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Erziehen mit Gelassenheit – wie können Konflikte besonnen gelöst werden?

Eine vierköpfige Familie sitzt entspannt auf dem Sofa.

© iStock / kupicoo

Lesezeit: 6 MinutenAktualisiert: 03.11.2021

Viele Eltern möchten gerne ohne Schimpfen durch konfliktreiche Situationen kommen. Aber wie lässt sich das erreichen? Antworten kennt Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt, Wissenschaftler, Autor und anerkannter Experte in Erziehungsfragen – spätestens seit der Publikation seines Buches „Kinder verstehen“, das mittlerweile als Standardwerk in der Erziehungsliteratur gilt.

Inhalte im Überblick

    Konflikte gehören zur Familie

    Eltern nehmen sich vor, ohne Meckern und Schimpfen auszukommen, dennoch werden Kinder oft zurechtgewiesen und beschimpft. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

    Porträt von Dr. Herbert Renz-Polster

    © Dr. Herbert Renz-Polster

    Ich finde es toll, dass Eltern sich einen möglichst achtsamen Umgang mit ihren Kindern vornehmen, und ich finde es normal, dass sie daran immer wieder auch scheitern. Ich finde, solange Eltern sich vornehmen, es immer besser hinzukriegen und zu lernen, geht das schon in die richtige Richtung.

    Es ist doch so: Konflikte in der Familie sind normal, Kinder haben nun mal oft auch andere Interessen als die Erwachsenen. Und die Erwachsenen müssen den Laden am Laufen halten und können dann vielleicht nicht immer alle Bedürfnisse jedes Kindes in der Familie zu 100 Prozent erfüllen. So ist das Leben. Also kommt es darauf an, die Konflikte möglichst gut zu lösen – eben so, dass keine Verletzung entsteht und wir gemeinsam weiterkommen. Das geht aber für das Kind nur, wenn es nicht „fertiggemacht“ wird.

    Kinder, die gekränkt oder entwertet werden, damit man sich als Eltern durchsetzt, werden genauso wenig aus einem Konflikt lernen wie Ehepartner, die sich „fertigmachen“. Ich finde, da sind die Eltern in der Verantwortung. Und die beginnt bei „schlechtem“ Verhalten des Kindes immer bei einem Blick hinter die Bühne: Was ist der wirkliche Grund, warum mein Kind gerade so „unmöglich“ ist. Kinder sind genauso wenig einfach so „unmöglich“ wie wir Großen auch – da steht immer was dahinter.

    „Ich finde es toll, dass Eltern sich einen möglichst achtsamen Umgang mit ihren Kindern vornehmen, und ich finde es normal, dass sie daran immer wieder auch scheitern.“

    Dr. Herbert Renz-Polster
    Kinderarzt, Wissenschaftler, Autor und Erziehungsexperte

    Erziehen ohne Schimpfen?

    Wie gehe ich mit einem „unmöglichen“ Kind um?

    Das wird dem einen leichter fallen als dem anderen und Kinder können damit leben, wenn ihre Eltern spontan mal ihren Frust oder Kummer zeigen. Es kommt darauf an, dass wir Eltern wieder unsere „elterliche“ Rolle finden, also das Motiv hinter der Handlung erkennen und das Kind als Kind behandeln. Dem Kind brennen die Sicherungen ja nicht deshalb schneller durch, weil es „böse“ ist oder so sein will, sondern weil die Sicherungen noch sehr schwach sind.

    Und die Kleinen überschauen ja im Moment oft gar nicht die Konsequenzen. Wenn man das versteht, dann bekommt so was eine menschliche Dimension. Erst dann kann ich meinem Kind mit besseren Mitteln begegnen als mit Gewalt, Zorn oder Frustration.

    Wenn man sich an seinem Kind nur abreagiert, lernt das Kind gar nichts. Also ja, zeigen Sie Ihren Kummer und dann geht es um das Praktische: Können wir das Foto wieder zusammenkleben, gemeinsam? Das Kind ist ja oft schon genug bedröppelt, wenn es merkt, was es da angerichtet hat. Man muss es dann nicht auch noch als „schlechtes Kind“ behandeln, dadurch nageln wir es ja nur auf Abwehr fest.

    Was raten Sie Eltern, die sich zwar mehr Gelassenheit bei der Erziehung wünschen, aber immer wieder an ihre Grenzen geraten und dann doch laut werden?

    Es gibt alles im Angebot, aber oft sind das ja nicht die fehlenden Techniken, die uns durchdrehen lassen, sondern zum Beispiel, dass es uns selbst nicht so wunderbar geht oder zu viel zu schultern ist. Wenn man merkt, man ist oft ungerecht zu seinen Kindern, dann ist es vielleicht gut, auf der eigenen Seite zu suchen, was einem gerade fehlt oder wie sich immer wiederkehrende Konflikte vermeiden lassen.

    Wenn es zum Beispiel immer rund um die Hausaufgaben zu Kämpfen kommt, dann muss man einfach mal ein paar Wochen aus dem Thema aussteigen und das dem Kind und seinen Lehrern überlassen. Alle Seiten werden daraus lernen und es entsteht Bewegung – und die braucht es, denn es kann ja nicht besser werden, wenn immer nur Gift in der Luft liegt.

    Es ist wie in der Ehe, immer hilft der Blick hinter das unmittelbare Reizthema: Was ist eigentlich unser eigentliches Problem? Das wird nicht immer eine Lösung bringen, so ist das in der Familie eben manchmal auch – wir haben auch unsere Durchhänger und manchmal wenig Rückenwind und ab und zu auch wirklich bescheidene Karten auf der Hand. Dann können wir nur schauen, dass uns ein Minimalprogramm gelingt. Und uns dafür loben, was wir dann trotz allem schaffen.

    Eine Mutter schimpft mit ihrer bockigen Tochter.
    Laute Zurechtweisung der Tochter.

    © iStock / StefaNikolic

    Fürsorge und Helikopter-Eltern

    Das Feld zwischen Vernachlässigung der Kinder und sogenannten Helikopter-Eltern ist zwar weit, aber kann man es mit der Fürsorge womöglich übertreiben?

    Überschwängliche Fürsorge ist etwas Tolles! Solange das Kind seinen Freiraum hat und sich in der Welt bewähren kann, hat das Herz ein Überlaufventil. Helikopter-Eltern geben ihren Kindern meist nicht zu viel an Rückenwind, sondern zu wenig an Freiheit, um diesen Wind in Wachstum zu verwandeln. Kinder wollen ihr Ding machen, sie wachsen an den Herausforderungen, die sich im Spielen und im Alltag stellen, sie wachsen nicht, indem sie über Stöckchen springen, auch wenn die von liebenden Eltern hingehalten werden.

    „Helikopter-Eltern geben ihren Kindern meist nicht zu viel an Rückenwind, sondern zu wenig an Freiheit, um diesen Wind in Wachstum zu verwandeln.“

    Dr. Herbert Renz-Polster
    Kinderarzt, Wissenschaftler, Autor und Erziehungsexperte

    Nicht gleichberechtigt, aber gleichwürdig

    Gegenseitiger Respekt und Anerkennung sind wichtig in zwischenmenschlichen Beziehungen. Manche Eltern versuchen, die besten Freunde ihrer Kinder zu sein. Ist dieses Konzept praktikabel oder falsch verstandene Gleichberechtigung?

    Gegenseitiger Respekt zwischen Eltern und Kindern hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun. Die Eltern sind für das Wohlergehen der Familie verantwortlich und dafür, dass die Stimmung in der Bude einigermaßen stimmt. Das können nicht die Kinder übernehmen. Zu diesem Job der Eltern gehört auch, dass sie manchmal Zumutungen aussprechen, Nein sagen oder dem Wunsch ihrer Kinder nicht nachkommen.

    Gleichzeitig versuchen wir aber unsere Kinder so zu behandeln, dass wir ihre Bedürfnisse so gut es geht berücksichtigen und sie als Menschen achten. Mehr ist nicht drin, für beide Seiten, und in diesem Rahmen sind wir zwar nicht gleichberechtigt, aber gleichwürdig.

    „Gegenseitiger Respekt zwischen Eltern und Kindern hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun.“

    Dr. Herbert Renz-Polster
    Kinderarzt, Wissenschaftler, Autor und Erziehungsexperte

    Sind Hierarchien – klar formulierte oder verdeckte – für ein harmonisches Zusammenleben in der Familie hinderlich oder sogar förderlich?

    Eine menschliche und für die Entwicklung des Kindes (und seiner Eltern) förderliche Hierarchie beruht nicht auf: Ich oben – du unten. Schwache Eltern brauchen solche Hierarchien, weil sie mit echter Stärke nicht umgehen können. Echte Stärke liegt darin, sein Kind so zu behandeln, dass es innerlich wachsen kann. Also: ihm als Mensch Anerkennung zu geben, es vor innerer Not zu schützen und ihm eine Heimat im Familienteam zu geben.

    Das bedeutet nicht, dass Eltern nicht die Führung übernehmen und auch Vorgaben machen, das Nein gehört zum Leben mit Kindern manchmal auch dazu. Aber wir verhandeln das mit offenem Visier und mit Blick auf die Augen des Kindes: Ich will dich so behandeln, dass du deine leuchtenden Augen behältst und wir Freude aneinander haben können. Ich bemühe mich deshalb, dich immer besser zu verstehen und mich so zu entwickeln, dass wir als Familie ein gutes Team sind.

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