräparate konsumiert sowie exzessives Krafttraining betrieben, oft trotz Verletzungen oder gesundheitlicher Probleme. Manche Männer greifen zudem zu Anabolika, um das Muskelwachstum zu beschleunigen.
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Welche Anzeichen deuten bei einem Mann auf eine Essstörung hin?
Typische Warnzeichen sind, wenn ein Mann
- sich übertrieben stark mit dem Thema Nahrung beschäftigt,
- extrem einseitig isst oder hungert, auch um Gefühle zu unterdrücken,
- stark an Gewicht verliert,
- ein gestörtes Körper- und Selbstwertgefühl entwickelt.
Weitere Symptome können exzessiver Sport sein oder die Einnahme leistungssteigernder Substanzen. Einige Betroffene versuchen außerdem, ihr auffälliges Ess- und Trainingsverhalten vor anderen zu verbergen.
Wie finden Männer mit Essstörungen professionelle Hilfe?
Der erste Schritt ist oft der schwerste: die eigene Problematik anzuerkennen und sich Hilfe zu holen. Wenn Sie vermuten, dass Sie eine Essstörung haben, wenden Sie sich an Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt oder eine spezialisierte Beratungsstelle.
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit bietet auf seiner Website eine Suche nach Beratungsstellen für Betroffene sowie Angehörige an.
Als besonders wirksam bei Essstörungen hat sich die Verhaltenstherapie erwiesen. Die Chancen auf vollständige Heilung sind dann bei Männern nach aktuellem Wissensstand vergleichbar mit denen bei Frauen. Entscheidend dafür ist: Je früher Sie eine Behandlung beginnen, desto besser sind die Aussichten.
Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Capuano EI, Ruocco A, Scazzocchio B, Zanchi G, Lombardo C, Silenzi A, Ortona E and Varì R (2025): Gender differences in eating disorders. Front. Nutr. 12:1583672.
Spratt CJ, MacKenzie Myles LA, Merlo EM: Eating Disorders in Men: A Comprehensive Summary. Journal of Mind and Medical Sciences. 2022; 9(2):249-254.
Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG):
Wie bedeutsam ist das Geschlecht?
Halbeisen G, Laskowski N, Brandt G, Waschescio U, Paslakis G: Eating Disorders in Men. Dtsch Arztebl Int. 2024;121(3):86-91.
Männergesundheitsportal: Essstörungen.
Badenes-Ribera L, Rubio-Aparicio M, Sánchez-Meca J, Fabris MA, Longobardi C: The association between muscle dysmorphia and eating disorder symptomatology: A systematic review and meta-analysis. J Behav Addict. 2019;8(3):351-371.









