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Bis hier und nicht weiter: Kindern gekonnt Grenzen setzen

Mutter zeigt ihrem kleinen jungen seine Grenzen auf.

© iStock / Halfpoint

Lesezeit: 5 MinutenAktualisiert: 24.03.2021

Klare Regeln und feste Grenzen sind ein wichtiger Bestandteil in der Kindeserziehung. Wann sollten Kinder erste Grenzen erfahren und wie können Eltern diese glaubhaft und eindrücklich vermitteln? Darüber spricht Dr. Adam Geremek, Oberarzt und Leitung der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Helios Klinikum in Schleswig.

Inhalte im Überblick

    Grenzen bedeuten Schutz und Sicherheit für Kind und Eltern

    Was kann ich schon? Was darf ich, was nicht? Es ist natürlich, dass Kinder sich ausprobieren und ihre Grenzen austesten. Feste Regeln sind daher besonders wichtig für ihre Orientierung – vor allem was Gefahren angeht. Wo liegt die Grenze zwischen Sicherheit und Risiko?

    „Ein Leben ohne Grenzen bedeutet Unsicherheit, und Unsicherheit bedeutet (psychischen) Stress“, so Dr. Adam Geremek. „Ein Kind, das nicht weiß, wo seine Grenzen liegen, begibt sich rasch in Gefahr – sei es im Haushalt, beim Verhalten auf der Straße oder bei der Interaktion mit Gleichartigen und Älteren. Grenzen bei Kindern zu setzen heißt, Kinder altersentsprechend zu beschützen.“ 

    „Kinder, die ohne Grenzen aufwachsen, werden unsicher und diese Unsicherheit löst Stress aus.“

    Dr. Adam Geremek
    Oberarzt und Leiter der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Helios Klinikum in Schleswig

    Wissen Eltern, dass sich ihr Kind an abgesprochene Grenzen hält, machen sie sich weniger Sorgen. Wichtig dabei ist, dass die Grenzen so gesetzt werden, dass das Kind sich innerhalb dieser entfalten und frei bewegen kann. 

    Ein Beispiel aus der Küche: „Will ich verhindern, dass mein Kind die Schubladen mit gefährlichen Küchengeräten öffnet, kann ich ihm eine untere Schublade mit vielen bunten Aufbewahrungsboxen einrichten, an die es jederzeit drangehen darf.“ So können Grenzen vermittelt werden, ohne dass das Kind sich benachteiligt fühlt, denn eigentlich möchte es ja nur beim Kochen helfen.

    Die Grenzsetzung muss dabei dem Alter entsprechen

    Je älter das Kind wird, umso mehr Grenzen kommen bei der Erziehung ins Spiel. Im ersten Lebenshalbjahr sind Grenzsetzungen wenig notwendig, da das Kind die eigenständige Körperdrehung erst erlernen muss und noch nicht krabbeln kann. Wird das Kind zunehmend mobiler, ist es aber Zeit, dass Eltern aufzeigen, was gefährlich ist. Im Kleinkindalter ist das Verständnis für diese Grenzen allerdings noch wenig ausgeprägt. Kinder orientieren sich dann an der Autorität der Erwachsenen. 

    Im Haushalt lauern für ein kleines Kind viele Verletzungs- und Unfallgefahren: unter anderem heißes Wasser, Steckdosen, Messer. Eltern können beispielsweise die Wärme des Wassers vorsichtig als Erfahrung nahebringen oder aber die Erfahrung von etwas Spitzem behutsam vermitteln. „Nicht selten ist es wichtig, dass Kinder unter Aufsicht erfahren, was es heißt, Grenzen zu überschreiten und die Erfahrung zu machen, dass Grenzüberschreitungen manchmal auch wehtun.“

    Dr. Adam Geremek, Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Helios Klinikum Schleswig und Inhaber des Psychosomatikums Kiel
    Dr. Adam Geremek

    Dabei gilt es, die richtige Balance aus pädagogischer Strenge und Wohlwollen zu wahren, denn wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Kinder sehr strenger Eltern häufiger Angststörungen entwickeln. Altersgerechte Grenzen aufzuzeigen heißt auch, dass Eltern lernen müssen, ihr Kind loszulassen.

    „Ein Kind, das in der fünften Klasse noch von der Mutter an der Hand bis vor den Klassenraum gebracht wird, lernt nicht, sich selbständig auf dem Schulweg zu verhalten. Zudem erlebt es Grenzsetzungen als übertrieben und nimmt diese an anderer Stelle möglicherweise nicht ernst.“ 

    Kinder müssen Grenzen verstehen und dabei lernen, eigene Entscheidungen zu treffen

    „Eine der zentralsten Aufgaben der Erziehung besteht darin, Grenzen zu setzen und dem Kind dadurch beizubringen, im Rahmen seiner Möglichkeiten Entscheidungen selbst zu treffen.“ Eltern können frühzeitig damit beginnen, einen angemessenen Entscheidungshorizont vorzugeben. Das Kind darf zum Beispiel zwischen zwei Spielzeugen wählen oder sich beim Essen zwischen zwei Lebensmitteln entscheiden.

    Auch wenn Entscheidungen mit zunehmendem Alter komplexer werden, ist es die Aufgabe der Eltern, einen Entscheidungshorizont vorzugeben, in dessen Rahmen ein Kind bestimmen darf. „Ein Kind, das alles darf, was es will, weiß nicht, was es soll – es wird verunsichert.“ 

    Es ist daher die Aufgabe der Eltern, Grenzen festzulegen und diese im Laufe des Alters nach und nach zu erweitern und anzupassen. Wann wird gegessen, wann geschlafen? Wo wird gespielt? Wie verhalte ich mich gegenüber Erwachsenen und wie gegenüber Gleichaltrigen? Was darf ich gegenüber Bekannten und was gegenüber Fremden? Es ist Aufgabe der Eltern, hierfür einen Rahmen zu schaffen.

    Grenzen glaubhaft vermitteln

    Grenzen und Regeln sollten für Kinder, egal welchen Alters, stets verständlich sein. Es muss klar werden, dass die Einhaltung gewisser Grenzen wichtig ist. „Eltern können die Grenzsetzung anhand von Mimik, Tonfall und Gestik unterstützen.“ Dass ein Kind nicht in die Streckdose greifen darf, muss anders formuliert werden, als die Regel, nicht mit Spielzeug zu werfen. 

    „Kinder lernen dabei am Modell. Und das kleinste, aber auch das wichtigste Modell ist die Familie und vor allem die Eltern.“ Es ist daher sehr wichtig, dass Grenzen durch die Eltern vorgelebt werden. Grenzen, an die sich Eltern selbst nicht halten, können nur über Verbote und Strafen funktionieren. „Wird ein verantwortungsvolles Einhalten von (Benimm-)Grenzen vorgelebt, so werden solche Regeln vom Kind als selbstverständlich und nicht als einschränkend erlebt. Konflikte können so vermieden werden.“ 

    „Grenzen und Regeln sollten von den Eltern authentisch vorgelebt werden.“

    Dr. Adam Geremek
    Oberarzt und Leitung der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Helios Klinikum in Schleswig

    Zudem sollten Grenzen zeitlich umfasst werden. Ein Beispiel: „Wenn eine Mutter sich mit einer Freundin unterhält und dabei von ihrem dreijährigen Kind unterbrochen wird, bringt es nichts, dem Kind zu sagen „Warte mal, ich bin gleich für dich da.“ „Gleich“ ist ein Begriff, der von allen Menschen, nicht nur von Kindern, unterschiedlich ausgelegt wird. Gerade für kleine Kinder hat das Wort häufig einen unmittelbaren Charakter.

    Hilfreicher kann es sein, dann zu sagen: „Wenn ich diesen Satz beendet habe, dann…“ oder „Wenn der große Zeiger der Uhr auf der drei steht, dann…“

    Mutter erklärt ihrem Sohn, dass der Backofen heiß ist und zeigt so feste Grenzen im Haushalt auf.

    © iStock / Imgorthand

    Belohnungen, Ausnahmen und Kompromisse sind ebenfalls von Bedeutung

    „Neben dem Lernen am Modell und Lernen aus Erfahrung ist Belohnungslernen die effektivste Art, wie Kinder das Regelwerk der sie umgebenden Umwelt verinnerlichen“, so Geremek. Lernt ein Kind, dass es nach einem gewünschten Verhalten eine positive Rückmeldung, in Form von elterlicher Zuwendung oder einer Belohnung erhält, wird es sich diese Regel viel besser merken als durch ein fiktives Verbot.

    „Bei der Erziehung ist die Einhaltung der Balance zwischen Liebe und Wohlwollen auf der einen und Strenge und Konsequenz auf der anderen Seite wichtig – ein Balanceakt, den alle Eltern kennen.“ Dabei dürfen auch mal Ausnahmen und Kompromisse gemacht werden. Zwei Beispiele: „Weil Du heute so brav warst, darfst Du heute Abend…“ oder „Du siehst, heute ist Mama im Homeoffice, deswegen ist es okay, wenn Du ausnahmsweise…“ Wichtig ist nur, dass diese Kompromisse auch als Ausnahme beschrieben werden.

    „Wenn Ausnahmen nicht überwiegen, freuen sich die Kinder, insbesondere, wenn sie zu den Ausnahmen selbst positiv etwas haben beitragen können.“ So lernen sie, dass nicht nur Regelverstöße bestraft werden, sondern dass sich positives Verhalten auszahlt. Kompromisse führen dazu, dass Eltern von ihren Kindern als großzügiger und fairer wahrgenommen werden.

    „Kompromisse stärken, wenn sie altersentsprechend ausgehandelt werden, das Selbstwertgefühl von Kindern. Sie erleben, dass sie selbstwirksam sind und durch Vortragen adäquater Argumente Einfluss auf ihre Umwelt haben können.“ Aber Vorsicht: Wenn Eltern mit ihren Kinders alles ausdiskutieren, signalisieren sie so, dass nichts wirklich feststeht. „Damit werden Regeln ausgehebelt. Dem Kind wird vermittelt, dass es auf einer Stufe mit den Erwachsenen steht und alles mitbestimmen kann.“

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