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Diagnose Krebs – Was man für den Betroffenen und sich selbst als Angehörigen tun kann

Zwei Frauen umarmen sich. Seit der Krebsdiagnose achten sie mehr auf sich selbst und den anderen.

© iStock / PIKSEL

Lesezeit: 7 MinutenAktualisiert: 12.05.2021

Die Diagnose Krebs ist für die gesamte Familie eine große Belastung und betrifft alle. Nicht nur der Patient ist extrem belastet, sondern auch die Angehörigen stehen unter großem Druck. Wie man als Angehöriger die Betroffenen unterstützen kann und dabei gleichzeitig auf sich selbst achtet, darüber spricht die Psychoonkologin Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf im Interview.

Inhalte im Überblick

    Psychoonkologie – Was ist das eigentlich?

    Porträt von Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf
    Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf, Psychoonkologin und Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig.

    © André Heeger

    Die Psychoonkologie (aus Psychologie und Onkologie) ist eine fachübergreifende Form der Psychotherapie beziehungsweise der klinischen Psychologie, die sich vor allem mit den psychischen und sozialen Aspekten einer Krebserkrankung befasst.

    Es geht dabei um die Unterstützung der Patienten und Angehörigen – darum die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern und Belastungen zu reduzieren.

    Die Psychoonkologie begleitet Menschen in allen Phasen der Krebserkrankung – ab der Diagnose und auch über die Zeit der medizinischen Behandlung hinaus. Ein wichtiger Teil der Psychoonkologie ist die Forschung, wie zum Beispiel die Untersuchung, wie psychische und soziale Faktoren die Entstehung von Krebs beeinflussen.

    Bei vielen Menschen löst das Wort „Krebs“ sofort Angst aus. Warum ist das so?

    Der wohl wichtigste Grund: Krebs ist eine lebensbedrohliche Erkrankung – obwohl die Behandlung heute deutlich besser ist als noch vor 10 bis 20 Jahren. Jedoch erkranken auch viel mehr Menschen an Krebs, da die Gesellschaft immer älter wird, denn es ist weiterhin eine Alterserkrankung. Aber Krebs hat auch eine lange Geschichte und kulturelle Stigmata haften der Erkrankung womöglich immer noch an. Früher gab es noch keine guten Behandlungen, die Menschen sind an Krebs oft mit viel Leid gestorben. Somit ist Krebs verbunden mit Angst vor Leiden, Siechtum, Schmerzen.

    Auch gab es lange Zeit die Vorstellung, dass Krebs ansteckend oder eine Bestrafung für Sünden sei. Die Erkrankung war damals viel mehr ein Tabuthema als sie es heute ist. Diese Vorurteile haften der Krankheit trotzdem noch an und lassen sich nur langsam verändern. Was dabei hilft: Aufklärung über die Erkrankung und die mittlerweile guten Behandlungs- und Versorgungsmöglichkeiten. Über Krebs sprechen, privat und im öffentlichen Raum – das nimmt den Schrecken.

    „Das Wichtigste ist einfach, für den Patienten ein Umfeld zu schaffen, das vermittelt: Es bricht nicht alles zusammen.“

    Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf
    Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig

    Welche Empfehlungen haben Sie für Angehörige besonders für die Zeit nach der Krebsdiagnose?

    Die Diagnose Krebs ist für die gesamte Familie eine große Belastung und betrifft alle. Nicht nur der Patient ist leidtragend, sondern auch die Angehörigen sind extrem belastet. Denn hier kommen emotionale Belastung sowie Pflege und Fürsorge zusammen.

    Gerade in der Anfangszeit nach der Diagnose empfehle ich den Angehörigen erst einmal zuzuhören, Unterstützung zu zeigen, die Lage zu sortieren und Informationen zu sammeln. Wenn für die Patienten der Boden unter den Füßen weggerissen wird, ist es hilfreich, wenn die Angehörigen dabei unterstützen, die Lage zu sondieren und die kommende Zeit zu planen. Da nutzen Fragen wie „Was kommt jetzt auf uns zu? Was muss entschieden und organisiert werden? Wer kann welche Aufgaben übernehmen?“. Dabei gilt es auch zu unterscheiden, was sofort geregelt werden muss und was noch Zeit hat. Das Wichtigste ist einfach, für den Patienten ein Umfeld zu schaffen, das vermittelt: Es bricht nicht alles zusammen.

    Wie können Angehörige für sich selbst sorgen und mit ihren eigenen Ängsten umgehen?

    Essentiell ist: Man kann anderen nur helfen, wenn man selber einigermaßen stabil ist und auch stabil bleibt. Häufig überfordern sich Angehörige extrem von Beginn an und achten nicht auf sich selbst. Daher ist es von Anfang an von Bedeutung, die eigenen Batterien immer wieder aufzuladen. Einfache Maßnahmen können schon viel bewirken, wie zum Beispiel: eine Auszeit nehmen und Freiraum schaffen, den eigenen Hobbys weiter nachgehen und soziale Kontakte pflegen.

    Oft reicht es schon einen halben Tag in der Woche für sich selbst zu reservieren. Entlastung im Alltag kann auch hilfreich sein, wenn zum Beispiel ab und an Freunde die Kinder von der Schule abholen. Auch weiterhin Sport in den Alltag zu integrieren und sich gesund zu ernähren, sind wirksame Maßnahmen, mit denen man auf sich selbst achten kann. Selbstfürsorge als Angehöriger ist in Belastungssituationen wie einer Krebserkrankung besonders wichtig.

    Um mit den eigenen Ängsten als Angehöriger umzugehen, kann es helfen, innerhalb der Familie oder Partnerschaft miteinander zu sprechen. Häufig gibt es eine Barriere des Schweigens und diese gilt es zu brechen. Eine offene Kommunikation ist dabei der Grundstein. Dabei sollten sich die Betroffenen aber auch nicht gegenseitig in Angst und Schrecken versetzen. Wer Angst hat, seine Angehörigen zu stark mit den eigenen Ängsten zu belasten, kann auch mit Außenstehenden sprechen: zum Beispiel mit Freunden oder Verwandten.

    Auch Krebsberatungsstellen sind für Angehörige da. Es kann guttun, mit einer neutralen Person über die eigenen Ängste und Gefühle zu sprechen. Im Schnitt kommen Angehörige vier bis fünf Mal zu Beratungsgesprächen in Krebsberatungsstellen. Man muss also nicht gleich zwei Jahre in Therapie gehen. Oft reichen schon ein paar Gespräche, um Entlastung und neue Ideen mitzunehmen und sich zu stabilisieren. Meine klare Empfehlung lautet, professionelle Angebote anzunehmen und zu nutzen.

    „Selbstfürsorge als Angehöriger ist in Belastungssituationen wie einer Krebserkrankung besonders wichtig.“

    Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf
    Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig

    Welche weiteren Anlaufstellen gibt es für Angehörige?

    Krebsberatungsstellen sind die wichtigste Anlaufstelle. Aber auch online kann Hilfe gefunden werden, und zwar beim Infonetz und Krebsinformationsdienst. Auch gibt es viele Selbsthilfegruppen für Angehörige von Krebserkrankten sowie bei Bedarf auch die Möglichkeit einer Psychotherapie.

    Welche Warnsignale gibt es für Überlastung der Angehörigen?

    Belastungen von Angehörigen können sich in den drei großen Bereichen äußern: der Psyche, dem Körper und dem sozialen Bereich. Eine Überlastung zeigt sich durch:

    • Grübeln
    • Reizbarkeit und Dünnhäutigkeit
    • emotionales Auf und Ab
    • Aggressivität
    • Rückzug
    • depressive Verstimmungen
    • Gefühl von Überforderung
    • Einschlaf- und Durchschlafstörungen
    • psychosomatische Schmerzen (zum Bespiel im Rücken und Magen)
    • Mattheit und Schwere im Körper

    Wichtig ist, es möglichst nicht so weit kommen lassen. Sich frühzeitig Unterstützung und Beratung zu suchen, kann dabei helfen, die Warnsignale zu kennen und auf sich zu achten. Das geht am besten, wenn man noch bei Kräften ist.

    Ein Krebspatient und seine Tochter führen ein offenes Gespräch miteinander und achten auf sich.

    © iStock / vorDa

    Wie können Kinder in einer betroffenen Familie einbezogen und unterstützt werden?

    Das ist von großer Bedeutung und nicht pauschal zu beantworten. Hier gilt es zu unterscheiden, wie alt das Kind ist – ob 3 oder 16 Jahre alt. Das macht einen großen Unterschied für den Umgang. Alle Studien zeigen, dass es sehr wichtig ist, mit den Kindern zu sprechen und sie auch einzubeziehen. Hier sind die Empfehlungen, nicht unüberlegt, sondern bewusst, abwägend und altersgerecht die Krebserkrankung zu besprechen. Es gilt der Grundsatz: Man muss nicht alles sagen, aber was man sagt, sollte richtig sein. Das heißt, man sollte mit den Kindern erst über die Krebserkrankung sprechen, wenn die Diagnose gesichert ist und man weiß, was in den nächsten Monaten passieren wird. Das gilt besonders auch in einer palliativen Situation, wenn die Krebserkrankung nicht heilbar ist.

    Dass die Kinder belastet sind, lässt sich leider nicht vermeiden. Auch nicht, dass Kinder durch die Belastungssituation teilweise vorschnell erwachsen werden. Aber es kann eine Balance zwischen Einbeziehen der Kinder und Erhaltung der Kindheit und des Alltags gefunden werden, um dagegen zu wirken. Eine wichtige Botschaft für die Kinder ist auch: Auch wenn einer in der Familie krank ist, kann man fröhlich sein – aber eben auch traurig.

    Welche Schwierigkeiten gibt es vor allem in Partnerschaften nach einer Krebsdiagnose? Und was kann dann helfen?

    Das kommt auf die Partnerschaft an, aber prinzipiell ist eine Krebserkrankung immer eine starke Belastung für die Beziehung. Da kommen viele große Gefühle und Fragen auf, wie die Angst umeinander, die Angst vor dem Leid und den Veränderungen. 

    Typische Probleme sind kommunikativer Natur, da die Partner sich gegenseitig nicht belasten wollen. Aber auch die Körperlichkeit und Nähe sind Konfliktpunkte. Durch eine Krebserkrankung und die Behandlung kann sich der Körper der Patienten verändern. Das beeinträchtigt das Körperbild und die Patienten müssen sich erst daran gewöhnen. Das kann Verunsicherung als auch Scham auslösen und zu einem sexuellen und emotionalen Rückzug führen. Hier kann es helfen, als Angehöriger zu vermitteln, dass man für den anderen da ist, aber auch den nötigen Abstand lässt. Eine bestärkende Botschaft kann sein: Ich wünsche mir immer noch Zärtlichkeit, Nähe und Sexualität, lasse dir aber die Zeit, die du brauchst. Ein wichtiger Punkt ist, sich klar zu machen, dass es kein Prozess von heute auf morgen ist, die Krebserkrankung in das Leben zu integrieren.

    „Wichtig ist, eine Atmosphäre zu schaffen, die Offenheit signalisiert.“

    Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf
    Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig

    Eine offene Kommunikation kann vielen Paaren bei der Verarbeitung helfen. Man muss aber auch nicht immer über alles gleich reden. Wichtig ist, eine Atmosphäre zu schaffen, die Offenheit signalisiert. Auch ist eine passende Situation zum Reden hilfreich: wenn beide ausgeruht oder in Bewegung sind, zum Beispiel beim Spazieren oder Essenkochen. Auch nonverbale Kommunikation kann viel ausmachen: durch Nähe, Respekt, dem anderen eine Freude machen, Unterstützung und Achtsamkeit füreinander. Das kann zum Beispiel schon sein, mit dem Betroffenen Sport zu machen, sich gemeinsam gesünder zu ernähren oder auch als Angehöriger Alkohol zu reduzieren. Auch können Paare gemeinsam zu einer Beratungsstelle gehen und Probleme ansprechen.

    Wichtig ist ein besonnener Umgang ohne Bevormundung oder permanente Ratschläge. Sich gegenseitig Mut machen und unterstützen ist viel mehr förderlich. Stärkende Botschaften könnten zum Beispiel lauten: „Wir schaffen das gemeinsam. Wir sind für dich da. Wir schaffen das als Familie, auch wenn die Prognose nicht so gut ist. Wir sind füreinander da.“ Auch kann man sich bewusst machen, dass es immer Lebensqualität und Lebenssinn sowie Positives im Leben gibt.

    Hilfe und Unterstützung für Angehörige von der AOK

    Die AOK bietet einen Online-Coach für Angehörige von Menschen an, die an Krebs erkrankt sind. Das Programm wurde in Zusammenarbeit mit Experten des Universitätsklinikums Leipzig und des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums entwickelt. Der „Familiencoach Krebs“ hilft dabei, Familienmitglieder und Freunde zu unterstützen und sich selbst vor emotionaler, körperlicher oder sozialer Überlastung zu schützen. Zudem informiert das Online-Angebot über die Entstehung, Diagnose und Behandlung verschiedener Krebserkrankungen und beantwortet sozialrechtliche Fragen, die im Zusammenhang mit der Erkrankung eines nahestehenden Menschen entstehen können.

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