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(Keine) Angst vor dem Alter – wie Mut und Humor helfen

Eine junge und ältere Frau halten sich im Arm und lachen gemeinsam.

© iStock / Ridofranz

Lesezeit: 10 Minuten15.02.2022

Viele fürchten sich vor dem Alter, haben Angst vor Krankheiten und dem Verlust der Selbstständigkeit. Doch das Alter ist viel mehr als eine Zeit voller Einschränkungen. Wie Sie die Chancen nutzen und mit Mut dem Alter entgegentreten können.

Inhalte im Überblick

    Porträt von Prof. Dr. Hans-Werner Wahl, Psychologe, Seniorprofessor und Projektleiter am Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg.

    © Lotte Ostermann

    Prof. Dr. Hans-Werner Wahl ist Psychologe, Seniorprofessor und Projektleiter am Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg und weiß, warum das Alter viele Menschen ängstigt und wie man mit dieser Angst umgehen kann.

    Wie alt können wir Menschen heute werden?

    Derzeit haben Männer in Deutschland eine mittlere Lebenserwartung von knapp 80 Jahren und Frauen von 84 Jahren, Tendenz steigend. Heute geborene Mädchen haben eine gute Chance, 100 Jahre alt zu werden (um die 50 Prozent). Der erwiesenermaßen älteste Mensch der Welt lebte in Frankreich und ist 1997 mit 122,4 Jahren gestorben. Wahrscheinlich ist dies das maximal erreichbare Alter in der Menschheitsgeschichte. Seitdem hat es niemand mehr über 120 Jahre geschafft.

    Ab wann beginnt das Alter? Gibt es dafür eine konkrete Zahl oder ist es eher ein persönliches Gefühl?

    Mit dieser Frage beschäftigt sich die Alternsforschung tagtäglich und versucht, eine Antwort zu finden. Es gibt unterschiedliche Ebenen, die das Alter definieren:

    • Sozial-politische Ebene: Viele westliche Gesellschaften strukturieren ihr ganzes soziales System anhand des Alters. Alter ist damit ein wichtiges Kriterium, um Zugang oder keinen Zugang zu etwas zu bekommen, zum Beispiel zur Arbeitswelt. Hier liegt die Grenze bei uns im Augenblick bei 67 Jahren, welche mit dem Renteneintrittsalter festgelegt ist. Für viele beginnt damit das „Alter“.
    • Persönliche Ebene: Studien haben gezeigt, dass es kaum eine 67-jährige und ältere Person gibt, die von sich selbst sagen würde, sie sei alt. Eher fühlen sich die meisten zu diesem Zeitpunkt wie ein „fortgeschrittener Erwachsener“ – man ist zwar vielleicht nicht mehr im Job, aber steht noch sehr aktiv im Leben. Die Gesellschaft macht einen aber alt.
    • Biologische Ebene: Schaut sich nun ein Biologe oder eine Biologin diese 67-jährige Person an, die nicht mehr arbeitet, sich aber auch nicht alt fühlt, würde dieser oder diese sehen, dass bereits klassische Altersmarker vorliegen und es schon zu deutlichen Verlusten gegenüber einer 30-jährigen Person gekommen ist.

    Oft ist es so, dass Personen bestimmte Lebensereignisse mit dem Gefühl „alt sein“ und „jetzt geht das Alter los“ verbinden – zum Beispiel, wenn sie eine Gleitsichtbrille bekommen. Vor allem Personen im mittleren Alter attribuieren Ereignisse gern und schnell mit „alt sein“ – zum Beispiel, wenn sie mit Rückschmerzen aufwachen oder erste Gedächtnisausfälle feststellen.

    Jeder von uns trägt unterschiedlichste Vorstellungen von Alter in sich, die je nach äußeren Umständen und eigenem Befinden hervortreten. Dadurch kann es durchaus sein, dass man sich im Alter von „superjung“ bis „uralt“ fühlt. Das Alter ist eine vielschichtige Angelegenheit und jede Person hat im Grunde mehrere Alter: Mal fühlt man sich jung, mal etwas älter, mal wird man alt gemacht. Wir haben in einer Studie Personen pro Tag fünfmal gefragt, wie alt sie sich fühlen, und festgestellt, dass die Antwort darauf selbst innerhalb eines Tages schwanken kann.

    „Das Alter ist eine vielschichtige Angelegenheit und jede Person hat im Grunde mehrere Alter: Mal fühlt man sich jung, mal etwas älter, mal wird man alt gemacht.“

    Prof. Dr. Hans-Werner Wahl
    Psychologe, Seniorprofessor und Projektleiter am Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg

    Was versteckt sich hinter der Angst vor dem Alter?

    Alter wird in der Öffentlichkeit, aber auch im privaten Umfeld häufig gleichgestellt mit Verlust, einer beginnenden Abhängigkeit von anderen, körperlichen Beeinträchtigungen bis hin zur Pflegebedürftigkeit. Manche fürchten sich, dass die geistige Leistungsfähigkeit sinkt, andere, dass sie zu einer Last für die Gesellschaft werden. Außerdem rückt das Lebensende Schritt für Schritt näher. Allgemeine Altersängste sind weitverbreitet. Diese kanalisieren sich heute oft in der Angst vor Demenz als gefürchteter Alterskrankheit. Aus Befragungen wissen wir, dass Demenz (nach Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen) zu den an den drittstärksten gefürchteten Krankheiten bei den über 55-Jährigen zählt. Circa ein Drittel der über 65-Jährigen hat Angst, an Demenz mit all ihren Folgen zu erkranken. Das zeigt, dass es sich um eine heute sehr verbreitete Angst handelt.

    Bei Altersangst kommt vieles zusammen. Man könnte vereinfacht sagen, dass hinter ihr die Befürchtung steckt, dass alles, was uns lieb und teuer ist, ins Wanken gerät. Doch neue Daten zeigen auch Veränderungen bei der Vorstellung vom Alter, besonders in Bezug auf das junge Alter zwischen 60 und 80 Jahren gegenüber dem sehr hohen Alter. Diese beiden gegensätzlichen Seiten des Alters geraten mehr und mehr ins Blickfeld – und können zu einem durchaus anstrengenden Spannungsfeld werden: auf der einen Seite die Verluste, auf der anderen Seite aber auch die vielen neuen Entwicklungsmöglichkeiten eines „neuen Alterns“.

    Welche Chancen hält das Alter bereit?

    In vielen Fällen haben wir heute dank der modernen Medizin den Vorteil eines funktionalen Körpers – auch noch im hohen Alter – und damit einhergehend auch eine andere Einstellung, mit der wir auf das Altern blicken. Wir entdecken neue Möglichkeiten: für neue Wohnprojekte, eine neue Sprache oder ein Instrument zu lernen, mobil zu sein, eine neue Beziehung einzugehen oder die eigenen Hobbys weiterzuentwickeln. Hinzu kommt, dass man mit dem Renteneintritt weniger Stress und mehr Zeit zur Verfügung hat, um sich auf die Dinge zu konzentrieren, die einem persönlich wichtig sind. Es gibt also mit anderen Worten viele Erfahrungen, die heute als Gewinne des späten Lebens erlebt und ausgekostet werden.

    Wir sprechen zum Beispiel vom Konzept des „Active Aging“: Ein Beispiel hierfür ist, dass sich viel mehr ältere Menschen in einem Ehrenamt engagieren als früher. Die Zahl der engagierten Älteren ist seit Mitte der 1990er Jahre am meisten von allen Altersgruppen gestiegen. Man kann das auch als eine Bewältigung von Altersängsten sehen, indem neue Chancen wahrgenommen und genutzt werden. Ältere suchen und finden häufig mit solch einem Ehrenamt Lebensfreude und soziale Einbindung. Sie sind aktiv, produktiv und auch gesellschaftlich anerkannt. Altersängste begleiten uns Menschen eher subtil, wie ein weißer Hai unter der Wasseroberfläche. Lebensbejahende Verhaltensweisen sind dann unsere sicheren Boote zum Weitersegeln.

    Woher kommt die Angst vor dem Alter?

    Es gibt verschiedene Quellen, die diese Angst speisen. Eine ist zum Beispiel, dass wir als Menschen ein hohes Autonomie- und Kontrollbedürfnis haben. Wir wollen unsere Lebensprioritäten selbst kontrollieren und unser Leben im Griff haben, was im Alter massiv infrage gestellt wird. Auf der anderen Seite ist es sicherlich auch der näher rückende Tod, der zu Ängsten führt. Der Tod ist immer noch stark tabuisiert und wird in unserer Gesellschaft verdrängt. Doch je älter wir werden, desto weniger lässt sich die Thematik verdrängen – sie wird mehr und mehr zu einer gefühlten Realität.

    Über Jahrhunderte hinweg wurden wir von entsprechenden kulturellen Bildern geprägt, zum Beispiel die Bilder des Jungbrunnens, den gängigen Vorstellungen von Schönheit oder Fitness. Davon kann man sich schwer lösen. Man betritt mit dem Alter nach und nach ein fremdes Territorium, das Ängste auslöst und auch den endgültigen Abschied von Jugendlichkeit bedeutet. Ich glaube deshalb, dass eine neue Kultur guten Alterns in unserer Gesellschaft vor allem an einer ganz anderen Baustelle ansetzen muss: weg vom Jugendwahn und Anti-Aging – hin zu Altern als einer anspruchsvollen Entwicklungsaufgabe, die ihre eigene Berechtigung besitzt und keinen Vergleich mit anderen Lebensaltern nötig hat.

    Wer neigt eher zu Altersängsten – Männer oder Frauen?

    Studien haben bisher keine deutlichen Geschlechterunterschiede bei der Angst vor dem Alter ergeben. Trotzdem würde ich aus meiner eigenen Forschungserfahrung sagen, dass sich gut gebildete, ältere Männer tendenziell eher schwertun, sich an die Veränderungen des Alters anzupassen, etwa bei schweren Hör- oder Sehstörungen. Ältere Frauen sind dabei nach unseren Daten etwas flexibler im Umgang mit den Anforderungen des Älterwerdens und können sich besser an neue Gegebenheiten anpassen.

    Welche weiteren Faktoren fördern die Angst vor dem Alter?

    Einige Persönlichkeitsmerkmale können großen Einfluss darauf nehmen, wie man das Älterwerden wahrnimmt. Personen, die sehr schnell gestresst oder verunsichert sind und Angst davor haben, die Kontrolle zu verlieren, sind eher anfällig für Altersängste. Man weiß, dass die Persönlichkeit ein Leben lang relativ stabil bleibt. Somit erleben diese Personen auch andere Situationen in ihrem Leben eher als Belastung. Das Alter ist dann nur ein neuer Stress auslösender Faktor.

    Zusätzlich wissen wir auch, dass schwere Erfahrungen, zum Beispiel der Tod des Partners oder schwere Erkrankungen im mittleren Alter, Auslöser von Altersängsten sein können. Die Frage „Wie wird es weitergehen, wenn es jetzt schon schwer ist?“ steht dann im Raum.

    Eine Seniorin zeichnet in einem Kurs gemeinsam mit anderen Personen.
    Das Alter hält zahlreiche Chancen bereit, zum Beispiel die Möglichkeit neuen Hobbys nachzugehen oder alte Hobbys weiterzuentwickeln.

    © iStock / Horsche

    Stimmt es, dass die Angst vor dem Alter das Leben verkürzen kann?

    Ja, dazu haben wir selbst eine Metaanalyse im Jahr 2014 durchgeführt, wobei wir verschiedene Studien und Daten zusammengeführt und ausgewertet haben. Wir sind gerade dabei, diese Analyse zu aktualisieren, denn 2014 gab es nur 18 Studien zu der Thematik, heute weit über 60. Aber das Evidenzbild bleibt ähnlich: Wir konnten und können recht deutlich den Zusammenhang aufzeigen, dass diejenigen, die in der Lebensmitte oder zu Beginn des jungen Alters negative Bilder, Angst und schlechte Erwartungen an das Alter hatten, auch häufiger höhere Risiken für Erkrankungen, vermehrt Krankheiten sowie eine verkürzte Lebensdauer hatten.

    Wie erklären Sie sich das?

    Komplett erklären können wir das nicht, aber es gibt verschiedene Ansätze: Wir wissen beispielsweise, dass Menschen, die dem Älterwerden positiver gegenüberstehen, mehr in ihre Gesundheit investieren. Praktisch gesehen bedeutet das, sie gehen häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen und sind körperlich aktiver.

    Auf der anderen Seite wissen wir mittlerweile, dass es körperlichen Stress auslöst, wenn man sich selbst negativ bewertet, nur weil man von der Gesellschaft negativ bewertet wird. Das führt zu einem kontinuierlich hohen Stresshormonspiegel im Körper. Darunter leidet zum Beispiel das Immunsystem und Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen (an denen wir immer noch am häufigsten sterben) und Demenzerkrankungen werden begünstigt. Hier geht die Psyche also Hand in Hand mit dem Körper.

    „Es ist hilfreich, das Alter als eine anspruchsvolle, komplexe Aufgabe zu sehen und diese anzunehmen.“

    Prof. Dr. Hans-Werner Wahl
    Psychologe, Seniorprofessor und Projektleiter am Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg

    Wie kann man mit der Angst umgehen? Gibt es Strategien, die helfen?

    Es ist, wie bereits gesagt, hilfreich, das Alter als eine anspruchsvolle, komplexe Aufgabe zu sehen und diese anzunehmen. Es ist weder schlecht, noch ist es gut. Niemand will Altern schönreden, aber es gehört zum Menschsein dazu und sich dagegen zu wehren, ist meines Erachtens nicht nützlich.

    Es ist eine Lebensaufgabe, die man ernst nehmen muss, bei der man aber auch Humor haben darf und darüber schmunzeln können sollte. Machen Sie Pläne für die Zukunft und nutzen Sie die Chancen des Alters. Es wird immer Höhen und Tiefen geben. Aber machen Sie sich bewusst, dass die Lebenszufriedenheit auch noch im Alter hoch und die Depressivität niedrig ist – Erhebungen zeigen das.

    Selbstreflexion ist ebenfalls eine nützliche Strategie. So kann sich zum Beispiel jeder von uns fragen, was man selbst unter Alter versteht, und sich differenziert mit dem eigenen Älterwerden auseinandersetzen. Je nach Situation ist es dann nützlich, sich von negativen Stereotypen und Pauschalitäten abzugrenzen. Das muss man dann wirklich mit einem sehr lauten „inneren Nein“ machen, denn wir erliegen alle schnell den weit verbreiteten negativen Stereotypen des Alters.

    Ich halte einen offenen und vertrauensvollen Austausch untereinander auch für sehr bedeutend, denn: Altern sollte kein Tabu sein. In der Partnerschaft oder Familie kann man miteinander darüber sprechen, was sich verändert, wie man sich dabei fühlt und wie man damit umgehen kann. So können sich die Personen gegenseitig stärken. Das ist gerade auch bei den heute sehr langen Beziehungen bis ins sehr hohe Alter wichtig. Paare im Alter von 60 Jahren haben heute statistisch gesehen fast 20 weitere gemeinsame Jahre.

    Wo findet man, wenn nötig, Unterstützung, um die Herausforderung des Alterns gut zu meistern?

    Es gibt viele Bildungsangebote für ältere Menschen, zum Beispiel an Volkshochschulen, Lebensberatungen unterstützen in Krisen. Außerdem sind Ärzte wichtige Ansprechpartner bei körperlichen und psychischen Beschwerden. Doch insgesamt sehe ich noch viel Potenzial für niederschwellige Unterstützungsangebote. Ich würde mir eine viel engere Zusammenarbeit verschiedener Professionen wie Medizin, Psychotherapie, Ergotherapie und Physiotherapie wünschen, um Menschen bei der komplexen Aufgabe des Älterwerdens zu unterstützen und besser zu versorgen.

    Welche Angst ist noch „normal“ und wann sollten Betroffene professionelle Hilfe suchen?

    Diese allgemeinen, diffusen Ängste vor dem Alter kommen häufig vor, sind aber völlig normal. Es gibt jedoch einen kleinen Anteil von Personen, deutlich unter 5 Prozent, der stark und „klinisch bedeutsam“ unter dem Älterwerden und unter Ängsten leidet. Sobald eine Angst so stark ist, dass sie den Alltag beeinträchtigt, zu großen Konflikten mit der Familie oder mit Freunden führt und die Lebensqualität massiv sinkt, halte ich es für ratsam, sich professionelle Hilfe zu suchen. Diese gibt es zum Beispiel in Form von Psychotherapie. Ältere haben übrigens genauso an Anrecht auf Erstattung hochwertiger psychotherapeutischer Versorgung wie Jüngere.

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