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Mehr Sicherheit beim Sprechen mit der Kasseler Stottertherapie

Veröffentlicht am:30.10.2026

8 Minuten Lesedauer

Flüssiger sprechen und mehr Selbstbewusstsein gewinnen: Bei der Kasseler Stottertherapie lernen Kinder und Erwachsene das sogenannte weiche Sprechen. Sprachtherapeutin Emilia Rudolf erklärt im Interview, wie die Methode funktioniert.

Ein Junge übt gemeinsam mit einer Therapeutin das Sprechen. Eine grüne Dinosaurier-Handpuppe unterstützt die Übung.

© gettyImages / Mordolff

Mein Kind stottert: So hilft die Kasseler Stottertherapie

Die Kasseler Stottertherapie gehört zu den wissenschaftlich anerkannten Verfahren der Stottertherapie. Sie bietet altersgerechte Programme für Kinder ab drei Jahren, Jugendliche und Erwachsene und verbindet intensive Therapiephasen mit einer langfristigen Begleitung und Nachsorge. Im Mittelpunkt steht die sogenannte Sprechrestrukturierung: Die Teilnehmer lernen Techniken, mit denen sie ihren Redefluss besser kontrollieren können. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Therapie in der Gruppe. Unsere Expertin Emilia Rudolf ist klinische Sprechwissenschaftlerin und arbeitet seit 2015 als Therapieentwicklerin bei der Kasseler Stottertherapie. Sie betreut alle dort angebotenen Therapieformen und kennt damit die unterschiedlichen Ansätze für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Frau Rudolf, wenn ein Kind plötzlich Wörter wiederholt oder beim Sprechen hängen bleibt – ab wann sollten Eltern sich Unterstützung holen?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Es gibt aber bestimmte Kriterien, an denen wir uns orientieren. Eine Rolle spielt zum Beispiel, ob die Sprechunflüssigkeiten bereits seit mindestens einem halben Jahr bestehen. Ganz wichtig ist außerdem, wie es dem Kind damit geht: Vermeidet es bestimmte Wörter, die ihm schwerfallen, und ersetzt sie? Spricht es weniger gern oder zieht es sich in bestimmten Situationen zurück, etwa im Morgenkreis im Kindergarten? Solche Veränderungen sollte man ernst nehmen, sich fachlichen Rat holen – und sich auch nicht mit „Das verwächst sich“ abwimmeln lassen.

Kann man mit der Therapie auch zu früh beginnen?

Ein „zu früh“ gibt es für eine Beratung eigentlich nicht. Eltern machen nichts schlimmer, wenn sie sich früh Unterstützung holen. Im besten Fall können Fachleute Entwarnung geben und sagen, dass sich die Sprechunflüssigkeiten voraussichtlich wieder legen, auch das kann schon viel Druck aus der Situation nehmen. Und wenn das Stottern bestehen bleibt, haben Eltern frühzeitig Möglichkeiten an der Hand, um ihr Kind gut zu unterstützen.

Ab welchem Alter können Kinder denn zur Kasseler Stottertherapie kommen?

Die Kleinsten sind zwischen drei und sechs Jahre alt. Für sie gibt es unser Programm „Frankini“, das speziell auf die Bedürfnisse von Kindern im Vorschulalter zugeschnitten ist. Denn in diesem Alter sieht eine Stottertherapie natürlich anders aus als bei Schulkindern, Jugendlichen oder Erwachsenen.

Wie kann man sich eine Stottertherapie bei einem drei- oder vierjährigen Kind überhaupt vorstellen?

Besonders bei den Drei- bis Sechsjährigen spielen die Eltern eine ganz wichtige Rolle. Über mehrere Monate lernen sie zunächst, wie sie ihr Kind im Alltag unterstützen und seine Sprechfreude fördern können. Erst danach beziehen wir die Kinder direkt in die Therapie ein. Dann arbeiten wir sehr spielerisch: Über Sprechspiele und Nachahmung lernen die Kinder das sogenannte weiche Sprechen. Zunächst üben wir einzelne Wörter, später Sätze und schließlich freies Erzählen. Die Eltern bleiben während der gesamten Therapie wichtige Partner und üben das Gelernte auch zu Hause mit ihrem Kind. Auch bei den älteren Kindern sind sie eng eingebunden. Bei den Sechs- bis Neunjährigen sind sie den ganzen Therapietag über dabei, bei den Neun- bis Zwölfjährigen nur vier Stunden am Tag.

Wird das Stottern denn ausgeprägter, je später man mit der Therapie startet?

Ich würde sagen, dass die Herausforderungen andere sind. Wenn sich über viele Jahre bereits ein starkes Vermeidungs- oder Rückzugsverhalten entwickelt hat, braucht es oft mehr Zeit, diese Muster zu durchbrechen. Wer zum Beispiel jahrelang nicht mehr telefoniert hat, hat eine höhere Hemmschwelle, es wieder zu versuchen. Dann gehen wir in der Therapie kleinschrittiger vor. Kleine Kinder haben solche Ängste und Vermeidungsstrategien häufig noch gar nicht entwickelt. Deshalb können manche Schritte in der Therapie bei ihnen schneller gehen.

Gibt es auch Kinder, für die ein Besuch beim Logopäden einmal pro Woche ausreicht?

Ja, das gibt es. Es dauert dann einfach länger, weil die Intensität nicht die gleiche ist. Und viele Kinder und Eltern profitieren vom Austausch in der Gruppentherapie. Insgesamt arbeiten wir aber gut mit Logopäden zusammen, viele vermitteln auch das weiche Sprechen. Oft empfehlen die Logopäden uns auch, wenn sie in der Praxis nicht weiterkommen, weil sie einfach das Setting nicht haben. Aber es gibt durchaus Fälle, wo die Logopädie gute Ergebnisse erzielt. Wichtig ist nur, sich jemanden zu suchen, der nach einem Konzept arbeitet und Stottern als Schwerpunkt hat.

AOK Hessen – wir machen Gesundheit leichter

Sicher zu sprechen schafft Verbindung und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe. Deshalb übernimmt die AOK Hessen die Kosten der Kasseler Stottertherapie für Kinder und Jugendliche ab drei Jahren. Die intensive Therapie vermittelt das sogenannte weiche Sprechen und begleitet die Teilnehmer dabei, dies langfristig im Alltag anzuwenden.

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Was unterscheidet die Kasseler Stottertherapie denn eigentlich von anderen Therapien?

Zunächst einmal ist sie eine Intensivtherapie und wir begleiten die Teilnehmer über ein ganzes Jahr hinweg, mit intensiven Therapiephasen vor Ort, Online-Terminen und Nachsorge. Dadurch ist die Begleitung deutlich engmaschiger als bei einer klassischen ambulanten Therapie, die beispielsweise einmal pro Woche stattfindet. Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Arbeit in der Gruppe: Die Teilnehmer können sich austauschen, voneinander lernen und erleben, dass sie mit ihrem Stottern nicht allein sind. Inhaltlich gehört die Kasseler Stottertherapie zu den sogenannten Sprechrestrukturierungsansätzen. Das bedeutet: Wir strukturieren das Sprechen neu und erlernen dafür das sogenannte weiche Sprechen. Diese neue Sprechweise wird sehr intensiv trainiert. Wir machen viele Sprechübungen und zeichnen das Sprechen zum Teil auf, um es anschließend gemeinsam zu analysieren. Dazu kommen beispielsweise Atem-, Wahrnehmungs- und Entspannungsübungen. Später übertragen wir das Gelernte zunehmend in reale Situationen: Wir üben etwa Telefonate und Vorträge. Ziel ist es, wieder mehr Kontrolle und Sicherheit beim Sprechen zu gewinnen.

Was genau bedeutet denn weiches Sprechen?

Beim weichen Sprechen geht es zunächst darum, Wörter mit einem sanften Stimmeinsatz zu beginnen. Das heißt, wir setzen die Stimme am Anfang leise und weich ein, statt mit viel Druck zu starten. Gleichzeitig sprechen wir gebunden: Silben und Wörter werden stärker miteinander verbunden, sodass der Sprechfluss möglichst nicht unterbrochen wird und Blockaden weniger Raum bekommen. Auch Sprechtempo, Atmung und Pausen spielen dabei eine Rolle. Das Ganze klingt am Anfang oft noch ungewohnt, wird mit zunehmender Übung aber immer natürlicher. Dieses Prinzip haben wir nicht exklusiv – es gehört zum sogenannten Fluency-Shaping- oder Sprechrestrukturierungsansatz. Das Besondere bei uns ist vor allem, wie intensiv wir dieses neue Sprechmuster einüben und über einen langen Zeitraum festigen.

Ist das weiche Sprechen eine Art Übergang oder eine Dauerlösung?

Es gibt Teilnehmer, die es wie eine Art Übergang sehen, und es gibt auch diejenigen, die die Technik dauerhaft hörbar benutzen. Wir sprechen übrigens auch nie von Heilung, da Stottern sowohl neurologisch als auch genetisch bedingt ist. Das weiche Sprechen setzt immer auch eine Form von Kontrolle über das eigene Sprechen voraus. So wie eine Fremdsprache, bei der man sich immer konzentrieren muss. Es ist nie gänzlich automatisiert. Auch wie bei einer Fremdsprache rostet das weiche Sprechen ein, wenn man nicht übt. Deshalb dürfen sich die Absolventen auch immer nach der Therapie noch bei uns melden, etwa wenn sie vor einer neuen Herausforderung wie einer mündlichen Prüfung stehen.

Und wie schnell erleben die Teilnehmer eine Verbesserung?

Während des Intensivkurses sehen wir in der Regel, dass sich das Sprechen deutlich verflüssigen lässt. Bei den jüngeren Kindern dauert das etwa eine Woche, bei den Erwachsenen ungefähr zwei Wochen. Aber das Erlernen der Technik ist eigentlich gar nicht die größte Herausforderung. Entscheidend ist, das neue Sprechen anschließend in den Alltag zu übertragen: Kann ein Kind die Technik auch in der Schule einsetzen, wenn es aufgerufen wird oder vor der Klasse sprechen soll? Genau daran arbeiten wir über die folgenden Monate weiter. Wie schnell das gelingt, ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. 

Gibt es auch Fälle, wo Sie als Therapeuten nicht weiterkommen?

Grundsätzlich würde ich sagen: Wenn die nötige Motivation da ist, kann jedes Kind das weiche Sprechen erlernen. Wie gut es die neue Sprechweise anschließend im Alltag einsetzt, ist aber sehr individuell. Gerade kleine Kinder empfinden ihr Stottern manchmal selbst überhaupt nicht als störend – dann fehlt ihnen natürlich auch der Antrieb, ihr Sprechen zu verändern. Ähnlich kann es bei Jugendlichen sein, die vor allem auf Wunsch ihrer Eltern zu uns kommen. Deshalb bedeutet Therapieerfolg für uns nicht immer nur, möglichst flüssig zu sprechen. Es kann auch ein wichtiger Schritt sein, in der Gruppe andere Kinder kennenzulernen, die ebenfalls stottern, und davon zu lernen, wie andere mit ihrem Stottern umgehen. Und für die Eltern kann es sehr entlastend sein, sich mit anderen Familien auszutauschen. Aber insgesamt kann man sagen, dass etwa 75 Prozent langfristig erfolgreich sind, was das flüssige Sprechen betrifft.

Infografik mit fünf Tipps zur Unterstützung stotternder Kinder, wie Zeit geben, Ruhe ins Gespräch bringen, Stottern akzeptieren, Sprechdruck reduzieren und ungestörte Gesprächszeit schaffen

Was kann ich als Elternteil tun, um meinem Kind die Therapie zu erleichtern?

Das Kind nicht unterbrechen oder seinen Satz beenden. Ein offener Umgang mit dem Stottern hilft auch, es darf kein Tabu sein. Vor allem ab dem Punkt, an dem das Kind selbst merkt, dass es Schwierigkeiten beim Sprechen hat. Man sollte das Kind nicht drängen, aber immer mal wieder ermutigen. Zum Beispiel beim Eisbestellen: Schlagen Sie vor, die Bestellung aufzuteilen: Sie fangen an und das Kind ergänzt, welche Sorte es möchte. Vermitteln Sie dem Kind: Das Stottern ist nur ein kleiner Teil von dir, du hast noch viel mehr, was dich ausmacht, du kannst dir zum Beispiel tolle Geschichten ausdenken. Vielen Eltern tut es auch gut, sich zu vernetzen, entweder über uns oder die „Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe“. 

Was sind ganz besondere Momente für Sie als Therapeutin?

Letztens kam ein Absolvent vorbei, der seine Ausbildung zum Bundespolizisten erfolgreich abgeschlossen hat. Es tut gut zu hören, wenn jemand sagt: Ihr habt die Weichen dafür gestellt, dass ich mich getraut habe. Das müssen auch nicht immer die ganz großen Ereignisse sein, wie dass jemand vor einem großen Publikum gesprochen hat. Ein ehemaliger Teilnehmer konnte endlich seinen Wohnort fehlerfrei aussprechen, der davor immer nicht so recht rauswollte. Manchmal sind es auch Kleinigkeiten, die einen berühren. 

Stottern: Die AOK Hessen unterstützt dich und deine Familie

Welcher Weg der richtige ist, kann von Kind zu Kind unterschiedlich sein – und nicht jedes Stocken beim Sprechen ist ein Grund zur Sorge. Wenn du unsicher bist, welche Unterstützung für dein Kind infrage kommt, hilft dir unser medizinisches Hilfe-Telefon Clarimedis weiter: Unsere Experten beantworten deine Fragen rund um die Uhr. Auch der Austausch mit anderen Familien kann guttun, deshalb unterstützt die AOK Hessen gesundheitsbezogene Selbsthilfe. Das Selbsthilfe- und Patientenbüro hilft dir dabei, eine passende Gruppe zu finden.

Deine AOK wünscht dir und deiner Familie viele Momente, in denen Worte einfach ihren Weg finden.

Autorin: Ineke Haug

Fachlich geprüft
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