Psychologie

Kulturschock: Wenn in einer fremden Umgebung die Unsicherheit überhandnimmt

Veröffentlicht am:03.11.2026

10 Minuten Lesedauer

von Volker Zapf

Vor einem Auslandsaufenthalt mischt sich oft Unsicherheit in die Vorfreude. Im Gastland und seiner Kultur angekommen, kann daraus ein emotionaler Konflikt entstehen, der als Kulturschock bezeichnet wird. Wie er sich äußert und was hilft.

Eine Frau im mittleren Alter steht am Fenster und schaut auf mehrere Hochhäuser. Sie schaut ernst.

© iStock / FG Trade

Was versteht man unter einem Kulturschock?

Als Kulturschock werden im Allgemeinen die Eingewöhnungsprobleme bezeichnet, die Menschen in einer ungewohnten Umgebung mit anderen sozialen und kulturellen Gepflogenheiten haben können und die sich womöglich in psychischen Problemen niederschlagen.

Die American Psychological Association definiert Kulturschock als Gefühle von Einsamkeit, Angst, Verwirrung und psychischer Belastung, die Menschen erleben, wenn sie auf ein neues oder ungewohntes kulturelles Umfeld treffen oder auf sonstige Weise einen grundlegenden kulturellen Wandel durchlaufen.

Wie alt ist das Konzept des Kulturschocks?

Der Begriff „Kulturschock“ ist ein altes psychologisches Konzept. Im Allgemeinen wird er dem kanadischen Anthropologen Kalervo Oberg zugeschrieben, der ihn in einer im Jahr 1954 erschienenen Veröffentlichung populär machte.

Oberg definiert den Kulturschock als emotionalen Zustand, der durch die Angst ausgelöst wird, alle vertrauten Zeichen und Symbole des sozialen Umgangs zu verlieren. Demnach verbirgt sich hinter dem Kulturschock Orientierungslosigkeit in einer neuen Umgebung, die in Unsicherheit und Frustration umschlagen kann.

Ist ein Kulturschock eine psychische Störung?

Ein Kulturschock ist keine psychische Störung. Oberg selbst hat den Kulturschock als eine „Berufskrankheit“ von Menschen bezeichnet, die plötzlich ins Ausland versetzt werden – als eine Krankheit mit Ursache, Symptomen und Heilungsmöglichkeiten. Diese Sichtweise wird heute nicht mehr geteilt.

Ein Kulturschock wird stattdessen als emotionaler Konflikt verstanden, der durch das Leben in einer neuen, unvertrauten Kultur entsteht. Er ist eine völlig nachvollziehbare psychische Reaktion auf Veränderungen und für manche Menschen Teil des Anpassungsprozesses.

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Welche vier Phasen hat ein Kulturschock?

Kalervo Oberg hat vier Phasen vier Phasen der kulturellen Anpassung beschrieben. Dieses Modell bietet eine Orientierung, beschreibt aber natürlich keinen festen Ablauf, den alle Menschen gleichermaßen durchlaufen. Auch heute noch wird auf diese vier Phasen Bezug genommen.

  • Honeymoon-Phase

    In den ersten Wochen nach der Ankunft in einem fremden Kulturkreis ist vieles neu und aufregend. Neugier auf das neue Land und seine Bewohner bestimmt die Gefühlslage und sorgt für Euphorie.

  • Krisenphase

    Nach der anfänglichen Euphorie kommt es zu ersten Missverständnissen und Schwierigkeiten im Umgang mit Einheimischen. Die Unterschiede zur eigenen Kultur und das mangelnde Kulturverständnis führen zu Frustration und Aggression.

  • Erholungsphase

    Mit wachsendem Verständnis für die neue Umgebung und ihre Gepflogenheiten kann die Unsicherheit nachlassen. Vor- und Nachteile beider Kulturen treten hervor und das Verständnis für die Gepflogenheiten des Landes wächst. Diese Gepflogenheiten werden nicht mehr als stark befremdlich empfunden und man fühlt sich im neuen Land mehr und mehr zu Hause. Die emotionale Lage bessert sich.

  • Anpassungsphase

    Die Akzeptanz für die fremde Kultur ist umfassend. Man findet sich im Alltag zunehmend zurecht und kann mit den ungewohnten Gepflogenheiten sicherer umgehen. Je mehr man die Kultur verinnerlicht hat, desto wohler fühlt man sich.

Warum ist auch von 5 Phasen des Kulturschocks die Rede?

Wird die Rückkehr in den eigenen Kulturkreis in das Konzept des Kulturschocks einbezogen, lässt sich das Modell um eine fünfte Phase erweitern: den Rückkehr-Kulturschock.

Nach der Rückkehr in die Heimat kann man sich im eigenen Land fremd fühlen. Man erlebt einen erneuten Kulturschock bei der Wiedereingliederung in die einst vertrauten Lebensumstände, die manchen Menschen nach einem längeren Auslandsaufenthalt ungewohnt vorkommen.

Manche Rückkehrenden haben zum Beispiel zu hohe eigene Erwartungen an die Rückkehr in die vertraute Heimat. Verläuft die Wiedereingewöhnung schwieriger als erwartet, kann das mit stärkerer Belastung und geringerer Lebenszufriedenheit einhergehen.

Wie äußert sich ein Kulturschock?

In welcher Form und wie intensiv sich ein Kulturschock bemerkbar macht, ist individuell unterschiedlich. Dies hängt unter anderem von den persönlichen Erfahrungen und der Einstellung gegenüber Veränderungen ab. Auch das Wissen über die neue Kultur und die Vorbereitung kann eine Rolle spielen.

Das Unbehagen, das man in einem fremden Kulturkreis empfindet, kann sich auf verschiedene Weise äußern:

  • Ängstlichkeit
  • Reizbarkeit
  • Niedergeschlagenheit
  • Langeweile
  • Einsamkeitsgefühle
  • Schwierigkeit, soziale Kontakte zu knüpfen
  • körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Schlafstörungen oder Müdigkeit

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Beispiele für einen Kulturschock – wer kann betroffen sein?

Ein Kulturschock wird häufig im Zusammenhang mit längeren Auslandsaufenthalten beschrieben, etwa bei einem Studium oder einer beruflichen Tätigkeit. Aber auch auf kürzeren Reisen können ungewohnte kulturelle Situationen verunsichern und belasten.

Menschen, die sich für einen längeren Zeitraum in einem fremden Land aufhalten wollen oder müssen, sind beispielsweise Aussteiger und Aussteigerinnen, Auslandsstudierende oder Berufstätige, die ins Ausland wechseln. Ein Kulturschock kann einen übrigens auch in Deutschland ereilen.

Als in den 1950er Jahren die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen, haben viele von ihnen wahrscheinlich einen Kulturschock erlitten. Auch wer heute für eine Arbeitsstelle nach Deutschland zieht, kann sich zunächst durch ungewohnte Umgangsformen oder sprachliche Missverständnisse verunsichert fühlen.

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Wie geht man mit einem Kulturschock um?

Wenn Sie das Abenteuer Auslandsaufenthalt angehen, können Ihnen folgende Tipps dabei helfen, die Eingewöhnung zu erleichtern.

  • Machen Sie sich mit dem Land vertraut: Informieren Sie sich über dessen Geschichte und Kultur, Klima und Geografie, Politik und Wirtschaft, das Gesundheits- und Rechtssystem, die Religion, die Kunst oder auch die Küche. So können Sie größere Überraschungen vermeiden.
  • Lernen Sie die Sprache: Lernen Sie im Vorfeld grundlegende Wörter und Sätze. Sprechen Sie die Sprache vor Ort so oft wie möglich, auch wenn Ihnen Fehler unterlaufen. So lernen Sie am schnellsten.
  • Seien Sie aufgeschlossen, neugierig und positiv: Respektieren Sie die Unterschiede. Vermeiden Sie es, Urteile auf Grundlage Ihrer eigenen Kultur abzugeben. Probieren Sie gezielt Dinge aus der neuen Kultur aus – zum Beispiel das Essen – und nehmen Sie an lokalen Aktivitäten teil.

Wie kann Gemeinschaft gegen den Kulturschock schützen?

Eine der besten Methoden, um einen Kulturschock erfolgreich zu überwinden, ist der Kontakt zu anderen Menschen, sowohl zu Einheimischen als auch zu anderen Ausgewanderten. Kulturelle Veranstaltungen, Vereine, Gruppen oder Organisationen bieten gute Kontaktmöglichkeiten.

Nutzen Sie jede sich bietende Chance, um Menschen in Ihrem neuen Umfeld kennenzulernen. Halten Sie aber auch Kontakt zu Ihrer Familie und Ihrem Freundeskreis im Heimatland – allerdings nicht als alleinige soziale Stütze. Andernfalls könnte Ihnen die Integration in Ihr neues Umfeld erschwert werden.

Im Sonnenschein stehen zwei junge Frauen und zwei junge Männer mit unterschiedlichen Hautfarben im Halbkreis, umarmen sich und lachen.

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Kontakt zu anderen Menschen ist die beste Methode, um einen Kulturschock zu überwinden.

Wie kann ich andere vor einem Kulturschock bewahren?

Und für alle diejenigen, die daheim in Deutschland bleiben: Vielleicht gibt es in Ihrem Bekannten- oder Kollegenkreis Menschen aus anderen Kulturen, die spürbar mit dem sozialen Miteinander und den hiesigen Gepflogenheiten fremdeln.

Sie können diese Menschen unterstützen, indem Sie ihnen die Dinge im Land erläutern, damit sie sich in Deutschland besser zurechtfinden. Wenn Ihnen die Menschen sympathisch sind, binden Sie sie in Ihr soziales Umfeld ein. Gemeinsam lässt sich ein Kulturschock am besten überwinden.

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