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Diagnose Krebs: Diese Strategien helfen bei der Bewältigung

Ein Mann führt auf seiner Yogamatte am Wasser eine Achtsamkeitsübung zur Krebsbewältigung durch.

© iStock / FreshSplash

Lesezeit: 7 MinutenAktualisiert: 21.07.2021

Eine Krebserkrankung bedeutet oft einen tiefen Einschnitt im Leben der Betroffenen. Neben den körperlichen Belastungen stellen meist auch psychische Auswirkungen eine große Herausforderung dar. Verschiedene Bewältigungsstrategien können dabei helfen, besser mit der Diagnose umzugehen. Welche Möglichkeiten es gibt und wie sie funktionieren, erklärt Dr. Rüdiger Zwerenz im Interview.

Inhalte im Überblick

    Dr. Rüdiger Zwerenz, Leiter des Forschungsschwerpunktes E-Mental Health der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin der Universitätsmedizin Mainz
    Dr. Rüdiger Zwerenz

    © Markus Schmidt, Universitätsmedizin Mainz

    Privatdozent Dr. biol. hom. Rüdiger Zwerenz ist Diplom-Psychologe und Psychoonkologe sowie Leiter des Forschungsschwerpunktes E-Mental Health der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin der Universitätsmedizin Mainz. Sein Fokus liegt dabei auf der Behandlung psychischer Erkrankungen und Belastungen.

    Im Interview erklärt Dr. Zwerenz, mit welchen Belastungen Menschen, die an Krebs erkrankt sind, konfrontiert sind und wie sie diese überwinden können.

    Wie gehen Patienten mit einer Krebsdiagnose im ersten Moment um?

    Herr Dr. Zwerenz: Die Reaktionen der Patientinnen und Patienten sind tatsächlich sehr unterschiedlich. Für viele Patientinnen und Patienten wird eine Krebsdiagnose aber als ein lebensbedrohlicher Ausnahmezustand erlebt, sodass diese von vielen als schwerwiegender Einschnitt im Leben bis hin zum Todesurteil verstanden wird. Dabei liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate in Deutschland inzwischen bei etwa zwei Dritteln.

    Trotzdem wird durch die Krebsdiagnose oft das Thema „Tod und Sterben“ angeregt. Deswegen finden sich besonders am Anfang die meisten Patienten in einer Schockphase wieder. Sie reagieren mit Bestürzung und Unverständnis und können oft gar nicht alle Informationen aufnehmen, die sie bekommen. Es ist meistens auch eine sehr emotionale Phase: Viele der Betroffenen stellen ihr Leben infrage, sowohl das berufliche als auch das private. Die Patienten werden aus dem Alltag gerissen und haben das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

    Manche verdrängen ihre Emotionen und versuchen stattdessen, sich ganz sachlich und distanziert auf die Behandlung einzustellen – damit sie weiterhin „funktionieren“ können. Sie fragen sich, wie es mit der Familie und der Gesundheit weitergeht. In diesem Falle ist es wichtig, immer wieder den Realitätsbezug herzustellen und die Patienten darüber aufzuklären, dass nicht jede Krebserkrankung zwangsläufig mit dem Tod einhergeht.

    „Viele der Betroffenen stellen ihr Leben infrage, sowohl das berufliche als auch das private. Sie fragen sich, wie es mit der Familie und der Gesundheit weitergeht.“

    Privatdozent Dr. Rüdiger Zwerenz
    Leiter des Forschungsschwerpunktes E-Mental Health der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin der Universitätsmedizin Mainz

    Gibt es in dieser ersten Schockphase schon Strategien, die dabei helfen können, die Diagnose zu verarbeiten?

    Allgemein geht es in der Psychoonkologie darum, die psychischen Auswirkungen einer Krebserkrankung zu erforschen und Betroffene seelisch zu unterstützen. Auf diese Unterstützung konzentrieren wir uns auch bereits in dieser ersten Schockphase. Das funktioniert vor allem durch Gespräche, in denen wir ihnen vermitteln, dass Schock und Überforderung zunächst ganz normal sind und es vielfältige Möglichkeiten gibt, sich psychosoziale Unterstützung zu besorgen – sei es durch Selbsthilfegruppen, ambulante Pflegedienste, Begegnungszentren, Beratungsstellen oder auch religiöse Einrichtungen.

    Man sollte im Laufe der Zeit versuchen, einen Zugang dazu zu bekommen, was auf der emotionalen Ebene durch die Krebserkrankung mit einem passiert. Zu den Gefühlen, die hinter dieser Diagnose stehen – und über sie zu reden. Mit einem Gegenüber, der diese Gefühle versteht.

    Junge Frau umarmt ihre krebskranke Angehörige, spendet Kraft und macht ihr Mut.
    Unterstützung von Angehörigen spendet Kraft und macht Betroffenen Mut

    © iStock / FatCamera

    Ab welchem Punkt ist diese Unterstützung im Regelfall notwendig?

    Psychoonkologische Unterstützung ist in jeder Phase der Behandlung möglich und sinnvoll, sollte aber auf den individuellen Bedarf der Patientinnen und Patienten angepasst werden. Unterstützung ist niemals für alle notwendig – das hängt immer auch vom Einzelfall ab. Auch wenn in Deutschland jeder Mensch mit einer Krebserkrankung Anspruch auf psychoonkologische Unterstützung hat, sollte die Indikationsstellung gemeinsam mit den Betroffenen erfolgen.

    Die Patienten müssen bereit dazu sein. Besonders am Anfang kommt es oft vor, dass eine Beratung abgelehnt wird, einfach um sich selbst vor starken Gefühlen und Emotionen zu schützen, denen man sich im Moment noch nicht gewachsen fühlt.

    Wirkt sich dieser Schutzmechanismus langfristig positiv auf den Zustand der Patienten aus?

    In der Psychotherapie können wir diese Schutzmechanismen auch als einen Abwehrmechanismus verstehen. Das heißt, einen unbewusst ablaufenden Prozess, der uns vor innerseelischen oder zwischenmenschlichen Konflikten schützt, zum Beispiel indem diese verdrängt werden.

    Abwehrmechanismen können kurzfristig sinnvoll sein und haben eine gewisse Schutzfunktion, die auch wichtig ist. Langfristig ist es aber das Ziel, sich solcher Abwehrmechanismen bewusst zu werden und sie zu überwinden.

    Nicht jeder ist sofort dazu bereit, sich zusätzlich zu seiner Erkrankung auch noch mit intensiven Gefühlen wie Trauer oder Wut auseinanderzusetzen.

    Und das ist in der akuten Phase der Krebserkrankung auch nicht unbedingt notwendig. Wenn die psychischen Belastungen aber zunehmen und ein entsprechender Leidensdruck besteht, dann ist es durchaus sinnvoll, den Erkrankten diesen Mechanismus bewusst zu machen, damit sie ihn hinter sich lassen können.

    Wie sehen die verschiedene Strategien aus, die den Patienten dabei helfen können, ihre Erkrankung zu bewältigen?

    Grundsätzlich kommt es natürlich darauf an, wie stark die psychische Belastung ist. Dementsprechend wird entschieden, welche Maßnahmen oder Interventionen sinnvoll sind. Um in der akuten Situation mit Ängsten und negativer Stimmung richtig umzugehen, gibt es ganz viele Techniken, die man einsetzen kann.

    Was wir in der Psychoonkologie häufig anwenden sind Fantasiereisen und Achtsamkeitsübungen. Bei Letzteren geht es darum, sich wirklich bewusst auf den Moment zu konzentrieren. Den eigenen Körper wahrzunehmen, seine verschiedenen Abschnitte zu erleben und in diesem Augenblick zu verweilen – im Hier und Jetzt. Das hilft dabei, akuten Stress zu reduzieren, ein inneres Gleichgewicht zu finden und alle störenden Gedanken zu unterbrechen.

    Oft geben wir den Patienten auch Meditation mit an die Hand. Wir vermitteln ihnen, wie wichtig Selbstfürsorge ist und wie sie diese in ihrer persönlichen Situation am besten umsetzen können.

    Welche Strategien können die Patienten auch zu Hause durchführen?

    Fantasiereisen und Achtsamkeitsübungen können ohne Probleme auch zuhause ausgeübt werden. Meistens geben wir den Patienten in den Gesprächen Einführungen und erklären ihnen die Herangehensweisen. Mittlerweile gibt es aber auch verschiedene Online-Interventionen, wir arbeiten zum Beispiel momentan an einem Programm zur emotionsbasierten psychoonkologischen Online-Selbsthilfe. Damit kann der Patient zuhause verschiedene Module selbstständig durcharbeiten. Es werden Achtsamkeitsübungen erklärt, aber beispielsweise auch, wie der Körper durch Sport und Fitness wieder gestärkt werden kann.

    Es gibt Hilfestellungen zur Kommunikation, also dazu, wie die Patienten lernen können, über ihre Krebserkrankung zu sprechen – mit den Kindern, mit Angehörigen, Freunden und Bekannten. Es hilft dabei, Fragen zu beantworten:

    • Wie kann ich meine Seele stärken?
    • Wie akzeptiere ich meinen veränderten Körper?

    Durch die Digitalisierung gibt es inzwischen auch die Möglichkeit, sich mithilfe von Online-Programmen oder Apps über psychosoziale Themen zu informieren und selbstständig Übungen durchzuführen.

    Wie wirksam sind Sport und Fitness als Bewältigungsstrategien?

    Körperliche Aktivität ist insofern sinnvoll, als dass sie Patienten mental sowie körperlich stärken kann. Während man früher immer davon ausging, man solle sich während einer Krebserkrankung schonen, ist mittlerweile bewiesen: Sport und Fitness unterstützen die körperliche Gesundheit und auch das psychische Wohlbefinden. Sie können Nebenwirkungen von Behandlungen verringern und haben positive Auswirkungen auf depressive Symptomatik. Natürlich muss auch hier immer individuell entschieden werden, welches Ausmaß im Rahmen der jeweiligen körperlichen Einschränkungen möglich ist.

    Krebsnachsorge

    Informationen zur Nachsorge einer Krebserkrankung

    Der deutsche Krebsinformationsdienst informiert, welche Nachsorge bei welcher Krebsart Hilfe leisten kann.

    Durch eine Krebserkrankung kann sich der Körper verändern – auch äußerlich. Wie geht man damit um?

    Die körperlichen Veränderungen sind für viele Patienten eine enorme Belastung – sei es Haarausfall, Brustabnahmen oder ein künstlicher Darmausgang. Es sind oft sehr starke Einschnitte, die den Körper maßgeblich verändern. Das ist nicht selten mit Scham und auch verringertem Selbstwertgefühl verbunden – schließlich sind es Merkmale, die zur eigenen Identität beitragen.

    Es benötigt vor allem Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und sich an dieses neue Körperbild zu gewöhnen. Das ist ein längerer Prozess, in dem man sich zwar einerseits bewusst machen muss, mit diesem Körper nun leben zu müssen. Andererseits ist es aber auch wichtig, zu erkennen, dass man selbst Einfluss auf seinen Körper und seine Identität hat – sei es durch Sport oder kosmetische Maßnahmen.

    Essenziell ist es natürlich, seinen veränderten Körper langfristig zu akzeptieren und ihn als Teil seiner Lebensgeschichte einzuordnen. Dazu ist eine wohlwollende Haltung gegenüber den körperlichen Veränderungen besonders hilfreich. Diese Akzeptanz zu erreichen hilft außerdem dabei, auf lange Sicht mit den Einschränkungen umzugehen, die mit dem „neuen“ Körper eventuell einhergehen.

    Um an diesen Punkt zu kommen gibt es aber keine allgemein anwendbaren Techniken oder Strategien. Es hat sich aber gezeigt, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper aktiv beeinflusst werden kann.

    So gibt es Studien, die gezeigt haben, dass Personen, die während und nach der Therapie körperlich aktiv sind, ein positiveres Körperbild haben als Personen, die keiner oder nur wenig körperlicher Aktivität nachgehen. Das ist nur eine Möglichkeit, die im Rahmen von einer psychoonkologischen Betreuung aufgezeigt werden kann. Allerdings muss auch hier wieder auf jeden Patienten individuell eingegangen werden. Dann kann gemeinsam nach Strategien und Ansätzen gesucht werden, um sich mit der Situation zu arrangieren und nicht das Gefühl zu haben, gegen Windmühlen ankämpfen zu müssen.

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