Psychologie

Resilienz weltweit: Was wir von anderen Kulturen lernen können

Veröffentlicht am:29.01.2026

5 Minuten Lesedauer

Resilienz gilt oft als individuelle Fähigkeit, doch Widerstandskraft wird auch von kulturellen Rahmenbedingungen geprägt. Weltweit entwickeln Gesellschaften unterschiedliche Strategien im Umgang mit Belastungen – das können wir von ihnen lernen.

Eine japansiche Familie steht vor einem Tempel, die Erwachsenen beten.

© iStock / JGalione

Gibt es eine weltweit anerkannte Definition für Resilienz?

Auch wenn die psychologische Forschung gemeinsame Kernideen von Resilienz beschreibt, gibt es keine einheitliche Definition. Außerdem kann die innere Widerstandskraft von Mensch zu Mensch und von Kultur zu Kultur anders ausfallen – das gilt etwa für die Resilienzfaktoren, also für das, was widerstandsfähig machen kann.

Resilienz beschreibt die Fähigkeit von Menschen oder Gemeinschaften, schwierige Situationen zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen. Sie entsteht durch das Zusammenspiel persönlicher Ressourcen und äußerer Einflüsse, die gemeinsam helfen, Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

Der Begriff wird in vielen Bereichen genutzt – von der Physik über die Soziologie bis zur Medizin. In der Materialkunde trifft er etwa auf Materialien zu, die nach starker Belastung wieder in ihre ursprüngliche Form zurückkehren. Auf Menschen übertragen, bedeutet Resilienz die Fähigkeit, Krisen zu überstehen, sich anzupassen und langfristige Schäden zu vermeiden.

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Warum wird Resilienz weltweit besonders im Kontext von Krisen erforscht?

Die Resilienzforschung richtet ihren Blick auf Krisen, weil hier deutlich wird, welche psychischen Ressourcen Menschen wirklich aktivieren. Ereignisse wie die COVID 19 Pandemie oder Naturkatastrophen treffen viele Menschen gleichzeitig und machen Unterschiede in der Widerstandskraft sichtbar, die im Alltag oft verborgen bleiben.

Krisen fordern das mentale Gleichgewicht heraus und zeigen, welche Strategien, Fähigkeiten und sozialen Netzwerke Belastungen effektiv abfedern. Diese Einsichten sind nicht nur wissenschaftlich wertvoll, sie liefern auch konkrete Anhaltspunkte für Prävention und die Förderung psychischer Gesundheit.

Darüber hinaus legen Krisen strukturelle Unterschiede offen, etwa in sozialer Unterstützung, wirtschaftlichen Ressourcen oder Lebensbedingungen, die entscheidend für das psychische Wohlbefinden sind. Indem die Forschung Resilienz in Extremsituationen betrachtet, lassen sich Muster erkennen, die auch im normalen Alltag von Bedeutung sind.

Wie erlebte die Welt psychische Resilienz in der Corona-Pandemie?

Eine Studie aus dem Jahr 2022 zeigte, dass es in den untersuchten Ländern Japan, Malaysia, China und den USA bestimmte Resilienzfaktoren gab, die mit der Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit während der Pandemie in Zusammenhang standen. Als entscheidende Resilienzfaktoren gingen das innere Kontrollgefühl und das Selbstmitgefühl hervor.

Wer das Gefühl hatte, sein Leben trotz Unsicherheiten steuern zu können und sich selbst wertschätzend begegnete, blieb psychisch stabiler. Allerdings sind die Studienergebnisse nur eine Momentaufnahme und müssen daher vorsichtig interpretiert werden.

Die Untersuchung belegte auch, dass die Schutzfaktoren je nach Kultur unterschiedlich stark wirken können. In Japan legen Menschen nachweislich weniger Wert auf Kontrolle als in westlichen Ländern, während in Malaysia das Kontrollgefühl zwar bedeutsam war, das Selbstmitgefühl aber weniger.

Eine Frau umarmt eine auf dem Sofa sitzende Person von hinten.

© iStock / Moyo Studio

Resilienz wird in anderen Kulturen oft durch die Gemeinschaft gestärkt.

Wie meistert Japan Krisen mit Resilienz?

Japan erlebt häufiger Naturkatastrophen als viele andere Länder und hat daraus eine besondere Kultur der Vorsorge entwickelt, die sogenannte Bosai Culture. Sie verbindet praktische Vorbereitung, staatliche Vorgaben und traditionelles Wissen zu einem Alltag, in dem Krisen fest eingeplant sind.

Die Stärke liegt nicht nur in nationalen Strategien der japanischen Regierung, sondern im gemeinschaftlichen Handeln. Familien, Nachbarn und Schulen sind in Notfallübungen eingebunden, Erfahrungen aus früheren Katastrophen werden weitergegeben, und jeder weiß, wie er im Ernstfall handelt. So entsteht ein Gefühl von Sicherheit, das Menschen mental resilient machen kann.

Die Bosai Culture zeigt: Resilienz entsteht nicht nur in einzelnen Köpfen, sondern in Gesellschaften. Historische Erfahrungen, kollektive Erinnerungen und gemeinschaftliche Routinen schaffen ein Netzwerk, das Krisen abfedert – Japan gilt daher weltweit als Beispiel für gesellschaftliche Widerstandskraft.

Was stärkt die Resilienz von Familien in Japan?

In Japan zeigt sich Resilienz oft auf familiärer Ebene: Familien bewältigen Krisen besonders gut, wenn sie zusammenhalten, sich gegenseitig unterstützen und Probleme gemeinsam lösen. Traditionelle Ansichten über die Familie, konfuzianische Werte und generationenübergreifende Hilfe prägen den Alltag und können die Widerstandskraft stärken.

Darüber hinaus spielt das weitere soziale Umfeld eine Rolle. Resiliente Familien beziehen lokale Gemeinschaften ein und nutzen deren Unterstützung. Resilienz kann also unter anderem durch ein Zusammenspiel von familiären und weiteren sozialen Ressourcen entstehen.

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Wie unterstützt Resilienz Menschen bei häuslicher Gewalt in Afrika?

Häusliche Gewalt ist für Betroffene eine extreme Belastung, die schwerwiegende psychische, soziale und körperliche Folgen haben kann. Eine Untersuchung von 35 Studien aus zehn afrikanischen Ländern belegt, dass Betroffene verschiedene Bewältigungsstrategien, Stärken und kulturelle Einflüsse im Zusammenhang mit der Krise nutzen.

Die Untersuchung zeigt, dass Familien auf vier Arten mit der Gewalt umgehen können: Sie handeln aktiv, indem sie Probleme lösen, gewichten Stressfaktoren anders, lenken sich durch Aktivitäten oder emotionale Entlastung ab und suchen gezielt Unterstützung. Kulturell geprägte Strategien, wie den Rückhalt durch religiöse Gemeinschaften, gehören ebenfalls zur Bewältigung.

Ein Blick auf andere Länder: Wie kann man Resilienz lernen?

Wer beobachtet, wie Menschen weltweit mit Herausforderungen umgehen, kann wertvolle Strategien für den eigenen Alltag ableiten. Von der Suche nach dem Lebenssinn über Gemeinschaftsstärke bis hin zu kleinen Ritualen: Diese Ansätze können helfen, psychische Widerstandskraft aufzubauen.

  • Sinn im Alltag finden – Ikigai nutzen: In Japan stärkt das Konzept des Ikigai, das bewusste Wahrnehmen eines Lebenssinns, die psychische Widerstandskraft. Wenn Sie alltägliche Aufgaben gezielt mit Sinn verbinden, können Sie Ihre Motivation und innere Stabilität fördern. 
  • Gemeinschaft stärken – Ubuntu praktizieren: Die afrikanische Philosophie Ubuntu betont: „Ich bin, weil wir sind.“ Resilienz entsteht hier durch gegenseitige Unterstützung, Zusammenhalt und das Teilen von Sorgen. Indem Sie Ihr soziales Umfeld aktiv einbeziehen, Hilfe suchen und anderen Unterstützung anbieten, stärken Sie zugleich Ihre eigene Widerstandskraft.
  • Routine und Rituale einbauen: In Japan zeigen Familienrituale und gemeinschaftliche Aktivitäten, wie stabilisierend solche Strukturen sein können. Wenn Sie regelmäßige Rituale in Ihren Alltag integrieren, etwa wöchentliche Treffen mit Familie oder Bekannten, reduzieren Sie womöglich Stress und stärken Ihre psychische Resilienz.
  • Kulturelle Ressourcen aktiv nutzen: Viele Kulturen verdeutlichen, dass soziale Unterstützung entscheidend für Resilienz ist. Wenn Sie gezielt Hilfe in Anspruch nehmen, etwa bei religiösen Gemeinschaften, in der Nachbarschaft oder professionellen Netzwerken, können Sie Belastungen vielleicht besser bewältigen.
  • Selbstreflexion und Achtsamkeit üben: Selbstmitgefühl und Achtsamkeit helfen vielen Menschen, Stress zu bewältigen. Wenn Sie sich regelmäßig Zeit nehmen, Ihre Gefühle wahr- und anzunehmen, können Sie Ihre psychische Widerstandskraft fördern.
Fachlich geprüft
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