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Lispeln: Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können
Veröffentlicht am:06.05.2026
5 Minuten Lesedauer
Wenn die Zunge beim Sprechen zwischen die Zähne rutscht oder daran stößt, werden die sogenannten Zischlaute nicht richtig ausgesprochen. Das wird als Lispeln bezeichnet. Bei Kindern verschwindet es oft von alleine. Wann ist eine Behandlung sinnvoll?

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Inhalte im Überblick
Was ist Lispeln?
Lispeln ist bei kleinen Kindern weit verbreitet. Für Eltern besteht zunächst kein Grund zur Sorge. Lispeln ist eine Form einer phonetischen Störung (Artikulationsstörung). In der Fachsprache wird sie auch als Sigmatimus bezeichnet. Lispeln tritt meistens bei Kindern auf, kann aber bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Der Klang des „s“ und „z“ ist bei ihnen verändert und sie sprechen diese Laute nicht korrekt aus. Unterschieden werden verschiedene Arten – in Abhängigkeit von der Position der Zunge:
- Sigmatismus addentalis: die Zunge drückt gegen die Schneidezähne
- Sigmatismus interdentalis: die Zunge schiebt sich zwischen die Frontzähne
- Sigmatismus lateralis: Luft entweicht seitlich der Zunge
Lispeln ist neben dem Stottern eine der häufigsten Sprechstörungen. S-Laute richtig auszusprechen und das zu erlernen, gilt als besonders schwierig. Einige Kinder erwerben diese Fähigkeit erst mit fünf oder sechs Jahren – meistens selbstständig und ohne Therapie. Entscheidend ist häufig, wann die bleibenden Zähne im Frontbereich durchbrechen, sofern keine anderen Erkrankungen die Ursache für das Lispeln sind.
Artikulationsstörungen
Bei Artikulationsstörungen (phonetischen Störungen) weicht die Aussprache von Lauten oder Lautverbindungen vom „Standardmuster“ einer Sprache ab. In diesem Fall wird ein Laut gar nicht oder falsch gebildet. Bei Kindern im Spracherwerb treten Artikulationsstörungen häufig auf. Etwa 13,5 Prozent der Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren sind davon betroffen. Einer Einschulung in die Grundschule steht das Lispeln aber nicht im Wege.
Welche Ursachen hat Lispeln?
Es gibt verschiedene Ursachen. Dazu gehören physiologische Probleme wie fehlende Zähne oder eine falsche Position der Zunge. Diese wird zum Beispiel zu weit zurückgehalten und auf beiden Seiten kann Luft entweichen. Manchmal berührt die Zunge beim Sprechen auch den Gaumen oder sie drückt gegen die Vorderzähne. Dann strömt Luft nach vorne. Bei kleinen Kindern ist das sogenannte interdentale Lispeln häufig zu beobachten. Sie sprechen das „s“ und das „z“ dann fälschlicherweise wie das englische „th“ aus. Auch bei einem offenen Biss können Probleme mit der richtigen Aussprache auftreten.
Entwicklungsstörungen der Mundmotorik sowie eine Schwerhörigkeit im Hochtonbereich sind ebenfalls ein Grund für Lispeln. Bei S-Lauten liegen die Frequenzen im Bereich oberhalb von 4.000 Hertz. Wenn Kinder in diesem Bereich schwer hören, nehmen sie die S-Laute nicht richtig wahr und können sie deshalb auch nicht richtig imitieren.
Für das Sprechen von S-Lauten ist zudem eine gute mundmotorische Koordination wichtig. Die Bewegungen der Zunge und des Kiefers erschweren jedoch, diese Laute korrekt zu artikulieren. Weitere Ursachen für Lispeln sind:
- ein gestörter Mundschluss, das heißt, Lippen und Wangen schließen nicht richtig,
- Störung beim Schlucken, die mit Speichelfluss und Sabbern verbunden sind,
- Daumenlutschen oder übermäßiges Nuckeln am Schnuller können die Zahnstellung beeinflussen und die Entwicklung der Mundmuskulatur stören.
- Zungenbändchen (Ankyloglossie): Die Zunge ist am Mundboden befestigt. Das schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein.
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Wie wird Lispeln behandelt?
Die Behandlung hängt von der Ursache ab und kann einige Monate, aber auch mehrere Jahre dauern. In der Regel wird Lispeln mit einer Sprachtherapie behandelt. Therapeutinnen und Therapeuten nutzen dabei verschiedene Methoden. Das Ziel ist, dass Betroffene die Zunge richtig positionieren, Klänge und Laute erzeugen und spontan zur Sprache wechseln können.
Das Kind bekommt zum Beispiel Übungen und soll Wörter oder Phrasen mit den fehlerhaften Lauten aussprechen. Später wird es in ein Gespräch einbezogen, um das Kind dazu zu bringen, sich an die richtige Zungenposition zu erinnern.
Bei der phonetischen Platzierungsmethode lernt das Kind zunächst, den t-Laut auszusprechen und ihn zu verlängern. Nun wird der Biss geschlossen und das Kind übt, die Lippen in leicht ausgestreckter Position zu bewegen. Auch die Zunge wird hin und her bewegt. Solange, bis der S-Laut korrekt erklingt. Diese Methode wird auch beim „z“ genutzt.
Sehr erfolgreich bei kleinen Kindern ist die auditive Stimulationsmethode. Dabei wiederholt die Sprachtherapeutin oder der -therapeut den richtigen Laut und vergleicht ihn mit der falschen Artikulation.
Ist das Zungenbändchen die Ursache für das Lispeln, kann ein kleiner chirurgischer Eingriff (Frenotomie) notwendig sein. Das überschüssige Gewebe, das die Zunge festhält, wird dann abgeschnitten. Eine Logopädie kann infrage kommen, um zum Beispiel die Mundmotorik zu trainieren.

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Lispeln: Werden Betroffene stigmatisiert?
Immer wieder wird berichtet, dass sich Betroffene stigmatisiert fühlen. Die Forschung dazu ist begrenzt. Drei Studien werden oft zitiert, die zeigen, dass Lispeln negativ bewertet wird, doch die Ergebnisse müssen relativiert werden. Zuhörerinnen und Zuhörern wurden Audio- und/oder Videoaufnahmen von Erwachsenen vorgespielt, die lispelten oder eine korrekte Aussprache hatten. Den Erwachsenen mit Sigmatismus wurde eine geringere Intelligenz, Bildung, Reife und Sprechfähigkeit zugeschrieben im Vergleich zu jenen, die nicht lispelten. Allerdings war das Lispeln nur simuliert worden. Die Autorinnen und Autoren der Studien gingen davon aus, dass sich simuliertes und authentisches Lispeln nicht unterscheidet. Andere Fachleute bezweifeln das. Studien in Belgien und Brasilien bestätigten eine Stigmatisierung nicht.
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Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen?
Wenn Eltern das Gefühl haben, dass sich die Artikulation ihres Kindes nicht altersgemäß entwickelt, sollten sie mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt darüber sprechen. Nach einer Untersuchung und ausführlichen Diagnostik kann eine logopädische Therapie notwendig sein. Eltern können diese unterstützen, indem sie zuhause Aufgaben mit dem Kind machen, die ihnen die Logopädin oder der Logopäde gezeigt hat. Wichtig ist, dass sie sich genau daran halten und das Kind nicht bei jedem Fehler verbessern, um es nicht zu frustrieren.
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