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ADHS: Ist mein Kind nur sehr lebhaft oder muss ich mir Sorgen machen?
Veröffentlicht am:27.01.2022
aktualisiert am 03.07.2026
17 Minuten Lesedauer
Manche Kinder sind sehr unruhig, impulsiv und unaufmerksam. Nicht immer verbirgt sich dahinter die Verhaltensstörung ADHS. Welche Warnsignale gibt es und worauf sollten Eltern achten? Das erklärt die Psychologin Dr. Stephanie Schürmann im Interview.

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Inhalte im Überblick
- Was ist ADHS?
- Welche Ursachen hat ADHS?
- Welche Rolle spielt die Erziehung bei ADHS?
- Welche Symptome treten bei ADHS auf?
- ADHS: Wie wird die Diagnose gestellt?
- Werden bei ADHS zu oft Medikamente verschrieben?
- Welche Auswirkungen hat ADHS auf den Alltag des Kindes?
- Worauf sollten Eltern von Kindern mit ADHS achten?
Was ist ADHS?
ADHS ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Dabei steht das A für Aufmerksamkeit, das D für Defizit, das H für Hyperaktivität und das S für Störung. ADHS hat also mit einem Mangel an Aufmerksamkeit zu tun.
Hinzu kommt die Hyperaktivität – also eine motorische Unruhe. Man spricht allerdings nur dann von ADHS, wenn es diese Auffälligkeiten schon länger als ein halbes Jahr gibt und sie in mehreren Lebensbereichen auftreten.
Zeigen sich die Schwierigkeiten also beispielsweise ausschließlich zu Hause, in der Schule aber nie, sollte zunächst abgeklärt werden, ob ihnen nicht vielleicht eine andere Ursache zugrunde liegt.
Dr. rer. medic. Stephanie Schürmann ist Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin an der Uniklinik Köln. Mit Schwerpunkt auf ADHS leitet sie dort die Ambulanz des Ausbildungsinstituts für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.
Welche Ursachen hat ADHS?
Nach wie vor gibt es keine allumfassende Erklärung dafür, wie ADHS entsteht. Sicher ist jedoch, dass mehrere Dinge zusammenkommen müssen, damit sich die Störung ausbildet. Die bedeutendste Rolle spielen dabei erbliche Faktoren.
An ADHS sind viele Gene beteiligt – es gibt also eine Veranlagung für ADHS, die stärker oder schwächer ausgeprägt sein kann. Hinzu kommen oft äußere Einflüsse. Aber um eine weitverbreitete Annahme klarzustellen: Allein durch einen falschen Erziehungsstil kann man kein ADHS verursachen.
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Welche Rolle spielt die Erziehung bei ADHS?
Die Erziehung kann beeinflussen, wie sich die Störung entwickelt. Wenn ich eine niedrige Veranlagung habe, aber ein schädliches Erziehungsverhalten oder ungünstige Umweltbedingungen erlebe – beispielsweise mit vielbeschäftigen Eltern, die ihrem Kind weniger als das Minimum an benötigter Aufmerksamkeit schenken, kann dies das Risiko für Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS erhöhen oder bestehende Symptome verstärken.
Das gilt ebenso umgekehrt: Wenn ich eine mittlere Veranlagung habe, dafür aber unter extrem günstigen Umweltbedingungen aufwachse und mit Eltern, die mich durch ihr Erziehungsverhalten unterstützen, kann es sein, dass ich die Störung nicht ausbilde.
Habe ich jedoch eine sehr starke Veranlagung, kann ich trotz günstiger Erziehungs- und Umweltbedingungen ADHS entwickeln.
„Allein durch einen falschen Erziehungsstil kann man kein ADHS verursachen, aber das elterliche Verhalten hat Einfluss darauf, wie sich die Störung im weiteren Verlauf entwickelt.“
Dr. rer. medic. Stephanie Schürmann
Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin an der Uniklinik Köln
Welche Symptome treten bei ADHS auf?
Im Prinzip gibt es bei ADHS drei große Symptombereiche. Zum ersten Bereich zählen die Probleme, die am häufigsten mit dem Begriff verbunden werden – nämlich ausgeprägte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten.
Die Gedanken schweifen ab, wenn man vor dem Fenster einen Vogel entdeckt; im Klassenraum wird mehr auf den Sitznachbarn als auf die Lehrperson geachtet; die Konzentrationsspanne reicht nicht aus, um Aufgaben zeitgerecht zu erledigen. Grob gesagt: Die Aufmerksamkeit ist überall – nur nicht da, wo sie im Moment hingehört.
Der zweite Bereich, der ebenfalls im Namen steckt, ist die Hyperaktivität – eine ausgeprägte körperliche Unruhe. Das bedeutet nicht unbedingt, ständig herumzuzappeln. Bewegungsfreudige Kinder, die gerne unterwegs oder sogar sportlich aktiv sind, sind nicht automatisch hyperaktiv.
Es geht hier darum, dass es den Betroffenen schwerfällt, sich an gewisse Situationen mit bestimmten Regeln anzupassen. Die Unruhe kommt meist dann, wenn Ruhe und Stillsitzen gefordert sind, beispielsweise in der Schule: Sie hampeln herum, ständig fällt etwas vom Tisch. Sie können ihre Unruhe in wichtigen Momenten nicht regulieren.
Der dritte Bereich ist die Impulsivität. Betroffene handeln häufig spontan, ohne vorher groß nachzudenken, welche – auch kurzfristige – Konsequenzen ihr Handeln oder Verhalten haben könnte. Kinder mit ADHS werden zum Beispiel sehr schnell wütend, können sich aber auch unwahrscheinlich schnell und intensiv freuen. Durch ihre Impulsivität ecken sie schnell an.
ADHS: Wie wird die Diagnose gestellt?
Die Schwierigkeit bei dieser Diagnose ist, dass der Arzt oder die Ärztin anhand weniger Merkmale eine Entscheidung fällen muss. Prinzipiell ist jedes Kind mal abgelenkt, jedes Kind ist mal impulsiv, jedes Kind ist mal bewegungsfreudig oder schafft es nicht, auf dem Stuhl sitzen zu bleiben.
Doch wie stark muss die Symptomatik ausgeprägt sein, um wirklich von ADHS sprechen zu können? Es muss eine bestimmte Ausprägung, eine bestimmte Stärke haben, und zwar immer – das ist das Wichtigste – verglichen mit der Altersnorm und dem Entwicklungsstand.
Ich als Expertin muss also die Verhaltensweisen mit denen von gleichaltrigen Kindern mit gleichem Entwicklungsstand gegenüberstellen und mich dann fragen: Ist es deutlich ausgeprägter als bei diesen anderen Kindern?
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Welche Anhaltspunkte brauchen Sie für die ADHS-Diagnose?
Definitiv brauchen wir Informationen aus der Schule. Wir lassen uns Zeugnisse zeigen, vor allem solche, in denen das Kind und sein schulisches Verhalten beschrieben werden. Wir wollen von den Eltern wissen, was die Lehrkräfte ihnen an Elternsprechtagen berichten. Wir lassen uns Hefte und Arbeitsblätter zeigen.
Wir befragen die Eltern ausführlich über die Situation zu Hause und wie gut die Hausaufgaben klappen. Und lassen das betroffene Kind oder den Jugendlichen zu Wort kommen, um ihre Perspektive miteinzubeziehen. Auch ein Gespräch mit Lehrkräften kann hilfreich sein.
Wir erfassen die Problematik auch über Fragebogenverfahren. Wenn all das evaluiert ist, macht man einen sogenannten Leistungstest. Dabei beobachten wir: Wie geht das Kind mit Leistungssituationen und mit selbstbestimmten Aufgaben um, bei denen es sich konzentrieren muss? Wie verhält es sich dabei?
Gibt es Grenzfälle bei der Diagnose?
Bei der Diagnosestellung gibt es natürlich Grenzfälle, bei denen ein Arzt oder eine Ärztin eine Diagnose stellt, ein anderer oder eine andere jedoch nicht, weil er oder sie meint, die Symptome reichen dafür nicht aus. Ist ein Kind impulsiv, unruhig und hat Konzentrationsschwierigkeiten, aber nichts davon ist richtig stark ausgeprägt, dann gehe ich zunächst diesen Symptomen auf den Grund.
Wir stellen nur dann eine Diagnose, wenn die Störung auch wirklich Probleme verursacht. Kommt ein Kind insgesamt in allen Lebensbereichen gut zurecht und hat durch seine Unaufmerksamkeit keine Nachteile, braucht es meiner Meinung nach auch keine Diagnose.
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Werden bei ADHS zu oft Medikamente verschrieben?
Wenn man sich die Studienlage anschaut, würde man immer noch sagen, dass bei der Häufigkeit der Diagnose vergleichsweise weniger Medikamente verschrieben werden, als es tatsächlich zu erwarten wäre. Das ist aber nicht schlimm, weil nicht jedes Kind mit ADHS Medikation braucht. Trotzdem ist die Frage: Werden die Richtigen diagnostiziert? Fallen manche Kinder und Jugendliche durchs Raster, während andere mit milden Symptomen Medikation erhalten, obwohl sie sie nicht benötigen?
Viele Kinderärzte oder Kinderärztinnen sind gut weitergebildet und machen auch eine ausführliche Diagnose, andere überweisen richtigerweise an Kinder- und Jugendpsychiater oder -therapeuten. Trotzdem sollte man als Eltern im Falle einer Diagnose vorsichtig sein, ob diese gut reflektiert wurde.
Worauf sollten Eltern bei der Medikation achten?
Wenn mir schon beim ersten Termin gesagt wird, mein Kind habe ADHS, und dann im Zweifelsfall auch direkt Medikation verschrieben wird, sollten Eltern hellhörig werden. So schnell kann die Diagnose nicht gestellt werden.
Selbst bei einem maximal auffälligen Kind sollte der Arzt oder die Ärztin in jedem Fall die speziellen Fragebögen durchgehen und eine sorgfältige Anamnese machen. Es ist wichtig, die bisherige Biografie des Kindes zu kennen. Denn die ADHS-Symptomatik tritt nicht plötzlich auf, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben des Kindes.
Was bewirken Medikamente bei ADHS im Körper?
Es gibt verschiedene Medikamente zur Behandlung von ADHS. Am meisten verbreitet sind Psychostimulanzien, die den Wirkstoff Methylphenidat enthalten und über Neurotransmitter – sogenannte Botenstoffe des Gehirns – wirken, die Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten weitergeben.
Die Psychostimulanzien sorgen dafür, dass diese Vorgänge gezielter, schneller und klarer vonstattengehen. Kinder, die Medikamente nehmen, werden durch sie motorisch ruhiger – sie werden aber keinesfalls „ruhiggestellt“. Manchmal kann das so wirken, weil der Kontrast zu vorher so auffallend ist.
Wird ein Kind durch die Medikation aber tatsächlich antriebslos oder freudlos, muss die Dosierung überprüft werden. In der Regel ist dann das Medikament zu hoch eingestellt und diese „Nebenwirkungen“ verschwinden, sobald eine Dosisreduktion stattfand. Es ist niemals Sinn der Sache, ein Kind zu sedieren.
Wie wird ADHS ohne Medikamente behandelt?
Nach der Diagnostik erfolgt erst einmal eine Psychoedukation. Das heißt, wir klären sowohl die Erziehungsberechtigten als auch die Kinder und Jugendlichen über ADHS auf. Wir geben Informationen weiter, was wir über die Störung wissen, und beraten, wie man mit der Situation am besten umgeht.
Anschließend beginnen wir, verhaltenstherapeutisch zu arbeiten. Wir schauen uns das Verhalten an und finden heraus: In welchen Momenten entstehen Schwierigkeiten und was kann ich in und an diesen Situationen selbst ändern, damit die Probleme weniger werden? Wir versuchen, mit dem Kind zu arbeiten, aber auch mit Eltern und Schule.
Man probiert, innerhalb der Familie gewisse Abläufe zu verändern, mit den Lehrkräften in Kontakt zu treten und zu überlegen: Welcher Sitzplatz eignet sich am besten? Wie sollten Aufforderungen aussehen? Welche Hilfsmittel stehen zur Verfügung? Welche Konzentrationsübungen gibt es?
Infoportal ADHS
Das Infoportal ADHS ist ein bundesweites Netzwerk, um die Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS zu verbessern. Betroffene jeden Alters, aber auch Eltern und Lehrkräfte finden dort viele Informationen.
Welche Auswirkungen hat ADHS auf den Alltag des Kindes?
In der Schule spielt vor allem die Unkonzentriertheit eine Rolle. Das heißt, betroffene Kinder können nicht so gut bei der Sache bleiben, bekommen ihre Aufgaben nicht fertig, sind mit den Ohren beim Nachbarn, quatschen dazwischen, können nicht abwarten, stehen auf oder machen Flüchtigkeitsfehler.
Auch im Alltag mit den Eltern zeigt sich, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht so gut fokussieren können. Sie hören nicht so gut hin, man muss Anweisungen ständig wiederholen, Aufträge mit mehreren Aufforderungen sind kaum umsetzbar, weil die Kinder sie sich nicht merken können. Dinge werden vergessen, Sachen liegen gelassen.
Betroffene Kinder brauchen sehr viel mehr Anleitungen. Im Umgang mit anderen Kindern ist es oft so, dass sie nicht gut abwarten können, sich bei Spielen vordrängeln, den Ton angeben oder schnell das Interesse verlieren. Sie wechseln schneller die Aktivitäten.
Worauf sollten Eltern von Kindern mit ADHS achten?
Das Wichtigste ist, als Elternteil in einer positiven Beziehung zu dem Kind zu bleiben. Kinder mit ADHS sind oft anstrengend, weswegen Eltern häufig schlichtweg genervt von ihnen sind. Das Kind sollte jedoch nicht die Erfahrung machen, dass sich Eltern nur dann kümmern, wenn es sie nervt.
Die Schlussfolgerung daraus für das Kind ist nämlich: „Ich muss problematisches Verhalten zeigen, damit die Eltern mich beachten.“ Das führt zu Schimpfen und im Extremfall dazu, dass das Kind sich nicht geliebt fühlt. Deswegen ist die positive Beziehung so wichtig.
Ich rate Eltern immer, positive Dinge zu machen und da Aufmerksamkeit zu schenken, wo Dinge gut laufen sowie dazu, viel zu loben – auch für Selbstverständlichkeiten. Es geht darum, ganz einfache positive Verhaltensweisen, die man sich mehr wünscht, zu loben, wie Händewaschen vor dem Essen oder das Reagieren auf Rufen.
„Das Wichtigste ist, als Elternteil in einer positiven Beziehung zu dem Kind zu bleiben.“
Dr. rer. medic. Stephanie Schürmann
Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin an der Uniklinik Köln
Was können Eltern machen, wenn das nicht funktioniert?
Besonders hilfreich sind Strukturen und klare Abläufe. So weiß das Kind nach einer gewissen Zeit, was auf es zukommt. Es fällt ihm leichter, mitzumachen. Regeln sind wichtig, damit das Kind genau weiß, was es darf und was nicht. Das können Kleinigkeiten sein wie das pünktliche Erscheinen beim Essen.
Hält sich das Kind nicht daran, folgt stets die gleiche Konsequenz. Das sollte aber eine natürliche Konsequenz sein wie: „Du kannst erst anfangen mit uns zu essen, wenn die Hände gewaschen sind.“ Nicht etwa ein einwöchiges Fernsehverbot. Das gleiche Vorgehen gilt auch für Lehrer oder Lehrerinnen in der Schule.
Kann sich ADHS auch einfach „verwachsen“?
Es gibt tatsächlich Kinder mit ADHS, die ab einem gewissen Alter keine Unruhe mehr haben. Reagiert das Umfeld aber nicht optimal auf das ADHS und leistet nicht wirklich gute Hilfe, passiert oft eher das Gegenteil: Die Probleme werden mehr.
In der Schule bleiben Kinder sitzen oder müssen aufgrund von Verhaltensproblemen die Schule wechseln. Das kann eine Störung des Sozialverhaltens mit sich bringen oder emotionale Schwierigkeiten, weil die Kinder selbst unter der Störung leiden. Unbehandelt kann ADHS viele weitere Probleme nach sich ziehen, die zunächst gar nicht so ersichtlich sind.
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