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Thema: Long COVID – was ist das genau?

Eine Frau mit Long COVID leidet unter Schlafstörungen und sitzt im Bett.

© iStock / demaerre

Lesezeit: 6 Minuten08.04.2022

Atemnot, Wortfindungsstörungen oder Schlafprobleme – manche Menschen kämpfen noch Monate nach ihrer Corona-Erkrankung mit körperlichen und psychischen Beschwerden. Mediziner nennen das Long COVID. Was Experten bisher über Long COVID wissen.

Inhalte im Überblick

    Prof. Dr. med. Uta Merle leitet die Long-COVID-Spezialambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg. Sie verrät im Interview, was Long COVID ist, welche Beschwerden Patienten haben und wie Behandlungsmöglichkeiten aussehen.

    Was ist Long COVID?

    Nach der offiziellen Leitlinien-Definition ist Long COVID ein Krankheitsbild, bei dem die Coronasymptome länger als vier Wochen anhalten, also über die akute Phase der Erkrankung hinaus bestehen bleiben. Davon grenzen Mediziner noch ein weiteres Phänomen ab, nämlich Post COVID, auch Post-COVID-Syndrom genannt. Hierbei berichten Patienten mindestens zwölf Wochen nach der Erkrankung auch weiterhin über Symptome. Sowohl bei Long COVID als auch bei Post COVID beobachten wir, dass Erkrankte die Symptome über eine lange Zeit verspüren.

    Diese Symptome können entweder im Rahmen der akuten COVID-Erkrankung auftreten und dann fortbestehen oder erst in den ersten drei Monaten nach der akuten COVID-19-Erkrankungsphase im Verlauf neu auftreten. Wichtig ist in jedem Fall, dass Mediziner die Patienten mit den Symptomen ernst nehmen, unabhängig davon, ob die akute COVID-Erkrankung mehr als vier Wochen oder mehr als zwölf Wochen her ist. Oft bessern sich die Beschwerden in den Wochen nach der akuten Erkrankung im Verlauf, sodass es auch durchaus angebracht sein kann, erstmal den Verlauf zu beobachten. Hierbei ist der betreuende Hausarzt der beste Ansprechpartner.

    Welche Long-COVID-Symptome sind bisher bekannt?

    Mittlerweile sind Medizinern sehr viele Long-COVID-Symptome bekannt. Das zeigt, wie vielfältig und auch unterschiedlich die Symptomatik bei Long COVID sein kann. Unter der Vielzahl von Beschwerden gibt es einige, die häufig auftreten. Dazu zählen:

    • ein Gefühl von Luftnot
    • ausgeprägte Müdigkeit (Fatigue)
    • Konzentrationsstörungen oder kognitive Störungen wie Vergesslichkeit oder Wortfindungsstörungen
    • Brustschmerzen oder ein Druck beziehungsweise Brennen hinter dem Brustbein
    • Gliederschmerzen
    • Haarausfall
    • Schlafstörungen

    Wie belastend ist das Long-COVID-Syndrom für Patienten?

    Patienten empfinden die Symptomatik bei Long COVID oft als sehr belastend. Mir begegnen in unserer Long-COVID-Spezialambulanz Menschen, die vor der Erkrankung mitten im Leben standen – sie waren leistungsstark und hatten keine gesundheitlichen Probleme. Plötzlich sind es genau diese Personen, die sagen: Ich kann nicht mehr so wie vorher, nach vier Stunden Arbeit bin ich völlig erschöpft. Die Erkrankten leiden aber nicht nur an den Symptomen selbst, sondern auch darunter, wie sie von manchen Menschen wahrgenommen werden.

    Noch immer glauben leider viele, dass die Symptome von Long COVID eher eingebildet sind und Schlafstörungen nur Ausdruck von Pandemiesorgen sind oder Brustschmerzen auf psychische Vorerkrankungen hindeuten. Dabei ist es ganz wichtig, dass sich Patienten mit ihren Beschwerden wahr- und ernstgenommen fühlen und wissen: Long COVID gibt es tatsächlich. Hierzu gehört aus medizinischer Sicht immer eine ganzheitliche Perspektive, die körperliche und psychische Aspekte berücksichtigt.

    „Die Erkrankten leiden aber nicht nur an den Symptomen selbst, sondern auch darunter, wie manche Menschen sie wahrnehmen.“

    Porträt von Prof. Dr. med. Uta Merle, Leiterin der Long-COVID-Spezialambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg.

    Prof. Dr. med. Uta Merle
    Leiterin der Long-COVID-Spezialambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg

    © Universitätsklinikum Heidelberg

    Wer hat ein erhöhtes Risiko, an dem Long-COVID-Syndrom zu erkranken?

    Die Erfahrung zeigt uns, dass bestimmte Risikofaktoren durchaus die Entwicklung von Long COVID begünstigen. Ein Risikofaktor ist ein schwerer Krankheitsverlauf bei  Patienten, die beispielsweise aufgrund einer Lungenentzündung, eine Behandlung im Krankenhaus erhalten. Außerdem scheinen Patienten mit Vorerkrankungen eher betroffen zu sein. Allerdings können auch zuvor völlig gesunde Menschen oder Personen mit einem leichten Verlauf langfristig unter den Symptomen leiden – Long COVID kann grundsätzlich jeden treffen.

    Was wissen Mediziner über die Entstehung von Long COVID?

    Bei der Entstehung könnten verschiedene Mechanismen eine Rolle spielen. Zum einen diskutieren Experten, ob Entzündungsprozesse im Körper, die das Gehirn oder die Blutgefäße betreffen, zur Entstehung beitragen. In einer weiteren Theorie spielen Veränderungen und Störungen im Immunsystem eine Rolle – der Organismus könnte beispielsweise im Rahmen von Long COVID „autoimmun“ reagieren, also körpereigene Zellen angreifen. Auch Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmbakterien und ein Verweilen der Coronaviren in körpereigenen Rückzugsräumen sind denkbar. Forscher diskutieren also viele mögliche Theorien, eine abschließende Antwort auf die Frage nach der Entstehung gibt es aber noch nicht.

    Wie viele Menschen entwickeln Long COVID nach einer Infektion?

    Dazu gibt es unterschiedliche Informationen: Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass fünf bis 20 Prozent der Patienten nach einer Erkrankung Long COVID entwickeln.

    Somit ist es wahrscheinlich, dass die Häufigkeit bei 10 Prozent liegt. Offenbar existiert ein Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften – Menschen, die vollständig geimpft sind und sich dennoch mit SARS-CoV-2 infizieren, trifft Long COVID nach aktueller Datenlage wahrscheinlich nur etwa halb so oft wie Ungeimpfte. Neben der Vermeidung einer Infektion ist die Impfung somit die Erfolg versprechendste Maßnahme, um sich vor Long COVID zu schützen. Daten zur Omikron-Variante stehen aktuell noch aus.

    „Offenbar existiert ein Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften – Menschen, die vollständig geimpft sind und sich dennoch mit SARS-CoV-2 infizieren, trifft Long COVID nach aktueller Datenlage wahrscheinlich etwa nur halb so oft wie Ungeimpfte.“

    Porträt von Prof. Dr. med. Uta Merle, Leiterin der Long-COVID-Spezialambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg.

    Prof. Dr. med. Uta Merle
    Leiterin der Long-COVID-Spezialambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg

    © Universitätsklinikum Heidelberg

    Wie diagnostizieren Mediziner Long COVID?

    Mediziner haben derzeit nur die Möglichkeit, Long COVID anhand der Symptomatik zu diagnostizieren. Ein spezielles Testverfahren, zum Beispiel mit Patientenblut, gibt es nicht. Tatsächlich beobachten wir immer wieder, dass die Blutwerte der Patienten trotz zahlreicher Long-COVID-Symptome unauffällig sind. Gezielte Untersuchungen machen aber trotzdem in einigen Fällen Sinn – einerseits, um andere Erkrankungen auszuschließen und andererseits, um Beschwerden abzuklären. Beispielsweise decken neurologische Testungen Konzentrationsschwäche auf und lungenfachärztliche Untersuchungen klären die Ursache der wahrgenommenen Atemprobleme. Anders als viele Menschen denken, kann die Basisdiagnostik in der Hausarztpraxis durchgeführt werden, was auch in der S1-Leitlinie, die mit vielen Experten erstellt wurde, aufgeführt wird.

    In der Praxis entscheidet der Mediziner, an welcher Stelle zusätzliche Untersuchungen oder Überweisungen zu weiteren Fachärzten (wie einem Lungenfacharzt oder Kardiologen) ratsam sind. Nicht jeder Long-COVID-Patient muss eine große Zahl an Untersuchungen durchlaufen. Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang der Hausarzt und auch sein Wissen zu Long COVID. Das Syndrom zu kennen und auch die Diagnose zu stellen, ist für den Patienten entscheidend. Auch wenn das zunächst irritierend klingt: Erkrankte fühlen sich erleichtert, wenn die Diagnose klar gestellt wird – so haben sie endlich eine Erklärung für ihre lang anhaltenden Symptome. Weiterhin ist es wichtig, dass die Koordination der Diagnostik und Therapie beim Hausarzt stattfindet, damit der Patient mit seinen Long-COVID-Symptomen und deren Verlauf kontinuierlich begleitet wird.

    Aufklärung ist im Zusammenhang mit COVID sehr wichtig.

    Eine Frau mit Long COVID macht unter Anleitung Sport in einem Rehabilitationszentrum.
    Ist das Long oder Post COVID-Syndrom sehr ausgeprägt, sind ambulante oder stationäre Reha-Maßnahmen für die Betroffenen möglich.

    © iStock / peakSTOCK

    Wie sieht derzeit die Post-COVID-Behandlung aus?

    Noch gibt es keine gezielten Medikamente, die Long COVID oder Post COVID heilen. Stattdessen existiert eine Vielzahl an Therapieoptionen, die sich bei den andauernden Beschwerden anbieten und auch eine Wirkung zeigen können.

    Der Hausarzt kann bei Long COVID Folgendes verordnen:

    • Physiotherapie, beispielsweise bei Atembeschwerden, Abgeschlagenheit und Muskelschwäche
    • Ergotherapie, beispielsweise bei Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
    • Atemtherapie, beispielsweise bei Atembeschwerden

    Viele Patienten berichten davon, dass sie mit den verschiedenen Ansätzen ihre Beschwerden lindern und ihre Lebensqualität steigern konnten. Eine ganz wichtige Maßnahme erfolgt aber durch die Patienten selbst – die Berücksichtigung der eigenen und gegenüber „vor Corona“ oft neuen Belastungsgrenzen. Durch Long COVID verteilen sich die Kräfte häufig anders. Joggen war vielleicht früher ohne Probleme möglich, heute fällt ein Spaziergang schon schwer. Das Kennenlernen der neuen Grenzen und die Einhaltung ebendieser ist entscheidend, ansonsten können Symptome wie das Gefühl einer extremen Erschöpfung wiederkehren oder sich verstärken. Die Broschüre der Weltgesundheitsorganisation und die S1-Leitlinie für Betroffene helfen hier besonders gut weiter – sie liefern viele Übungen und Tipps für den Umgang mit Beschwerden.

    Welche Hilfsangebote gibt es für Long-COVID-Patienten?

    Long-COVID-Patienten können sich im ersten Schritt an ihren Hausarzt wenden. Bei Bedarf arbeitet er mit anderen Fachärzten zusammen und ermöglicht die Inanspruchnahme verschiedener Therapien. Der Hausarzt kann Patienten in besonders schwerwiegenden oder besonderen Fällen auch vorschlagen,  sich zusätzlich in einer sogenannten Post-COVID-Sprechstunde vorzustellen. Für Patienten bleibt der Hausarzt aber ein zentraler und wichtiger Ansprechpartner. Ich empfehle außerdem die Kontaktaufnahme mit Selbsthilfegruppen, denn der Austausch hilft sehr – auch, um zu erkennen, dass sie nicht alleine mit ihrem Problem sind.

    Menschen, die sich aufgrund der Erkrankung sehr belastet fühlen, können psychotherapeutische Angebote in Anspruch nehmen. Beispielsweise in Gruppentherapien erlernen sie, Strategien im Umgang mit dem Krankheitsbild und ihre eigenen Grenzen auszuloten. Ist das Syndrom sehr ausgeprägt, bieten sich auch ambulante oder stationäre Reha-Maßnahmen an – hier finden ebenfalls Physiotherapie, Ergotherapie, Atemtherapie und psychotherapeutische Gespräche statt. Weiterführende Informationen und Hilfsangebote finden Patienten beim Long-COVID Netzwerk Rhein-Neckar.

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