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Was bei Stress in unserem Körper passiert

Lesezeit: 5 MinutenAktualisiert: 30.09.2020

Extrem starke Belastung ist allgegenwärtig und hat einen ziemlich schlechten Ruf. Teilweise zu Unrecht, sagen Stressforscher. Gäbe es keinen Stress, wäre der Mensch vermutlich längst ausgestorben.

Inhalte im Überblick

    Im Grunde ist die Stressreaktion nämlich ein Geniestreich der Natur, denn erst unter Stress läuft unser Körper zur Hochform auf. Dann schießen in Sekundenbruchteilen Stresshormone wie zum Beispiel Kortisol, Noradrenalin und Adrenalin ins Blut. Sie sorgen unter anderem dafür, dass Herzschlag und Atmung sich beschleunigen, mehr Sauerstoff durch den Körper strömt und Gehirn und Muskeln ausreichend Zucker zur Verfügung steht.

    „Stressreaktionen befördern unsere Anpassungsfähigkeit, indem Energie bereitgestellt wird“, sagt der Psychiater und Stressforscher Professor Dr. Mazda Adli. „Akuten Stress halten wir deshalb gut aus, dafür sind wir quasi gemacht.“ Problematisch wird es, wenn man dauerhaft gestresst ist. Was jeder darüber wissen sollte, beantwortet Professor Adli hier.

    Prof. Dr. Mazda Adli ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Außerdem ist er Psychiater und Stressforscher.

    Wann sprechen Sie von chronischem Stress?

    Dauerhaften Stress erleben wir zum Beispiel bei einer Belastung, deren Ende nicht in Sicht ist. Wir können einen Kontrollverlust erfahren, weil wir uns ausgeliefert fühlen. Es ist ein sehr belastendes Gefühl, wenn wir keine Idee haben, wie sich alles weiterentwickeln wird.

    Demnach müssten in der Corona-Krise einige Menschen unter chronischem Stress gelitten haben, oder?

    Davon ist auszugehen, weil nichts vorhersehbar ist, was mit dem Virus zu tun hat. Und wenn wir dauergestresst sind und keine Gegenmaßnahmen ergreifen, kann es auch unsere Gesundheit belasten. Man kann daher von toxischem Stress sprechen, weil ein Übermaß an Stresshormonen wie Giftstoffe wirken kann.

    Die Ausschüttung des Stresshormons Kortisol läuft auf Hochtouren, wie eine Achterbahn, die nicht mehr zu stoppen ist. Eine Fehlsteuerung des Stresssystems.

    Welche gesundheitlichen Folgen hat diese Fehlsteuerung?

    In Tests konnte herausgefunden werden, dass chronischer Stress unter anderem das Nervensystem schädigt, weil bestimmte Neuronen zugrunde gehen. Die häufigste Folge davon sind Depressionen.

    Aber auch Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und jede Menge psychischer Anspannungen, die sich in Familien bemerkbar machen, stehen im engen Zusammenhang mit Dauerstress. Die Familie ist ein empfindliches System.

    „Besonders Kinder können äußerst sensibel auf eine angespannte Stimmung zu Hause reagieren.“

    Prof. Dr. Mazda Adli
    Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

    Warum ist sie so empfindlich?

    Weil in dieser Gemeinschaft keiner seinen Stress allein hat, sondern sich jede individuelle Stressreaktion auch auf alle anderen Familienmitglieder auswirken kann. Man muss sich das vorstellen wie ein komplexes System kommunizierender Röhren. Wenn an einer Stelle der Wasserstand nicht stimmt, wirkt sich das auf alle aus.

    Besonders Kinder können äußerst sensibel auf eine angespannte Stimmung zu Hause reagieren, weil sie Ängste und Sorgen in ihrer direkten Umgebung meist ungefiltert mitbekommen. Ich rate Eltern deshalb in der Regel, die eigenen Ängste oder Unsicherheiten möglichst untereinander oder im Freundeskreis zu besprechen. Gerade in diesem Jahr, wo es viele Gründe für tiefe Verunsicherungen gibt, die Stressreaktionen triggern können.

    Sie meinen im Corona-Jahr?

    Genau. Durch das ungewohnte Leben auf engem Raum waren viele Familien für einen längeren Zeitraum massiven Stressbelastungen ausgesetzt. Psychologen sprechen vom Dichtestress, einer besonderen Form von sozialem Stress.

    Zudem zeigt eine Studie der Uni Koblenz-Landau, dass viele Eltern die Beziehung zu ihren Kindern durch das Homeschooling belastet sahen. Und wenn sich auch vieles gelockert hat und vielerorts wieder Normalität eingekehrt ist – Stresserlebnisse können uns nachhaltig beeinträchtigen.

    Wird denn Stress von Frauen und Männern gleichermaßen erlebt?

    Generell läuft eine Stressreaktion bei allen Menschen sehr ähnlich ab. Männer haben jedoch im Durchschnitt eine stärkere Kortisolausschüttung. Zudem wurde in Stresstests mit bildgebenden Verfahren gezeigt, dass bei Männern Hirnareale aktiv sind, die erhöhte Aufmerksamkeit zeigen, bei Frauen aber sind es Areale, die für Emotionssteuerung zuständig sind.   

    Und was müssen Kinder über Stress wissen?

    Dass Stress zum Leben dazugehört. Und dass sie deshalb keine Angst vor Stress zu haben brauchen, weil es eine natürliche Reaktion ist, dieses Gefühl, unter Druck zu stehen. Dieses Wissen ist deshalb so wichtig, weil Angst ein schlechter Begleiter ist. Verspüren wir sie, wollen wir meist vor dem Problem davonlaufen, und das bewirkt bei Stress oft das genaue Gegenteil.

    Was ist es denn, was bei Kindern Stress auslöst?

    Natürlich kann auch eine Überforderung in der Schule Kinder unter Druck setzen, aber noch häufiger leiden sie unter sozialen Stressreaktionen. Wenn sie zum Beispiel das Gefühl haben, sie werden von einer Gruppe ausgeschlossen, oder wenn sie Kritik zu erwarten haben.

    Auch das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, kann Stress bei Kindern auslösen. Sozialer Stress liegt immer dann vor, wenn unser sozialer Status in Frage gestellt wird und das ist bei Kindern zum Beispiel schon dann der Fall, wenn sie das Gefühl haben, das Geschwisterkind würde bevorteilt werden.

    „Eine gelingende Kommunikation ist die wichtigste Maßnahme, um Stress in den Griff zu bekommen.“

    Prof. Dr. Mazda Adli
    Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

    Und was sollten Eltern in dem Fall tun, um Stress in der Familie zu reduzieren oder gar zu bewältigen?

    Es ist, wie gesagt, sehr wichtig, über das Thema Stress zu sprechen, weil er eben einfach zum Leben dazugehört. Wir müssen davor nicht weglaufen. Dieses Wissen bringt Kindern bereits eine enorme Erleichterung, denn was erlaubt ist, brauchen sie nicht zu befürchten. Eine solche Sichtweise kann auch uns Erwachsenen helfen.

    Wie können Eltern Kindern dieses Wissen am besten vermitteln?

    Durch Gespräche. Eine gelingende Kommunikation ist die wichtigste Maßnahme, um Stress in den Griff zu bekommen. Das gilt genauso für den Stress der Eltern, egal, ob es sich dabei um den Leistungsdruck im Job, um familiäre Überforderungen oder Beziehungsstress handelt.

    In der Familie geht es auch häufig um Autonomiestress, um das ständige Ringen um Bindung und Freiheit. Nur gemeinsame, in Ruhe geführte Gespräche können hier Abhilfe schaffen. Und stressfreie Inseln. Jede Stunde, die eine Familie etwas Schönes zusammen unternimmt, ist Gold wert.

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