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Gesundheitsmagazin

Psychologie

Kann man als Mann unter einer Wochenbettdepression leiden?

Veröffentlicht am:28.11.2022

5 Minuten Lesedauer

Väter erleben nach der Geburt ihres Kindes Veränderungen, von denen einige den Erfahrungen der Mütter ähneln. Leiden sie unter einer andauernden depressiven Stimmung, spricht man von einer postpartalen Depression beim Mann. Die Forschung dazu steht noch am Anfang.

Ein Mann mit postpartaler Depression sitzt mit seinem Baby auf der Couch und schaut Fernsehen.

© iStock / Ghislain & Marie David de Lossy

Inhalte im Überblick

    Was ist die Wochenbettdepression?

    Obwohl die meisten Eltern der Geburt ihres Kindes freudig entgegenfiebern, kann es in den Tagen und Wochen nach der Entbindung bei der Mutter zu tiefer Traurigkeit und ausgeprägten Stimmungsschwankungen kommen. Dieser sogenannte Baby Blues ist weit verbreitet: Er tritt bei etwa 75 Prozent aller werdenden Mütter auf. Als ein Grund wird der rasche Hormonabfall nach der Geburt vermutet, doch auch Schlafmangel und neue Herausforderungen können mitverantwortlich sein. In der Regel ist der Baby Blues nach kurzer Zeit überstanden. Hält die depressive Stimmung jedoch weiter an, spricht man von einer postpartalen Depression (PPD) oder umgangssprachlich von einer Wochenbettdepression. Diese ist eine ernstzunehmende depressive Erkrankung, die bis zu einem Jahr nach der Geburt auftreten kann.

    Postpartale Depressionen bei Männern?

    Schätzungen zufolge könnten auch zwischen 4 und 25 Prozent aller frisch gebackenen Väter innerhalb der ersten zwölf Monate nach der Geburt von einer depressiven Episode betroffen sein. An diesem hohen Schwankungsbereich sieht man bereits die wissenschaftliche Unsicherheit bei diesem Thema. Im Gegensatz zur mütterlichen PPD ist die väterliche PPD bisher deutlich weniger erforscht. Viele Aspekte sind wissenschaftlich umstritten, daher wird sie seltener diagnostiziert und behandelt. Dabei ist die psychische Gesundheit von Vätern in der Zeit nach der Geburt von großer Bedeutung, denn: Eine väterliche PPD kann sich sowohl auf die Partnerbeziehung als auch auf die Säuglingsbindung und die kindliche Entwicklung negativ auswirken. Damit stellt sie ebenfalls ein Problem für Familien dar.

    Postpartal oder postnatal – wo liegt der Unterschied?

    Neben postpartaler Depression ist auch die Bezeichnung postnatale Depression in Gebrauch. Streng genommen ist das jedoch nicht richtig:

    Der Begriff „postnatal“ bezeichnet den Zeitraum nach der Geburt bezogen auf das Neugeborene. „Postpartal“ beschreibt die Zeit nach der Entbindung bezogen auf die Mutter – und etwas weiter gefasst auch auf den Vater.

    Wo liegen die Ursachen einer Wochenbettdepression beim Mann?

    Es gibt verschiedene Faktoren, die eine depressive Episode, also auch eine postpartale Depression auslösen können. Die neue Lebenssituation geht mit neuen Herausforderungen und oft auch Überforderung einher. Hinzu können finanzielle Schwierigkeiten, Probleme in der Partnerschaft oder bestehende, eigene Erkrankungen kommen. Besonders frühere Angststörungen oder Depressionen können das Risiko für eine PPD erhöhen. Weitere Risikofaktoren sind junges Alter und das Fehlen sozialer Unterstützung. Bei Frauen werden oft die hormonellen Veränderungen als Erklärung herangezogen, allerdings ist noch unklar, welchen Einfluss diese tatsächlich ausüben. Ähnlich sieht es bei Männern aus: Nach der Geburt eines Kindes wurde bei Vätern ein Rückgang des Testosteronspiegels beobachtet. Möglicherweise hängt dies mit einer Zunahme depressiver Symptome nach der Geburt zusammen. Die Geburt eines Kindes bedeutet eine große Veränderung sowie vermehrten väterlichen Stress und kann ein Trigger für Depression sein. Noch ist allerdings – wie auch bei Frauen – kein klarer Zusammenhang zwischen hormoneller Umstellung und PPD nachgewiesen.

    Welche Symptome treten bei einer väterlichen PPD auf?

    Die Anzeichen einer väterlichen PPD gleichen denen einer mütterlichen und entwickeln sich oft schleichend. Sie unterscheiden sich nicht wesentlich von den Symptomen einer Depression, die in allen Lebensphasen auftreten kann. Dazu gehören unter anderem:

    • depressive oder traurige Stimmung
    • deutlicher Interessensverlust an verschiedensten Aktivitäten
    • Vermeidung von sozialen Situationen oder Rückzug aus der Arbeit oder der Familie
    • erheblicher Gewichtsverlust oder erhebliche Gewichtszunahme
    • Schlaflosigkeit oder Hypersomnie
    • Unruhe oder Nervosität
    • Zynismus
    • Wutattacken
    • Müdigkeit und Energieverlust
    • Gefühle von Wertlosigkeit, Selbstzweifel und Reizbarkeit
    • Schuldgefühle gegenüber dem Kind
    • verminderte Denk- oder Konzentrationsfähigkeit
    • wiederkehrende Suizidgedanken
    • Alkohol- oder Drogenkonsum
    • vermehrte Partnerschaftsprobleme und Gewalt in der Partnerschaft
    Eine junge Familie mit Baby lacht – der Mann hat die postpartale Depression überstanden.

    © iStock / PeopleImages

    Die psychische Gesundheit der Eltern kann sich auf die Gesundheit und Entwicklung des Babys auswirken. Nehmen Sie psychische Belastungen darum unbedingt ernst und achten Sie auf Ihre seelische Gesundheit.

    Welche Folgen kann eine postpartale Depression beim Mann haben?

    Wenn Eltern unter Depressionen leiden, kann dies erhebliche Auswirkungen auf das Familienleben und das Leben des Kindes haben. Studien zeigen, dass väterliche Depressionen eine nachteilige Wirkung auf die emotionale Entwicklung der Kinder ausüben können. Väter spielen eine wichtige Rolle dabei, die Auswirkungen einer mütterlichen PPD auf ihre Kinder „abzupuffern“. Dieser Puffer geht jedoch verloren, wenn auch der Vater von einer PPD betroffen ist.

    Grundsätzlich gilt, dass jede Depression behandelt werden sollte – in jeder Phase des Lebens, aber besonders wenn die Erkrankung negative Auswirkungen auf andere Menschen oder die eigenen Kinder haben kann. Wichtig ist, dass sie rechtzeitig erkannt wird.

    Wochenbettdepression beim Mann: Was hilft?

    Derzeit herrscht noch ein Wissensmangel über die Behandlungswirksamkeit für väterliche PPD. Betroffene Männer sollten nicht zögern, einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen, vor allem, um die Diagnose zu stellen und die Schwere einer etwaigen Depression zu klären. Die Behandlung richtet sich nach den persönlichen Aspekten der depressiven Episode. Gibt es beispielsweise Schwierigkeiten beim Elterndasein, kann sich ein Behandlungsplan auf die Verbesserung der elterlichen Kompetenzen konzentrieren. Wie bei jeder Depression sollte gemeinsam entschieden werden, ob Antidepressiva oder eine Psychotherapie, wie zum Beispiel eine kognitive Verhaltenstherapie, angebracht sind und entsprechende Hinweise der Nationalen Versorgungsleitlinie Depression sollten berücksichtigt werden.

    Bei großen Unsicherheiten in Bezug auf die neuen Aufgaben, die eine Vaterschaft mit sich bringt, sind ein enger Kontakt zur Hebamme und gegebenenfalls die Organisation „Frühe Hilfen“ hilfreich. Erziehungskurse können dabei helfen, die Belastungen besser zu bewältigen. Hier wird gelernt, die Bedürfnisse der Säuglinge zu erkennen und die Neugeborenen körperlich zu versorgen. Fähigkeiten in der Babypflege zu erwerben, kann das Selbstvertrauen fördern und Frustration sowie Reizbarkeit verringern.

    An wen kann ich mich wenden?

    Abhängig davon, in welcher Hinsicht Sie Unterstützung suchen, gibt es verschiedene Möglichkeiten.

    Eine erste Anlaufstelle kann der Hausarzt oder die Hausärztin sein. Er oder sie kann niedrigschwellige Unterstützungsmöglichkeiten oder die örtlichen Anlaufstellen für Beratung empfehlen, einen Behandlungsplan erstellen oder Sie an entsprechende Spezialisten oder Spezialistinnen überweisen. Online gibt es Selbsthilfe-Initiativen wie etwa Licht & Schatten e.V., bei denen man sich mit anderen Betroffenen sowie Fachleuten austauschen kann.

    Bei psychischen Erkrankungen ist soziale und emotionale Unterstützung und psychotherapeutische Behandlung sehr wichtig. Hier können Therapeutinnen und Therapeuten weiterhelfen – auch wegen der Auswirkung einer Depression auf die Partnerbeziehung. Es kann vorkommen, dass Väter sich alleingelassen fühlen – vor allem, wenn die Mutter ebenfalls von PPD betroffen ist. Eine gestärkte Beziehung hilft dabei, Probleme gemeinsam lösen zu können und sich einander zur Seite zu stehen.

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