Gehirn & Nerven
Schmerz empfinden: Warum Männer fluchen und Frauen aktiv bleiben
Wie wir Schmerz empfinden, hängt von vielen Faktoren ab – unter anderem vom Geschlecht. Was ist wirklich dran an den Klischees von starken Männern und weinerlichen Frauen? Ein Blick in die Forschung.

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Warum empfinden wir Schmerz individuell?
Schmerz ist eine natürliche Reaktion auf eine Gewebeschädigung. Er warnt uns bei Gefahren für unseren Körper und gehört als wichtige Alarminstanz zu unserem Leben. Jeder und jede kennt Schmerz – und das ist gut so.
Schmerz ist eine komplexe Empfindung des Nervensystems. Er fängt an mit einer Reizung von Schmerzrezeptoren, geht dann weiter mit der Weiterleitung der Schmerzreize über Nervenfasern und der Verarbeitung im zentralen Nervensystem. Deshalb ist Schmerz nicht gleich Schmerz. Wie intensiv wir ihn empfinden, hängt von biologischen und kulturellen Faktoren ab, von unserer psychischen Verfassung und unseren Erfahrungen – und, wie Studien zeigen, vom Geschlecht.
„Du bist wehleidig wie ein Mädchen!“ „Wenn Männer Kinder gebären müssten, wäre die Menschheit längst ausgestorben.“ Was ist dran an Klischees zum angeblich unterschiedlichen Schmerzempfinden von Jungen und Mädchen oder Männern und Frauen?
Schmerz: Wer spürt ihn mehr – Männer oder Frauen?
Die Klischees vom Mann, der hart im Nehmen ist, und der dramatisierenden Frau kursieren bei vielen Menschen. Experimentelle Studien zeigen: Wir neigen dazu, Frauen zu unterstellen, sie übertrieben ihre Schmerzen, während wir bei Männern davon ausgehen, sie spielten sie herunter.
Wenn Frauen Schmerzen genauer und intensiver beschreiben, liegt das möglicherweise daran, dass sie Schmerz tatsächlich intensiver empfinden. Das gilt für alle Schmerzstufen und für fast alle Arten von Schmerzen.
In Versuchen, bei denen den Teilnehmenden genau dosierte Schmerzreize verabreicht werden, spüren weibliche Probandinnen früher einen Schmerz als die männlichen Teilnehmer – und geben eine höhere Intensität an. Das weibliche Nervensystem registriert möglicherweise schmerzhafte Reize besonders genau.
Vielleicht haben Frauen deshalb häufiger Schmerzen als Männer. In einer europäischen Erhebung gaben 62,3 Prozent der Frauen an, in den vergangenen 12 Monaten unter Schmerzen gelitten zu haben, aber nur 55,5 Prozent der Männer. Am deutlichsten waren die Unterschiede bei Rücken- und Nackenschmerzen.
Mehrere häufig vorkommende chronisch schmerzhafte Erkrankungen, wie Arthritis, Fibromyalgie, Migräne, Multiple Sklerose, Beckenschmerzsyndrome und Reizdarmsyndrom, sind ebenfalls bei Frauen häufiger.
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Warum spüren Frauen Schmerz intensiver?
An welcher Stelle das komplexe System aus Schmerzrezeptoren, Nervensystem und Schmerzverarbeitung in Rückenmark und Gehirn bei Männern und Frauen unterschiedlich arbeitet, weiß man nicht genau. In der Forschung gibt es aber immer mehr Hinweise darauf, dass neben der Genetik und der soziokulturellen Herkunft auch die hormonellen Unterschiede eine Rolle spielen können.
Die weiblichen Östrogene – und besonders Schwankungen im Östrogenspiegel – scheinen das Schmerzempfinden zu verstärken, während Testosteron Schmerzimpulse dämpft. Starke Schwankungen im Östrogenspiegel scheinen auch die Schmerzschwelle zu senken – sodass Reize schneller als Schmerz wahrgenommen werden. Diese Schwankungen sieht man beispielhaft während des Menstruationszyklus, wo Frauen vermehrt unter Migräne leiden.
Die Effekte von Geschlechtshormonen auf die Schmerzwahrnehmung werden auch bei Transgender-Personen vermutet, die mit hohen Hormondosen behandelt werden: Studien berichten, dass mit weiblichen Hormonen behandelte Menschen tendenziell mehr Schmerzen hatten, die Einnahme von Testosteron führte eher zu einer Abnahme.
Weibliche Gehirne produzieren außerdem weniger Endorphine als männliche nach einem Schmerzreiz. Weil Endorphine an die Opiatrezeptoren andocken, blockieren sie die Schmerzweiterleitung.
Wie gehen Männer und Frauen mit Schmerz um?
Die meisten Menschen haben ungern Schmerzen – egal, welchem Geschlecht sie sich zurechnen. Wie Menschen mit Schmerz umgehen und welche Auswirkungen dieser auf die Lebensqualität hat, kann aber durchaus vom Geschlecht abhängen.
Frauen empfinden Schmerz intensiver und beschreiben ihn anschaulicher – etwa als stechend, brennend, ziehend oder pochend. Männliche Schmerzpatienten hingegen drücken häufiger Wut aus oder fluchen und beschreiben eher die körperliche Einschränkung: „Mir tut der Rücken weh“ oder „Ich kann vor Schmerz das Knie nicht beugen“.
Männer fühlen sich durch Kopfschmerz stärker körperlich beeinträchtigt, während bei Frauen psychische Aspekte eine größere Rolle zu spielen scheinen. Auch tendieren beide zu unterschiedlichen Bewältigungsmechanismen: Bei gleicher Schmerzintensität bleiben Frauen eher aktiv, akzeptieren den Schmerz leichter und holen sich soziale Unterstützung, während männliche Schmerzpatienten oft Angst vor Bewegung haben, unter Stimmungsschwankungen leiden und weniger aktiv sind.

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Warum wurden Frauen in der Schmerzforschung oft vernachlässigt?
Lange Zeit wurden Studien mit Medikamenten fast nur an Männern durchgeführt. Man hatte Angst, weibliche Teilnehmerinnen könnten schwanger werden und ihre Kinder durch die Prüfsubstanzen geschädigt werden – oder die Hormonschwankungen während des weiblichen Zyklus würden die Messungen beeinflussen. Die Ergebnisse an männlichen Probanden, so nahm man an, würden dann schon für alle passen.
Heute weiß man, dass Frauen Medikamente anders resorbieren im Magen, dass das typischerweise höhere Körperfett bei Frauen eine Rolle spielt, sich aber auch die Verstoffwechselung in der Leber und die Ausscheidung über die Nieren unterscheiden.
Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen und das mangelnde Wissen darüber haben Folgen – etwa diese: Morphin, ein starkes Schmerzmedikament aus der Gruppe der Opioide, wirkt bei Männern früher und kürzer als bei Frauen, allerdings benötigen Männer fast die doppelte Dosis. Dieses Wissen ist wichtig in der Morphinanwendung für Frauen, die unter einer erhöhten Dosis ein höheres Risiko für Nebenwirkungen haben.
Weil Schmerzangaben von Patientinnen weniger ernst genommen werden, erhalten sie nach Operationen häufig Beruhigungsmittel, während Männer eher Schmerzmittel bekommen. In Arztpraxen wird Frauen eher als Männern bei Schmerzen zu Psychotherapie und Antidepressiva geraten. Bei akuten Problemen müssen Frauen oft länger auf eine adäquate Schmerzmedikation warten.
In der Schmerztherapie kommt es immer wieder mal zu Über- wie auch Unterbehandlungen. Dies kann beide Geschlechter betreffen. Inzwischen wird mehr in dem Bereich geforscht und es wurden einige Fortschritte erreicht. Die genauen Ursachen der Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen müssen jedoch weiter erforscht werden.
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