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Gesundheitsmagazin

Psychologie

Corona-Pandemie: Wie kann man mit der Angst vor Ansteckung umgehen?

Veröffentlicht am:31.01.2022

8 Minuten Lesedauer

Viele Menschen haben trotz Impfung nach wie vor Angst vor der Ansteckung mit Covid-19. Prof. Dr. med. Andreas Fallgatter erklärt, was gegen die Angst hilft und bei welchen Angstzuständen professionelle Hilfe notwendig ist.

Eine Frau sitzt einsam auf dem Sofa mit Maske in der Hand. Sie hat Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

© iStock / Boris Jovanovic

Inhalte im Überblick

    Herr Prof. Dr. med. Andreas Fallgatter ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen.

    Porträt von Prof. Dr. med. Andreas Fallgatter, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen.

    © Andreas Fallgatter

    Der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie erklärt im Interview, wie es gelingt, dass die Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 die Lebensqualität nicht einschränkt. Außerdem verrät er, wie sich eine gesunde, normale Angst von einer krankhaften, behandlungsbedürftigen unterscheidet.

    Ist es normal, als Geimpfter nach wie vor Angst vor der Ansteckung mit Covid-19 zu haben?

    Angst ist per se nichts Krankhaftes, sondern etwas ganz Normales. Für unsere Vorfahren war sie sogar überlebenswichtig, da sie bessere Überlebenschancen hatten, wenn sie Angst vor dem Säbelzahntiger hatten und diesem aus dem Weg gegangen sind.

    Die Covid-19-Pandemie ist für uns alle eine ungewohnte Situation, da unsere Generation keine Erfahrung mit krisenhaften Zuständen hat. Es gibt eine Generation, die noch Krieg erlebt hat, aber mit pandemischen Zuständen sind wir alle nicht vertraut. Und eine Pandemie ist natürlich besonders angstauslösend. Das Risiko sich anzustecken wird bleiben, da das Virus wohl nicht ausgerottet werden kann. Ähnlich wie bei der Grippe werden wir vermutlich jedes Jahr mindestens eine angepasste Impfung erhalten müssen.

    Wie geht man mit der Angst am besten um?

    Als Geimpfter sollte man sich klarmachen, dass man sich vor allem im Freien risikolos bewegen und sich mit anderen Geimpften treffen kann. Auch wer sich als Geimpfter in Innenräumen an die Abstandsregeln hält, Maske trägt und gut lüftet, ist keinem nennenswerten Risiko ausgesetzt. Geimpfte sollten sich deswegen dem sozialen Leben trotz Angst wieder annähern. Sie können sich vor allem dann sicher fühlen, wenn sie nur Kontakt zu Geimpften oder Genesenen haben.

    Warum sollte man sich der Angst auf jeden Fall stellen?

    Weil es ein größeres Risiko ist, sich langfristig sozial zurückzuziehen, als sich dem Risiko einer möglichen Infektion auszusetzen. Depressionen und Angststörungen können sich bereits nach einigen Monaten des sozialen Rückzugs entwickeln. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das dafür gemacht ist, soziale Kontakte zu haben. Einsamkeit ist einer der größten Risikofaktoren für eine erhöhte Sterblichkeit.

    Gibt es Strategien, die dabei helfen, mit der Angst umzugehen?

    Sport ist ein guter Weg, um Angst zu reduzieren. Körperliche Aktivität baut Stress und Angst ab. Angstlösend können außerdem Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung sein. Vor allem Letztere lässt sich sehr einfach lernen und gut in den Alltag integrieren – man muss sie allerdings regelmäßig üben.

    Außerdem sollte man den eigenen Medienkonsum limitieren, insbesondere wenn man sich viel mit Nachrichten zu Corona befasst. Um auf dem Laufenden zu bleiben, ist es völlig ausreichend, sich einmal pro Tag zu informieren. Das permanente Checken des Handys führt dazu, dass das innere Anspannungsniveau erhöht wird und man sich ständig in Alarmbereitschaft befindet. So können vorhandene Ängste noch stärker werden.

    Ist es hilfreich, mit anderen über die eigene Angst zu sprechen?

    Es kann hilfreich sein, über die Angst vor Corona zu sprechen, wenn man das konstruktiv tut und nicht in einen Jammerkreislauf verfällt. Betroffene sollten rationalisieren, was an ihrer Angst dran ist. Als Geimpfte haben sie ein geringes Risiko sich anzustecken, zudem sind sie vor einem schweren Verlauf geschützt. Stecken sie sich trotzdem an, verläuft die Infektion in der Regel wie eine Erkältung. Vor zwei Jahren wäre ja auch niemand auf die Idee gekommen, aus Angst vor einer Erkältung das Haus nicht mehr zu verlassen.

    Mit anderen sollte man also über einen positiven Ausblick sprechen und nicht darüber, was aktuell gerade schlecht ist. Der Blick sollte auf dem Fortschritt liegen. Im Vergleich zum Vorjahr kann man sich als Geimpfter schließlich deutlich sicherer und freier fühlen.

    Woran erkennt man, dass die eigene Angst nicht mehr „normal“ ist?

    Gehen Betroffene wichtigen Dingen nicht mehr nach, die früher Gewohnheit für sie waren, bewegt sich die Angst nicht mehr in einem normalen Bereich. Halten sie etwa keinen Kontakt mehr zu Freunden und Familie oder haben sich sogar krankschreiben lassen, weil sie die Arbeit aus Angst vor Ansteckung nicht mehr aufsuchen wollen, sind das starke Warnzeichen. Ihr Leben ist wesentlich eingeschränkt, obwohl es keinen verhängten Lockdown mehr gibt. Außerdem ist die Corona-Angst das beherrschende Element in ihrem Leben, sie beschäftigen sich ständig mit dem Thema und haben keinen Raum mehr für andere Dinge zur Verfügung.

    „Gehen Betroffene wichtigen Dingen nicht mehr nach, die früher Gewohnheit waren, bewegt sich die Angst nicht mehr im normalen Bereich.“

    Prof. Dr. med. Andreas Fallgatter
    Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen

    Was kann man im Falle einer Angsterkrankung tun?

    Aus psychotherapeutischer Sicht ist die sogenannte Exposition die beste Möglichkeit, eine Angsterkrankung in den Griff zu bekommen. Betroffene sollten sich der Situation, die ihnen Angst macht, bewusst aussetzen.

    Das kann durch die Konfrontation mit der am stärksten angstauslösenden Situation („Flooding“) umgesetzt werden. Wenn Betroffene also etwa aus Angst vor Ansteckung trotz Impfung und Einhaltung der Schutzmaßnahmen keine anderen Menschen mehr treffen, sollten sie genau das tun und so lange mit ihnen zusammenbleiben, bis Angstsymptome wie Zittern, Schwitzen oder Herzrasen abnehmen. Auf keinen Fall sollten sie sich der Situation entziehen, wenn sie Angst bekommen. Denn dann lernen sie, dass die Angst nachlässt, wenn sie die Situation verlassen. Der Effekt wäre dann gegenteilig zum eigentlich erwünschten.

    Die Exposition kann aber auch durch systematische Sensibilisierung umgesetzt werden. Hierbei bewerten Betroffene Angstsituationen graduell. Zunächst stellen sie sich der Situation, die die geringste Angst hervorruft, und wagen sich so Schritt für Schritt an die größte Angst heran. Dieser Prozess ist langwieriger als das „Flooding“, die Angst kann aber auch so erfolgreich bewältigt werden.

    Es spricht prinzipiell nichts dagegen, diese beiden Arten der Angstbewältigung ohne therapeutische Hilfe selbst auszuprobieren. Wenn die Angst das Leben aber massiv dominiert und einschränkt, sollte man auf jeden Fall über eine Therapie nachdenken. In der kognitiven Verhaltenstherapie wird auch die individuelle Lebensgeschichte in die Behandlung miteinbezogen und die Bedeutung der Angst individuell hinterfragt.

    Ein Mann besucht eine Psychiaterin, um mit ihr über seine Angst vor Corona zu sprechen.

    © iStock / PeopleImages

    Ein Psychiater kann dabei helfen, mit Angstzuständen besser umzugehen.

    Wie reagiert man bei akuten Angstzuständen?

    Hier gibt es nur eine richtige Option: sich bewusst machen, dass man Symptome der Angst erfährt und keinen Herzinfarkt, Schlaganfall oder anderes erlebt. Es hilft nur, diese Symptome auszuhalten. Es sollten also keine Entspannungsübungen gemacht, sondern die Erfahrung durchlebt werden.

    Wer zum ersten Mal eine Panikattacke oder einen anderen Angstzustand erfährt, sollte aber zunächst abklären lassen, ob es sich tatsächlich um Angst handelt. Angstsymptome wie Herzrasen, Schwitzen oder Zittern können zum Beispiel auch auf Herzerkrankungen, chronisches Asthma bronchiale, Schilddrüsenüberfunktion oder in seltenen Fällen auf Tumore der Nebennierenrinde hinweisen. Stimmt die Diagnose „Angsterkrankung“ hingegen, müssen sich Betroffene keine Sorgen um ihre körperliche Gesundheit machen. Auch wenn sich eine Panikattacke anfühlt, als würde man sterben, wird dies weder passieren, noch treten durch die Panikattacke langfristige Schäden am Körper auf.

    Eine typische Panikattacke lässt sich auch daran erkennen, dass sie sich in kurzer Zeit steigert und spätestens nach einer halben Stunde völlig abklingt. Das Problem: Die Betroffenen entwickeln im Anschluss häufig die Angst, dass ihnen das wieder passieren könnte. Und da Panikattacken völlig unvorhergesehen an verschiedensten Orten wie etwa beim Bäcker, im Auto oder vor der Haustür am Briefkasten auftreten können, meiden Betroffene immer mehr Situationen, bis sie im schlimmsten Fall irgendwann gar nicht mehr das Haus verlassen. Sie sollten sich also dringend in Behandlung begeben.

    Leider sind bei Weitem nicht alle Menschen mit Angststörungen in qualifizierter Behandlung, obwohl die Lebenszeitprävalenz sehr hoch ist. 14 Prozent der Deutschen haben oder entwickeln im Laufe des Lebens eine Angststörung, wobei ein großer Teil auf die sogenannten Phobien entfällt. Dabei handelt es sich um Ängste vor bestimmten Objekten oder Situationen, die häufig nicht behandlungsbedürftig sind. Etwa die Spinnenphobie, Höhenphobie oder Zahnarztphobie.

    Sollte auch eine generalisierte Angststörung in jedem Fall behandelt werden?

    Auch die generalisierte Angststörung tritt häufig auf, etwa drei Prozent der Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens daran. Sie wird salopp als „Sorgenkrankheit“ bezeichnet. Betroffen sind vor allem Menschen, die sich prinzipiell sehr viele Sorgen machen, etwa um die Gesundheit Angehöriger.

    Verspätet sich jemand beispielsweise um fünf Minuten, haben sie bereits Angst, dass ein Unfall passiert sein könnte. Hier steht wieder die Frage im Vordergrund, wie sehr die generalisierte Angststörung das Leben beeinträchtigt. Wer etwa Angst hat, wenn die 16-jährige Tochter nicht wie ausgemacht um 22 Uhr, sondern erst drei Stunden später nach Hause kommt, ist von einem normalen Angstgefühl betroffen. Wird der Sorgenmodus jedoch zum Dauerzustand, sollte eine Behandlung stattfinden.

    Angststörungen hängen eng mit Depressionen zusammen und lassen sich mit Antidepressiva sehr erfolgreich behandeln. Auch die kognitive Verhaltenstherapie ist hoch wirksam. Unterstützend sollte Sport gemacht werden. Betroffenen hilft es zu erfahren, dass sie Angstsymptome wie Herzrasen und Schwitzen auch selbst durch Bewegung herbeiführen können.

    „Angststörungen hängen eng mit Depressionen zusammen und lassen sich mit Antidepressiva sehr erfolgreich behandeln.“

    Prof. Dr. med. Andreas Fallgatter
    Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen

    An wen können sich Betroffene bei starker Angst wenden?

    Sie können sich an den Hausarzt wenden, der an einen Psychiater oder Psychotherapeuten verweisen kann. Viele Menschen mit Panikattacken werden über den Notarzt in die Klinik eingeliefert. Dort wird zunächst abgeklärt, ob zum Beispiel schwere Herz- und Lungenerkrankungen vorliegen. Ist das nicht der Fall, sollte ein guter Arzt nicht sagen: „Sie haben nichts“, sondern den Weg zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten bahnen. Es ist Einfühlungsvermögen notwendig, um dem Patienten klarzumachen, dass der körperliche Untersuchungsbefund zwar in Ordnung ist, er die Todesangst und die körperlichen Symptome aber hat, weil er eine Panikattacke erlebt hat.

    Am Universitätsklinikum Tübingen haben wir ein Corona-Angst-Krisentelefon, hier kann sich jeder bei coronabezogenen Ängsten melden. Außerdem haben wir in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie eine Angstsprechstunde, die für alle zugänglich ist, die unter Ängsten, auch nicht coronabezogenen, leiden. Bei schweren und im ambulanten Bereich therapieresistenten Angststörungen ist eine stationäre Behandlung, zum Beispiel in unserer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, sehr oft hilfreich.

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