Beziehung
Die Fähigkeit zur Empathie – hilfreich oder auch hinderlich?
Veröffentlicht am:25.05.2021
13 Minuten Lesedauer
Aktualisiert am: 18.03.2026
Wer sich mit dem Begriff Empathie beschäftigt, stellt fest: Eine eindeutige Definition ist kaum zu finden. Menschen mit Empathiefähigkeit haben viele Vorteile – wer zu empathisch ist, kann aber auch darunter leiden.

© iStock / shapecharge / KI-bearbeitet
Was ist Empathie?
Die Bedeutung von Empathie ist: Sich in andere Menschen hineinzuversetzen, sie gut einschätzen zu können, die Gefühlslage des Gegenübers zu erspüren, mit anderen mitfühlen, Mitgefühl zeigen. Das alles und noch vieles mehr steckt in dem Begriff Empathie – oder wird mit ihm assoziiert.
Empathie meint in vielen Fällen, dass jemand die Situation einer anderen Person erkennt und Anteil an deren Problemen nimmt. Empathie hat aber auch mit der Geschicklichkeit zu tun, eine Situation in den Griff zu bekommen und so einen guten Ausgang zu fördern.
Einige Experten und Expertinnen unterscheiden zwischen kognitiver, emotionaler und sozialer Empathie. Die Fähigkeit zum Mitgefühl steht bei allen drei Formen der Empathie im Mittelpunkt. Forscher und Forscherinnen kommen zu dem Ergebnis, dass Empathie nicht nur subjektives Einfühlungsvermögen ist. Mit ihr scheinen komplexe psychische Zusammenhänge einherzugehen, die unter anderem durch Faktoren wie Erziehung und Entwicklung beeinflusst werden.
Was bedeutet kognitive Empathie?
Bei der kognitiven Empathie geht es darum, Gefühle und Gedanken einer anderen Person erfassen und nachvollziehen zu können. Menschen mit einer Fähigkeit zur kognitiven Empathie können also die Perspektive des anderen einnehmen.
Wenn empathische Menschen die emotionale Reaktion eines anderen einschätzen, beziehen sie dabei unbewusst verschiedene Faktoren mit ein: Welcher emotionale Zustand wird in welcher sozialen Situation erwartet? Welche subjektive Denkweise hat der andere Mensch? Und was führt zu dieser emotionalen Reaktion? Eine solche Einschätzung setzt Wissen, das auf Erfahrungen basiert und die Fähigkeit zur (Selbst-) Reflektion voraus.
Was ist emotionale Empathie?
Bei der emotionalen Empathie handelt es sich um die Fähigkeit, Gefühle eines anderen Menschen nachzufühlen, als wären es die eigenen Gefühle. Es wird angenommen, dass dabei insbesondere Gefühle leichter nachempfunden werden können, die man selbst bereits einmal erlebt hat, zum Beispiel die Freude über einen Erfolg, oder allgemein bekannte Erfahrungen wie Liebe, Verlust oder Sehnsucht. Wenn sich ein empathischer Mensch dann in sein Gegenüber hineinversetzt, durchlebt er dabei oft seine eigene Erinnerung dieses Gefühls.
Was meint der Begriff soziale Empathie?
Soziale Empathie bezeichnet die Fähigkeit, sich in das soziale Umfeld oder ein Gegenüber hineinzuversetzen und abschätzen zu können, welche Auswirkungen das eigene Handeln auf andere hat. Diese Form der Empathie setzt sowohl kognitive als auch emotionale Empathie voraus.
Soziale Empathie meint, sich gut in Menschen hineinversetzen zu können, die in anderen Lebensverhältnissen aufgewachsen sind oder einen anderen kulturellen Hintergrund haben.
Wann kann Empathie im Alltag hilfreich sein?
In unserem Alltag begegnen wir regelmäßig Situationen, in denen Empathie wichtig ist. Das können Konflikte in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz sein. Auch das Verhandlungsgeschick wird von der Empathiefähigkeit beeinflusst.
Drei Beispiele für Empathie im Alltag sind:
- Im Job müssen Polizisten und Polizistinnen beispielsweise die Absichten eines Unbekannten oder einer Unbekannten voraussehen, sich also in ihn oder sie hineinversetzen, um im Notfall richtig zu handeln.
- In einer Beziehung: Hat der Partner oder die Partnerin eine schwierige Zeit im Job und ist sehr gestresst, kann der oder die andere Anteil nehmen und Mitgefühl und Rücksicht entgegenbringen. Empathisches Verhalten ist insofern wichtig für die Beziehung, als dass sich der andere Mensch mit seinen Problemen und Ängsten verstanden fühlt. Empathie hilft außerdem dabei, die Meinungen und Sichtweisen des Partners oder der Partnerin anzuerkennen und sich bei Differenzen weniger angegriffen zu fühlen.
- In der Wirtschaft spielt empathisches Verhalten ebenfalls eine große Rolle: Ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin im Dienstleistungsbereich sollte sich idealerweise in die Wünsche der Kunden oder Kundinnen einfühlen können. Nur mit dieser Empathiefähigkeit kann er oder sie adäquat auf Bedürfnisse eingehen und zur Zufriedenheit beitragen. Das Ziel dahinter ist in diesem Fall der finanzielle Zugewinn für das Unternehmen.
Passende Artikel zum Thema
Warum sollte man auch Empathie für sich selbst empfinden?
Genauso wichtig wie Empathie gegenüber anderen ist es, das Einfühlungsvermögen auch sich selbst gegenüber aufzubringen. Gerade in Situationen, die schief gelaufen sind, braucht jeder Zuspruch und Trost. Freundlich und nett zu sich selbst zu sein, statt sich ständig viel zu viel abzuverlangen und nach unrealistischer und ungesunder Perfektion zu streben, hängt mit einer gesunden Eigen-Empathie zusammen.
Um sich selbst mit Empathie zu begegnen, kann es hilfreich sein, sich bewusst zu machen: Jeder Mensch macht Fehler. Aber an diesen kann man wachsen und sich weiterentwickeln. Empfinden wir Empathie mit uns selbst, hilft uns das, Herausforderungen konstruktiver zu begegnen und sie besser zu bewältigen, denn wir erfahren, dass wir uns in schwierigen Situationen selbst unterstützen können.
Erleben wir etwas Traumatisches, wie einen Unfall, an dem wir keine Schuld tragen, steht meist im Vordergrund, wie sich Dinge wieder lösen und richten lassen. Wichtig wäre aber auch, sich selbst wieder aufzubauen und sich Mut zuzusprechen.
Welche Nachteile kann zu viel Empathie haben?
Wer ein gutes Gespür für andere hat, sollte gleichzeitig gut auf sich selbst achten. Denn eine hohe Empathiefähigkeit kann dazu führen, dass man sich zu sehr in andere Menschen hineinversetzt und die eigenen Bedürfnisse dabei in den Hintergrund treten.
Im Berufsleben oder in einer Partnerschaft kann es passieren, dass man, vereinfacht gesagt, sein Kontingent an Mitgefühl bereits „aufbraucht“ und dann für Familie und Freunde keines mehr übrig ist. Viele Menschen fühlen sich dann ausgelaugt und verhalten sich Familienmitgliedern gegenüber gereizt. Wer dauerhaft sehr viel Empathie für andere aufbringt, läuft zudem eher Gefahr, die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen.
Das kann langfristig mit Unzufriedenheit, erhöhtem Stresserleben oder Burnout-Symptomen einhergehen. Auch wer ein guter Zuhörer oder eine gute Zuhörerin sein möchte, sollte auf das eigene Wohlbefinden achten und das richtige Maß an empathischem Verhalten finden. Wer bemerkt, dass ihn die starke Empathie für andere belastet, achtet am besten darauf, die eigenen Bedürfnisse wieder mehr in den Fokus zu rücken.
Passende Artikel zum Thema
Wann ist weniger Empathie ratsam?
Es gibt Situationen, in denen Mitgefühl und Perspektivwechsel für eine gewisse Zeit in den Hintergrund rücken sollten. Ein gutes Beispiel sind herausfordernde Berufe wie der des Rettungssanitäters und der Rettungssanitäterin oder des Notarztes und der Notärztin.
Natürlich ist es wichtig, dass sie ihren Patienten und Patientinnen zuhören, sie umsorgen und sich kümmern. Ein gewisses Maß an Empathie sollte vorhanden sein. Doch wenn es um lebensbedrohliche Situationen geht, etwa Opfer eines Verkehrsunfalls geborgen werden müssen, dann sollte das empathische Einfühlungsvermögen in den Hintergrund rücken, um schnelles Handeln möglich zu machen.

© iStock / pixdeluxe
Passende Angebote der AOK
AOK-Clarimedis: medizinische Informationen am Telefon
Sie haben Fragen zu einer Behandlung oder einem Medikament? Wenn es um Ihre Gesundheit geht, finden Sie bei der AOK die Expertinnen und Experten, die Ihnen weiterhelfen. Dieser Service ist kostenlos für AOK-Versicherte.
Empathie trainieren: Kann man die Fähigkeit zum Mitgefühl stärken?
Empathie ist eine Fähigkeit, die wir uns im Laufe der Evolution angeeignet haben. Wir können nicht von heute auf morgen lernen, empathisch zu sein. Die Empathiefähigkeit eines Menschen wird durch soziale Kompetenzen und kommunikative Fähigkeiten von klein auf an geprägt.
Unterschiedliche Faktoren können unser Mitgefühl beeinflussen, etwa das Umfeld, in dem wir als Kind aufwachsen, und die Erfahrungen, die wir dort machen. Wie empathisch wir sind, hängt unter anderem davon ab, wie stark unsere Sensibilität ausgeprägt ist – ein Merkmal, das sich ebenfalls im Kindesalter entwickelt.
Doch auch im Erwachsenenalter kann sich die Fähigkeit zur Empathie noch verändern. So haben Forschende in einer Auswertung verschiedener Studien Hinweise darauf gefunden, dass Empathie in gewissem Maße „sozial übertragbar“ zu sein scheint. Die Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen verhielten sich im Kontakt mit mitfühlenden Personen tendenziell empathischer und in der Gegenwart weniger empathischer Personen entsprechend weniger empathisch. Auch im Gehirn der Probanden und Probandinnen zeigten sich bestimmte veränderte Vernetzungen. Dies wird von den Forschenden als Hinweis darauf interpretiert, dass empathisches Verhalten teilweise durch Beobachtung erlernt werden kann.
Die Inhalte unseres Magazins werden von Fachexpertinnen und Fachexperten überprüft und sind auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.









