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Schicksalsschläge gemeinsam meistern – Ein Erfahrungsbericht

Veröffentlicht am:10.12.2020

6 Minuten Lesedauer

Die Diagnose einer schweren Krankheit trifft Menschen fast immer unerwartet – von einem Tag zum anderen ist nichts mehr so, wie es war. Welche mentale Unterstützung braucht man in dieser Situation? Und welche Fallstricke gibt es dabei für Angehörige? Anregungen aus der Doppelperspektive einer Ärztin als Patientin.

Umarmungen und Mitgefühl spenden erkrankten Menschen Trost.

© iStock / fizkes

Inhalte im Überblick

    Unerwartete Krankheit: Das schwere Schicksal der Betroffenen

    Elisabeth Petrow aus Berlin ist 29 Jahre alt und eine junge Ärztin, als sie an einer Grippe erkrankt, in deren Verlauf sie auch eine Gehirnentzündung erleidet. Zweieinhalb Jahre verbringt sie – nun auf der Patientenseite – im Krankenhaus und in Reha-Kliniken. Heute, rund 20 Jahre später, hat sie gelernt, mit den Folgen der Krankheit wie Gangunsicherheit, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie Infektanfälligkeit zu leben – auf eine neue und erfüllte Weise.

    Familie und Freunde als große Hilfe

    Füreinander da sein und über Gefühle sprechen spendet Trost.

    © iStock / PeopleImages

    „Es hat sehr lange gedauert, bis ich emotional an mich heranlassen konnte, dass sich etwas Gravierendes in meinem Leben verändert hat." Es war ein jahrelanger und schmerzhafter Prozess, mit dieser Lebenszäsur sinnvoll umzugehen. In all der Zeit waren ihr die Familie und Freunde eine große Hilfe. Doch auch für sie war es eine fordernde und überaus bedrückende Zeit. Sie weiß: Für Helfende ist es oft schwer, das Leid des anderen zu sehen und „nichts machen“ zu können.

    Zeit und Zuneigung schenken

    Doch Elisabeth Petrow betont: „Gemeinsames Aushalten ist aktives und wertvolles Tun, mit dem man dem Kranken Zeit, Kraft, Belastbarkeit und Zuneigung schenkt, damit er seine Situation bewältigen kann. Man kann etwas für ihn tun, selbst wenn man nichts an der Krankheit ändern kann. Gemeinsames Aushalten ist mitunter hammerharte Arbeit und schon deshalb so wertvoll.“

    Mitgefühl aussprechen

    Auch das gibt es: Freunde haben plötzlich keine Zeit mehr oder verfallen in eine übertriebene Aktivität, einige melden sich gar nicht mehr. Vom großen Schrecken einer schweren Krankheit eingeschüchtert zu sein, ist keine Schande. Steckt hinter den Ausweichmanövern die Angst, etwas Unkluges, Unsensibles oder vielleicht genau das Falsche zu sagen oder zu machen? Vielleicht. Ganz unberechtigt ist die Sorge nicht, schließlich gibt es viele Möglichkeiten, der Krankheit auch noch die Kränkung hinzuzufügen.

    „Das ist für mich schlimmer als für dich“ – so ein Satz taugt kaum für das, was es wirklich bräuchte, nämlich: Mitgefühl aussprechen, Trost spenden, Halt geben.

    Wirklich für den anderen da sein

    Auch Floskeln wie „Kopf hoch, wird schon!“ und „Sieh doch deine Krankheit als Chance!“ helfen in der Regel nicht weiter. Andererseits: Wer gar nicht mehr mit einem kranken Freund redet, macht am wenigsten richtig. Elisabeth Petrow erinnert sich an eine Freundin, die anfangs jeden Tag kam und ihre Besuche oft mit den Worten einleitete: „Ich hab nicht viel Zeit, wollte aber mal schnell schauen, wie es dir geht.“ Obwohl sicher gut gemeint, war das keine hilfreiche Unterstützung.

    „Wer sehr krank ist, braucht Menschen, die Zeit und Geduld mitbringen. Vielleicht möchte man reden. Und wirklich Wichtiges kann und wird man nicht thematisieren, wenn jemand nur kurz vorbeischaut. Das braucht Zeit und die Bereitschaft zuzuhören“, erklärt sie.

    Über Gefühle sprechen und Unsicherheiten eingestehen

    Unbeholfene Gesten am Krankenbett, eine verkrampfte Mimik oder unpassende Worte – sehr viele Menschen wissen nicht, wie sie mit kranken Menschen umgehen sollen. Elisabeth Petrow kennt solche Situationen: „Als Patient spürt man natürlich die Unsicherheit und läuft Gefahr, so zu tun, als wäre alles nicht so schlimm, um die Angehörigen zu schützen.

    Im schlimmsten Fall resultiert daraus ein Umgang, bei dem beide Seiten Theater spielen und keine echte Begegnung mehr stattfindet.“ Was man stattdessen als Helfender tun kann:

    „Die eigene Unsicherheit eingestehen und trotzdem sagen und zeigen, dass man weiterhin da sein möchte.“

    Elisabeth Petrow
    Ärztin

    Angst und Trauer zulassen

    Man kann auch sagen, dass man Angst um den anderen hat oder dass man sehr traurig ist. Traurigkeit verschwindet nicht, wenn man sie verschweigt. Die Sorge, damit den Kranken noch trauriger zu machen, ist oft unbegründet, meist entsteht gerade in diesen Gesprächen eine große Nähe.“

    Unterstützung auf Augenhöhe

    Rückblickend würde Elisabeth Petrow sich von den Menschen manchmal mehr Vorsicht und Demut in der Begleitung wünschen. Ein Satz wie „Ich an deiner Stelle würde...“ ist als guter Rat schnell dahingesagt. „Solange man aber nicht in der gleichen Situation ist wie die Betroffene selbst, kann man schlicht nicht sagen, wie man handeln würde.

    Günstiger ist es zu fragen, welche Hilfe die Kranke braucht, worüber sie sich freuen würde oder worüber sie sich Gedanken macht. Schließlich kommt es darauf an, mit der Erkrankten innerlich auf Augenhöhe zu bleiben.“

    Miteinander lachen

    Was sie an den Menschen, die ihr beistanden, am meisten geschätzt hat? „Respekt, Zuverlässigkeit, Behutsamkeit und Humor“, sagt sie. Humor? „Ja, auch wenn gerade sehr Schlimmes geschieht, kann und darf man miteinander lachen, aber immer mit und nie über den kranken Menschen oder seine Einschränkungen.“

    Und das Wichtigste, was man ihr in der schweren Zeit vor 20 Jahren sagte, waren übrigens die Worte: „Ich bin für dich da.“ Wer das sagt und dann auch wirklich da ist, hilft einem kranken Menschen immer.


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