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Parkinson – mehr als eine Bewegungsstörung

Ein Arzt untersucht eine ältere Patientin mit Parkinson und hält ihre Hand.

© iStock / Pornpak Khunatorn

Lesezeit: 7 MinutenAktualisiert: 15.07.2021

Der englische Arzt Dr. James Parkinson hat die Erkrankung 1817 erstmal beschrieben. Zu seinen Ehren wurde der Krankheit Jahre später der Name „Morbus Parkinson“ gegeben. Sie wird auch noch als Schüttellähmung bezeichnet. Dieser Begriff beschreibt die Symptome der Parkinsonerkrankung sehr gut. Doch Parkinson ist mehr als eine Bewegungsstörung – darüber spricht Prof. Dr. Heinz Reichmann im Interview.

Inhalte im Überblick

    Prof. Dr. Heinz Reichmann, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden
    Prof. Dr. Heinz Reichmann

    Prof. Dr. Heinz Reichmann ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Sein Schwerpunkt liegt in der Behandlung und Forschung zu neuromuskulären Erkrankungen und extrapyramidalen Bewegungsstörungen, zu denen auch Parkinson gehört.

    Was umfasst die Erkrankung Parkinson?

    Es gibt verschiedene Ursachen dafür, an Parkinson zu erkranken. Deshalb gibt es verschiedene Formen, die unterschieden werden. Beruht das Parkinson-Syndrom auf einer Strukturveränderung im Gehirn, zum Beispiel einem Hirntumor, Durchblutungsstörungen oder auch einem sogenannten Wasserkopf, spricht man von einem symptomatischen Parkinsonsyndrom. Was wir aber eigentlich unter Parkinson verstehen, ist das idiopathische Parkinsonsyndrom – die häufigste Form mit circa 90 Prozent Anteil. Idiopathisch steht dabei für unbekannte Ursache, wobei das bei Parkinson auch nicht mehr uneingeschränkt gilt.

    Wie äußert sich das ideopathische Parkinsonsyndrom?

    Die Parkinsonerkrankung geht immer mit einer Bewegungsarmut oder Bewegungslosigkeit einher. Dazu kommen vier Hauptsymptome, die in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten können:

    1. Muskelsteifheit (Rigor)
    2. Zittern im Ruhezustand (Ruhetremor)
    3. Verlangsamung der Bewegung (Bradykinese)
    4. Haltungs- und Gangsicherheit sind gestört (Posturale Instabilität)

    Ursächlich für die Bewegungsstörungen ist ein Dopaminmangel – ein Botenstoff im Gehirn. Dabei können die Patienten eines der Symptome besonders ausgeprägt haben. Die motorischen Beeinträchtigungen zeigen sich häufig auch durch steife Gesichtsmuskeln, was zu einem starren Gesichtsausdruck und weniger Mimik führt. Der Ausdruck der Patienten wird auch als „Maskengesicht“ bezeichnet und fälschlicherweise mit Teilnahmslosigkeit assoziiert.

    Die Körperhaltung ist oft gebeugt und der Gang ist verändert – die Patienten ziehen ein Bein nach oder haben Schwierigkeiten beim Losgehen oder abrupten Anhalten. Typisch ist auch das Zahnradphänomen. Durch die erhöhte Muskelspannung können zum Beispiel die Arme oder Handgelenke nur ruckartig bewegt werden. Auch das Sprechen, das Schriftbild und die Feinmotorik können eingeschränkt sein.

    Doch das sind nur die motorischen Symptome der Erkrankung. Parkinson ist sehr facettenreich und umfasst viel mehr als nur das klassische Zittern. So können in der Spätphase weitere schwere Symptome hinzukommen, wie:

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    Der Arzt „Doc Felix“ erklärt, was die Erkrankung Parkinson eigentlich ist

    Frühe Anzeichen von Parkinson

    Vor den klassischen Hauptsymptomen zeigen Parkinsonpatienten aber auch schon andere Symptome, die wir nun auch endlich in Verbindung mit der Erkrankung bringen konnten.

    Wir sind uns mittlerweile relativ sicher, wie die Krankheit entsteht. Es handelt sich um eine Veränderung von einem Protein im Körper, dem α-Synuclein. Wenn dieses Protein verändert ist, verklumpt es und wandert von einer Nervenzelle zur nächsten. Der deutsche Mediziner Prof. Dr. Heiko Braak hat als erster weltweit zeigen können, dass α-Synuclein sich früh in bestimmten Regionen im Gehirn und später auch weiterverbreitet ansammeln kann und damit die Funktion verschiedenster Hirnregionen stört. Durch das Verteilungsmuster konnte eine Erklärung für die typischen Frühsymptome vor Auftreten der klassischen Bewegungsstörung gefunden werden:

    1. Riechstörungen: Anfangs verklumpt das Protein α-Synuclein im Riechsystem der Gehirns. Darum hat die Mehrzahl aller Parkinsonpatienten vor den Hauptsymptomen schon eine Riechstörung. Nur die Hälfte davon bemerkt es überhaupt – wenn wir die Patienten testen und eine Riechstörung feststellen, sind sie meist überrascht.
    2. REM-Schlafverhaltensstörung: REM steht dabei für „rapid eye movements“, denn die REM-Schlafphase während der Nacht ist von schnellen Augenbewegungen hinter geschlossenen Augenlidern gezeichnet. In dieser Traumphase schlafen wir normalerweise sehr tief und fest. Die Patienten mit einer REM-Schlafverhaltenstörung schlafen sehr unruhig, haben heftige Träume, bei denen sie auch um sich schlagen und schreien können. Im Gegensatz zu „Normalträumenden“ durchleben sie ihre Träume regelrecht. Die Schlafstörung ist ein Risikofaktor für die Parkinsonerkrankung – 80 Prozent der Patienten erkranken in den nächsten 15 Jahren an Parkinson.
    3. Verstopfungen: Wenn das autonome, also unwillkürliche, Nervensystem gestört ist, bleibt der Stuhl länger im Darm. Im Dickdarm wird dem Stuhl immer weiter Wasser entzogen, wodurch er aushärtet und es zu schmerzhaften Beschwerden beim Toilettengang führen kann.
    4. Depressionen: Etwa 30 Prozent aller Parkinsonpatienten haben depressive Verstimmungen oder Depressionen. Es ist bisher unklar, ob Depressionen ein Frühsymptom oder auch ein Risikofaktor für Parkinson sein können.

    „Früher wurde Parkinson als Dopaminmangelerkrankung bezeichnet – heute ist das anders. Die vielen anderen Symptome, wie die Riechstörung und Depressionen, gehören eben auch dazu und lassen sich nicht nur auf einen Dopaminmangel zurückführen. Dabei spielen andere Botenstoffe im Gehirn eine Rolle.“

    Prof. Dr. Heinz Reichmann
    Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden

    Was hat das α-Synuclein mit Dopaminmangel zu tun?

    Das Protein α-Synuclein verklumpt unter anderem in einer Hirnregion, die wir „Substantia nigra“ nennen – die schwarze Substanz. Von ihr gehen Nervenzellen in eine andere Hirnregion, wo der Botenstoff Dopamin freigesetzt wird. Wenn die Nervenzellen aber durch verklumptes α-Synuclein verstopft sind, können sie nicht mehr funktionieren. Es kommt zum Dopaminmangel, der das Zittern, die Muskelsteifheit, die verlangsamten Bewegungen und die Gangunsicherheit auslöst. Und hier setzt man therapeutisch an – mithilfe einer Dopaminersatztherapie.

    Früher wurde Parkinson als Dopaminmangelerkrankung bezeichnet – heute ist das anders. Die vielen anderen Symptome, wie die Riechstörung und Depressionen, gehören eben auch dazu und lassen sich nicht nur auf einen Dopaminmangel zurückführen. Dabei spielen andere Botenstoffe im Gehirn eine Rolle.

    Parkinson behandeln

    Klassischerweise wird Parkinson mittels Dopaminersatztherapie behandelt, um die Bewegungsstörungen zu vermindern. Über die Zeit hinweg beklagen die Patienten immer wieder neue Probleme mit ihrem behandelnden Arzt, denn Parkinson ist eine vielseitige Erkrankung.

    Als Ärzte können wir die Depression behandeln, die Demenz verzögern, Verstopfungen verbessern. Doch es sind nicht nur die Neurologen, die in der Behandlung involviert sind. Das medizinische Umfeld ist unglaublich wichtig. So nehmen Logopäden, Ergotherapeuten und Physiotherapeuten einen wichtigen Stellenwert ein. Sie helfen den Patienten zum Beispiel die Sprache, Feinmotorik und das Gleichgewicht wieder zu verbessern und damit die Lebensqualität zu steigern.

    „Logopäden, Ergotherapeuten und Physiotherapeuten nehmen einen großen Stellenwert in der Behandlung von Parkinsonpatienten ein. Sie helfen den Patienten zum Beispiel die Sprache, Feinmotorik und das Gleichgewicht wieder zu verbessern und damit die Lebensqualität zu steigern.“

    Prof. Dr. Heinz Reichmann
    Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden

    Die „Parkinson-Komplex-Therapie“

    In Deutschland gibt es auch die großartige Möglichkeit der „Parkinson-Komplex-Behandlung“, die auch von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird. Dabei handelt es sich um einen zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt in Parkinsonspezialkliniken, in denen die Patienten medikamentös eingestellt werden und intensive Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie erhalten. Aber auch andere Behandlungstherapien werden im fortgeschrittenem Stadium angeboten.

    Die Patienten haben eine gute Ausgangsposition, um über viele Jahre und Jahrzehnte ihre Lebensqualität zu erhalten. Parkinson ist eine insofern schlimme Diagnose, weil man jeden Tag parkinsonkrank ist. Aber wir können die Erkrankung gut behandeln.

    Kann man schon in der frühen Phase der Erkrankung eingreifen und die Krankheit aufhalten?

    Leider nein – bisher haben wir keine Möglichkeit, die Krankheit aufzuhalten. Aber es laufen gerade vielversprechende klinische Studien, die am gestörten α-Synuclein ansetzen. Diese neuen Medikamente müssen sich aber noch bewähren. In den klinischen Studien werden sie gerade auf Sicherheit und Wirksamkeit getestet.

    Zwei Senioren gehen Walken und sind lachen dabei.
    Rythmische Bewegungen wie Nordic Walking sind hilfreich bei der Behandlung von Parkinson

    © iStock / yacobchuk

    Wer ist der richtige Ansprechpartner für die Diagnose?

    Das wichtigste bei der Diagnose ist, von einem erfahrenen Arzt körperlich untersucht zu werden, mit Blick auf das Zittern, der Unterbeweglichkeit und Muskelsteifheit. Der Hausarzt kann ein guter Ansprechpartner und auch behandelnder Arzt sein. Jedoch sollte ein Patient bei Verdacht auf Parkinson auch von einem Neurologen gesehen werden – eine Bildgebung des Gehirns mittels MRT (Magnetresonanztomografie) sollte Teil der Diagnostik sein. So können andere Ursachen ausgeschlossen werden – wie etwa Hirntumore oder Schlaganfälle.

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    Gibt es Risikofaktoren für Parkinson?

    Parkinson zählt zu den häufigsten Erkrankungen des Nervensystems im hohen Alter – neben Alzheimer-Demenz und Schlaganfall.

    Somit ist das größte Risiko das Altwerden.

    Ab 60 Jahren beginnt das Risiko stark anzusteigen. Vermutlich entwickelt sich die Erkrankung über Jahre hinweg. Ein weiteres Risiko ist der häufige Umgang mit Giften wie Kohlenstoffmonoxid und Mangan, sowie Herbizide und Pestizide als Landwirte.

    Leider gibt es auch junge Parkinsonpatienten (unter 40 Jahre), die einen genetischen Defekt aufzeigen. Wir kennen etwa 20 Gene, die bei einer Veränderung zum Parkinsonsyndrom führen können. Aber nur fünf Prozent aller Parkinsonpatienten in Deutschland zeigen eine genetische Ursache.

    Viele Patienten fragen mich: „Habe ich irgendetwas falsch gemacht?“ Aber nein, bis auf die Umweltgifte kann man sich nicht schützen.

    Was empfehlen Sie den Patienten für den Alltag?

    Parkinsonpatienten sollten nicht nur auf der Couch sitzen, sondern auch gefordert werden. Rhythmischer Sport ist hilfreich, zum Beispiel Nordic Walking, Tanzen, Schwimmen, Golfen und Tennis, aber nicht unbedingt Gewichtheben – Hauruckbewegungen sind nicht hilfreich.

    Es geht darum, Rhythmus und Bewegungsfluss wieder zu erlernen. Bei der Ernährung kann man nicht viel falsch oder richtig machen. Alkohol ist nicht explizit verboten. Koffein scheint eine positive Wirkung zu haben, die aber umstritten ist.

    Mein Rat ist auch, sich einer Parkinsonselbsthilfegruppe anzuschließen. Sie bietet Unterstützung in allen Bereichen und funktioniert in Deutschland unglaublich gut. Es gibt flächendeckend Gruppen, die sich helfen, Tipps geben und über die Deutsche Parkinsonvereinigung die neusten Informationen bereitstellen. Die Selbsthilfegruppen sind ein hilfreiches Netzwerk für Austausch und Unterstützung.

    Gibt es eine Botschaft, die Ihnen zu der Erkrankung Parkinson wichtig ist?

    Ja, sehr sogar. Als behandelnder Arzt ist es mir wichtig, dass ich die Patienten möglichst bald nach der Diagnose nochmal sehe. Denn es läuft immer gleich ab: Ich sage dem Patienten, dass er Parkinson hat. Danach machen die Patienten dicht und sind verständlicherweise von Angst gelähmt. Hier muss man die Patienten dann auffangen und so früh wie möglich nochmal mit Ihnen sprechen. Da kann ich ihnen dann Mut machen und sie aufbauen. Denn Parkinson lässt sich hervorragend behandeln.

    Ich schließe mit dem Patienten immer einen Pakt: Wir planen für die nächsten fünf Jahre und sorgen dafür, dass sie im Beruf bleiben und ihre Hobbies weiter machen können. Danach planen wir weiter. Es ist eine therapierbare Erkrankung, obwohl sie neurodegenerativ ist und obwohl wir die Ursache bisher nicht behandeln können.

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