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Skiläuferin Anna Schaffelhuber: „Mich kann nichts aufhalten“

Anna Schaffelhuber bei ihrer Arbeit in einem ihrer "Grenzenlos-Camps".

© Anna Schaffelhuber

Lesezeit: 7 Minuten05.04.2022

Ich bin seit meiner Geburt querschnittsgelähmt. Außer Treppenstufen gibt es für mich aber keine Hindernisse. Deshalb konnte ich bei den Paralympics als Skifahrerin sieben Goldmedaillen gewinnen. Meine Erfolgsgeheimnisse? Verrate ich Ihnen hier.

Inhalte im Überblick

    Für Anna Schaffelhuber gibt es keine Grenzen

    Sie haben mich vielleicht kürzlich im Fernsehen gesehen. Bei den Paralympics in Peking habe ich als Expertin der ARD die Leistungen vieler Athleten analysiert und kommentiert. Das hat mir – besonders im Alpinen Skisport – unheimlich viel Spaß gemacht. Als Monoskifahrerin habe ich 2014 bei den Paralympics in Sotschi bei fünf Starts fünf Siege eingefahren. Die Presse nannte mich damals „Gold-Anna“. In der Abfahrt, im Super-G, im Slalom, der Super-Kombination und im Riesenslalom habe ich in der sitzenden Klasse alle hinter mir gelassen.

    Bis heute fragen mich immer wieder Leute, wie das möglich war und ob ich vor nichts Angst habe. Ich erkläre ihnen dann, dass es für mich keine Grenzen gibt und dass die kleinen wie die großen Siege im Kopf erzielt werden. Aber das sagt sich so leicht. Meine Geschichte beginnt am 26. Januar 1993.

    Ein erfolgreiches Leben mit Querschnittslähmung

    Ich werde mit einer kompletten Querschnittslähmung geboren. Das bedeutet, dass ich meine Beine nicht bewegen und nicht laufen kann. Denken meine Eltern damals: Nicht so schlimm – unsere Kleine wird sieben paralympische Goldmedaillen gewinnen und elf WM-Titel? Sicher nicht. Aber meine Familie sorgt von Beginn an dafür, dass ich eine positive Einstellung zum Leben habe und einen unerschütterlichen Glauben an ein gutes Ende. Deshalb ist meine Querschnittslähmung für mich kein Hindernis. Ich habe einen etwas jüngeren und einen etwas älteren Bruder. Und immer, wenn Peter und Josef etwas Neues ausprobieren, will ich dabei sein.

    Ein Beispiel? Wenn die beiden ins Baumhaus klettern, will ich da auch rauf. Meine Eltern fragen dann nicht, ob ich vielleicht lieber puzzeln will. Wir bauen gemeinsam eine Rampe und einen Flaschenzug und schon bin ich mittendrin. Als die Jungs einen Skikurs machen wollen, will ich das natürlich auch. Und tatsächlich erfährt mein Papa durch die Zeitung von einem Monoskikurs für Anfänger bei Gerda Pamler. Gerda hat 1992 und 1994 bei den Paralympics Gold gewonnen und ich lerne im Winter 1999 mit damals fünf Jahren bei ihr Ski fahren.

    Der Weg zum Erfolg

    Ich liebe es von Anfang an, denn ich liebe die Berge und die Natur und dank des Monoskis komme ich überall hin, wo jeder andere Mensch auch hinkommt. Bis zum Einbruch der Dunkelheit bleibe ich mit meinem Vater draußen. Der Mix aus Freiheit und Geschwindigkeit fühlt sich für mich absolut richtig an. Ich habe Riesenspaß und einige Jahre später ist gleich beim ersten Sichtungslehrgang des Deutschen Paralympic-Skiteams mein Ehrgeiz endgültig geweckt. Ich erkenne 2007, dass ich schnell unterwegs bin und die nötige Fitness mitbringe. Zudem loben die Trainer mein Feingefühl für den Ski. Es ist also völlig klar – Ski fahren ist meine Zukunft. Zwar hatte ich vorher auch andere Sportarten wie beispielsweise Rollstuhl-Basketball ausprobiert, aber unter uns: Der Ball war nie mein Freund.

    Anna Schaffelhuber holt nicht nur paralympische Goldmedaillen

    Die Entscheidung, mein Leben voll auf den Skisport auszurichten, habe ich jedenfalls nie bereut. 2010 bin ich im Kader für die paralympischen Winterspiele. Ich bin 17 Jahre alt und gewinne in Vancouver Bronze im Super-G. Ein unglaubliches Gefühl. Dabei ist das erst der Anfang. Bei den beiden folgenden Weltmeisterschaften fahre ich zu insgesamt neun Medaillen – vier davon sind aus Gold. Dann starte ich 2014 in Sotschi – und hole in nur neun Tagen fünf paralympische Goldmedaillen. Das ist der absolute Wahnsinn.

    Ich erinnere mich noch besonders gut an die Situation im Riesenslalom. Nach dem ersten Durchgang liege ich auf Platz 2. Unmittelbar vor dem zweiten Durchgang fällt mir dann auf, dass die führende Kanadierin unheimlich nervös ist. Ein echtes Nervenbündel. Und ich denke mir: Wenn ich jetzt meine Leistung auf die Piste bringe, dann kann es am Ende wieder für Gold reichen. Ich behalte recht – Kimberly Joines scheidet aus. In psychologischer Hinsicht sind die Spiele von 2018 dann wieder sehr speziell. Ich bin die große Favoritin, neues Gold wird von mir erwartet. Mein großes Ziel ist es, noch einmal vor meiner gesamten Familie und meinem jetzigen Mann Gold zu gewinnen und ihnen „meine Welt“ zu zeigen. Ich bin sehr glücklich, dass mir das mit drei Medaillen (2x Gold und 1x Silber) gelingt.

    Anna Schaffelhuber auf einem Monoskibob auf der Skipiste.
    Anna Schaffelhuber, ehemalige deutsche Paralympikerin im Monoskibob.

    © Anna Schaffelhuber

    Viele Wettkämpfe und Trainingseinheiten

    Wenn ich nervös werde, helfen mir feste Abläufe. Ich konzentriere mich voll auf mein Schema, so wie ich es schon tausende Male im Training und im Wettkampf abgespult habe: Wann wechsle ich auf den Rennski? Wann schließe ich den Helm? Wann kommt die Brille und wann kontrolliere ich, ob alle Schnallen fest sitzen? Wenn oben am Start vor dem Rennen die Aufregung größer wird, dann geben mir diese vertrauten Tätigkeiten sehr viel Sicherheit. Dadurch verdrängt man die Nervosität durch die schon so viele ambitionierte Athletinnen und Athleten einen Wettkampf verloren haben.

    In der Vorbereitung auf die Saisonhöhepunkte trainiere ich jeden Tag in zwei Einheiten und bis zu sechs Stunden. Meistens auf dem Sportcampus der Technischen Universität München. Die Kondition erarbeiten wir Rollstuhlfahrer uns an der Handkurbel. Manchmal drehe ich x Stunden ohne Pause am Ergometer. Sie verstehen: Disziplin, ein Hang zum Perfektionismus und absoluter Wille zum Erfolg sind notwendig, um sehr gut zu werden. Alternativ gehe ich schwimmen oder ziehe auf der Tartanbahn im Stadion meine Runden. Mit Stöcken, die man von den nordischen Langläufern kennt, stoße ich mich kräftig ab. Zur Stärkung des Schultergürtels trainiere ich außerdem viel an Seilzügen.

    „Wenn ich nervös werde, helfen mir feste Abläufe.“

    Anna Schaffelhuber
    (ehemalige deutsche Monoskibobfahrerin)

    „Zu Hause habe ich ein Handbike-Ergometer. So kann ich während des Trainings Fernsehen. Außerdem mache ich Liegestütze und Situps. Die klassischen Situps kann ich natürlich nicht. Aber ich gehe an die Grenze dessen, was mit meiner Muskulatur möglich ist. Außerdem halte ich sehr viel vom Sitzen auf dem Wackelbrett. Damit lässt sich sehr gut die Körperhaltung trainieren. Und wer etwas für die Armmuskulatur machen möchte: Ein Kasten Wasser funktioniert sehr gut als große Hantel. Und eine Zwei-Liter-Wasserflasche als kleine.“

    Anna Schaffelhuber – nicht zu stoppen

    Aber natürlich kann niemand immer nur trainieren. 2013 breche ich aus. Ich will etwas Neues sehen und den Kopf frei kriegen. Also fliege ich alleine nach Australien. Mit Rucksack und ohne geplante Aufenthalte in bestimmten Hotels. Denn Sie erinnern sich: Ich glaube immer an ein gutes Ende. Das gilt nicht nur fürs Skifahren, sondern überall im Leben. Natürlich halte ich mich auch in dieser Zeit fit. Aber eben nicht auf den eingetretenen Pfaden, sondern auf mich alleine gestellt am Meer am anderen Ende der Welt. Fünf Wochen bleibe ich in Down Under und genieße diese Abwechslung vom Alltag.

    2017 muss ich noch einmal etwas ganz anderes wagen: Eine Überquerung der Alpen von Garmisch via Südtirol bis zum Gardasee. Peter Schlickenrieder, der Bundestrainer der Langläufer, hält unsere gemeinsame Tour auf dem Handbike in einem Film fest. Seine Dokumentation heißt „Grenzenlos“ und vielleicht haben Sie ja mal die Gelegenheit, unser Abenteuer anzuschauen. Mir geht es darin hauptsächlich darum zu zeigen, dass man sich viel mehr auf die Lösungen und nicht auf etwaige Probleme konzentrieren sollte.

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    „Grenzenlos-Camps“ für Inklusion und Selbstvertrauen

    Als ich im November 2019 meine Karriere beende, meinen einige, ich sei doch erst 26 und ich solle doch bis Peking weitermachen. Für mich fühlt sich der Rücktritt vom Leistungssport aber richtig an, denn ich habe sportlich alles erreicht, was möglich war. Andere Themen rücken für mich in den Blickpunkt: Ich will nach dem Studium in meinen neuen Beruf als Lehrerin starten und meine Erfahrungen in Camps an Jugendliche weitergeben. Bei diesen „Grenzenlos-Camps“ kommen 24 Jugendliche mit und ohne Behinderung für fünf Tage zusammen. Es geht um Selbstvertrauen, um Lebenseinstellungen und darum, sich Ziele zu setzen. Es werden viele Sportarten ausprobiert und eines der Camp-Elemente ist auch der Umgang mit Lamas und Alpakas. Die Tiere sind sehr emphatisch und es ist großartig zu beobachten, wie sich Mensch und Tier annähern. 

    Hauptberuflich bin ich inzwischen Lehrerin an der Realschule in Bad Aibling. Mein Mann und ich haben hier gebaut und ich unterrichte in den Fächern Mathematik, Wirtschaft und Rechnungswesen. Diese Aufgabe macht mir viel Spaß und da auch hier mein hoher Anspruch an mich selbst durchschlägt, arbeite ich oft lange und die Zeit für den Sport kommt etwas zu kurz. Im Sommer werde ich aber sicher wieder mit dem Handbike auf die Berge fahren – mittlerweile kann ich die wunderbare Natur auch beim Skifahren – ganz anders genießen. Als Leistungssportlerin hat man für die Schönheit eines Moments kaum mal ein Auge. Und ansonsten freue ich mich über jeden, den ich mit meinem Optimismus anstecken kann.

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