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Fitnesstracker: Mehr als eine Uhr
Veröffentlicht am:25.09.2026
7 Minuten Lesedauer
Ob Fitness oder Schlafqualität: Fitnesstracker können vieles messen – und Gefühle wie Faszination, Bestätigung oder Frust auslösen. Psychologe Dr. Jürgen Theissing nutzt selbst einen und spricht über Risiken und Chancen.

© Dietmar Theis
Dr. Theissings Faszination für Fitnesstracker
Dr. Jürgen Theissing trägt eine Smartwatch zur Aufzeichnung von Vitaldaten. Es ist seine fünfte. Technikbegeistert wie er ist, kaufte er sich seinen ersten Fitnesstracker schon vor zehn Jahren. Ein ganz einfaches Modell mit Mini-Display, das den promovierten Psychologen extrem in den Bann zog. So sehr, dass er einige skurrile Situationen erlebte. Doch er hat auch positive Erfahrungen mit dem Selftracking gemacht.
Dr. Jürgen Theissing

© Dietmar Theis
Dieser Mann kennt sich in Gesundheitspsychologie aus: Dr. Jürgen Theissing ist Pionier für digitales Gesundheitstraining und hat für AOK-Versicherte schon unzählige Vorträge und Kurse live im Internet angeboten.
Wie misst ein Fitnesstracker den Schlaf?
Eines Abends, schon im Bett, sieht der Norddeutsche, dass ihm noch knapp 50 Schritte bis zu den angestrebten 10.000 Schritten fehlen. Und was macht er? Er steht auf und rudert mit den Armen. In dem Wissen, dass die Sensoren auch auf Bewegung der Arme reagieren. Und zwar nur, um die magische Grenze zu erreichen. Heute lacht er darüber: „Es zeigt, wie schnell uns erwünschte Ziele damals schon im Griff hatten.“
Dass so ein Tracker auch die schönsten Momente verhageln kann, musste Jürgen Theissing auf einer – eigentlich – herrlichen Wanderung am Meer feststellen: „Mitten auf der Strecke war plötzlich der Akku leer. Meine gute Laune kippte schlagartig in Frustration um. Nicht nur wegen des schwachen Akkus, sondern weil meine Leistung ab jetzt nicht mehr dokumentiert wurde. Die Freude an der Bewegung in der Natur war in dem Moment, als der Tracker ausging, für mich weniger wert.“
Rational ist das nicht, aber menschlich. Es hängt mit dem Belohnungssystem im Kopf zusammen: Wenn das Gehirn zum Beispiel nach einer bestimmten Anzahl von Schritten giert und diese nicht mehr bekommt, entsteht Unzufriedenheit.
„Ein Tracker kann ein zusätzlicher Berater sein, sollte jedoch nie der Chef sein.“
Dr. Jürgen Theissing
Psychologe
Wie entspannt lässt es sich mit einem Fitnesstracker schlafen?
Sehr gespannt war Jürgen Theissing auf die Daten zu seinem Schlaf. Doch mit Smartwatch konnte er paradoxerweise nicht gut einschlafen – trotz fester Absicht oder gerade deswegen. Er führt seine Beobachtung auf das Unterbewusstsein zurück: „Allein die Uhr am Handgelenk zu haben, kann dem Körper signalisieren, jetzt gefälligst schlafen zu müssen, weil die Uhr die verschiedenen Schlafphasen und weitere Werte misst. Diese unbewusste Erwartung ist der natürliche Feind des Entspannens.“
Aber Entspannung ist die Voraussetzung für Schlaf. „So kann die Jagd nach dem perfekten Schlaf nach hinten losgehen“, sagt er im Rückblick.
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Was sind die Vorteile des Trackings von Schlaf?
Die durchmischten Gefühle, die Jürgen Theissing mit dem Tracking erlebt, halten ihn nicht davon ab, sich im Laufe der Zeit immer wieder neuere Modelle zu kaufen. Nach wie vor interessiert er sich vor allem für die Infos zur Schlafqualität.
Längst wird nicht nur die Schlafdauer erfasst, es werden auch Vitaldaten wie Ruhepuls, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung angezeigt. Dabei stellt er fest: „Das Tracking zeigt mir schwarz auf weiß, wie sich das späte Abendessen, der Alkohol am Wochenende oder der Stress im Büro in der Schlafanalyse niederschlagen.“ Die Herzfrequenzvariabilität sinkt, es gibt mehr Schlafunterbrechungen und weniger Tiefschlaf. Nach solchen Nächten bestätigt das Feedback der Uhr sein Gefühl, nicht gut geschlafen zu haben.
Wie können Fitnesstracker den Ehrgeiz wecken?
Zu sehen, wie sich der Lebensstil auf die Vitaldaten auswirkt, hat den Mittfünfziger motiviert, mehr auf sich zu achten und sein Verhalten anzupassen. Wenn infolgedessen der Schlafindex ansteigt, freut er sich – genau genommen freut sich das bereits erwähnte Belohnungssystem des Gehirns. Nachdem er für sich erkannt hat, mit welchen Stellschrauben er seine Schlafqualität beeinflussen kann, braucht er inzwischen auch nicht mehr die Daten jeder einzelnen Nacht: „Die Uhr liegt meist auf dem Nachttisch, dank regelmäßiger Entspannungsübungen.“
Große Auswahl: Was sind Wearables?
Wearables sind elektronische Geräte, die direkt am Körper oder als Teil der Kleidung getragen werden. Mithilfe von Sensoren können sie Bewegung und verschiedene Vitalwerte erfassen. Verbreitete Geräte sind:
- Fitnesstracker: Armband, das etwa Schritte, Bewegung und Puls erfasst
- Smartwatch: vernetzte Uhr mit Smartphone-App und Benachrichtigungsfunktion; je nach Modell werden verschiedene Vitaldaten gemessen, etwa zur Schlafqualität, teilweise ist auch ein EKG möglich
- Smartring: klein und relativ unauffällig, mit App und Benachrichtigungsfunktion
Nach anfänglich obsessiver Nutzung ruft Jürgen Theissing einzelne Daten inzwischen nur noch bei Bedarf und zur Selbstregulation auf. Zum Beispiel neulich in einer stressigen Situation beim Zahnarzt: „Ich fühlte mich nicht wohl und kontrollierte meinen Puls auf der Smartwatch. 120 Schläge pro Minute, ganz ohne körperliche Bewegung.“
Anstatt sich davon in eine Panikschleife treiben zu lassen, nutzte er die Behandlungspause und machte bewusst eine Atemübung: „Mit etwas Geduld konnte ich auf dem Display live miterleben, wie der Puls sank. Das hat mir ein tiefes Gefühl von Selbstwirksamkeit gegeben.“
„Ich habe den Tracker als unheimlich mächtiges Werkzeug für mein psychisches Befinden erlebt.“
Dr. Jürgen Theissing
Psychologe
Wie gelingt ein bewusster Umgang mit dem Fitnesstracker?
Tagsüber trägt Jürgen Theissing heute zwar ein technisch hochpräzises Gerät, das auf Knopfdruck sogar ein EKG aufnehmen kann. Aber die umfangreichen Funktionen nutzt er bei Weitem nicht. Sein Hauptdisplay zeigt minimalistisch nur noch Uhrzeit und Wochentag an, Sofortnachrichten hat er deaktiviert.
Er ist an einen Punkt angekommen, den er als „gesundes Plateau“ bezeichnet. Doch er begnügt sich nicht mit seinen privaten Erfahrungen: Das Selftracking hat auch sein wissenschaftliches Interesse geweckt. Nach intensiver Recherche gibt er nun sein Wissen in speziellen Online-Vorträgen weiter. Live und interaktiv, kostenfrei für AOK-Versicherte.
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Wer dem Schlaf auf die Spur kommen will, kann kostenfrei am Online-Vortrag teilnehmen – mit Live-Chat im Anschluss.
So lassen sich Schlafphasen tracken
Dr. Jürgen Theissing hat nicht nur privat Erfahrungen mit dem Selftracking gemacht, sondern gibt sein Expertenwissen auch weiter.
Dr. Theissing: Was bringt es, den eigenen Schlaf zu tracken?
Die große Chance besteht in der Objektivierung des Schlafs. Wenn die Datenlage zum Beispiel zu wenig Tiefschlafphasen anzeigt, kann das die subjektiv gefühlte Müdigkeit erklären. Außerdem kann das Tracking dabei helfen, durch Verhaltensänderungen die Schlafqualität zu verbessern, indem man zum Beispiel bewusst früher oder später ins Bett geht.
Hat ein solches Tracking auch Risiken?
Solange das Tracking dabei unterstützt, unseren Körper besser zu verstehen und ihm Gutes zu tun, ist man im grünen Bereich. Kritisch wird es, wenn die übersteigerte Suche nach dem perfekten Schlaf unsere Stimmung negativ beeinflusst. Wenn wir etwa bei einem Score von 75 Prozent frustriert sind, obwohl wir uns kurz vorher noch fit fühlten. Orthosomnie wird dieses Phänomen genannt. Dabei entfremdet man sich vom eigenen Körper.
Haben Sie Tipps zum Gebrauch von Smartwatches?
Schauen Sie morgens nicht als Erstes auf das Display, um zu erfahren, wie Sie sich „zu fühlen haben“. Gesünder ist es, zunächst in sich hineinzuspüren und zu ergründen, wie das eigene Energielevel ist. Realistische Ziele und feste Zeiten für den Check reduzieren unnötigen Stress.
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