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Krebs: Mit der Last eines Traumas besser umgehen

Eine Frau besucht nach ihrer Krebsdiagnose die Psychoonkologie

© iStock / fizkes

Lesezeit: 4 MinutenAktualisiert: 16.04.2021

Eine Krebsdiagnose kann dem Patienten schnell den Boden unter den Füßen wegziehen. Nicht wenige Betroffene fühlen sich einsam und hilflos. Was hilft, ist eine direkte psychoonkologische Unterstützung.

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    „Sie haben Krebs!“ Diese Worte rasen wie ein Geschoss auf Körper, Geist und Seele zu. So beschreiben es zumindest viele Betroffene. Sie berichten von einer „wahnsinnigen Wucht“, mit der die Diagnose auf sie „einprallte“. Dass ihnen die „Luft zum Atmen und die Kraft zum Denken“ von einer Sekunde auf die andere genommen wurde. 

    Diesen potenziell traumatisierenden Moment erleben knapp eine halbe Million Menschen jedes Jahr in Deutschland. Rund 230.000 sterben jährlich daran – was Krebs zur zweithäufigsten Todesursache nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen macht. Die gute Nachricht: Laut Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) überleben immer mehr Patienten. Starben vor 1980 noch mehr als zwei Drittel aller Betroffenen, haben heute mehr als die Hälfte von ihnen gute bis sehr gute Heilungschancen. 

    „Der Kampf gegen den Krebs verlangt nicht nur dem Körper alles ab.  Auch die Seele muss die emotionalen Belastungen der Erkrankung verarbeiten.“

    Dr. Bianca Senf
    Leitende Diplom-Psychologin und Psychoonkologin am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen in Frankfurt am Main

    Schockstarre: Die Seele versteckt sich erst mal

    „Aber auch wenn die Prognose gut ist, befinden sich Betroffene immer in einer akuten Notsituation“, erklärt die Psychoonkologin Dr. Bianca Senf, die Krebspatienten und Angehörige psychologisch betreut: „Fast reflexartig schalten Patienten zunächst auf eine Art Überlebensmodus – in so einer Lage arbeiten sie ab, was abzuarbeiten ist: OP, Strahlentherapie oder Chemo. Plötzlich ist da nur ein enger Korridor, in dem kein Platz für die seelischen Nöte ist.“

    Was zehrt, ist die diffuse Angst: vor Schmerzen, vor den Folgen der Behandlung, vor dem Dahinsiechen und vor dem Sterben“, so die Expertin. „Betroffene brauchen daher nicht nur einen guten Onkologen, auch von einer psychoonkologischen Begleitbehandlung können sie sehr profitieren.“ 

    Familie und Freunde sind mit der Situation oft überfordert – wissen nicht, wie sie mit dem Erkrankten am besten umgehen sollen, wie sie ihm helfen können. Manchmal fühlen gesunde Angehörige sich deshalb emotional sogar noch stärker belastet. Denn sie haben große Angst vor dem Verlust des geliebten Menschen. Oft äußern Partner oder andere Angehörige allerdings die eigenen Sorgen nicht, um den Erkrankten nicht zusätzlich zu belasten. Dr. Senf rät: „Wichtig ist, dass Angehörige nicht glauben, sie müssen alles allein schaffen und immer stark sein.“ Einer Studie der Universität Bamberg zufolge geht es ihnen am besten, wenn sie sich selbst nicht zu sehr vernachlässigen. Wenn sie weiter zum Sport, ins Konzert oder zum Kartenspielen gehen und Hilfe annehmen. Dabei können Psychoonkologen – eine Wortschöpfung aus den Begriffen Psychologen und Onkologen – helfen. Sie kümmern sich um die Seele der Patienten und ihrer Angehörigen. 

    In Deutschland wird diese Form der Unterstützung in psychosozialen Krebsberatungsstellen und an vielen Kliniken angeboten. Insbesondere zertifizierte Zentren müssen eine psychoonkologische Beratung bereitstellen, die der Patient kostenlos in Anspruch nehmen kann. „In den Beratungsgesprächen soll erreicht werden, dass die Diagnose ,verarbeitet‘ und nicht nur ,bearbeitet‘ wird“, so Dr. Bianca Senf. Aber wie wird genau geholfen? 

    „Schritt für Schritt wieder Boden unter den Füßen bekommen und neue Perspektiven entwickeln. Dabei können Psychoonkologen helfen.“

    Dr. Bianca Senf
    Leitende Diplom-Psychologin und Psychoonkologin am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen in Frankfurt am Main

    Eine geschockte Frau sucht nach der Krebsdiagnose eine Psychoonkologin auf

    © iStock / alvarez

    Wie sieht eine psychoonkologische Therapie aus?

    „Zunächst wird in der Therapie das Diagnose-Trauma angegangen. Die Atmung spielt eine wichtige Rolle dabei, wieder zur Ruhe zu kommen und klar denken zu können.“ Denn bei Panik flacht der Atem ab. Weniger Sauerstoff gelangt in den Körper, und die Muskelanspannung steigt. Folge: eine körperliche Unruhe. Psychoonkologen üben mit den Patienten, ihre Atemzüge zu kontrollieren und bewusster und tiefer in den Bauch zu atmen. Diese Übungen können auch dabei helfen, am Abend besser einzuschlafen. „Zudem kann das Klopfen von bestimmten Körperpunkten plötzlich auftretende Panikattacken lindern.“ Die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Cortisol kann so gedrosselt werden. Eine langfristige Stressreduktion wirkt sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System und Immunsystem aus. 

    Was laut Dr. Senf ein zentraler Punkt der Therapie ist: die Angst in Bildern zu beschreiben. Vielleicht sieht sich ein Patient immer wieder dahinsiechend, was bedeuten könnte, dass er sich fürchtet, seiner Familie zur Last zu fallen. Oder sein Ehepartner macht sich Sorgen, wie das Haus zukünftig bezahlt werden kann. Oder es geht um Schuldgefühle, weil er glaubt, der eigene Lebenswandel könnte Auslöser für die Erkrankung gewesen sein.

    „Auf diese Weise können Patienten herausfinden, was sie am meisten ängstigt, und dann dagegen angehen. Zum Beispiel indem sie Strategien erarbeiten, mit denen sie ihre Angst abbauen können.“ Gemeinsam mit dem Betroffenen wird etwa überlegt, was ihm früher in einer Krise gut geholfen hat. Wenn dies die jetzigen Umstände – auch was die körperliche Verfassung betrifft – zulassen, motivieren Psychoonkologen dazu, die Strategien aus dem „alten Leben“ vor der Erkrankung aufleben zu lassen. Das hilft dem Patienten auch, „eine Brücke zu seinem alten, gesunden Ich“ zu schlagen.

    Beispiel: Wenn jemand früher an einen einsamen Ort gefahren ist, um hemmungslos zu weinen und zu schreien, seine Wut herauszubrüllen, kann er dies auch jetzt machen. Diese Möglichkeit zu erkennen und auszuleben, ist ein heilsamer Augenblick für die Seele. „Es gibt unendlich viele Strategien, die immer sehr persönlich sind“, erzählt Dr. Senf.

    „Studien zeigen: Die Psychoonkologie kann die Lebensqualität und die psychische Stabilität des Patienten und seiner Angehörigen langfristig verbessern.“

    Dr. Bianca Senf
    Leitende Diplom-Psychologin und Psychoonkologin am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen in Frankfurt am Main

    Wie kann die Psychoonkologie auch dem Körper helfen?

    Dr. Bianca Senf weiß nach 30 Jahren Forschung auf diesem Gebiet: „Der Bedarf an psychologischer Unterstützung ist sehr groß – sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei deren Angehörigen – und in jeder Phase. Besonders auch dann, wenn neben allgemeinen psychischen Symptomen ganz spezifische auftreten: Ein Mann mit Prostatakrebs etwa fürchtet möglicherweise Inkontinenz, eine Frau mit Brustkrebs hat Angst vor der Amputation, ein Patient mit Dickdarmkrebs vor einem künstlichen Darmausgang.“ 

    Ein Drittel bis die Hälfte aller von einer Krebserkrankung Betroffenen wünschen sich eine psychosoziale Unterstützung. Auch viele Angehörige sind im Laufe der Zeit durch die vielen Anforderungen der Situation seelisch deutlich belastet.“ Dr. Senf: „Die Psychoonkologie kann den Krebs nicht heilen. Doch sie kann dabei helfen, Ängste in den Griff zu bekommen und das Leben trotz Krebs zu genießen. Das hilft nicht nur der Seele, sondern auch dem Körper. Denn Studien belegen: Wer psychisch stabil ist, nimmt zum Beispiel. mehr Nachsorgetermine in Anspruch und zeigt ein gesundheitsbewussteres Verhalten. Das ist das Ziel der Psychoonkologie: dabei zu helfen, die Lebensqualität zu verbessern.“

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