Lebensmittel

Gibt es immer mehr Unverträglichkeiten bei der Ernährung?

Veröffentlicht am:22.12.2025

6 Minuten Lesedauer

Immer mehr Menschen glauben, sie hätten eine Laktose- oder Glutenunverträglichkeit. Doch stimmt das eigentlich? Eine Frage, die auch die Professorinnen Yurdagül Zopf vom Uniklinikum Erlangen und Margitta Worm von der Berliner Charité beschäftigt.

Eine Angestellte in einem Supermarkt sortiert in Folie verpackte Brotwaren in ein Regal.

© iStock / Unaihuiziphotography

Was ist der Unterschied zwischen Intoleranz und Allergie?

Bei Unverträglichkeiten unterscheidet man zwischen Intoleranzen und Nahrungsmittelallergien. Eine Intoleranz liegt vor, wenn bestimmte Inhaltsstoffe von Lebensmitteln – zum Beispiel der Milchzucker (Laktose) – im Magen-Darm-Trakt nicht verwertet werden können. Meist liegt das an einem Mangel an Enzymen oder Transportproteinen.

Eine Allergie hingegen besteht grundsätzlich, wenn das menschliche Immunsystem auf bestimmte Substanzen reagiert. Das können Nahrungsmittel sein, wie zum Beispiel Erdnüsse oder Äpfel. Am häufigsten verursachen jedoch Pollen oder Pilzsporen aus der Luft allergische Reaktionen.

So verschieden die Ursachen sind, Unverträglichkeiten nehmen zu, bestätigen die Expertinnen. „Es gibt jedoch deutlich mehr Menschen, die denken, sie wären betroffen, als medizinische Befunde“, sagt Magen-Darm-Spezialistin Zopf. Das trifft vor allem auf die Nahrungsmittelallergien zu, die in Wahrheit eher selten sind. Nicht einmal drei bis fünf Prozent der Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens daran. Sechsmal mehr Menschen glauben aber, sie seien betroffen.

Wie es zu einer Nahrungsmittelallergie kommt

Bei einer Allergie wehrt sich das Immunsystem fälschlicherweise gegen harmlose Substanzen, die in Pollen, Hausstaub, Nahrungsmitteln oder Medikamenten vorkommen. Beim Kontakt kommt es häufig zu Reaktionen der Atemwege, der Haut oder Schleimhäute. Allergien beginnen oft im Kindesalter und bleiben meist ein Leben lang bestehen. Manche Menschen leiden unter einer besonders starken Form – einer Anaphylaxie. Dabei reagieren mehrere Organsysteme gleichzeitig, was lebensbedrohlich werden kann. Atemnot, Herzrasen und andere heftige Reaktionen können Zeichen für einen „anaphylaktischen Schock“ sein. Dann muss der Notruf gewählt werden.

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Intoleranzen: So entstehen sie

Hier spielt das Immunsystem keine Rolle. Meist liegt im Verdauungssystem ein Mangel an Enzymen oder Transportproteinen vor. Typische Beschwerden sind Magen-Darm-Probleme und Durchfall. Menschen mit einer Laktoseintoleranz fehlt etwa das Verdauungsenzym Laktase. Sie können den Milchzucker in Milchprodukten nicht verdauen. Ähnliches gilt für Histamine, die beispielsweise in Bier, Wein und Käse enthalten sind. Fruchtzucker (Fruktose) in Obst- und Gemüse wird normalerweise mit einem Transportprotein aus dem Darm ins Blut geschleust. Bei einer Intoleranz gelangt der Zucker fälschlicherweise in den Dickdarm und sorgt dort für Beschwerden.

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Ein Teller enthält Quinoa und verschiedene zubereitete Gemüsesorten: Möhren, Tomaten, Gurke und Zwiebeln.

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Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit können auf glutenfreie Nahrungsmittel ausweichen – beispielsweise Quinoa und frisch zubereitetes Gemüse.

Was ist eine Glutenunverträglichkeit?

Das Klebereiweiß Gluten kommt vor allem in Weizen, aber auch anderen Getreidesorten vor. Es gibt drei Ursachen für eine Glutenunverträglichkeit:

  • Die Weizenallergie ist Folge einer allergischen Reaktion auf bestimmte Weizenbestandteile.
  • Die Weizensensitivität beschreibt eine individuelle Empfindlichkeit gegenüber Weizenbestandteilen, die weder auf eine allergische Reaktion zurückzuführen ist – noch auf eine
  • Zöliakie, eine Autoimmunerkrankung, bei der Gluten das Immunsystem aktiviert. Es schüttet Antikörper aus, welche die Darmschleimhaut angreifen. Schon kleinste Mengen Gluten können Entzündungen auslösen. Glutenhaltige Lebensmittel müssen bei einer Zöliakie ein Leben lang gemieden werden, sonst drohen Folgeerkrankungen.
Doc Felix erklärt Ursachen, Symptome und Tipps zu Laktose- und Fructoseintoleranz sowie zum Umgang mit Unverträglichkeiten.

Wie lassen sich die Symptome einschätzen?

„Für eine Nahrungsmittelallergie gibt es sehr klare Merkmale“, sagt Allergologin Worm. Kommt es nach dem Verzehr von bestimmten Lebensmitteln wiederholt zu Flecken auf der Haut, Juckreiz oder Kratzen im Hals, braucht es ärztlichen Rat. Kommt es zusätzlich zu Atemnot, Schwindel oder gar Herzrasen, liegt eine besonders schwere Form der Allergie vor und man muss umgehend die 112 wählen. Auch Verdauungsprobleme können Folge einer allergischen Reaktion sein.

„Treten jedoch ‚nur‘ Symptome auf, die den Magen-Darm-Trakt betreffen“, so die Expertin, „ist eine Nahrungsmittelallergie unwahrscheinlich.“ Die Hausärztin oder den Hausarzt sollte man aufsuchen, wenn die Probleme länger andauern, sehr starke Schmerzen bestehen oder Blut im Stuhl ist.

Vielmehr steckt hinter vermuteten Intoleranzen oft ein Lebensstil, der die Verdauung erschwert, sagt Gastroenterologin Zopf. „Meist lohnt es sich, über den eigenen Alltag nachzudenken.“ Denn je nachdem, was man isst, wie man isst, wie viel man sich bewegt und wie es einem geht, hat das großen Einfluss auf die Verdauung. Auch bei Infektionen wie einer Grippe funktionieren Magen und Darm oft nicht wie gewohnt. Das legt sich aber in der Regel wieder. „Nicht jeder Bauchschmerz ist ein Grund zur Sorge“, sagt die Spezialistin. „Ein verdauungsfreundlicher Lebensstil und ein paar Wochen Geduld reichen in der Regel.“

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Warum nehmen Intoleranzen und Allergien zu?

Trotz fehlerhafter „Selbstdiagnosen“ nimmt die Zahl der Allergien und Intoleranzen tatsächlich zu. Dabei spielen wohl vor allem Veränderungen des Mikrobioms eine tragende Rolle. Das ist die Gesamtheit der Mikroben im Magen-Darm-Trakt. Und diese Darmflora leidet heutzutage mehr als früher. Der Grund könnte in veränderten Ernährungsgewohnheiten liegen. Hochverarbeitete Produkte enthalten meist viel Fett, Salz, Zucker und andere Zusatzstoffe, während wichtige Nähr- und Ballaststoffe zu kurz kommen. So behindern sie die bakterielle Vielfalt im Verdauungstrakt und fördern Entzündungen der Darmschleimhaut. Infolgedessen mangelt es an Enzymen oder Proteinen, die bestimmte Stoffe wie Laktose, Fruktose, Histamin oder Gluten verarbeiten. Eine Intoleranz entsteht.

„Hochprozessierte Nahrung scheint auch das Allergierisiko zu erhöhen“, sagt Fachärztin Worm. Ebenso exotische Lebensmittel. „Neue Produkte auf dem deutschen Markt können zu einer zusätzlichen Welle an allergischen Reaktionen führen.“ Es gibt etwa immer mehr Menschen, die auf Erbsen reagieren – weil Erbsenproteine eine beliebte Basis von „High-Protein-Produkten“ sind. Oder auch auf Cashewnüsse, die in immer mehr Lebensmitteln verarbeitet werden.

Fachlich geprüft
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