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Postpartale Depression: Hilfe für Betroffene

Mutter hält trauernd ihr Neugeborenes im Arm, da sie an einer postpartalen Depression leidet.

© iStock / FatCamera

Lesezeit: 7 MinutenAktualisiert: 10.01.2022

Manche Frauen erleben eine tiefe Traurigkeit in den Wochen nach der Geburt – dahinter kann sich eine postpartale Depression verbergen. Solch ein anhaltendes Stimmungstief ist eine ernste Erkrankung und sollte unbedingt behandelt werden.

Inhalte im Überblick

    Was ist eine postpartale Depression?

    Eine postpartale Depression tritt in den ersten Wochen nach der Geburt auf. Deshalb wird sie auch Wochenbettdepression oder postnatale Depression genannt. Die Geburt eines Kindes und das Leben mit einem Neugeborenen verlangen den Müttern körperlich und emotional viel ab. Sie sind erschöpft durch die Geburt, schlafen zu wenig, müssen ihren gesamten Alltag umstellen und Verantwortung für das Baby übernehmen. Das macht sie emotional verwundbar und kann dazu führen, dass das Mutterglück in den Hintergrund tritt und die Mütter stattdessen ein emotionales Tief erleben. Mütter mit einer postpartalen Depression fühlen sich leer, antriebslos und niedergeschlagen.

    Wichtig: In den meisten Fällen sind Frauen betroffen, aber auch Männer können an einer Wochenbettdepression erkranken. Sie äußert sich ähnlich wie bei Frauen, tritt im Durchschnitt aber später auf – etwa drei bis sechs Monate nach der Geburt. Studien haben gezeigt, dass Männer häufiger erkranken, wenn zuvor auch die Mutter an einer Wochenbettdepression litt.

    Was ist der Unterschied zwischen einer postpartalen Depression und dem Baby-Blues?

    Nicht jedes Stimmungstief nach der Geburt weist auf eine Wochenbettdepression hin. Etwa die Hälfte aller Frauen erlebt in den ersten Tagen nach der Geburt emotionale Phasen, in denen sie viel weinen müssen. Dieser sogenannte Baby-Blues wird durch die Hormonumstellung nach der Geburt ausgelöst und gibt sich nach einigen Tagen von selbst wieder.

    Das ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu einer postpartalen Depression, bei der die Beschwerden für mindestens zwei Wochen anhalten. Außerdem sind die Symptome bei einer Wochenbettdepression in der Regel stärker ausgeprägt als bei einem Baby-Blues.

    Wie lange dauert eine postpartale Depression?

    In der Regel tritt eine Wochenbettdepression innerhalb der ersten zwölf Monatevorrangig aber in den ersten Wochen (Wochenbett) ­– nach der Geburt auf. In vielen Fällen bildet sie sich nach vier bis sechs Monaten zurück, wenn sie nicht behandelt wird. Sie kann jedoch auch über ein Jahr fortbestehen oder chronisch werden. Betroffene Frauen sollten sich daher bereits bei ersten Anzeichen an einen Arzt wenden und die Therapiemöglichkeiten besprechen.

    Wie entsteht eine postpartale Depression?

    Frauen, die etwa in der Schwangerschaft oder vor ihrer Regelblutung depressive Symptome verspüren, reagieren möglicherweise empfindlicher auf hormonelle Veränderungen, was auch eine postpartale Depression begünstigen könnte. Ein besonders hohes Risiko, an einer Wochenbettdepression zu erkranken, haben Frauen, die in ihrem Leben schon einmal unter depressiven Symptomen gelitten haben.

    Grundsätzlich gehen Mediziner davon aus, dass beim Entstehen einer postpartalen Depression mehrere Faktoren zusammenspielen, dazu gehören unter anderem:

    Faktoren
    Körperliche FaktorenSchwangerschaftskomplikationen oder biochemische Veränderungen können eine postpartale Depression begünstigen. Frauen, die bereits mehrere Kinder auf die Welt gebracht haben oder vorerkrankt sind, erleiden häufiger eine Wochenbettdepression.
    Psychische FaktorenEin traumatisches Geburtserlebnis, starke Veränderungen des eigenen Lebensrhythmus und der eigenen Identität, aber auch die Veränderung des Selbstbildes spielen beim Entstehen einer postpartalen Depression eine Rolle, ebenso wie Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch.
    Soziale FaktorenWenn Frauen keine Unterstützung durch den Partner oder Angehörige erfahren oder sich die neue Mutterrolle negativ auf Beziehungen in ihrem Umfeld auswirkt, kann dies ebenfalls ein Auslöser für eine postpartale Depression sein.
    Gesellschaftliche FaktorenDas Bild einer unentwegt liebe- und aufopferungsvollen Mutter, das die Schattenseiten der Mutterrolle ausklammert, kann dazu beitragen, dass eine Wochenbettdepression entsteht.

    Wie äußert sich eine postpartale Depression?

    Frauen mit einer postpartalen Depression fühlen sich niedergeschlagen, antriebslos, leer und tieftraurig. Sie können nicht richtig schlafen und sind erschöpft. Die Depression belastet ihren Alltag sehr. Das wiederum kann dazu führen, dass sie zusätzlich Schuldgefühle entwickeln, weil sie glauben, sich nicht richtig um ihr Baby zu kümmern, oder weil sie traurig sind, anstatt sich über ihre Mutterschaft zu freuen.

    Wochenbettdepression – Symptome erkennen:

    • gedrückte, niedergeschlagene Stimmung über mehrere Wochen hinweg
    • Grübeleien und Selbstzweifel
    • Ängstlichkeit
    • Gleichgültigkeit gegenüber Dingen, die vorher Freude bereitet haben
    • Konzentrationsstörungen
    • Interessenverlust
    • das Gefühl, sich selbst fremd zu sein
    • Isolation von Mitmenschen
    • Schlafstörungen
    • Gedanken daran, sich selbst oder dem Baby zu schaden
    • Schuldgefühle
    • Selbstmordgedanken

    Die depressive Symptomatik kann das Verhältnis zum Baby belasten, denn es ist auf eine gute emotionale Bindung zur Mutter angewiesen. Das Baby kann daher mit Verhaltensauffälligkeiten oder verzögerter emotionaler oder kognitiver Entwicklung auf die Depression der Mutter reagieren. Scham, Schuldgefühle und Ängste um das Baby machen es betroffenen Frauen zusätzlich schwer, sich selbst aus diesem emotionalen Tief zu befreien.

    Es ist wichtig, dass Menschen im Umfeld der Betroffenen auf Warnsignale achten. Sowohl als Betroffene oder als Angehöriger können Sie sich in diesem Fall an Ihren Arzt oder Ihre Hebamme wenden.

    Wie behandelt man eine postpartale Depression?

    Die Behandlung einer postpartalen Depression richtet sich danach, wie schwer die Symptome ausgeprägt sind. Bei einigen Frauen sorgt es bereits für Erleichterung, wenn sie mit ihrem Partner, Freunden oder Familienangehörigen über ihre Gemütslage sprechen können. Bei leichten Depressionen helfen emotionale Unterstützung, praktische Hilfen im Alltag und Stärkung ihres Selbstvertrauens durch ihr Umfeld. Bewegung und positive Aktivitäten sind ebenfalls hilfreich. Aber viele Frauen benötigen jedoch professionelle Unterstützung. Je nach Schwere der Symptome kann ein Arzt dann Medikamente oder eine Psychotherapie verordnen.

    Junge Mütter in einer Selbsthilfegruppe für Betroffene einer postpartalen Depression.
    Sich mit anderen Betroffenen – etwa in einer Selbsthilfegruppe – auszutauschen, kann bei der Überwindung einer postpartalen Depression helfen.

    © iStock / SDI Productions

    Behandlung mit Medikamenten

    Mütter mit einer postpartalen Depression können spezielle Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva vom Arzt verschrieben bekommen. Bei stillenden Frauen wägen Mediziner sehr genau ab, ob eine Therapie mit Medikamenten wirklich notwendig ist. Denn bei ihnen besteht die Gefahr, dass geringe Mengen der Wirkstoffe über die Muttermilch zum Baby gelangen – auch wenn die Einnahme von Antidepressiva bei einer stillenden Frau als ungefährlich fürs Kind angesehen wird.

    Die Medikamente greifen in den Hormonhaushalt ein, indem sie die Verfügbarkeit bestimmter Botenstoffe im Gehirn verbessern. So sollen sie die Depressions-Symptome lindern. Welches Medikament zum Einsatz kommt, hängt auch davon ab, welche Symptome besonders stark ausgeprägt sind. So gibt es Arzneimittel, die zum Beispiel speziell gegen Erschöpfung, Schlafstörungen oder Unruhe wirken.

    Behandlung mit Psychotherapie

    Eine weitere Möglichkeit, eine postpartale Depression zu behandeln, ist die kognitive Verhaltenstherapie – ein Verfahren der Psychotherapie. Hierbei unterstützt ein Psychotherapeut die Mutter dabei, negative Gedanken, Wertebilder und Verhaltensmuster zu überwinden und durch hilfreiche zu ersetzen. Alle Verfahren dienen der Stärkung des Selbstvertrauens der frischen Mutter und der Verbesserung der Mutter-Kind-Beziehung. Auch über Hintergründe wird gesprochen, zum Beispiel, warum es der Betroffenen schwerfällt, mit der neuen Lebenssituation zurechtzukommen und wie das verbessert werden kann.

    Postpartale Depression: Hilfe für Betroffene im Alltag

    Bei einer postpartalen Depression ist schnelle, professionelle Hilfe angezeigt, um die Situation von Mutter und Kind zu verbessern. Regelmäßige Hausbesuche der Hebamme sorgen für mehr Sicherheit, Ermutigung und Unterstützung. Für Frauen, die wenig Unterstützung durch andere bekommen oder bei der Versorgung des Kindes sehr unsicher sind, gibt es sogenannte „frühe Hilfen“. Zum Beispiel können sie längere Zeit durch eine Familienhebamme, Eltern-Treffs oder Erziehungsberatung begleitet werden. Auch eine Haushaltshilfe, die die Krankenkasse bezahlt, kann in Frage kommen. Ergänzend können die Betroffenen selbst dazu beitragen, ihre Situation zu verbessern:

    1. Sprechen Sie sich Ihren Kummer von der Seele. Halten Sie Ihren Schmerz, die Ängste und Sorgen nicht vor Angehörigen und Freunden geheim, denn das baut zusätzlichen Druck auf. Wenn Ihr Umfeld Bescheid weiß, können Sie besser emotional unterstützt werden.
    2. Nehmen Sie sich regelmäßig Auszeiten vom Baby und Ihren Verpflichtungen. Gehen Sie achtsam mit den eigenen Ressourcen um. Dazu ist es nötig, dass Angehörige oder Freunde aktiv viele Aufgaben abnehmen, um diesen Freiraum für Sie überhaupt zu schaffen.
    3. Vermeiden Sie große Veränderungen und Anstrengungen in den ersten Monaten nach der Geburt, wie etwa einen Umzug, einen Jobwechsel oder größere Renovierungsarbeiten.
    4. Bewegen Sie sich regelmäßig: Sport hebt die Stimmung und kann die Symptome einer Depression abmildern. Das gilt besonders für sanften Ausdauersport wie Walking oder Schwimmen.
    5. Tauschen Sie sich mit Gleichgesinnten in einer Selbsthilfegruppe aus. Hier können Sie auch weitere Hilfestellungen und wertvolle Tipps im Umgang mit einer postpartalen Depression bekommen.

    Welche anderen psychischen Erkrankungen hängen mit der Geburt zusammen?

    Neben der postpartalen Depression und dem Baby-Blues gibt es weitere psychische Erkrankungen von Frauen rund um die Geburt, wie zum Beispiel die postpartale Psychose oder die pränatale Depression.

    Postpartale Psychose

    Etwa eine bis zwei von 1.000 Frauen erkranken nach der Geburt an einer postpartalen Psychose. Hierbei leiden die betroffenen Frauen unter Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen bis hin zu Halluzinationen. Die postpartale Psychose tritt meistens in den ersten vier Wochen nach der Geburt auf und schränkt den Alltag der Betroffenen sehr stark ein. Da die Wahnvorstellungen eine Gefahr für Mutter und Kind bedeuten können, ist schnelle professionelle Hilfe gefragt.

    Pränatale Depression

    Bei einer pränatalen Depression treten während der Schwangerschaft typische Depressions-Symptome wie Traurigkeit, übertriebene Sorge, Schlafstörungen oder innere Leere auf. Ihr Entstehen kann zum Beispiel begünstigt werden, wenn die Frauen bemerken, wie sehr sich ihr Leben etwa in Bezug auf die Arbeit, die Finanzen, die Partnerschaft und die eigene Zukunftsplanung ändern wird. Aber auch hormonelle Faktoren und die enormen körperlichen Herausforderungen einer Schwangerschaft spielen eine Rolle. Eine pränatale Depression sollte behandelt werden, da sie sich auch auf die Entwicklung des Kindes auswirken kann. Außerdem haben Mütter, die unter pränataler Depression leiden, ein erhöhtes Frühgeburtsrisiko. Die Wahrscheinlichkeit für eine spätere postpartale Depression ist ebenfalls erhöht.

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