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AOK – Die Gesundheitskasse

Sport mit Behinderung: alles ist möglich

Paralympische Goldmedaillen-Gewinnerin Edina Müller

© Matthias Buchholz

Lesezeit: 9 MinutenAktualisiert: 16.09.2021

Mit 38 Jahren ist Edina Müller Mutter eines zweijährigen Sohns und paralympische Goldmedaillenträgerin in zwei verschiedenen Sportarten. Im September 2021 gewann sie die Paralympics-Goldmedaille beim Parakanu, 2012 die im Rollstuhlbasketball. Seit sie 16 Jahre alt ist, ist sie querschnittsgelähmt. Mit ihrer Erfahrung unterstützt sie nun andere Patienten nach Unfällen als Sporttherapeutin. Im Interview erzählt sie von ihrem eigenen Weg und welche Bedeutung Behindertensport nach einem schweren Unfall haben kann.

Inhalte im Überblick

    Plötzlich querschnittsgelähmt: Wie fühlt sich das an?

    Wie kam es zu deiner Querschnittslähmung?

    Das ist beim Einrenken passiert, als ich 16 Jahre alt war. Ich hatte vorher schon einige Male Schmerzen im Rücken und auch eine taube Stelle am Bein. Da hat niemand so richtig drauf reagiert. Ich war eben ein sportliches, 16-jähriges Mädchen. Als ich dann wieder beim Einrenken war, wurde mein Rückenmark verletzt, was daraufhin angefangen hat zu bluten, den Rückenmarkskanal hinunter. Das Blut konnte nirgendwo hin und hat einen Überdruck erzeugt und auf die Nerven gedrückt. An der Verletzungsstelle selbst ist eine Schwellung entstanden. Dadurch habe ich am zehnten und zwölften Brustwirbel die Querschnittslähmung.

    Wie hast du dich nach dem Unfall gefühlt? Fiel es dir schwer, die neue Situation und die Behinderung anzunehmen?

    Ich war 16 Jahre alt und wollte natürlich auch das Leben einer 16-Jährigen führen. Da hatte ich ganz andere Sachen im Kopf als heute. Doch ich bin damals die Flucht nach vorne angetreten, war viel unterwegs mit Freunden, viel feiern. Darunter hat vielleicht etwas die Schule gelitten. Im Endeffekt war das der richtige Weg: rauszugehen, neue Erfahrungen zu sammeln. Ich konnte in der Zeit auch einfach viele positive Erfahrungen machen. Ich glaube, wer nach draußen geht und sich öffnet, kriegt das auch positiv wieder zurück.

    Wie wichtig ist Unterstützung und wo bekommt man sie her?

    Ich hatte immer meine Mutter an meiner Seite. Sie war alleinerziehend. Ich konnte mich mein Leben lang zu einhundert Prozent auf sie verlassen. Sie war meine sichere Basis. Auch meine Freunde haben mich sehr unterstützt. Das alles allein machen zu müssen, ist bestimmt schwierig.

    Wobei hättest du dir im Nachhinein mehr Unterstützung gewünscht?

    Wobei Unterstützung gefehlt hat, war in der Zeit danach. In der Klinik bist du in einer Blase. Jeder dort weiß, wie er damit umgeht, jeder kennt das. Wenn du nach dem Unfall das erste Mal wieder nach Hause kommst, ist das erstmal komisch. Du bist zuerst vielleicht noch positiver Dinge, zu Hause wartet dann allerdings alles, was sich jetzt verändert hat und vielleicht nicht mehr so gut funktioniert.

    Du hast dann einfach noch so viele Fragen und musst dich auf Leute verlassen, die einem natürlich auch etwas verkaufen möchten – sei es bei Rollstühlen oder Hilfsmitteln fürs Auto. Da wäre es gut, wenn es jemanden gibt, der sich meldet und nachfragt, ob alles in Ordnung ist oder ob Unterstützung gebraucht wird. Sodass die Person nicht selbst Hilfe suchen muss, sondern dass jemand kommt und ohne Druck nachfragt. Die Schnittstelle zwischen Krankenhaus und Zuhause ist wahnsinnig wichtig.

    Was kann in der ersten Zeit zu Hause noch helfen?

    Es ist auch hilfreich, wenn du Anschluss und Leute mit Erfahrung um dich hast, mit denen du sprechen kannst. Deswegen war so etwas wie die Rollstuhlbasketballmannschaft in jeder Hinsicht super: Zum einen Sport zu treiben, wieder aktiv zu sein, eben auch mit Leuten zusammen zu sein, die das schon eine Weile machen. Das hat mir geholfen. Jeder muss natürlich seinen eigenen Weg finden und herausfinden, was für einen selbst das Richtige ist. Es gibt ja auch nicht nur Sport.

    Mit dem Sport und den Ansprechpartnern hast du jedoch schon mal eine Richtung und eine Idee, was möglich ist. Wenn du das erste Mal im Rollstuhl sitzt, hast du gar keine Vorstellung davon, wie das Leben überhaupt aussehen kann. Erstmal denkst du: Es ist alles schrecklich und alles vorbei. Dann musst du lernen, dass nichts vorbei ist. Die Welt ist immer noch groß und offen und du kannst alles machen.

    Woher hast du die Kraft genommen, dich wieder aufzurappeln und zu motivieren?

    So einen klaren Gedanken dahinter hatte ich nicht. Ich habe von zu Hause mitbekommen, dass es einfach irgendwie immer weiter geht. Meine Mutter war alleinerziehend, als einzige Frau in einem Männerberuf und musste auch durch einiges im Leben durch. Da habe ich gelernt: Es geht immer weiter und besonders, wenn du etwas dafür tust, öffnet sich irgendwo immer eine Tür.

    Es gehört allerdings auch eine Trauerphase zu dem Prozess, wie eigentlich bei jeder Tragödie. Wenn sich der Partner zum Beispiel trennt, sitzt du auch erstmal da und denkst vielleicht, dass du für immer allein sein wirst. Du darfst dir absolut zugestehen zu trauern. Ich glaube, diese Phase ist sogar absolut notwendig, um das Erlebte zu verarbeiten. Ich hatte diese Trauerphase nach circa drei Jahren. Irgendwann musst du da auch wieder raus und dich neu orientieren. Da hilft das Vertrauen, dass sich neue Türen öffnen werden, wenn du etwas dafür tust.

    „Es geht immer weiter und besonders, wenn du etwas dafür tust, öffnet sich irgendwo immer eine Tür.“

    Edina Müller
    deutsche Rollstuhlbasketballerin und Parakanutin

    Wie gehst du denn mit Rückschlägen um?

    Das kommt ganz auf die Situation an. Ich habe durch die schwere Phase und auch den Sport gelernt, Dinge schneller zu akzeptieren, abzuhaken und mich darauf zu konzentrieren, wie es weiter gehen kann. Als Beispiel: Ich komme zu einem Wettkampf und das Paddel ist kaputt. Ich muss also mit einem anderen Paddel fahren, das ich noch nie benutzt habe, was komplett anders ist. Ich könnte mich jetzt bis nach dem Wettkampf darüber ärgern oder ich setze meine Energien ein, das Paddel kennenzulernen, zu fahren und so das Beste rauszuholen. Das sind im Grunde die einzigen zwei Möglichkeiten – und bei anderen Sachen ist das eben auch so.

    Hast du schon immer viel Sport gemacht oder erst seit deinem Unfall?

    Ich habe schon immer viel Sport getrieben – ursprünglich komme ich aus dem Volleyball. Nach dem Unfall konnte ich kein Volleyball mehr spielen, daher habe ich Sitzvolleyball ausprobiert, dann Rollstuhltennis und bin schließlich beim Rollstuhlbasketball hängen geblieben.

    Edina Müller mit ihrem Trainer direkt nach dem gewonnenen Rennen bei den paralympischen Spiele in Tokyo 2021.
    So sieht Siegerfreude aus: Edina Müller mit ihrem Trainer direkt nach dem gewonnenen Rennen bei den paralympischen Spielen in Tokyo 2021.

    © Dezso Vekassy

    Wie bist du dann zum Parakanufahren gekommen?

    Das hat sich irgendwie ergeben. Erstmal hatte ich meine Rollstuhlbasketballkarriere beendet und wollte eigentlich in meiner Freizeit Kanu fahren. Meine Familie und ich sind sehr wasseraffin, Tauchen ist unser Hobby.

    Dann hatte ich 2014 ein Projekt, bei dem ich Sportarten ausprobiert habe, die ich noch nicht kannte. Das wurde gefilmt, auch für meine Patienten. So konnten sie sich die Videos angucken und vielleicht sagen: „Mensch, sie hat das jetzt einfach ausprobiert, das könnte ich mir auch vorstellen.“ Nach dem Motto: Einfach machen, einfach drauflos. Die Videos waren ein bisschen amateurhaft, um zu zeigen, wie es wirklich ist: Wenn etwas schief geht, geht es halt schief. Rennkajak war eines dieser Projekte und das hat direkt gut funktioniert. Da habe ich gedacht: Es wäre schön, damit weiterzumachen.

    Ein bisschen Glück war auch dabei. Ich habe direkt meinen Trainer, der auch heute noch mein Trainer ist, an der Strippe gehabt und der hat gesagt: „Ja, das machen wir zusammen.“ Und auch im Verein haben sie das mit mir durchgezogen, da ist immer jemand mit mir aufs Wasser gegangen. Ein halbes Jahr später war dann die Qualifikation für die Nationalmannschaft – auch das hat richtig gut geklappt. Auf Anhieb habe ich dort die Normzeit geknackt und unterboten. Danach haben sich die Ziele weiterentwickelt. Als ich zum ersten Mal ins Kajak gestiegen bin, habe ich allerdings nicht daran gedacht, an den Paralympics teilzunehmen, geschweige denn, eine Goldmedaille zu gewinnen.

    Was treibt dich beim Leistungssport an – ist es der Ehrgeiz oder der Wettbewerb?

    Beides, denke ich. Sport zu treiben ist etwas Lebensfüllendes und auch Erfüllendes. Außerdem bist du in einer Community, es ist etwas Gemeinschaftliches. Gerade im Kanusport besteht eine wahnsinnig familiäre Atmosphäre. Auch bei kleineren Regatten wird zum Beispiel gezeltet, wir sind uns sehr nah und auch noch gemeinsam in der Natur. Da kommt vieles zusammen. Natürlich besteht im Leistungssport am Ende auch ein sportlicher Ehrgeiz. Immer wieder an die eigenen Grenzen zu gehen und zu schauen, was noch möglich ist. Zum Beispiel, wie ich noch schneller werden kann. Das ist total spannend für mich und reizt mich immer wieder aufs Neue.

    Welche Tipps hast du für angehende Sportler oder deren Freunde und Familie?

    Wie sieht der Weg aus, wenn man mit Behindertensport anfangen möchte? Gibt es Anlaufstellen?

    Ich arbeite in einer Klinik in Hamburg als Sporttherapeutin. Dort versuchen wir Informationsmaterial über möglichen Sport herauszugeben. Ich glaube jedoch, das funktioniert nur begrenzt. Eigentlich ist es am besten, wenn du direkt einen Ansprechpartner hast – jemanden, der sich um einen kümmert und auch schaut: Was passt zu einem Patienten? Welche Sportart könnte ihn begeistern? Wenn der Patient erst einmal wieder zu Hause sitzt und den Flyer herausholt, fällt es schwerer, sich aktiv irgendwo zu melden. Da besteht einfach eine Hemmschwelle. Es wäre besser, wenn es eine Verbindungsstelle gäbe, die sich auf Wunsch kümmert und einen auch anruft – wenn auch erst nach ein paar Monaten – und sagt: „Hey, die und die Möglichkeiten und Angebote gibt es hier in deiner Region. Hast du nicht mal Lust etwas auszuprobieren?“

    Es gibt da beispielsweise Vereine und Verbände, an die sich jeder wenden kann:

    • Der Deutsche Rollstuhl-Sportverband (DRS) zeigt dabei viele Möglichkeiten und Ansprechpartner für den Breitensport auf. Dabei ist es auch egal, ob du kletterst, tauchen gehst oder dich einfach nur einer Sportgruppe anschließt. Erstmal ist der Anschluss wichtig.
    • Auch der Deutsche Behindertensportverband (DBS) ist ein hilfreicher Kontakt. Auf seiner Website stellt der Verband zum Beispiel alle Sportarten aus dem paralympischen Bereich vor.

    Die Auswahl ist groß – und ich muss ja auch nicht gleich an Leistungssport denken. Es geht eher darum, dass Leute sich bewegen, in Kontakt zu anderen Behinderten kommen und dabei Anschluss in einer netten Community finden.

    Woher kam dein Berufswunsch zur Sporttherapeutin? Was hat dich motiviert?

    Auf jeden Fall meine eigene Geschichte – die Sporttherapie hat mir im Krankenhaus wahnsinnig geholfen. Das war eigentlich die Therapie, auf die ich immer gewartet habe. Im Krankenhaus gibt es viel Leerlauf. Die Sporttherapie war immer mein Highlight des Tages. Und so kam der Gedanke, das selbst beruflich zu machen.

    Wie unterstützt du deine Patienten dabei, ihren eigenen Weg nach dem Unfall zu finden?

    In meinem Job ist es meine erste Intention, die Hemmschwelle zu senken. Es gibt ganz viele Sachen, die sich die Patienten vielleicht gar nicht vorstellen können, wenn sie die Behinderung gerade erst erworben haben. Du weißt in diesem Moment noch nicht, was du eigentlich selbst alles noch kannst. Doch: Es ist so viel möglich und so viel offen. Du musst nur den ersten Schritt wagen und ihn einfach gehen.

    Ich versuche meine Patienten dazu zu motivieren, einfach etwas auszuprobieren. Vor Corona hatte ich auch ein Tauchprojekt mit Patienten. Das konnten sich viele Teilnehmer erstmal gar nicht vorstellen: Tauchen, ich als Rollstuhlfahrer? Die Idee war, dass sie danach vielleicht rausgehen und sagen: „Wenn ich das jetzt ausprobiert und geschafft habe, dann kann ich auch noch ganz andere Sachen versuchen.“

    „Es gibt ganz viele Sachen, die sich die Patienten vielleicht gar nicht vorstellen können, wenn sie die Behinderung gerade erst erworben haben. Doch: Es ist so viel möglich und so viel offen. Du musst nur den ersten Schritt wagen und ihn einfach gehen.““

    Edina Müller
    deutsche Rollstuhlbasketballerin und Parakanutin

    Woher ziehst du die Energie, alles unter einen Hut zu bekommen: Beruf, Leistungssport, Familie?

    Zum einen ist es mein positives Umfeld, das mir die Möglichkeit gibt loszulassen und mir einen Raum für Regeneration ermöglicht. Das ist wahnsinnig wichtig. Wir haben zum Beispiel auch einen Tag in der Woche, der nur uns als Familie gehört – kein Sport und keine Arbeit.

    Es ist auch wichtig mir klarzumachen, dass ich nicht alles machen kann. Meine Priorität ist absolut mein Kind und wenn es meinem Kind und uns gut geht, kann ich mich auch voll und ganz auf meinen Leistungssport konzentrieren und auch bei meiner Arbeit sein. Wenn du versuchst, alles ein bisschen zu machen und alles unterzubekommen, bist du am Ende mit gar nichts glücklich und zufrieden. Es ist erst einmal wichtig, eine Sache abgedeckt zu haben und dann kannst du komplett in den anderen aufgehen.

    Die Prioritätenliste ist auch noch in anderen Situationen wichtig. Ich bekomme häufig zu hören: „Es ist ja toll, wie du das alles schaffst.“ Ich schaffe das auch nicht immer. Manchmal geht es eben nicht und dann habe ich meine Prioritätenliste:

    • Da ist mein Kind – ja, das ist wichtig.
    • Dann meine Arbeit – die ist wichtig.
    • Mein Leistungssport – auch wichtig.
    • Da ist die Wäsche – die ist nicht wichtig.

    Die Wäsche liegt da jetzt eben auf dem Boden und morgen wird sie da auch noch liegen. Familienzeit zum Beispiel ist wichtiger. Wir nerven uns selbst mit Sachen, die keinen Wert haben.

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